Antike Weine
Glossar-Begriff
|
Informationstexte
Suchwort: Antike Weine
Antike Weine
Übersetzungen in andere Sprachen sind nur für Abonnenten verfügbar.
Bereits vor zumindest 6.000 wenn nicht 8.000 Jahren wurden Rebsorten erstmals kultiviert und Wein erzeugt, das beweisen in Kleinasien gefundene Traubenkerne, Überreste von Weinpressen sowie zahlreiche antike Weingefäße und Weinmotive auf Artefakten aus vielen Gebieten. Als Wiege der Weinkultur gelten Transkaukasien (Teile von Armenien, Aserbaidschan und Georgien), wo die ältesten archäologischen Funde gemacht wurden, sowie die Hochkulturen in Mesopotamien (großteils heutiger Irak, sowie Teile von Syrien und der Türkei), im Stromgebiet des oberen Nil (Ägypten) und im Jordan-Tal (Israel und Jordanien). Diese alten Hochkulturen haben sich bereits professionell mit Weinbau beschäftigt. Viele ihrer Kenntnisse, Techniken und Rebsorten dürften im Verlaufe der antiken Geschichte im ganzen Mittelmeergebiet übernommen worden sein. Viele Stellen in der Bibel und zahlreiche Schriften und Wandmalereien vieler alter Kulturvölker aus diesen Bereichen berichten darüber. Die antiken Völker der Assyrer, Ägypter, Babylonier, Etrusker, Griechen, Israeliten, Kelten (Gallier), Perser, Phöniker und Römer betrieben zum Teil schon die Züchtung von Reben und wandten bereits verschiedene Weinbereitungs-Methoden an.
Der Ursprung des europäischen Weinbaus liegt aber vor allem im antiken Griechenland und auf der Insel Kreta. Der Dichter Homer (8. Jhdt. v. Chr.) berichtet in seiner Ilias vom Wein als Hausgetränk seiner epischen Helden. Bereits in der mykenischen Kultur im 16. Jahrhundert v. Chr. (Mykene = nordöstliches Peloponnes, Provinz Argolis) gab es gezielten und durchaus professionellen Weinbau. Dies ist durch archäologische Funde in den alten Palästen bewiesen, unter anderem entdeckte man Keller mit Weinresten in Vorratskrügen und Traubenkerne. Der auf der Insel Lesbos geborene griechische Philosoph und Botaniker Theophrastos (370-287 v. Chr.) beschrieb bereits die notwendige Abstimmung von Rebsorte, Bodentyp und Klima. Zu dieser Zeit waren auch schon verschiedene Reberziehungs-Systeme in Verwendung. Weit verbreitet war das Ziehen der Reben auf Bäumen, aber auch die Buschform oder flache Boden-Erziehung. Man erkannte frühzeitig, dass sich ein entsprechender Rebschnitt vorteilhaft auf Ertrag und Wein-Qualität auswirkt.
Das größte Problem im heißen Klima stellte die Aufbewahrung und Konservierung des Weines dar, so dass man sich schon frühzeitig mit der Haltbarmachung auseinandersetzen musste. Bereits Homer erwähnte im 8. Jahrhundert v. Chr. das Schwefeln und das Versetzen des Weines mit Gewürzen und parfümierenden Stoffen (siehe dazu ausführlich unter Aromatisieren). Man dichtete die Amphoren mit Pech oder Kiefernharz ab und gab auf die Weinoberfläche eine Harz-Öl-Schicht. Daraus entwickelte sich dann der charakteristische griechische Retsina. In der antiken Literatur wird auch häufig von süßen Weinen gesprochen. Dies war wahrscheinlich weniger auf das Keltern aus getrockneten Trauben zurückzuführen (obwohl schon in Homers Odyssee erwähnt), sondern dass die meist unter höheren Temperaturen stattfindende Gärung steckenblieb. Es wurden aber auch absichtlich unreife Trauben gekeltert, um Weine mit kräftiger Säure zu erzeugen.
