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Bardolino
Der Kultwein von einst und morgen
Nehmen wir doch mal an, verehrter Leser, Sie verspürten Lust auf einen Wein, der leicht und hell ist, fruchtig, nicht sehr tanninhaltig, mit milder Säure, rund, ausgewogen und trinkig. Angenommen sie suchten einen tollen Wein für sonnige Tage und legten aus irgendwelchem Grund Wert darauf, dass dieser Wein aus einer landschaftlich reizvollen Gegend mit alter Weinbautradition stamme. Zudem wünschten Sie auch noch, diesen Wein mit all seinen Vorzügen zu einem günstigen Preis zu erhalten. Welcher Wein dieser Welt wäre in der Lage, Ihnen den Bardolino zu ersetzen?
Möglicherweise gehören Sie zu den Leuten, für die a priori alles gut genug ist, was im Discount für weniger als zwei Euro zu haben ist. Dann können Sie nichts falsch machen, Ihr Ruf ist eh im Eimer. Legen Sie hingegen Wert darauf, nicht als Weinbanause zu gelten, dann muss Ihre weinkennerische Kompetenz schon ziemlich notorisch sein, wenn Sie beim Bestellen einer Flasche Bardolino nicht fürchten wollen, gesellschaftliche Rückschläge einstecken zu müssen.
Die Normalität ist heute ja die: Für die typischen Bardolino-Käufer - sie bilden zusammen den Markt, der jährlich rund zwanzig Millionen Flaschen Bardolino wegputzt - ist dieser Wein lediglich ein preisgünstiges, alkoholhaltiges Getränk. Im Gegensatz zu Markenprodukten mit hohen Werbebudgets aber ohne klare Herkunft kann auch der armseligste Bardolino noch mit dem Mehrnutzen aufwarten, den Ferienstimmung induzierenden, leicht auszusprechenden Namen eines Touristenörtchens zu tragen.
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Die Verniedlichungsform ist natürlich keine. Bardolino ist der Name eines alten Städtchens am Gardasee mitten im klassischen Anbaugebiet. Anders als heute waren zur Blütezeit der mittelalterlichen Republik Venedig, der auch Bardolino zugehörte, Sandwich-Buden dort selten und kamen Bewohner, die ihre krebsroten Körperteile öffentlich zur Schau stellten, kurzerhand in den Kerker. Das ziemlich penetrante Touristenspektakel mag Touri-Allergiker zwar nerven, sorgt aber für problemlosen Weinabsatz.
Besitzt der Bardolino heute den wenig würdevollen Status als Touristen- und Discountwein, war er eine Art Kultwein lange vor Barolo und Brunello. Man liebte diesen Wein in Italien und im Ausland so sehr, dass er zu Anfang der Sechzigerjahre nicht nur im Veneto, sondern auch in Piemont, in den Marken und sogar in Apulien hergestellt werden musste.
In der Schweiz mochte man den Bardolino ebenfalls, allerdings zog man dort vor, ihn unter dem Namen Beaujolais auszuschenken. Diesen wilden Zeiten bereitete erst die Einführung der DOC im Jahr 1968 ein Ende.
Der Classico und der Andere
Der Wein mit dem Namen des nicht nach solchem, sondern nach Sonnenschutzmittel duftenden Örtchens stammte ursprünglich von den Hängen um Garda, Bardolino, Cavaion, Calmasino und Lazise. Auf Grund der aufgeblähten Nachfrage musste bei der Einführung der DOC das historische Anbaugebiet - heute: "Bardolino Classico" - im Norden und vor allem im Süden massiv erweitert werden. Das Anbaugebiet erstreckt sich seither bis an die Grenze zur Lombardei und hinunter ins Custoza-Gebiet hinein.
Bei den Böden, auf denen die Bardolino-Reben wachsen, handelt es sich um die skelettreichen Ablagerungen des letzten Gletschers, der nach seinem Rückzug vor 10 000 Jahren den Gardasee hinterliess. Die im Südosten des Sees aufgehäuften Moränenhügel sind reich an Kies und Schotter und weisen im Süden der Appellation zunehmend auch feinere Bodenbestandteile wie Schluff und Lehm auf.
Die Unterschiede in der Bodenbeschaffenheit liefern die Erklärung für die zwei grundsätzlich verschiedenartigen Bardolino-Typen: Während in der Classico-Zone helle, leichte, blumige Weine entstehen, ergeben die Böden der Gebiete im Süden - sie entsprechen in etwa dem Gebiet des Bianco di Custoza - farbintensivere, strukturiertere und vollere Weine.
Der Unterschied wird deutlich, wenn man die zarten Bardolino Classico von Le Fraghe, Le Tende, Raval oder Guerrieri Rizzardi mit den volleren Bardolino von Cavalchina, Corte Gardoni oder Corte Sant’Arcadio vergleicht.
Während man die hellen, duftigen Weine des Classico vielleicht als typischer bezeichnen könnte, entsprechen die strukturierteren Weine aus dem südlichen Gebiet mehr dem heutigen Rotweingeschmack.
