Eigentlich wird Wein eher mit „Weib und Gesang” in Verbindung gebracht, als mit echten Freundschaften. Es bleibt zwar unbestritten: Wein verbindet - doch eher unter der Herrschaft eines trunkenen Bacchus als begleitet von der tugendhaften Siwa. Von der Kumpanei bis zum Saufgelage, von der weinseligen Bruderschaft bis zur protzigen Angeberei ist Wein recht häufig mit im Spiel.
|
|
Gespräch mit Winzer Markus Heid (rechts)
|
Wenn ich heute von einer wunderschönen Freundschaft spreche, die mir der Wein beschert hat, dann denke ich nicht eine der flüchtigen Begegnungen an üppig gedeckten Tafeln, nicht an fachsimpelnde Gespräche bei Degustationen, an Einladungen zwecks Bewunderung eines prestigeträchtigen Weinkellers, an geschäftliche Verhandlungen, die durch einen guten Tropfen beflügelt werden.'
Nein, ich spreche von Freundschaften, die sich zwar mit und aus dem Wein entwickelt haben, sich auch oft und gern mit Wein beschäftigen, doch längst bedeutend mehr Dimensionen und Facetten des Lebens umfassen, von der Kultur über Lebensgestaltung bis hin zu ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Entwürfen.
|
|
Himmelsfreuden - Barockdecke im Schloss von Ludwigsburg
|
Wein verbindet. Es ist nicht in erster Linie der Alkohol, der dies tut, wie viele behaupten oder glauben; es ist vielmehr das Verweilen im Augenblick des Genusses, zumindest dann, wenn das Geniessen als Gabe hingenommen wird, nicht verziert und gekrönt mit wertendem, beschreibendem Firlefanz. Echte Freude am Genuss fördert auch die Toleranz. Toleranz gegenüber jenen, die im Augenblick mehr oder vielleicht auch weniger geniessen können (weil eben jeder Wein nicht allen gleich gut schmeckt). Mit der Genussfreude verbindet sich aber auch das Interesse an dem, was man selber vielleicht (noch) nicht geniessen kann, was aber andern höchste Lust bereitet.
|
|
Besuch bei Ernst Dautel. Im Vordergrund die Auszeichnung „Kollektion des Jahres” von Wein-Plus.de
|
Wenn sich dabei eine Offenheit einstellt, immer wieder Neues zu erkunden, kann Wein auch zusammenschweissen, verbinden und zu Freundschaften führen. Zuerst sind es wohl Weine, die gemeinsam erkundet werden, bald aber können es auch Weingegenden oder Weingüter sein, bis hin zu unterschiedlichem Erleben von Menschen und Kulturen. Der Kulturbegriff öffnet sich, weitet sich aus bis hin zur Kunst.
Genau dies habe ich erlebt und erlebe es immer wieder. Ein Beispiel dafür ist die fünfte „Pensionistenreise”, die uns wieder durch deutsche Weingebiete führte. Einmal im Jahr brechen wir auf , um uns drei, vier Tage in einem Weingebiet umzusehen: Rheingau, Weinfranken, Pfalz, Mosel und dieses Jahr - wir sind soeben zurückgekehrt -Württemberg. Diese kleine Reisetradition - es sind nicht immer alles Pensionisten - kam vor Jahren erstmals zustande, als mich deutsche Weinfreunde, die ich durch das Forum kennen gelernt habe, in „ihre” Weingebiete einführen wollten. Natürlich ging es zu allererst um den Riesling, den ich Banause so gar nicht geniessen und schon gar nicht loben wollte. Ganz einfach, weil ich ihn zu wenig kannte, weil ich kaum Weisswein trinke und überhaupt..... Hat sich ein Erfolg eingestellt? In bescheidenem Mass, gemessen an meiner Begeisterung für französische Rotweine. Zwar trinke ich nun ab und zu auch Weissen, vor allem Riesling; zwar habe ich jetzt sogar Spass an einem guten deutschen Tropfen; ich vermag auch schon Qualitäten zu unterscheiden und selbstverständlich kenne ich jetzt auch eine ganze Reihe deutscher Weingüter, Namen, ja sogar Qualitätsstufen.
|
|
Rebberge in Würtemberg
|
Der eigentliche Erfolg dieser Reisen lässt sich aber ganz anders messen: bei den Freundschaften. Es sind inzwischen Freundschaften, die nicht dauernd um den Wein kreisen, die zwar ein gutes, ja das beste Glas vertragen, doch nicht brauchen, die zwar nur ein paar Tage der Gemeinschaft umfassen, aber jetzt schon über Jahre bestehen. Die nicht nach Sinn, Erfolg und Gewinn fragen, sondern einfach sind.
