In vielen traditionellen Weinregionen ist man bemüht, das Wein-Image aufzupolieren, ja, neu zu definieren. Österreich – zum Beispiel – hat dies geschafft. Nach dem einstigen Skandal in den 80er Jahren war bereits in den 90ern vom „österreichischen Rotweinwunder“ und einem „segensreichen Weinskandal“ die Rede. Der internationale Auftritt österreichischer Weine und ihre weinweltweite Akzeptanz legen Zeugnis ab für einen fast totalen Imagewechsel. Da könnten viele Regionen, vor allem im traditionellen Weinland Frankreich, neidisch sein. Hier bröckelt der „gute Ruf“ von Jahr zu Jahr, oft auch von Region zu Region – trotz Bemühungen verschiedenster Institutionen wie des IANO (Institut National des Appellations d’Origine), des INRA (Institut National de la Recherche Agronomique) und anderer, meist regionaler Verbände.
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Rebberge in Faugères, Languedoc, weit abgelegen am Rand der Berge.
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Besonders schwer tut sich Languedoc-Roussillon, das südlichste und größte Weingebiet Frankreichs: schwer überschaubar, behaftet mit dem Image des Billigweins und immer wieder in den Schlagzeilen durch gewalttätige Winzerproteste. Eine kürzlich veröffentlichte Studie beweist auch, dass das Gebiet zu den ärmsten Regionen Frankreichs gehört, trotz Touristenstrom im Küstengebiet während der Sommermonate. Dabei ist die Region weitgehend vom Rebbau abhängig. 40 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche sind mit Reben bepflanzt, 14 Millionen Hektoliter Wein werden jährlich produziert, davon 1,25 Millionen Hektoliter AOC-Weine. Da denkt wohl jeder an Massenproduktion, Quantität an Stelle von Qualität.
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Werbeauftritt für landwirtschaftliche Produkte im Touristenzentrum Cap d'Agde
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Doch „das Languedoc sortiert sich neu“ (siehe Artikel im Magazin von Wein-Plus), verkündet der Berufsverband CIVL (Conseil Interprofessionnel des Vins du Languedoc) und präsentiert eine neue Klassifikation der AOC-Weine, eine hierarchische Gliederung, die nebst Qualitätsmerkmalen auch einen Preisrahmen vorschreibt. Hauptziel: „dem Verbraucher einen besseren Überblick zu ermöglichen”.
Es geht mir überhaupt nicht darum, diese x-te administrative Maßnahme zu diskreditieren. Vielleicht kann sie dazu beitragen, den ersehnten Begriff „Grand Cru“ irgendwann einmal im Languedoc zu etablieren. Vielleicht. Sehr vielleicht! Die vorgeschlagene und zum Teil schon in Kraft gesetzte Neuregelung dient aber mehr der Vermarktung als dem Ansehen – dem Image – der Weine und der terroirspezifischen Besonderheiten der in sich differenzierten Region. Dafür gäbe es viel probatere Mittel, zum Beispiel das Bewusstsein der Winzer für Qualitätssteigerung, weg von der Quantität, hin zur Qualität. Und da tut sich längst etwas, in den letzten Jahren sogar viel. Viele der Winzer, in den letzten Jahrzehnten sowohl beruflich als auch finanziell arg gebeutelt, sind wieder stolz, Winzer zu sein.
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Alain Ollier, Seniorchef des Weinguts Ollier Taillefer, im Rebberg
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Ich kenne kaum eine andere Weingegend, wo man so herzlich, zuvorkommend und jederzeit auf den Weingütern empfangen wird; wo man so umfassend degustieren und über Weine diskutieren kann. Da ist in der Regel nicht jene aalglatte Professionalität zu Hause, die den Weinverkauf ab Hof andernorts fast immer begleitet. Hier hat man zumindest das Gefühl, dass die Winzer stolz sind, stolz auf ihre Arbeit, auf ihre Erfahrung im Weinbau und auf ihre Produkte. Meine Erfahrung ist: Dieser Winzerstolz geht Hand in Hand mit einer rapiden Qualitätssteigerung.
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Winzerstolz – in der Mitte Alain Ollier
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Ich beobachte seit über zwanzig Jahren gut fünfzig Winzer und ihre Weine aus fast allen Gegenden des Languedoc. Nicht nur klingende Namen, die es bis nach Deutschland und noch weiter im weltweiten Handel geschafft haben, vor allem, weil sie gut und „noch bezahlbar“ (vergleichbar billig) sind. Auch gute, ja, die besten Languedoc-Weine lassen sich bei uns nur schwer vermarkten. Es fehlt ihnen der Glanz, das polierte Ansehen, der Hauch des Kostbaren.