Zweifel daran, ob die Zusatzbezeichnung "Classico" überhaupt noch zeitgemäss sei, zerstreut der leidenschaftliche Bardolino-Winzer Frank Jugert (Ca’ dell’Ora) so: "Der Classico-Bardolino unterscheidet sich deutlich von den Weinen der Aussengebiete. Auch der Valpolicella wird schliesslich mit den gleichen Trauben wie der Bardolino gemacht, deswegen ist er aber trotzdem etwas völlig anderes." Emilio Pedron, als Chef der Gruppo Italiano Vini heimlicher Padrone der Appellation (die GIV vermarktet ein gutes Drittel der Bardolino-Produktion): "Der Classico ist zwar bekannter und sicher anders, aber nicht unbedingt besser. Ausserhalb des klassischen Gebietes gibt es Erzeuger mit ebenso guten Weinen."
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| Ohne Emilio Pedron läuft in Verona gar nichts. Pedron ist für Valpolicella, Soave und Bardolino nicht nur einer der wichtigsten Produzenten und Vermarkter, sondern auch Vordenker. Pedron ist einer der Initianten der DOCG für den Bardolino Superiore. Als Boss der Gruppo Italiano Vini sorgt er dafür, dass rund sechs Millionen Liter Bardolino - ein Drittel der Produktion - unter die Leute kommen. Für den Önologen und Sohn eines Trentiner Winzers ist die Erneuerung des Weinbaus der Veroneser Appellationen das vordringlichste Ziel. Wenn die produktiven Pergelanlagen um Verona in den nächsten Jahren zunehmend modernen Drahtanlagen Platz machen, dann ist das nicht zuletzt sein Verdienst. |
Absatzsorgen unbekannt
"Der Bardolino lässt sich problemlos verkaufen. Der Tourismus ist dafür eine Garantie", erklärt Matilde Poggi (Le Fraghe) das Phänomen, weshalb sich hier so wenig bewegt und der Bardolino nicht mehr und nicht besser von sich reden macht. Gianni Piccoli (Corte Gardoni) pflichtet ihr bei: "Uns Produzenten geht jedes Jahr vorzeitig der Bardolino aus."
Die Problemlosigkeit des Absatzes bestätigen nicht nur die Selbstvermarkter, auch bei der Kooperation scheint es keine vollen Fässer zu geben. Paolo Grigolli, technischer Leiter der Cantina Sociale di Castelnuovo di Garda: "Bardolino zu verkaufen ist kein Problem. Solange der Valpolicella zieht, zieht der Bardolino nach. Das ist für den Bardolino aber eine zweischneidige Sache, denn ob gut oder schlecht, verkauft wird alles."
Es ist offensichtlich, dass der Mangel an Absatzsorgen kein geeignetes Umfeld für ausserordentliches Qualitätsstreben abgibt. Solange die Nachfrage grösser ist als das Angebot, können Forderungen nach Mehrqualität nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Mühelos werden anscheinend auch Bardolino abgesetzt, deren Qualität von rufschädigender Belanglosigkeit ist.
Während manche Winzer dem Bardolino ihr ganzes Können und ihre ganze Aufmerksamkeit widmen, ringen die Cantine Sociali bei ihren Mitgliedern - denen jede Reduzierung des Hektarertrages direkt am Verdienst abgehen würde - mit wenig Erfolg um besseres Traubengut und fahren fort, Veronas Abfüller mit jenen dünnen Säften zu beliefern, die das Image des Bardolino in Italien und im Ausland heute prägen.
Der Bardolino muss besser werden. Aber wie? Paolo Grigolli schildert die Lage aus der Sicht der Genossenschaften: «Der einzige Weg ist, die Winzer zu überzeugen, die Produktionsregeln zu befolgen. Das geht nur, indem man von der Gewichtszahlung zur Hektarzahlung übergeht. Wie in Südtirol. Man sollte die Winzer, die zu hohe Erträgen einfahren, über den Traubenpreis bestrafen. Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn die Winzer sind die Besitzer einer Genossenschaft, ich ihr Angestellter.»
Selbst dort, wo man bei den Cantine Sociali gewillt wäre, bessere Qualität zu erzeugen, war das bis vor wenigen Wochen ein Ding der Unmöglichkeit. Die Kellermeister prallten bei ihren Lieferanten auf eine unbezwingbare Argumentationsfestung ("Weshalb sollen wir etwas ändern, der Bardolino verkauft sich ja gut?").
Bessere Weine dank Ministerialdekret
Erst seit diesem Frühjahr, dank dem endlich funktionstüchtigen Weinbaukataster und dem "decreto 21 marzo 2002" des Landwirtschaftsministeriums, das den Schutzkonsortien die lückenlose Kontrollmacht über die Appellationen überträgt, könnte sich vor allem für die Cantine Sociali sehr rasch einiges ändern.
In Missachtung der DOC-Produktionsregeln neigen die Traubenwinzer - ganz besonders im Veneto - dazu, die erlaubten Höchstmengen manchmal massiv zu überschreiten. Da im Falle des Bardolino die Produktionsmenge von dreizehn Tonnen pro Hektar (auf dem Papier) nicht überschritten werden darf, wurden Rebflächen "erfunden", die es in Wirklichkeit nicht gibt. Zwanzig Tonnen Hektarertrag sind keine Seltenheit.
Solange niemand den Traubenbehang im sommerlichen Weinberg kontrollierte, solange die Rebfläche nicht offiziell feststand, solange konnte nur in Ausnahmefällen gegen Hochertragssünder vorgegangen werden. Als willkommener Nebeneffekt des neuen Kontrollsystems wird, so scheint festzustehen, auch die Qualität der Kommerz-Bardolino rapide steigen. Grigolli: «Dank dem neuen Weinbaukataster kann, ja muss die Cantina Sociale die Hektarerträge ihrer Mitglieder genau kontrollieren, denn hinter der Cantina droht die neue Kontrollpflicht des Konsortiums und hinter dem Konsortium die staatliche Kontrollbehörde (Repressione frodi). Wer sich nicht an die Regeln hält, dem droht die Deklassierung des ganzen Weinbergs. Da gibt es kein Entrinnen mehr.»