Nein, ich idealisiere diese Weinfreundschaften nicht, und ich habe nicht zu stark ins Glas geschaut. In diesen Freundschaften gibt es durchaus auch Diskussionen, Auseinandersetzungen, Differenzen, gibt es Dispute und betretenes Schweigen, unterschiedliche Interessen und entgegengesetzte Urteile, nicht nur bezüglich des Weins. Eine Freundschaft ist eben so, wie das Leben ist: Stimmungen, Vorurteilen, ja Wechselbädern ausgesetzt. Was diese Weinfreundschaft auszeichnet, vielleicht sogar einmalig macht: man trifft sich immer wieder, jederzeit und ohne Vorbehalte beim Genuss des Weins. Man setzt sich erwartungsfroh am Abend an einen Tisch und erzählt sich Geschichten, nicht nur von und über den Wein. Anderntags steht man kritisch interessiert, neugierig und erlebnishungrig den besuchten Winzern gegenüber, Man meint es zu spüren, auch wenn es niemand sagt: das Leben ist schön, und man findet dies auch, wenn dem nicht immer so ist.
|
|
Genuss des Augenblick an der gedeckten Tafel
|
Ja, Weingenuss hat etwas mit dem Augenblick zu tun - Freundschaften auch. Wenn sie echt sind, überdauern sie den Moment, bleiben als messbare Werte bestehen, lange, vielleicht für immer. Wenn sich Wein und Freundschaft verbinden, dann wird der Wein zum Gegenstand der Erinnerung. Es ist fast so, wie bei Ferienfotos. Da liegt der Wert auch nicht beim x-ten Abbild einer Landschaft, eines Denkmals oder davor gestellten, gequält lächelnden Menschen. Der Wert dieser Momentaufnahmen liegt in dem, was dahinter verborgen ist. Das Erlebnis, die Freude, vielleicht sogar das Glück des Augenblicks. Diese Gefühle sind für die Beteiligten beim Betrachten der Fotos jederzeit abrufbar, für Aussenstehende bleiben die Aufnahmen meist weitgehend beliebig, uninteressant und verschlossen.
|
|
Erinnerungsbild vor dem Rathaus in Fellbach
|
Weine können eben auch Erinnerungsbilder sein, pathetisch ausgedrückt: Denkmäler. Ihre Qualität ist zwar meist vorhanden (wir besuchen ja die besten Winzer), doch der eigentliche, der persönliche Wert liegt in dem, was dahinter steht, das Erlebnis, die Erinnerung, die Freundschaft.
|
|
Wein als Denkmal der Freundschaft
|
Meine neuen Denkmäler in Württemberg sind auf vier Weingütern erschaffen worden: auf den Weingütern Heid in Fellbach, Dautel in Bönnigheim, Wachtstetter in Pfaffenhofen und Schnaitmann in Fellbach. Und wo sind die andern - vielleicht noch berühmteren oder besseren Winzer des Gebiets? Zum Beispiel Gert Aldinger in Fellbach, Graf Neipperg in Schwaigern, Graf Adelmann in Kleinbottwar und, und, und
Für die einen sind dies eben nur Namen, für andere Genusswerte, für dritte ein Stück eigene Weinkultur, für viele aber grosse Unbekannte. Für mich sind die ersten vier zu Denkmälern geworden, die andern kenne ich „nur” als Namen, auf Grund von Bewertungen oder durch eigenen Konsum. Doch dies ist etwas anderes.
Die vier Weine sind - über den Genuss hinaus - Erinnerungsbilder einer Freundschaft. Erinnerungsbilder von Begegnungen. Erinnerungsbilder kultureller Freuden. Sie sind stärker als alle Ferienfotos, auch viel stärker als die Bewertung, die ich auf ein Blatt gekritzelt habe. Sie sind Zeugen einer Weinfreundschaft.
Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)