Neben dem reinen Genuss hatte der Wein im antiken Griechenland auch eine wichtige religiöse und soziale Rolle. Bei den Symposien (Trinkgelagen) erlangte der gemeinsame Weingenuss unter Männern einen wahren Kultcharakter und war unverzichtbarer Teil der damaligen Trinkkultur. Ebenso wichtig war der Wein in gesundheitlicher Hinsicht, es werden häufig medizinische Anwendungen zum Zweck von Antisepsis, Schmerzlinderung, Verdauungs-Förderung oder „um die Säfte des Körpers in Gleichgewicht zu bringen“ erwähnt. In vielen Arzneien des berühmten Arztes Hippokrates (460-377 v. Chr.) spielte Wein eine bedeutende Rolle. Die besten Qualitäten des antiken griechischen Weines kamen von den Ägäischen Inseln. Dies waren vor allem Chios (Khios) - das als Bordeaux des alten Griechenland gilt - sowie Rhodos, Samos und Lesbos. Weiters waren auch die Weine von der Halbinsel Chalkidike (Makedonien) beliebt. Für viele der damaligen Stadtstaaten besaß der Weinbau große wirtschaftliche Bedeutung und Wein wurde in den gesamten Mittelmeerraum, jedoch vor allem nach Rom und Ägypten exportiert.
Als die Griechen im Zeitraum von 1.000 bis 600 vor Christi die Mittelmeerländer kolonisierten, brachten sie ihre Weinbau- und Vinifikations-Techniken sowie auch ihre heimischen Rebsorten mit. Als sie über Sizilien nach Italien in die heutigen beiden Regionen Kalabrien und Kampanien kamen, gaben sie dem Land den Namen Oinotria. An Stelle des heutigen Ortes Cirò (heutige DOC) in Kalabrien befand sich die Stadt Krimisa, hier wurde nach der Legende der Wein der Olympia-Sieger erzeugt. Die Namen heutiger Trauben wie zum Beispiel Aglianico, Cesanese, Falanghina, Greco Bianco, Grechetto, Limnio und Malvasia deuten auf einen möglichen griechischen Ursprung hin. Viele der griechischen Weinbaumethoden wurden von den Kelten (Galliern) und Römern übernommen. Jedoch gab es auch römische Entwicklungen, wie zum Beispiel das Zusetzen von Meereswasser oder Salz während der Gärung, um den Wein geschmeidiger zu machen, einen schimmeligen Geschmack bzw. Verderb zu vermeiden und um die im mediterranen Klima mangelnde Säure zu verbessern. Diese Techniken wiederum wurden von den Griechen übernommen.
Das von Theophrastos erwähnte Zusetzen von Gips oder Marmorstaub erfolgte aus Gründen der Klärung und Säuerung des Weines. Es waren aber auch Methoden üblich, die man heute als Weinverfälschung bezeichnen würde. So setzte man dem Wein Aschenlauge, Salz, Fichtennadeln und mancherlei Gewürze zu, um ihm die Herbheit zu nehmen oder den Geschmack zu verbessern. Es gab auch Techniken, aus Rotwein einen Weißwein zu machen, dies erreichte man durch Zugabe von Bohnenmehl oder Eiweiß. Der Vorlaufmost wurde teilweise zu besonderen Weinen verarbeitet, jedoch zumeist mit dem Presswein gemischt. Die Vergärung erfolgte im Dolium (Tongefäß mit mehreren tausend Litern Volumen) die in den Boden versenkt waren. Noch während der Gärung oder kurz danach wurde auch eingedickter Most zwecks Süßen und Haltbarmachen zugesetzt.
In der Regel wurde der Wein auf dem Geläger belassen und dann oft erst im Frühjahr in Amphoren abgestochen. Die große Zeit der antiken römischen Weine liegt zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. Die drei wohl bekanntesten Weine in diesem Zeitraum waren Caecuber, Falerner und Surrentiner (Weißweine, Falerner auch rot), die alle - wie die meisten der römischen Spitzenweine - aus der heutigen Region Kampanien kamen. Aber auch der Haluntium aus Syrakus (Sizilien), der Pucinum aus dem heutigen Friaul - der Lieblingswein der Gattin von Kaiser Augustus (63. v. bis 14 n. Chr.) - und der Raeticum aus der heutigen Region Venetien sind ebenso erwähnenswert.