Der bis anhin unbekannte Zwang zu Regeltreue wird möglicherweise noch einen anderen Effekt zeitigen. War dank Massenerträgen das Produzieren von Trauben bis heute ein einträgliches Metier, könnte sich das bald ändern. Im Verhältnis zur Grösse der Appellation gibt es im Bardolino-Gebiet überraschend wenig Selbstvermarkter. Die Vermarktung wird dominiert von den grossen Handelshäusern, die Millionen von Flaschen Bardolino abfüllen und vertreiben.
Solange die Pergeln dank intensiver Düngung und Bewässerung tonnenweise teuer bezahlte Trauben produzierten, bestand für die Winzer kein Grund dazu, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und sich ins Abenteuer der Selbstvermarktung zu stürzen. Wenn nun dank zurückgestufter Erträge auch die Einkommen zurückgehen, wird sich in Zukunft möglicherweise manchem Traubenwinzer eher als bisher der Reiz der Selbständigkeit erschliessen.

Appellation mit Minderwertigkeitskomplexen
Wenn sich hier keine Rivetti, keine Conterno-Fantino, keine Voerzio, aber auch keine Dal Forno, keine Bussola, keine Viviani und keine Gini oder Tamellini aus der bäuerlichen Anonymität ins internationale Weinrampenlicht emporgearbeitet haben, dann liegt das nicht zuletzt am Discount-Image des Bardolino.
Ein Ruf, der zur Folge hat, dass auch die angesehensten Winzer für ihre Bardolino ab Hof nicht mehr als drei, vier Euro lösen können. Auch wenn das immer noch das Drei- bis Vierfache dessen ist, was die Discounter den Grosskellereien bezahlen, ist diese Preisperspektive kein fruchtbarer Boden für Winzerselbstvertrauen.
Die meisten Winzer erzeugen deshalb neben Bardolino und Bardolino Superiore einen teuren Phantasiewein, oftmals eine Cuvée aus internationalen Sorten, an dem sich ihr önologisches Selbstwertgefühl hochziehen kann.
Es liegt in der gegenwärtig unmodischen Natur des Bardolino, dass sich mit ihm kein Staat machen lässt. Zarte, filigrane Weine werden von denen, die Meinung machen, nicht ernst genommen. Ein Beispiel: In der neuen "Guida de L\'Espresso" erhalten selbst die besten Bardolino nicht mehr als 13 von 20 möglichen Punkten. Weder ein Ansporn für potentielle Selbstvermarkter noch eine Ermutigung für bestandene Qualitätserzeuger.
Carlo Nerozzi, Spitzenwinzer auf einer Art Mini-Clos Vougeot (Le Vigne di San Pietro) über Sommacampagna, hat die Konsequenzen aus der Profillosigkeit des Bardolino-Images gezogen. Obschon sein Bardolino nicht nur einer der angesehensten, sondern auch einer der teuersten ist, wird er ab 2002 seine Trauben anderweitig verwerten.
Während die Kunden bereit sind für seinen Cabernet-Merlot-Blend Barolo-Preise zu bezahlen, vermag der Bardolino nicht mal die Produktionskosten zu decken. Auch wenn Nerozzi betont, dass es sich bei seiner Abkehr von der DOC nicht um einen Protestakt, sondern eine rein geschäftliche Entscheidung handle, ist es für den Bardolino kein gutes Omen, wenn ihm Leute wie Nerozzi den Rücken kehren.
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| Luciano Piona war nicht immer Winzer. In jungen Jahren jobte er sich im Sommer als Matrose und im Winter als Skilehrer durchs Leben. Dann studierte er Chemieingeneur, machte eine Informatikfirma auf und verkaufte sie wieder. Erst im Jahr 1985 wurde er sesshaft. Das war, als er auf dem Hobbyweingut seines Vaters seinen ersten Wein machte. Seit damals liess ihn der Wein nicht mehr los. Luciano Piona bewirtschaftet heute über 70 Hektar Reben und nennt zwei Weingüter, La Prendina - Provinz Mantua - und Cavalchina im Custoza-Bardolino-Gebiet, sein Eigen. Die Produktion beträgt 400000 Flaschen Wein, davon 70 000 Flaschen Bardolino. |
Anders die "grande Dame" des Bardolino. Die Contessa Maria-Cristina Loredan-Rizzardi vom historischen Weingut Guerrieri-Rizzardi lässt sich nicht von den Minderwertigkeitsgefühlen verunsicherter Winzerkollegen anstecken. Vielmehr setzt sie sich vehement für "ihren Bardolino" ein: «Der Bardolino ist ein grosser Wein! Er besitzt Eigenschaften, die ihn einzigartig und wichtig machen. Wenn ich irgendwo in der Welt in ein Restaurant gehe, dann finde ich überall immer die gleichen zwei Weintypen: entweder schwere, konstruierte Weine oder dann dünne, banale Tröpfchen. Ich möchte aber keinen von beiden trinken, sondern einen eleganten, runden, fruchtigen, frischen, leichten Wein, und der ist heute in der Restauration leider sehr selten geworden.»
