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Sigrun Essenpreis
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Die 5 Sinne - der Sehsinn, der Hörsinn, der Geruchsinn, der Schmecksinn, der Tastsinn - sind unsere Pforten zur Welt. Nur über sie ist es dem Menschen möglich seine Umwelt zu deuten und sich über diesen Weg darüber bewusst zu werden. Im Englischen hat sich das Wissen darum im Wort "consciousness engl. für Bewusstheit" erhalten. Dieses Wort ist nichts anderes als die Zusammensetzung von "con, aus dem lateinischen für mit" und "senses, aus dem lateinischen sensum für die Sinne". Auf den Punkt gebracht lautet dieses Wort also: "Bewusstheit über die Sinne". Auch im Deutschen wissen wir, dass "etwas Sinn macht" ;oder aber, wenn "jemand von allen Sinnen ist", wähnen wir den Betreffenden dem vernebelten Wahnsinn näher als der klaren Bewusstheit. Auch dass es "fünf Sinne" sind, sollte uns zu denken geben, scheint es doch so zu sein, dass man zur "Quintessenz" also zum Wesentlichen nur über den Einsatz aller "fünf = lat. quint" und "sententia = lat. für Sinne" kommt. Welche eine "Sensation"!
Nun ist es ja kein Geheimnis, dass jeder von uns beim Essen und Trinken alle 5 Sinne zum Einsatz bringt. Wie bewusst Sie dies tun, bestimmt am Ende die Qualität und Intensität Ihres Genusserlebnisses und endet bei mehr oder weniger (Er)kenntnis. Ich möchte heute in dieser Kolumne etwas näher auf den Geruchsinn und Wein eingehen. Zunächst einmal haben Sie es buchstäblich selbst in der Hand, wie viel Sie von einem Wein riechen. Machen Sie einmal diesen Selbstversuch: Schenken Sie sich ein Stielglas mit Wein ein - sich selbst zu liebe einen guten! Dann nehmen Sie das Glas in die Hand, führen es zur Nase und riechen daran. Danach setzen Sie das Glas ab, halten es am Stiel und drehen das Glas so, dass der Wein im Glas so ungefähr fünf Mal herum gewirbelt wird. Sofort darauf das Glas wieder an die Nase führen, und ...? Der Duft ist nun stärker und Sie riechen auch mehr verschiedene Aromen! Kleiner Exkurs: Das ist der Grund, warum in guten Restaurants, wo es ja idealerweise um die Optimierung von Genuss gehen sollte, das Weinglas höchstens bis zur Hälfte gefüllt wird, denn nur so kann man das Glas zügig schwenken, ohne dass etwas vom Wein überschwappt. Der Stiel beim Glas hat auch etwas mit Stil zu tun, von dem wird bei einer anderen Gelegenheit in dieser Rubrik die Rede sein.
Zurück zum Geruchsinn und Wein. Es gibt ja, wie Sie wissen, verschiedene Rebsorten - genauer gesagt findet man in der Literatur rund 8000 beschriebene, aber nur rund 200 Rebsorten davon haben weltweit gesehen in der Weinerzeugung wirklich Bedeutung. Als Kriterium zur Klassifikation der Rebensorten eignet sich auch die Einteilung nach Duftrebsorten und solchen, die der Nase neutraler begegnen. Zu den "duften" Sorten zählen bei den Klassikern für Weißweine der Muskateller und der Gewürztraminer; bei den Neuzüchtungen, die eher in Deutschland verbreitet sind, betört uns das Parfum der Scheurebe, des Bacchus und des Morio-Muskats. Bei den roten Rebsorten fällt mir spontan der Muskat-Trollinger - den kennt eher der schwäbische Genießer - ein. Im weitesten Sinne würde ich auch die Gamay-Rebe - aus der sind zu 100% die roten Beaujolais gekeltert - dazu zählen. Das wär´s dann bei den Roten.
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Die zeitliche Nähe zum Tag des Heiligen St. Martin am 11. November - dem traditionellen Auftakt zum Gänsebratenessen - bringt mich auf die Idee etwas weiter über den Gewürztraminer zu "sinnieren". Typische Leitaromen des Gewürztraminers - also die Düfte, an denen man die jeweilige Rebsorte erkennt, wenn man als nasentrainierter ins Glas riecht, sind Rosen, Marzipan, Gewürznelken, Litschie und auch Orangen. Bei dieser Duftkomposition ist man, ob man will oder nicht, an "Weihnachtliches" erinnert und alle Seelen- und Körperzustände aus diesen Zeiten sind im nu gegenwärtig. Andy Warhol hatte recht, wenn er sagte: "Von den fünf Sinnen hat der Geruchssinn den heißesten Draht zur Vergangenheit!" Gelüste nach Zimtsternen und Gänsebraten werden durch den Gewürztraminer wach. Nicht zuletzt deshalb serviert mein Mann im Landgasthof Paulus zur deutschen Hafermastgans - aus der Eifel und von Freilandhaltung - mit glasierten Maronen, Apfelrotkohl, Marzipanapfel und Kartoffelklößen einen 1999er Gewürztraminer Kritt "Les Charmes" von der elsässischen Domaine Marc Kreydenweiss. "Gans in Weiß!" nennt er das, für mich ist es "Nose in Paradise!"
Fortsetzung folgt mit: Aphrodite und Wein
Sie erreichen die Autorin unter der E-Mailadresse:
genusszentrum@landgasthof-paulus.de
Zu den Beiträgen der Kolumne:
Teil I
Teil II
Teil III
Teil IV
Teil V
Teil VI