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2 Tage an der Cote de Blancs Der Name der Droge

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2 Tage an der Cote de Blancs

Der Name der Droge


Weinberge an der Cote de Blancs

"Ziemlich hell hier".

Das oder zumindest etwas sehr Ähnliches ist mit großer Sicherheit das Erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man im Winter die Grenze zum Department Marne von Osten kommend überfährt. Die Baumlose Gegend ist so flach wie die Häuser der oft verschlafen wirkenden Ortschaften. Schatten sind hier sehr rar und der hellfarbene Grund trägt seinen Teil dazu bei, die gesamte Gegend in ein sehr eigenes Licht zu tauchen. Obwohl wir uns bereits mitten im Gebiet der Champagne befinden, sind zunächst weit und breit keine Weinberge zu sehen.

Die Unterhaltungsmöglichkeiten der Landschaft sind also schnell ausgeschöpft und nach zwei bis eineinhalb Stunden Autofahrt würde wohl jeder normale Urlauber kehrt machen und sich schwören, nie mehr wiederzukommen. Einige Kilometer westlich von Chalons-en-Champagne allerdings schiebt sich plötzlich ein langgezogener, dicht mit Reben bestandener Hang ins Blickfeld: die Cote de Blancs. Sie wird gebildet durch die beiden jüngsten und höchsten geologischen Schichten des Pariser Beckens, der Oberkreide und des Tertiär.

Hier findet der Chardonnay nahezu ideale Anbaubedingungen, weshalb ein großer Teil der Weinberge zwischen Berger-le-Vertus und Cramant-Avize als Grand Cru eingestuft ist. Die Reben wurzeln hier zumeist tief in der Kreide. Doch das Geheimnis der Qualität ist die von der oberen Tertiärschicht herabgespülte Bodenauflage aus Sand, Mergel, Ton und vor allem Braunkohle, deren Nährstoffgehalt die Entstehung von Spitzenweinen auf dem ansonsten eher kargen Boden überhaupt erst möglich macht.

Mein Ziel ist Mesnil-sur-Oger, ein Ort, der es an Schmucklosigkeit ohne Weiteres mit den meisten Anderen im Umkreis aufnehmen kann, dessen Erwähnung allerdings jeden Champagner-Liebhaber ein klein wenig die Fassung verlieren lässt. Doch obwohl er die Heimat einiger der berühmtesten und teuersten Schaumweine überhaupt ist, allen voran Krugs legendärer Clos du Mesnil, sind es diesmal die vielen unbekannten Familienbetriebe, denen mein Besuch gilt. Und auch das ist nicht ganz richtig: wenn ich ehrlich bin, ist es vor allem das Fest des heiligen Sankt Vincent, das sie heute feiern.


Betrachtet man einige dieser Salles des Fétes in verschiedenen Teilen Frankreichs beschleicht einen unweigerlich das Gefühl, sie wären alle von ein und dem selben Architekten entworfen worden, der unerklärlicherweise ein besonderes Faible für 50er-Jahre-Turnhallen hatte. Schmuckloser geht's nicht. Die Wände sind entweder völlig kahl oder vereinzelt durch völlig unmotiviert aufgenommene Fotos von Weinbergen und Kellern geschmückt. Die Decke besteht aus Asbest-, mit Glück auch Styroporplatten. Wirklich spannend wird es auf den Toiletten, die man praktischerweise zugunsten einiger Löcher im Boden ganz weggelassen hat.

Auf den Tischen herrscht dagegen heute Luxus. Nach der feierlichen Inthronisation der neuen Mitglieder der Confrérie des Chevaliers d'Arc und mehreren überlangen und dabei exakt gleichlautenden Reden wird pünktlich um 12 Uhr zum gemütlichen Teil übergegangen, was nichts anderes bedeutet, als dass irgendwo irgendwer den Champagnerhahn aufdreht und ihn von da an nicht mehr zu macht. Alle paar Minuten landet eine neue Flasche am Tisch - wir befinden uns eindeutig im Fegefeuer für Abstinenzler.

Wir wären wohl kaum in Frankreich, wenn dabei das Essen zu kurz käme. Das Menu beginnt unverzüglich und wer sich bemüht beim Champagner das Tempo zu halten, verliert schnell den Überblick über die Anzahl der Gänge. Überraschenderweise erlaubt sich die Küche trotz mehrerer Hundert Gäste keinen Schnitzer und so erhebt sich keine Klage, als das Menu am Abend direkt in ein großzügiges kaltes Buffet übergeht. "Völlerei" schimpft da der Spießbürger, "Savoir Vivre" johlen die Epikureer.

Gleichwohl unternimmt man am Nachmittag durchaus Anstrengungen, uns den Appetit zu verderben. Vehikel dieses Unterfangens ist eine lediglich beschränkt Talentierte Minderjährige, die man über Stunden dazu nötigt, Chansons zu trällern. Unter gestrenger Aufsicht der Mama versteht sich, die ihr nicht einmal auf dem Weg zu oben genannten Löchern im Boden von der Seite weicht. Der Franzose an sich lässt sich von derlei Sabotageversuchen jedoch nicht aus der Fassung bringen: die Stimmung gärt hoch, da nutzt auch musikalische Tankberieselung nichts mehr!

Überraschend und für jeden Kenner der heimischen Bierzeltszene höchst ungewöhnlich an der ganzen Sache ist, dass es bei aller Ausgelassenheit nie zu unangenehmen Szenen kommt. Obwohl der Champagner über 12 Stunden in Strömen fließt, sucht man vergeblich nach volltrunkenen Gestalten, die, ihrer Kontrolle gänzlich verlustig gegangen, ihren Mageninhalt bei jeder sich bietenden Gelegenheit in der Landschaft verstreuen. Auch bleiben die von deutschen Feierlichkeiten dieser Art nicht wegzudenkenden Pöbeleien und verbalen, wie körperlichen Gewalttätigkeiten völlig aus. Pünktlich um Mitternacht löst sich die Gemeinde in bester Stimmung und zügig auf. Innerhalb einer halben Stunde ist der Spuk vorbei und hinterlässt nicht nur bei mir den Eindruck, einem der schönsten und gelungensten Feste seit langem beigewohnt zu haben.

Und darauf wird zurück im Hotel natürlich noch einer gekippt...

Marcus Hofschuster
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