Bardolino-Skeptiker, die das Glück haben, von der Gräfin im grossen Park ihrer Villa mitten in Bardolino empfangen zu werden, müssen damit rechnen, das Weingut nach zwei Stunden als geläuterte Menschen wieder zu verlassen. Die energische Dame lässt es sich nicht nehmen, einem ganz gründlich das Gehirn zu waschen.
Selbst vor die helle Farbe des Bardolino stellt sie sich mit Überzeugung: «Man neigt heute dazu, nur dunklen, tannin-, alkohol- und körperreichen Weinen Grösse zu attestieren. Das hat Auswirkungen natürlich auch auf die Bardolino-Produzenten. Auch sie versuchen nun, ihren Weinen mehr Körper zu geben. Solange das nicht mit fremden Sorten, sondern mit der Verringerung der Stockerträge erreicht wird, ist das nur positiv.
Aber die Farbe des Bardolino verändern zu wollen, ist grundsätzlich ein Irrtum. Der Ton der Bardolino-Farbe ist die des Granatapfels, nicht das Violett des Cabernets. Der Farbton ist nicht Mass für Qualität, sondern Ausdruck des Weintyps!»
Ratlosigkeit um die neue DOCG
Bardolino ist nicht nur der Name eines Rotweins. Neben dem Bardolino, dem Bardolino Classico, dem Bardolino Superiore und dem Bardolino Classico Superiore sehen die Produktionsregeln auch einen Rosé vor - Chiaretto genannt -, einen Spumante und einen Novello. "Wenn es nach mir ginge", so drückt Emilio Pedron seine Abneigung gegen das Bezeichnungschaos aus, "dann würde ich die Bezeichnung Bardolino nur noch für Rotwein zulassen."
Neue Visionen sind tatsächlich vonnöten. Das Bestreben nach mehr Übersichtlichkeit und besserem Ansehen mündet einstweilen in der neuen DOCG für den Bardolino Superiore. Zweifellos ein mutiges Unternehmen, ob die DOCG aber die Probleme der Appellation wirklich zu lösen vermag, muss sich erst noch zeigen.
Noch diesen Spätherbst wird der erste DOCG-Rotwein des Veneto auf den Markt kommen. Entgegen aller Logik handelt es sich dabei aber nicht um den Amarone della Valpolicella. Der Grund dafür, dass der Zwerg Bardolino den Giganten Amarone im Rennen um die DOCG schlagen konnte, liegt nicht etwa bei der grösseren Dringlichkeit, mit der der heitere Tropfen vom Gardasee eine strengere Kontrolle benötigte, sondern am geringeren inneren Widerstand: Während sich im Valpolicella-Gebiet gewisse Kreise mit Händen und Füssen gegen die Amarone-DOCG sträuben (nicht allen käme die durch die DOCG bedingte stärkere Kontrolle gelegen ), schaute man beim Bardolino der kleinen Gruppe von Leuten, die im Rahmen des Konsortiums an der DOCG arbeiteten, ziemlich teilnahmslos zu.
Der neue DOCG-Wein macht jedoch etwas ratlos. Es ist die selbe Ratlosigkeit, die einen beim Soave Superiore DOCG befällt: Soave Superiore und Soave, zwei Weine fast gleichen Namens, der eine mit garantiert kontrolliertem Ursprung, der andere nicht.
Da jedes Mittel, die Leiden des absatzkranken Weissen zu lindern, recht ist, muss man den DOCG-Machern beim Soave ein gewisses Verständnis entgegenbringen. Schon weniger nachvollziehbar hingegen sind die Gründe, die die DOCG für den Bardolino Superiore bedingten.
Die Ratlosigkeit hinsichtlich der Neuerung nährt sich aber nicht nur an der Zweispaltung des Bardolino in DOC und DOCG, sondern auch an der Änderung des Sortenspiegels: Muss man wirklich Verständnis dafür aufbringen, dass dem Super-DOCG-Bardolino in Zukunft bis zu zwanzig Prozent Merlot und Cabernet beigesetzt werden dürfen?
Selbst wenn die DOCG-Promoter betonen, dass schliesslich kein Produzent verpflichtet sei, diese Sorten tatsächlich zu verwenden, sondern die Produktionsregeln den Unternehmen lediglich den Weg zu grösserer stilistischer Freiheit ebnen wollten, weist das gestellt Signal in die verkehrte Richtung.
Wichtigste Grundregeln eines jeden Appellations-Marketings, nämlich die möglichst ausgeprägte Typisierung und Wiedererkennbarkeit der Produkte, werden damit ignoriert. Denn der Cabernet, und oft auch der Merlot, reifen in den Bardolino-Hügeln in den meisten Jahren bestenfalls zu grasig schmeckenden Vegetaltröpfchen mit grünem Tannin und violetter Farbe aus. Der durch Tradition und Sorten geprägte Charakter des Bardolino steht diesem Weintyp aber geradezu antipodisch gegenüber. Unmöglich, einen zu dünn oder zu hell geratenen Bardolino mit zehn Prozent lokalen Cabernets "aufzubessern", ohne den Bardolino-Charakter damit völlig zu verunstalten.
