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„Aufmarsch gegen Weinfälscher!“ Weinproduzenten haben die Problematik endlich erkannt

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Artikel
04.07.2011

„Aufmarsch gegen Weinfälscher!“

Weinproduzenten haben die Problematik endlich erkannt

Das Thema Fälschungen ist so alt wie die Menschheit selbst. Ob Dokumente oder römische Münzen, archäologische Funde, einfache Küchengeräte oder Autozubehör, Parfums oder Lederwaren der Luxusmarken, Gemälde oder Antiquitäten, Markentextilien oder Computer, Geldscheine und sogar Pharmaprodukte, die Anzahl der Artikel, die gefälscht werden, wächst. Fast alles, was einen repräsentativen Wert hat, wird gefälscht. Auch Wein? Natürlich auch Wein! Die Magazine und Zeitschriften, Blogs und andere Medien sind seit jeher bemüht, das Thema Fälschungen in mehr oder weniger informative Artikel zu verpacken. Informationen, die viele Käufer der Plagiate gar nicht lesen, denn die Meinung „Warum soll es gerade mich treffen?“ ist ja nicht neu. Neu hingegen ist der rasante Anstieg von Falsifikaten weltweit. Der kostspielige Kampf der Produzenten gegen immer besser organisierte Fälscherbanden hat eine neue Dimension erreicht.

Tendenz steigend

Die aktuellen Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und des Vereins Plagiarius belegen eindeutig die Problematik mit gefälschten Produkten:

  • 10% des Welthandels sind Fälschungen oder Nachahmungen.
  • Jährlicher, volkswirtschaftlicher Schaden durch Falsifikate, Produktpiraterie und Plagiate: ca. 150-250 Milliarden Euro!
  • Dies verursacht einen globalen Verlust von fast 200.000 Arbeitsplätzen.
  • Geschätzter Schaden durch gefälschte oder gepanschte Weine weltweit: ca. 3 Milliarden Euro.

Dass die Menge der beschlagnahmten Sendungen durch den Zoll drastisch steigt, ist logisch. Aber auch die vielen (ungerechtfertigten) Produkthaftungsklagen der Konsumenten bei den Originalherstellern steigen. Diese sind wiederum bemüht, neue Technologien zu erforschen, um des Fälschungswahnsinns Herr zu werden. Wie ist die Situation am Weinmarkt und speziell bei den investmenttauglichen Weinen?

Fälschungen in jeder Preisklasse

Glossar zum Thema
Nicht nur die besten Weine der renommiertesten, weltbekannten Châteaux werden gefälscht. Für organisierte Banden lohnt es sich auch, einen guten Alltagswein zu fälschen. Bekanntestes Beispiel ist der 2001er Bricco dell'Uccellone des piemontesischen Produzenten Braida. Bei Weinhändlern und Gastronomiebetrieben wurden 2006 unzählige gefälschte Flaschen im Raum Hamburg beschlagnahmt, und die Staatsanwaltschaft stieß bei ihren Ermittlungen auf ein kriminelles Netzwerk mit mafiösen Strukturen. Für private Sammler und Weinenthusiasten ist aber eher die gefälschte Flasche Lafite Rothschild, Pétrus oder Romanée-Conti von Bedeutung. Denn hier geht es um Beträge, die sich meist im vier- bis sechsstelligen Bereich bewegen. Viele Fälschungen werden aber nie publik. Zu sehr schämen sich die Besitzer, einem Betrüger auf den Leim gegangen zu sein. Besonders bei Altweinen wie Mouton Rothschild 1945 oder Pétrus und Cheval Blanc 1947 tauchen immer wieder Falsifikate auf. Gefälschte Etiketten, gefälschte Kapsel und – noch schlimmer – gefälschter Inhalt. Bei Auktionshäusern sind gefälschte Altweine das Hauptproblem, wie Auktionator und Diplom-Sommelier Stefan Sedlmayr vom Münchner Auktionshaus „Munich Wine Company“ bestätigt.