Der größte Absatzmarkt war Rom, wo das kostenlose Verteilen von Wein (also nicht nur Brot) bei den Spielen von den Patriziern gepflogen wurde. Bis zur Vernichtung durch den Vesuv-Ausbruch im Jahre 79 war die Stadt Pompeji der Hauptlieferant. Wein war ein alltägliches Getränk für alle Bevölkerungs-Schichten, was auch durch den Ausspruch „Vita vinum est“ (Wein ist Leben) dokumentiert ist. Ein hervorragendes Sittenbild der Ess- und Trinkkultur der römischen Oberschicht bildet das berühmte Werk Satyricon des Petronius. Es gab aber große Qualitäts-Unterschiede. Bei den armen Schichten und Sklaven war die Iora beliebt, ein Tresterwein aus Pressrückständen. Ein beliebtes nichtalkoholisches Getränk der römischen Bürger und vor allem Legionäre war die Posca (ein Essigwasser). Die besten Weine waren hauptsächlich Weißweine. Alterungsfähige, tanninreiche Rotweine gab es noch nicht. Sie waren blassrot und das Alltagsgetränk in den Tavernen.
Bei den besseren Schichten war der Honigwein Mulsum sehr beliebt. Auch die Alterung und Lagerfähigkeit der Weine war für die Römer bereits sehr wichtig und sie scheinen dabei mehr Aufwand als die Griechen betrieben zu haben. Nach römischem Gesetz wurde zwischen „neuem“ und „altem“ Wein unterschieden, zweiterer musste zumindest ein Jahr gelagert werden. Bei den Weißweinen wandelte sich allmählich der Geschmack von dick und süß zu leicht und trocken. Ein weit verbreiteter und fataler Brauch war es, Traubensaft in Bleigefäßen durch Kochen auf kleinem Feuer zu einem Defrutum genannten Sirup einzudicken. Chronische Bleivergiftung wird unter anderem als einer der Gründe für den Niedergang des Römischen Reiches genannt. Wenn dies stimmt, dann hat (neben Wasserleitungen und Zisternen aus Blei) auch dieser Brauch dazu beigetragen.
Die Römer verbreiteten bzw. kultivierten den Weinbau bei der Ausdehnung ihres Reiches in ganz Europa, Kleinasien und Nordafrika und beeinflussten dort durch entsprechende Gesetze entscheidend den Weinbau und die Wein-Kultur. Diesbezüglich sind vor allem die beiden Kaiser Domitian (51-96) und Probus (232-282) zu nennen, deren Verordnungen und Maßnahmen große Auswirkungen auf die Weinbau-Entwicklung nahezu aller heutigen Länder in Europa hatten. Viele der heutigen uns deutsch erscheinenden Ausdrücke und Bezeichnungen stammen von den Römern: Wein von vinum, Most von mustum (mustus = jung, frisch), Kelter von Calcatorium oder Keller von cellarium. In vielen der heute traditionellen Weinbaugebiete in allen Ländern Europas gab es schon um die Zeitenwende von den Römern kultivierte Rebflächen. Die von griechischen und römischen Autoren verfassten Dokumentationen über Wein und Weinbau waren teilweise bis in das späte Mittelalter gültig und es wurden die darin beschriebenen Methoden angewendet. Die römisch-katholischen Orden übernahmen später von den Römern die Vorreiterrolle und zehrten von deren Erfahrungen. Besondere Verdienste erwarben sich dabei die Benediktiner (ab dem 6. Jhdt.), sowie die Kartäuser und Zisterzienser (ab dem 11. Jhdt.).
Es gibt sehr umfang- und detailreiche Dokumentationen über Weinbau und Weinkultur in der Antike, die zum Teil auch ein sehr gutes und farbiges Bild von den Trink- und Lebens-Gewohnheiten der damaligen Völker schildern. In chronologischer Reihenfolge sind dies der als „erster Weinautor“ geltende Karthager Mago (um 400 v. Chr.), der griechische Historiker Herodot (482-425 v. Chr.), der römische Politiker und Schriftsteller Cato der Ältere (234-149 v. Chr.), der römische Literat Varro (116-27 v. Chr.), der griechische Historiker Strabo (63 v. Chr.-28 n. Chr.), der römische Offizier und Autor Columella (erste Hälfte 1. Jhdt.), der römische Naturwissenschaftler Plinius der Ältere (23-79), der römische Geschichtsschreiber Tacitus (55-120), der griechische Arzt Galen (129-216), der griechische Schriftsteller Athenäos (um 200) sowie der römische Schriftsteller Palladius (4. Jahrhundert). Und die drei berühmten römischen Poeten Horaz, Ovid und Vergil dichteten über Wein. Siehe auch unter antike Rebsorten, Reben-Systematik und Wildreben.
Ancient wines