Skepsis zum Sorten-Babel der neuen DOCG äussern auch die Winzer. Gianni Piccoli zum Beispiel: «Ich bin gegen die fremden Sorten im Bardolino, auch wenn ich einräumen muss, dass in unseren Weinbergen schon immer ein paar Zeilen Merlot standen. Man pflanzte ihn wegen der Farbe, aber nie mehr als fünf Prozent. Merlot reift hier im Süden schon Mitte September und verliert seine Sortenmerkmale. Cabernet hingegen kann selbst hier, in einer der wärmsten Zonen des Bardolino erst nach dem 20. Oktober gelesen werden. Im nördlichen Bardolino reift er aber kaum je voll aus, sondern behält seinen sortentypischen Geschmack. Selbst kleinste Anteile schmeckt man dann noch raus.»
Auch Matilde Poggi ist gegen die fremden Sorten: "Die Einführung von Cabernet und Merlot war ein Fehler, denn beide Sorten prägen hier im klassischen Gebiet stark. Ich verstehe nicht, weshalb man nicht in die Corvina investieren wollte."
Tatsächlich ist nicht einzusehen, weshalb man in den neuen Produktionsregeln den Corvina-Anteil wie bisher auf ein Maximum von 65 Prozent begrenzt und den Produzenten damit eine Freiheit vorenthält, die bestimmt ebenso wichtig gewesen wäre wie die, Cabernet und Merlot verwenden zu dürfen.
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| Mauro Fortuna (Le Tende) bearbeitet derzeit acht Hektar Reben im Herzen des klassischen Bardolino-Gebietes. Kürzlich kamen weitere zehn Hektar Bardolino-Weinberge in Cavaion hinzu. Le Tende liegt im klassischen Gebiet bei Colà di Lazise und wird seit 1989 in einer Art joint venture von den beiden Familien Fortuna und Lucillini geführt. Le Tende zählt zu den Topbetrieben der Gegend und erzeugt rund 50 000 Flaschen Bardolino. Interessierten Besuchern gibt Mauro Fortuna gerne seinen reinsortigen Corvina 2001 zu kosten: ein herrlich kompletter, fruchtig-leichter und gleichzeitig zart strukturierter Wein: «Für mich ist das der Bardolino der Zukunft. Da muss mit nichts nachgeholfen werden, auch nicht mit Cabernet und Merlot!» |
Contessa Loredan-Rizzardi: "Wer die erlaubten zehn Prozent Cabernet und zehn Prozent Merlot tatsächlich verwendet, erhält Weine, die nicht mehr stark an Bardolino erinnern".
Befürworter von Cabernet und Co. halten dagegen, dass Merlot und Cabernet in guten Lagen, in modernen Anlagen und bei niedrigen Erträgen hier sehr wohl ausreifen und ihren grasigen Charakter grösstenteils verlieren würden. Wer so argumentiert, unterschlägt aber die Tatsache, dass die heimische Corvina unter solchen Idealbedingungen einen Super-Bardolino ergibt, der auf keine fremde Sortenhilfe angewiesen ist!
Indem man Cabernet und Merlot zuliess, schuf man die Voraussetzungen dafür, dass den wirklichen Spitzen-Bardolino von Anfang an die Schau gestohlen werden wird. Die DOCG-Promotoren - eine Gruppe von Grossproduzenten - haben sicher recht mit ihrer Forderung, dass die Weinberge modernisiert werden müssen und ihrem Anliegen, die allgemeine Qualität des Superiore zu sichern, kann man nur beipflichten aber ihre Sichtweise ist auf einem Auge blind!
Neben den verbesserungswürdigen Weinen der Grossproduzenten gibt es bereits heute eine Reihe von Topweinen aus Spitzenlagen auf der Basis von traditionellen Sorten. Diesen echten Terroirweinen, die die Eigenarten der Appellation aufs Schönste zum Ausdruck bringen, bietet das DOCG-Disziplinar schlechte Wettbewerbsbedingungen. Auf Grund der Sortenliberalisierung werden sich typische, authentische Bardolino mit ihren subtilen Geschmacksmerkmalen in Zukunft vermehrt mit marktschnittigen, gekonnt assemblierten Weinen messen müssen.
Die Erfahrung lehrt aber, dass der Markt solche Nuancen nicht in nützlicher Frist richtig interpretiert: Blender und Kompromissler kommen in der Regel rascher voran als charaktervolle Autochthone.