Risiko bei Weinauktionen

Es ist mit den heutigen technischen Möglichkeiten kein Problem, ein Etikett eines 1945er oder 1982er Mouton Rothschild zu fälschen. Zumindest, was den Druck betrifft. Hier hilft die digitale Welt. Aber das Papier verrät sehr oft die Fälschung. „Wir haben vor einigen Jahren Mouton Rothschild 1945 von Einlieferern aus dem ehemaligen Ostblock erhalten, um diese bestmöglich zu versteigern. Das Papier war zu glatt, zu modern und somit eindeutig kein 45er“, erzählt Sedlmayr.

Einer der meistgefälschten Weine: Latour à Pomerol 1961 - hier eine garantiert echte Flasche. (Foto: Munich Wine Company)
Ähnlich der Fall mit einigen Kisten Mouton Rothschild 1982 mit perfekten Etiketten, die dem Original ebenbürtig waren. Eine Flasche aus diesem Lot wurde verkostet und sofort als Fälschung entlarvt. Die Flaschen kamen nie unter den Hammer, versteht sich. Viele Fälschungen sind mehr als plump, und trotzdem lassen sich immer wieder Kunden in ihrer Gier ob des tollen Schnäppchens „über den Tisch ziehen“, weiß Marc Fischer vom Auktionshaus Steinfels in Zürich. Einmal wurde ihnen eine 6-Liter-Imperial-Flasche Mouton Rothschild angeboten, auf deren Etikett 500 cl, also nur 5 Liter stand. Dumm gelaufen für den Anbieter. Fischer beklagt sich auch über mangelnde Kooperation vieler Produzenten. „Anfragen werden zu einem großen Teil nicht beantwortet, und bei älteren Weinen ist es auch für die Châteaux schwierig zu sagen, ob es sich um eine Fälschung handelt oder nicht, da die Weine zu verschiedenen Zeitpunkten verkauft und eventuell Etiketten nachgedruckt bzw. die Flaschen neu verkorkt wurden. Ein sehr bekanntes Beispiel ist Mouton Rothschild 1945“, sagt Fischer. Aus diesem Grund wird beim Schweizer Auktionshaus sehr genau kontrolliert.

Prävention möglich – Maßnahmen der renommierten Produzenten

Für neue Flaschen gibt es viele Möglichkeiten, um sie bis zu einem gewissen Grad fälschungssicher zu machen. Schwieriger ist es bei Altweinen. Rekonditionierte Flaschen haben häufig ein Zertifikat auf der Flasche. Bei Lafite und Mouton Rothschild ist dies schräg auf der Rückseite angeklebt, bei d´Yquem ist ein Vermerk auf dem Korken eingebrannt, und andere wiederum schützen eine authentische Flasche mit einer Sicherungsbanderole. Die neuere Methode sind selbstklebende Folien mit Hologrammen, Nummern- oder Ziffernkombinationen, die die Kapsel und das Flaschenglas verbinden und bei Manipulation der Kapsel vernichtet werden. Auch Château Margaux geht ab dem teuren Jahrgang 2009 diesen Weg im Kampf gegen Betrug. Ein Sicherheitsetikett („Prooftag“) mit nachverfolgbaren Informationen wird beim Premier Grand Cru, bei Pavillon Rouge und bei Pavillon Blanc angebracht. Zudem werden jahrgangsspezifische Flaschenböden produziert, Seriennummern eingraviert und eine spezielle Tinte für die Etiketten verwendet.

Die Tenuta dell´Ornellaia mit den beiden „Flaggschiffen“ Ornellaia und Masseto setzt neue Maßstäbe im Kampf gegen Fälschungen. Seit dem exorbitanten Preisanstieg von bis zu 400 Prozent für den Masseto 2001 sind personalisierte Flaschenformen für die beiden Kultweine eingeführt worden.

