Es sind immer wieder Bilder, die mich berühren, ansprechen, treffen, und meist mehr sagen als noch so viele kluge Artikel. Es sind Bilder, die zwar wenig erklären, dafür aber laut sprechen, rufen, schreien! Solch ein Bild hat mich aufgeschreckt. Es wurde als ein „Bild des Jahres” in der südfranzösischen Regionalzeitung „Midi Libre” zum Jahresende publiziert. Darunter die Schlagzeile (übersetzt) „In Sète, am 6. März 2006, eine Aktion der regionalen Winzer, gegen den Wein, der aus dem Ausland eingeführt wird.....”
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Schockbild im „Midi Libre”: Aktion von Winzern gegen den Import von Billigweinen
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Tatsächlich - ich habe es schon fast vergessen - hat im März des vergangenen Jahres ein „Comité d’Action Viticole” in den Departementen „Hérault” und „Aude” zugeschlagen. In Vinassan haben etwa 30 vermummte Männer, mit Werkzeugen bewaffnet, die Weinlager eines Großhändlers heimgesucht und die Schleusen der „Cuves” geöffnet: 15.000 Hektoliter Wein sind dabei ausgelaufen.
Ich meine das verständnislose Kopfschütteln zu sehen, das durch die „Weinwelt” von Hamburg bis Wien geht: „Gewalt, das ist doch keine Lösung! Die sollen bessere Weine machen!” Und all die dreimalklugen Kommentare: „Strukturbereinigung ist dringend nötig, auch im Languedoc!” Gegen die Globalisierung lässt sich nichts machen, der Wettbewerb bringt dem Konsumenten nur Vorteile: billiger und besser!
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Schlagzeile vom Dezember 2006 im „WeinWisser”: Baron d’Arques: Mouton-Wein aus dem Languedoc
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Am gleichen Tag entdeckte ich ein anderes, kleineres, viel friedlicheres Bild, im „WeinWisser” von René Gabriel. Die Bildlegende: „Baronin Philippine de Rothschild mit ihren beiden Söhnen Philippe (links) und Julien.” Das Bild entstand in Bordeaux, anlässlich der Präsentation des zweiten Jahrgangs von „Baron d’Arques”, einem Weingut der Rothschilds in der Nähe von Limoux, im Herzen der Languedoc. Die einstige Domaine „Lambert” wurde vom Mouton-Unternehmen vor fünf Jahren gekauft, renoviert, mit moderner Technik versehen und zum Teil neu bepflanzt. Jetzt präsentiert also das Bordeaux-Unternehmen seinen Wein aus dem Languedoc, 35 Euro die Flasche. „Sehr gut”, schreibt Gabriel, „aber teuer.”
Mouton Rothschild ist nicht das einzige Bordeaux-Unternehmen, das den Süden entdeckt. Ein für den Wein geradezu ideales Klima, vorzügliches Terroir, riesige mit Rebstöcken bepflanzte Flächen, im Vergleich zu anderen Weinregionen billiges Land, verkaufswillige Winzer.... Mondavi ist es zwar vor Jahren nicht gelungen, im Languedoc Fuß zu fassen, dafür sind andere gekommen, wohlgelittenere: Depardieu, Magrez, Rothschild und, und, und... Und ich meine, die Weinwelt zwischen Hamburg und Wien wieder jubeln zu hören: „Eine echte Chance für die Region, ein Gewinn für eine große Gegend....”
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Winterlicher Rebberg: ein winziges Stück von 300.000 ha Land, mit Reben bepflanzt
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Ich sitze am Quai des Jachthafens von Cap d’Agde, einem Ferienort, der vor dreißig Jahren „aus dem Boden gestampft” wurde. Jetzt, im Winter, ist es ruhig auf der Promenade, wo sich im Sommer der Urlaubstrom wälzt. Soeben habe ich eine gute Stunde den Pétanque-Spielern zugeschaut, ihrem rauen Dialekt gelauscht, das leidenschaftliche Spiel verfolgt. Die „alte Garde” der Languedocien, wie sie zum Beispiel von Pagnol beschrieben und auf die Leinwand gebracht wurde. Eine liebevoll gezeichnete - für uns exotische - Welt. Jetzt ist sie fast unter sich. Die Retortenstadt zählt im Winter vielleicht 2.000 Einwohner, im Sommer werden es 200.000 sein!
Hunderte, ja Tausende von Jachten, die billigsten zu knapp 100.000 Franken, die teuersten weit über eine Million, schaukeln verlassen im Hafen. Vor mir ein Glas „Vin de Table” - namenlos - wohl von einer der vielen Genossenschaften. Der Wein ist jung, frisch, fruchtig - aber auch etwas sperrig: fast wie die Menschen, die im Hinterland leben, nur ein paar Kilometer vom mondänen Strand entfernt. Wie die Pétanque-Spieler, die sich jeden Nachmittag treffen. Wie die Winzer, die am Samstag persönlich auf dem Markt ihre Produkte anbieten, auch im Winter.
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Am sonst mondänen Quai: Ein Glas „Vin de Pay” zu drei Euro
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Und ich genieße den „Vin de Pay”. Wieder sehe ich die Weinwelt zwischen Hamburg und Wien die Nase „rümpfen”: Schrecklich! Das ist doch kein Wein! Und ich stelle mir vor, dass auf all den Jachten vor mir Qualitätswein von Rothschild, Magrez, Depardieu aufgetischt wird, 30 Euro und viel mehr, die Flasche.
Mein Glas „Languedoc” kostet im Restaurant drei Euro, im Bistro auf dem Land noch viel weniger. Und plötzlich tauchen wieder die beiden Bilder auf: zwei Weinwelten, die sich wohl nie vertragen werden. Die eine wird schließlich Sieger sein, denn der Markt wird es richten. Der Konsument bekommt besseres, für weniger Geld, so die reine Lehre.
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Im Jachthafen sind meist „ander” Weine gefragt, jene die über 50 Euro kosten
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Und ich denke an die Menschen, die den Wein machen, an die verzweifelten Männer, die mit „Gewalt” ihre ohnehin karge Existenz verteidigen, an die Global-Player, die hier noch günstiger, noch besser produzieren können, an die importierte Massenware Wein, die modisch aufgebessert mit chicken Etiketten versehen - für wenig Geld - auf den Markt kommen.
Der „Vin de Pay” vor mir entwickelt sich unversehens zum großen Wein, zum Erlebnis, zum Genuss - als wäre es ein Mouton. Ich bin so glücklich, dass ich dabei nicht nur Wein, sondern mit dem Wein eine Gegend, Menschen, ihre Arbeit und ihre Sorgen besser verstehen lerne.
Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)