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| Matilde Poggi bewirtschaftet das mittelgrosse Familienweingut «Le Fraghe» bei Cavaion. Von den 28 Hektar, auf denen unter anderem rund 40 000 Flaschen Bardolino erzeugt werden, hat Matilde bereits einen grossen Teil auf Dichtpflanzungen umgestellt. Seit 1984 kümmert sich Matilde hauptberuflich um Le Fraghe und gehört zu jener Gruppe von Winzern, die dem Bardolino ein Mass an Aufmerksamkeit zukommen lassen, die einem für diesen Wein Hoffnung schöpfen lässt. Matilde erzeugt wie alle Bardolino-Betriebe auch einen vielbeachteten Premium-Rotwein. Aber eigentlich würde sie vorziehen, wenn dem Bardolino mehr Beachtung zukommen würde. |
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| Frank Jugert bereiste als Siemens-Mitarbeiter die ganze Welt. Seit 35 Jahren plagte ihn jedoch das Fernweh nach seiner Wunschheimat Bardolino. Vor neun Jahren erfüllte er sich seinen Traum und erwarb das kleine Weingut Ca’ dell’Ora. Zusammen mit seinem Schwiegersohn Claudio Tambara bearbeitet er fünf Hektar Reben und erzeugt unter anderem 40 000 Flaschen Bardolino. Die beiden sehr unterschiedlichen Charaktere scheinen sich bestens zu verstehen und es steht ausser Zweifel, dass sich ihr Qualitätsehrgeiz in den kommenden Jahren in immer besseren Bardolino ausdrücken wird. |
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| Carlo Nerozzi erwarb das parkartige Weingut Le Vigne di San Pietro auf dem Hügel direkt über Sommacampagna im Jahr 1980. Die zwölf Hektar Reben ergeben 90 000 Flaschen, wovon 35 000 Flaschen Bardolino. Ab diesem Jahr wird Nerozzi aber vom Bardolino Abschied nehmen und sich auf seine Premium-Roten «Refolà» (aus angetrockneten Cabernet- und Merlot-Trauben) und den «Balconi rossi»- aus einheimischen Sorten - konzentrieren. Er glaube zwar - so Nerozzi - an den Bardolino, aber dessen Produktion sei für ihn auf Grund der niedrigen Verkaufspreise unrentabel. |
Superiore: Neu, besser und teurer
Ratlos scheinen aber auch die DOCG-Initianten selbst zu sein. Auf die Frage, wie der künftige Superiore denn geartet sein solle, kommt keine einheitliche Antwort. Wie der erste Bardolino Superiore mit Jahrgang 2001 schmecken und riechen soll, wissen die Produzenten selbst nicht.
Wird der DOCG durch besser ausgereifte Trauben und längere Mazerierung ein etwas dunklerer, strukturierterer Bardolino sein? Haben wir eine Art Ripasso nach dem Vorbild des Valpolicella zu erwarten? Oder ein mit angetrockneten Trauben verstärkter Bardolino? Müssen wir uns gar auf einen internationaler Wein mit Röst- und Cabernetnoten gefasst machen? "Keine Ahnung", heisst es in Bardolino.
Wurde die DOCG rasch und effizient durch die Instanzen geboxt, scheint man der Frage der Stilistik jedoch keine grosse Wichtigkeit einzuräumen: Diesen Sommer will man sich treffen und versuchen, einen gemeinsamen stilistischen Nenner zu finden Etwas spät, dünkt einem.
Einen Anhaltspunkt liefert Pedron: «Für unseren Superiore habe ich das Bild eines jungen, fruchtigen Rotwein im Kopf, ohne Barriques, ohne Ripasso. Keine Imitation von irgendwas, sondern einfach ein besserer, konzentrierterer Bardolino. Der Wein, der mir vorschwebt, gelingt Gianni Piccoli in manchen Jahren.»
Als weiterer möglicher Prototyp für den zukünftigen Superiore gilt der Santa Lucia 2000 von Cavalchina. Der Wein ist farbintensiv und kraftvoll, weist viel Fülle auf und verfügt über eine stattliche Tanninstruktur. Ganz offensichtlich ein guter Wein, aber für Puristen schon fast kein Bardolino mehr.
Luciano Piona, kein Mann, der sich vor Selbstzweifeln fürchtet, steht zu seinem Dilemma: «Ich möchte meinen Bardolino so gut wie möglich machen. Ich frage mich aber, wie ein grosser Bardolino schmecken soll. Wie sieht die Qualität aus, die ich in einen Bardolino stecken darf, ohne ihn zu verfremden? Ist vielleicht die Persönlichkeit eines Weins manchmal wichtiger als mögliche Mehrqualität? Muss man in gewissen Fällen vielleicht sogar auf Mehrqualität verzichten, wenn dadurch Charakter verdeckt würde»?
Einigkeit herrscht darüber, dass der Superiore DOCG ein Wein werden soll, der sich vom einfachen Bardolino abhebt. Qualitativ und natürlich auch preislich. Emilio Pedron: «Dem Bardolino mangelt es an Würde, deshalb fehlt es auch den Produzenten an Leidenschaft für diesen Wein. Die DOCG soll dem Bardolino die Würde zurückgeben und unserer Appellation wieder Ansehen bringen, nur so lässt sich eine positive Entwicklung auslösen.»
Zudem stellt Pedron klar, dass nur ein kleiner Anteil des Bardolino DOCG werden solle. "Die pauschale DOCG für Chianti, Albana, Asti, etc. war ein enormer Fehler. Mit der DOCG wollen wir deshalb einen neuen Weintyp schaffen, nicht der ganzen Bardolino-Produktion die DOCG verleihen." Nicht mehr als zehn bis zwanzig Prozent der Bardolino-Produktion sollen zu Anfang in der DOCG-Klasse spielen dürfen.
Besserer Wein aus besserem Weinbau
Lobenswert ist bei aller Kritikwürdigkeit des neuen Superiore der Grundgedanke, dass jede Qualitätsverbesserung im Weinberg beginnen muss. Man ist sich klar, dass die Pergel nicht in der Lage ist, Qualität kostendeckend zu erzeugen und deshalb verschwinden muss.
