Eine reine Quintarelli-Vertikale sollte es ursprünglich werden an diesem Degustationsabend bei einem Weinenthusiasten in St. Gallen, doch dann kam es doch ganz anders. Aus aktuellem Anlass, der schlicht darin bestand, dass die entsprechenden Flaschen vorhanden waren, beschloss die schweizerisch-deutsch-italienische Runde, die Verkostung am späten Nachmittag mit einigen Vouvray aus dem Hause Huet einzuleiten.
Den Anfang machte der 89er Le Haut-Lieu Molleux 1er Trie, dessen sattes und doch helles Gelb mit den grünen Reflexe bereits darauf hinwiesen, dass es sich hier noch um einen Wein im jugendlichen Entwicklungsstadium handelte. Der Duft war dann auch eher zurückhaltend, dabei aber tiefgründig und ausgesprochen komplex mit Noten von Honig, Kräutern, frischem Gras und Zitrusfrüchten, alles beherrscht von einer intensiven, festen Mineralik. Im Mund schien er zunächst völlig verschlossen, dabei süß, cremig und dicht, einbetoniert in ein enormes mineralisches Fundament. Mit der Zeit blühte er jedoch am Gaumen auf und gab ein vielschichtiges Aroma von Zitrusfrüchten, Steinobst, Kräutern und feinstem Honig preis, das eine Ewigkeit anhielt. Es wäre völliger Unsinn, dieses Meisterwerk vor dem Jahr 2010 zu öffnen. 94+ Punkte.
Das strahlende Bernstein des 47er Le Haut-Lieu Molleux schien den ganzen Raum in ein goldenes Licht zu tauchen. Selbst nach guten 53 Jahren waren noch grüne Reflexe zu entdecken. Ein extrem komplexes rauchig-mineralisches und dabei hochfeines Bukett von getrockneten Aprikosen, Mandarinen, Kumquats, englischer Marmelade, Zimt, Karamell, Honig, Trüffeln, etwas Malz und Graphit raubte uns allen völlig den Atem und sorgte für minutenlanges Schweigen am Tisch. Am Gaumen dann eine feincremige, saftige und sagenhaft frische Frucht mit perfekter Säure, distinguierter Würze und einem tief gestaffelten Aromaspektrum. Hochreif und jung zugleich, von absoluter Harmonie, dabei so zwingend und präsent, wie man es sich nur vorstellen kann. Komplett und endlos. 99 Punkte.
Der 1919er Le Haut-Lieu besaß mit seinem Altgold eine noch hellere Farbe, als der 47er, ohne jedoch dessen strahlende Erscheinung. Die Nase brauchte Zeit um sich zu entfalten und schreckte einige der Anwesenden zunächst mit einer Mischung aus Lack und Schweiß, bevor das betörende Bukett von getrockneten Blüten und Kräutern (jemand kam auf Lorbeeren), Dörrfrüchten, Litschi und Zitrusfrüchten zum Vorschein kam. Dabei erschien die Mineralik im Hintergrund fast etwas "fischig" und erinnerte entschieden an Muschelschalen. Der Geschmack wurde dann auch ganz von der Mineralik eingenommen, erschien regelrecht kalkig, flankiert von einer überaus reifen, feinsaftigen Frucht und lebendiger Säure. Dabei hielt sich die Süße deutlich in Grenzen. Auch wenn die Beschreibung nicht so klingen mag: der Wein war groß, legte von Minute zu Minute zu und fand am Gaumen schier kein Ende. 94 Punkte.
Nach einer kleinen Zwischenmahlzeit aus einer Gemüseterrine sowie einer Pastete von der Hühnerleber mit Avocadomus und Mayonnaise, die uns allen Gelegenheit gab, unserer angeborenen Geschwätzigkeit für eine Weile freien Lauf zu lassen, begannen wir mit dem Hauptteil des Abends. Auf dem Programm stand die Vertikalverkostung verschiedener Jahrgänge Amarone, Amarone Riserva und Recioto des Altmeisters Giuseppe Quintarelli. Die Weine wurden jeweils blind in Zweiergruppen serviert.
Der 88er Amarone kam in schlichtem Rubin-Granat mit deutlicher Aufhellung am Rand ins Glas. Der Duft war oxydativ und leicht alkoholisch mit Aromen von Zwetschgen, rotem Dörrobst und eingemachten Kirschen. Der Auftakt im Mund war ausgesprochen streng dank einer lebhaften Säure und kantigem Tannin, dahinter zeigte sich aber auch eine gute Portion "süße" Frucht. Am Gaumen adstringierend, regelrecht vierschrötig, mit betontem Alkohol und einer herben Holzwürze, dabei immerhin nachhaltig und von guter Tiefe. Die Frage ist, ob aus diesem archaischen Trumm je ein halbwegs zivilisierter Wein werden kann. Ich bin im Zweifel und gebe daher vorerst: 85 Punkte.