Wer sich im Languedoc etwas umsieht, auch bereit ist, zum Beispiel auf dem Markt unbekannte Weine zu verkosten, auf der Fahrt durch die riesigen Rebflächen da und dort einmal Halt macht und den einen oder andern Winzerbetrieb besucht, wer in den lokalen Weinverkaufsstellen (Weinhandlung wäre eine übertriebene Bezeichnung) den einen oder anderen Wein degustiert, prüft, trinkt – der staunt immer wieder über die Qualität vieler Weine.
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Winzer im Gespräch mit Konsumenten
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Im Vokabular der Weinkenner kommen sie nicht vor: Es sind „namenlose“ Weine. Seit Jahren besuche ich auch immer wieder mal ein Winzerfest. Die meisten Weinliebhaber bezeichnen sie als „Weinfolklore“ und rümpfen die Nase oder buchen den Anlass als Touristenattraktion ab. Auch ich habe anfänglich so gedacht und geurteilt. Allmählich aber stellte ich fest: Winzerfeste – auf dem Land, nicht an der Küste – sind weit mehr als alte Traditionen, die wieder aufleben, um die Touristen anzulocken. Es sind Präsentationen des Winzerstolzes. Man zeigt sich, als Winzer stellt man sich und seine Weine der lokalen und regionalen Öffentlichkeit vor.
Höhepunkt des Anlasses sind nicht die Degustations- und Verkaufsstände (die sind für die Touristen auch da), sondern der Gottesdienst am Vormittag, an dem die Vertreter der Commanderies, Confréries, Consulats du Vin, Salaires, Chevaliers Vignerons aus der ganzen Region teilnehmen. Winzer, die sonst Konkurrenten sind, jetzt aber Freunde, verbunden durch den Stolz, Winzer zu sein.
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Einzug von gut zwanzig Confréries zum Gottesdienst
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Wer darin nur Folklore, Überbleibsel alter Strukturen oder aussterbende Handwerkerromantik sieht, der mag sich täuschen. Zwar sind die geschäftlichen und handwerklichen Regelungen, vor allem die Vorschriften zur Klassifizierung und Qualitätsbestimmung, längst an andere Instanzen übergegangen. Die so bunt auftretenden „Berufsverbände“ haben eine andere, wie ich meine, viel wichtigere Funktion: Sie sind Ausdruck eines echten Berufsstolzes. Nur aus diesem Stolz und Wettbewerb können im Languedoc – wo Weinmachen noch weitgehend Handwerk ist – immer bessere Weine entstehen. Weine, die die Winzer meist selber vermarkten, die sie selber verkaufen „müssen“, auf dem Markt, in den Restaurants an der Küste, entlang des Touristenstroms zwischen der qualitativ höher eingestuften südlichen Rhône und Spanien. Dort, wo es nur während zwei, drei Monaten mit Wein beim Direktverkauf etwas zu verdienen gibt.
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Madame le Maire, die Bürgermeisterin von Faugères
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In der Ansprache der Bürgermeisterin (Maire) von Faugères – einer attraktiven Dame, inmitten der eher knorrigen Winzerinnen und Winzer – gibt es nur ein dominierendes Thema: Qualität vor Quantität. Und die Confrères nicken ihr zu: Ja, wir sind stolz auf unsere Qualität. Es ist nicht allein der Boden, die Landschaft, das Klima, welche den guten Wein möglich machen, es ist auch unser Wille, unsere Begeisterung für einen schönen, oft auch harten Beruf. Dies höre ich auf der – fast nur von Winzern besuchten – „Landsgemeinde“ unter der brütend heißen Mittagssonne. Die Touristen und die Bewohner des kleinen Winzerdorfs sind längst in die kühlen Gassen geflüchtet, wo dann das Fest der Konsumenten stattfindet. Mit einem Schlag ist mir wieder bewusst, wie viel Winzerstolz bewirken kann, weit mehr als noch so ausgeklügelte Reglements und Bezeichnungen. Ob Grand Cru oder nicht – stolze, qualitätsbewusste Winzer machen gute Weine. Auch im Languedoc.
Herzlich
Ihr/Euer