Auch wenn die Frist, während der die DOCG-Weinberge auf Spaliererziehung (Guyot) umgestellt werden müssen, mit fünfzehn Jahren grosszügig bemessen ist, auch wenn die Mindeststockdichte von 3300 Rebstöcken/Hektar stark nach Kompromiss riecht, auch wenn man es unterlassen hat, den Stockertrag zu limitieren, setzte man mit dem Hektarertrag von 9000 Kilo die Messlatte vergleichsweise hoch. Mit 9000 Kilo Trauben, respektive 6300 Liter Wein, lässt sich zwar kein Brunello erzeugen, sicher aber ein ausgezeichneter Bardolino. Dies jedenfalls mit den modernen Dichtpflanzungen, von denen die alten Pergelplantagen auf vorbildlichen Betrieben zunehmend abgelöst werden.
Wie die Contessa Loredan-Rizzardi erklärt, ist die Tradition der Pergola gar nicht so alt: «In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, als die Winzer ihren Wein alle noch selber kelterten und verkauften, wurden die Reben häufig im Bäumchenschnitt erzogen. Die ertragreiche Pergola fasste erst nach dem Krieg, mit dem Aufkommen der Weinindustrie, so richtig Fuss.»
Gianni Piccoli hat sämtliche Pergeln bereits durch Guyot ersetzt und seine jüngst angelegten Weinberge mit 6000 Pflanzen pro Hektar bestockt. Matilde Poggi begann vor fünf Jahren, ihre Pergeln zu roden und durch Drahtrahmenerziehung mit 5000 Pflanzen pro Hektar zu ersetzen.
Der Meinung, dass Pergeln nicht grundsätzlich zu verdammen seien, ist Luciano Piona: «In Pergelanlagen stehen 2000 Rebstöcke pro Hektar, in modernen Anlagen 5000. Es ist nicht unmöglich, mit der Pergel Qualität zu erzeugen, aber natürlich nur mit einem unrentabel niedrigen Hektarertrag. Trotzdem: Falls ich, um einen Qualitätswein zu erzeugen, zwischen einer fünfzigjährigen Pergola und einem vierjährigen Guyot wählen müsste, würde ich die fünfzigjährige Pergola nehmen.»
Dichtpflanzungen sind keine Garantie für Qualität, sondern verringern lediglich deren Kosten: Dichtpflanzungen ermöglichen bei gleicher Qualität höhere Hektarerträge, umgekehrt ergeben sie bei gleichen Hektarerträgen die bessere Qualität.
Die Gruppo Italiano Vini hat auf dem Weingut Preella sieben Hektar mit 5000 Corvina-Stöcken pro Hektar bepflanzt. Emilio Pedron: "Mich überzeugt an dieser Art von Weinbau, dass dabei nicht nur bessere Weine herauskommen, sondern dass er auch viel weniger kostet als die Pergola. Dank der Mechanisierung sparen wir bei den Bewirtschaftungskosten mehr als die Hälfte."
Bei dieser Kostenrechnung fällt allerdings entscheidend auch die Ersparnis durch den Einsatz von Erntemaschinen ins Gewicht. Für die modernen Anlagen spricht zudem, dass Pergelpflanzungen reichlich gedüngt und bewässert werden müssen, während die schwachwüchsigen Dichtpflanzungen ohne Wasser und mit wenig Dünger auskommen.
Sorten: Corvina heisst die Seele des Bardolino
Neben der Corvina spielen im Mischsatz von Bardolino und Valpolicella die Rondinella und die Molinara nur Nebenrollen. Die Corvina gibt dem Bardolino Aromen, Frucht und Rundheit, sie besitzt hingegen wenig Säure und ist farbarm. Für Farbe, Säure, und Tanninstruktur ist die Rondinella da. Während sich die Winzer einig sind darüber, dass die Zukunft des Bardolino in der Corvina liege und die dritte Traditionssorte, die Molinara, wertlos sei und eliminiert gehörte, gehen ihre Meinungen zur Rondinella auseinander.
Mauro Fortuna: "Die Molinara verdünnt nur, hat zwar Bukett, aber keinerlei Struktur. Reinsortig vinifizierte Corvina ergibt elegante, feine und komplette Weine mit Pfeffer- und Rosenaromen."
Matilde Poggi vinifiziert die einzelnen Sorten separat und assembliert sie erst nach der Gärung zum Bardolino. Traditionell werden im Bardolino-Gebiet die Trauben jedoch gleichzeitig geerntet und gemeinsam vinifiziert. "Ein Irrtum", klärt Poggi auf, "die Corvina reift hier im klassischen Gebiet rund zehn Tage vor der Rondinella. Es ist wichtig, dass neue Weinberge nicht im Mischsatz bepflanzt, sondern die Sorten getrennt angebaut werden."
Die Molinara hat Matilde Poggi bereits eliminiert, und am liebsten würde sie auch die Rondinella weglassen. "Die Corvina ergibt einen kompletten Rotwein, die Rondinella nicht."
Nicht derselben Meinung ist Gianni Piccoli: «Gute Rondinella-Klone sind wertvoll, allerdings nur dann, wenn die Trauben die Vollreife erreichen. Eine gute Rondinella gibt dem Bardolino Farbe und Struktur. Hier im Süden reift die Rondinella gut und gibt auch nicht zuviel Säure. Während die Rondinella eine dickere Schale besitzt und man bei ihr länger mit der Lese zuwarten kann, ist die Corvina empfindlicher und fault im Herbst rasch. Dieser Nachteil kommt vor allem bei den Pergeln zum Tragen: Wo gedüngt und bewässert wird, muss die Corvina geerntet werden bevor sie reif ist. Das Resultat sind wässrige Weine mit grünen Tanninen.»