Auch der 81er Amarone Riserva war matt, zudem etwas heller und eindeutig granatfarben. Der Duft war deutlich oxydativ mit Noten von Brotrinde, Dörrfrüchten, eingemachten roten Beeren und etwas Alkohol mit leichtem Röstaroma. Vollmundiger Geschmack von leidlich "süßer" Frucht, sehr kräftiger Körper, alkoholstark, wieder sehr stark oxydativ, recht feines Tannin, aber eine pikante, fast bissige Säure am Gaumen, Suppenkräuter, dann aber auch wieder schöne Frucht, zudem mehr Fett, als der Vorgänger, gute Länge. 86 Punkte.
Befürchtungen, der granatfarbene 85er Amarone mit dem ausgeprägt orangefarbenen Rand befände sich bereits im Niedergang wurden bereits vom zwar deutlich oxydativen, aber eben auch wunderbar fruchtigen und würzigen Duft von Zwetschgen und roten Beeren entkräftet. Von saftiger Frucht geprägt der erste Eindruck im Mund, dicht und straff durchgezeichnet, lebendige Säure, hochfeines Tannin, am Gaumen dann zusätzlich schön eingebundene Holzwürze, nachhaltig, harmonisch und sehr lang. 90 Punkte.
Das satte Rubin mit den Granatreflexen am Rand ließ uns beim 85er Riserva irrtümlich auf einen deutlich jüngeren Jahrgang schließen. Die Nase schien dies zu bestätigen: Dichter, saftiger und wunderbar rassiger Duft von Zwetschgen und eingemachten Beeren mit zarter Minzenote. Sehr saftig und vollmundig dann im Mund, eine Spur tatsächlicher Restsüße, lebhafte Säure und festes, rassiges Tannin, rauchige und röstige Aromen im Hintergrund, tiefgründig, herrlich fruchtig am Gaumen, von großer Nachhaltigkeit, Komplexität und Länge. Eine Wucht! 94 Punkte.
Eine marinierte Seeforelle entspannte unsere Gaumen, bevor David uns das erste Mal in die Irre führte. Zwar blieb er bei Quintarelli, doch diesmal war es kein Amarone, der da tief Rubin-Purpurrot im Glas schimmerte. Es war der 88er Alzero Di Monte Cá Paletta, ein nach Amarone-Rezept vinifizierter Cabernet Franc, der, als Vino da Tavola etikettiert, einen geringschätzigen Blick auf seine erlauchten Vorgänger zu riskieren schien. Der tiefgründige Duft von schwarzen Beeren und Zwetschgen mit kühler Holzwürze wirkte trotz der oxydativen Note noch extrem jung und schien sich an der Luft sogar noch zu verschließen. Auch am Gaumen war der 88er beherrscht von einer frischen Frucht deren jugendlicher Eindruck sich durch die lebhafte Säure noch verstärkte. Dicht und fest gebaut, mit exzellentem Tannin ausgestattet, tiefgründig, ausgesprochen nachhaltig am Gaumen und von großer Länge schien er für die Ewigkeit gemacht. 95+ Punkte.
Noch einen drauf setzte der 85er Alzero: Sattes, glänzendes Rubin-Purpur mit leichter Aufhellung. Komplexer Duft von schwarzen Beeren und Kirschen mit schokoladiger Holzwürze, daneben auch herbe, leicht rauchige Holzaromatik, etwas Lack, aber eigenartigerweise weniger Oxydation, als beim 88er. Extrem dicht und konzentriert im Mund, sehr präsentes, festes, rassiges Tannin, herbe Eichenholz- und Tanninwürze am Gaumen, mineralische Note, enorme Präsenz und Nachhaltigkeit am Gaumen, wirkt noch extrem jung, saftig-schokoladiger Abgang. 96 Punkte.
In der Annahme, es könne keine Steigerung mehr geben wurden einige von uns nun etwas unvorsichtig und versäumten, sich festzuhalten, als der nächste Wein in Rubin und Purpur glänzend hereingetragen wurde. So fegte uns der 90er Amarone von Romano dal Forno gnadenlos von den Stühlen! Tiefe, rauchig-holzwürzige Nase von Cassis und Kirschen, Lakritz, Leder, trockenen Kräutern und etwas Rauchspeck, jugendlich, fest und tiefgründig mit bereits deutlich riechbarem Tannin. Mächtig, dicht und konzentriert am Gaumen, ein Tannin, aus dem man anderswo Atombunker fabriziert, lebhafte Säure, unglaubliche Kraft und Substanz, traumhafte Fruchttiefe, dabei immer noch viel zu jung, kompakt, massiv und lang. Man schnappt unweigerlich nach Luft. 98+ Punkte.