Prooftag bei Masseto. (Foto: Thurner PR, Firenze)
Ein Relief mit dem Namen des jeweiligen Weins ist am Flaschenboden erkennbar. Das Weingut ging noch einen Schritt weiter. Masseto 2007 und auch der Ornellaia wurden mit RFID-Tags versehen (ausgenommen sind derzeit noch die Märkte USA und Kanada). Ein kleiner elektronischer Chip („Tag“) wird auf der Rückseite der Flasche eingearbeitet, und in weiterer Folge kann eine Standortverfolgung jeder Flasche mittels Scannern genau aufgezeichnet werden. Dieses wichtige Investment demonstriert, wie rasch und sensibel das Weingut auf mögliche Fälschungen reagiert, um die beiden Juwelen Masseto und Ornellaia in Zukunft davor zu schützen.

Die Gruppe Moueix mit Pétrus – der Blue-Chip-Wein schlechthin – geht andere Wege und hat auf den Kapseln seitlich den Jahrgang stehen. Ferner gibt es auf jedem Etikett verschiedene Sicherheitsmerkmale, wie das in die Flasche eingeschmolzene Relief „PÉTRUS“. Zusätzlich werden alle Original-Holz-Kisten (OHKs) von Pétrus durch ein Kunststoffband mit dem Schriftzug „Pétrus“ versiegelt; auch die Einzelflaschen in der OHK. Dann haben seriöse Händler kein Problem, versiegelte OHKs auszuliefern und nicht, wie oft von Kunden zu hören ist, nachgefüllte OHKs. Ein rarer Wein in Originalkisten bringt bei Auktionen bis zu 20 Prozent höhere Gebote. Deshalb wird von findigen Weinverkäufern manchmal eine angebrochene Kiste einfach mit zugekauften Flaschen aufgefüllt, um mehr Gewinn zu erzielen. Diese Methode ist allerdings bei fachkundigen Weinsammlern sofort zu durchschauen. Viele Châteaux haben eine Lasergravur mit fortlaufender Nummer sichtbar auf der Flasche. Nicht, dass der Wein weniger wert wäre, aber der Preis für eine 12er-OHK oder zwölf Flaschen ist ein anderer. Eine der fälschungssichersten Flaschen hat Penfolds’ „Icon-Wine“ Grange. Penfolds übernahm in Australien die Vorreiterrolle, was Sicherheitsmerkmale für Weinflaschen betrifft. Auf jeder Flasche ist der Jahrgang eingraviert sowie zusätzlich am Flaschenhals eine fortlaufende Chargennummer, die eindeutig einem bestimmten Wein zugeordnet werden kann.

Innovationen gesucht

Das Thema Weinfälschungen wird wahrscheinlich nie enden. Warum auch? Solange es Kunden gibt, die ohne Argwohn Sonderangebote elitärer Weine kaufen, werden Fälscher damit abkassieren. Die Weinproduzenten der teuersten Kultweine sind ohnehin meist ausverkauft, da die produzierten Mengen limitiert und auf Jahre vorbestellt sind (Beispiele: Pétrus, Romanée-Conti). Eine Weindatenbank mit ähnlicher Funktion wie die Schufa in Deutschland wäre eine gute Möglichkeit, schwarze Schafe herauszufiltern. Hier könnten beispielsweise Auktionshäuser weltweite Einträge von gefälschten Weinen oder fragwürdigen Verkäufern in einer „Bad Wine List“ eintragen oder abfragen. Die Problematik einer öffentlichen Datenbank ist allerdings vielfältig. Der finanzielle Aufwand wäre gewaltig. Die Echtheit der Einträge müsste garantiert werden, denn der Neid unter Kollegen und Konkurrenten könnte ungeahnte Blüten treiben. Zusätzlich müssten rechtliche Fragen geklärt werden. Schließlich ist der Datenschutz in Europa anders geregelt als in den USA oder gar in Asien. Wenn gesunder Menschenverstand, gepaart mit der Einsicht, dass es bei den teuersten Weinen der Welt keine Schnäppchen gibt, die Gier vieler Weinsammler allerdings besiegten könnte, dann hätten auch Fälscher schwierigere Zeiten vor sich. Die letzte Sicherheit vor Fälschungen edler Kreszenzen wird es nie geben – außer einem geschulten Gaumen! Und der Wachsamkeit der Enthusiasten.


Werner Feldner
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