Der Bardolino ist wahrlich kein Blockbuster: Kaum Farbe, kaum spürbare Tanninstruktur, schlanker Körper. Dass man einen Bardolino aus gutem Hause aber nicht unterschätzen sollte, zeigt ein Beispiel aus dem Keller von Le Tende. Mauro Fortuna erzeugt dort neben Bardolino einen reinsortigen Merlot.
Obschon der Merlot in der Verkostung ungleich dichter und körperreicher wirkt als der Bardolino, weisen die beiden Weine in der Analyse einen fast identischen Trockenextraktgehalt auf. Fortuna: «Das zeigt, dass beiden Weinen vergleichbare Traubenqualität zu Grunde liegt. Der geschmackliche Unterschied kommt aber nicht zuletzt davon, dass der Bardolino nur drei, vier Tage mazeriert, während der Merlot mindestens zehn Tage lang auf der Maische bleibt.»
Eine unsympathische Begleiterscheinung der DOCG ist die Änderung des Sortenspiegels auch für den DOC-Bardolino. Damit der Bardolino DOCG nahtlos zu Bardolino DOC deklassiert werden kann und um der Produktion grösstmögliche Flexibilität zu geben, wurden die Produktionsregeln des DOC einfach der DOCG angepasst: Cabernet und Merlot dürfen fortan auch dem einfachen Bardolino zugesetzt werden.
Mit Cabernet aufgerichtete Bardolino erkennt man aber auf den ersten Blick und den ersten Schluck. Cabernet macht einen dünnen Bardolino nicht kräftiger, er leiht ihm lediglich seine violette Farbe, seine an Efeu und grüne Pfefferschoten erinnernde Frucht und sein zu Kühle neigendes Tanninskelett. Mit etwas korrigierender Restsüsse ausgestattet - erlaubt sind bis zu sechs Gramm pro Liter - werden in Zukunft auch Mager-Bardolino Staat machen können.
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| Die Contessa Maria-Cristina Loredan-Rizzardi hat die Leitung über ihr grosse Weingut Guerrieri-Rizzardi in Bardolino jüngst ihren Kindern übergeben. Von ihrem Ruhestand spricht sie jedoch nur so lange, bis jemand es wagt, dem Bardolino zu nahezutreten: Die Contessa kann sich sehr energisch für ihre Appellation ins Zeug legen! Die Geschichte von Guerrieri-Rizzardi beginnt weit zurück im Mittelalter: Es war im Jahr 1450, als die Vorfahren ihres Mannes von der Republik Venedig jenen Teil der Stadtmauer erwarben, an dem die Kellergebäude und die Villa stehen. Auf 100 Hektar Weinbergen in Bardolino, Valpolicella und Soave werden unter anderen Weinen rund 250 000 Flaschen Bardolino erzeugt. Die Contessa zur neuen DOCG: «Die Reduzierung des Hektarertrags ist ein erster Schritt, um den Bardolino wieder aufzuwerten.» |
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| Paolo Grigolli ist Önologe. Seit seinem Studium beschäftigt er sich mit der Erzeugung von Valpolicella, Amarone, Soave und Bardolino. Zuletzt arbeitete er als technischer Direktor bei Bertani, heute bei der Cantina Sociale Veronese del Garda in Castelnuovo. Sein jetziger Job besteht darin, jeden Herbst über sechzehntausend Tonnen Trauben zu Wein zu machen. Grigolli kennt die Probleme des Veroneser Weinbaus wie kaum ein anderer. Auf den Vorwurf von Selbstkelterern und Abfüller, die Coops seien an der mickrigen Qualität des Bardolino schuld, erwidert Grigolli: «Das Management der Genossenschaften hat nur sehr beschränkte Handlungsfreiheit, die Mitglieder sind am Ende ja unsere Vorgesetzten.» |
Protagonist des Gegentrends
Önologen, Maschinen und Klimaveränderung werden uns in den kommenden Jahren immer mehr dunkle, konzentrierte, opulente Bodybuilding-Weine bescheren. Irgendwann - möglicherweise bald - könnte die Lust auf diese Röstmarmeladen in Überdruss umschlagen.
Dann werden Alternativen gefragt sein. Teile des Premium-Marktes werden sich für andere, heute vielleicht noch verpönte Weintypen öffnen. Möglicherweise werden sich manche Weinliebhaber, die ihre Keller mit teuren Gewächsen vollgestopft haben, nach Weinen umsehen, die man ohne schlechtes Gewissen trinken darf. Genug von komplizierten Weinen, genug von nicht gehaltenen Haltbarkeitsversprechungen, genug von unverschämten Preisen, werden immer mehr Weinfreunde Qualität anders zu definieren beginnen.
Möglicherweise werden sich immer weniger Weinfreunde davor schämen, einen Wein nur deshalb zu kaufen, weil er einfach gut schmeckt. Dann könnten unkomplizierte, elegante, aber gut gemachte Weine aus lokalen Sorten zu Protagonisten eines Gegentrends werden. Möglicherweise kommt die neue DOCG des Bardolino Superiore dazu gerade rechtzeitig, möglicherweise liefert sie der Appellation das Rückgrat für die notwendige Würde, die ein Trendwein besitzen muss.
Bleibt nur zu hoffen, dass die neue DOCG von den Produzenten nicht falsch interpretiert wird und sie nun mit "Super-Bardolino" nicht versuchen, einer verblassenden Mode hinterherzurennen
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Andreas März(Merum)
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