Ebenso groß, aber völlig anders präsentierte sich der in rubin-purpurfarbene 90er Amarone Riserva von Quintarelli: Süßer, betörender Duft von eingekochten schwarzen Beeren, Kirschen und Rumtopf. Ungemein saftige Frucht, rassig, dicht und hochkonzentriert, etwas restsüß, rauchige Note, edles, herbes Holz im Hintergrund, lebendige Säure und präsentes Tannin sorgen für eine exzellente Struktur, extrem nachhaltig und präsent am Gaumen, dabei immer süßer werdend, erinnert bereits an einen Recioto, fast wollüstig und doch absolut souverän, ewig lang. Heiliger Strohsack! 98 Punkte.
Nun musste sich unser Gastgeber vorgenommen haben, den Anwesenden endgültig den Rest zu geben. Mit einem purpurvioletten 95er Amarone von Dal Forno ist dies nicht allzu schwer. Tief, verschlossen und sehr komplex die Nase: dunkel-rauchiges Holz, schwarze Beeren und eingedicktes Zwetschgenmus, Vogelbeeren und ein ganzer Strauß Provence-Gewürze. Im Mund Ultrakonzentriert und von enormer "Süße", gewaltige Kraft, aber auch rasante Säure und ein absolut reifes, doch packendes, adstringierendes Tannin, eine Wahnsinnsstruktur, die die 17,5% Alkohol fast mühelos zu schlucken scheint! Völlig verrückt, heißblütig, brutal, extrem tief und saftig. Findet kein Ende. Im Augenblick nicht abschließend zu beurteilen, aber zweifellos von majestätischer Größe. 97-100 Punkte.
Fast wie eine Erlösung erschienen uns nach diesem Monster die folgenden Recioto. Zu Beginn wurde der satt granat- bis rubinfarbene 88er Recioto von Dal Forno serviert. Er beeindruckte mit einem komplexen, eindringlichen Bukett von Rauch, Kirschen, Zwetschgen und Birnen, das neben deutlichem Tannin und speckiger Note auch einen oxydativen Touch aufwies. Süß und saftig der erste Eindruck am Gaumen, knackige Frucht, ausgezeichnet strukturiert, lebendige Säure und recht rassiges Tannin, ungemein nachhaltig am Gaumen, köstlich, große Tiefe und Länge. Nach Aussage des Hausherren schwanken hier die Flaschenqualitäten. Dies war demnach eine der besten Flaschen. 94 Punkte.
Genau umgekehrt verhält es sich bei dem 88er Pendant von Quintarelli, der zwar ebenfalls 94 Punkte erhielt, bei der letzten Verkostung vor einigen Wochen jedoch noch deutlich besser abschnitt. Dieser hier notierte folgendermaßen: Rubin mit Granatreflexen und leichter Aufhellung. Sehr oxydative, herbe Nase von Dörrfrüchten, Rauch und Tannin. Große Kraft und Dichte im Mund, wieder deutlich oxydativ, aber auch saftig, mit eingebundener, relativ zurückhaltender Süße, lebendige Säure, sehr schönes, reifes Tannin, recht abgeklärter Stil, fest strukturiert und ungemein nachhaltig am Gaumen, satt, reif und von großer Länge. Sehr schön zu trinken.
Den Abschluss machte Giuseppe Quintarellis dunkelrubinroter bis purpurfarbener 90er Recioto Riserva: Dichter und fast strenger, oxydativer Duft von Sauerkirschen und schwarzen Johannisbeeren, deutliches Tannin und rauchige Noten. Hochkonzentrierte, saftige, süße Frucht, reifes, präsentes Tannin, perfekte Säure, unglaublich dichte, kompakte Struktur, massiv und tiefgründig, rauchige und mineralische Noten, ein komplexes Feuerwerk an Aromen am Gaumen, atemberaubende Präsenz, lässt einen nicht mehr los, perfekte Balance, vollkommener Geschmack, sinnverwirrend, endlos. 98+ Punkte
Da komme mir Jetzt bitte Niemand mit der berühmten welche-drei-Dinge-würdest-Du-mit-auf-eine-einsame-Insel...-Frage! Ich würde verhungern...hätte nie mehr Sex.....
Marcus Hofschuster
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