Wie ein Lauffeuer macht es die Runde: Pape Clément, zweiter Tisch, vorne rechts, auf der vom Rhein abgelegenen Seite. „Du musst dich beeilen, sonst hat es nichts mehr!” An der traditionellen Arrivage-Verkostung an der ProWein in Düsseldorf, organisiert von der „Union des Grands Crus de Bordeaux”, haben sich 102 der bekanntesten Châteaux aus dem Bordelais in Pose gesetzt, um zum einem riesigen „Fachpublikum” in Deutschland den zuletzt abgefüllten Bordeaux - es ist der sündhaft teure und mit höchsten Vorschusslorbeeren bedachte 2005er - vorzustellen.
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Gedränge im Saal: Arrivage
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Entsprechend viele „Fachleute”, weit mehr als 1000, kreuzten in den „Rheinterrassen” in Düsseldorf auf, um die Ankunft zu feiern. Arrivage ist fast wie Weihnachten: Ankunft des Verheissenen, längst Ersehnten. Dabei klingt die präzise Übersetzung von „Arrivage” viel prosaischer: Auslieferung! Da ist bereits viel vom Mythos abgebröckelt. Und es bröckelt noch weiter, sobald man von Tisch zu Tisch wandert, mit ernster Miene einen „Gutsch” des kostbaren Safts in das Glas giessen lässt, ein paar französische Brocken stammelt und dann - sich meist mühsam einen Weg bahnend - verzweifelt an einem runden Stehtisch einen Platz erkämpft.
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Durch das Gals sieht die Welt besser aus!
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Jetzt ist es Zeit für die ersten Notizen: natürlich beginnt es - wie immer - mit der Nase: von Vanille bis Lebertran - erste kritische Falten bilden sich auf der Stirn. Dann das Auge: viel zu dunkel, jedenfalls hier, inmitten der meist schwarzen Anzüge der andächtigen Verkoster. Schliesslich Mund und Gaumen: verschlossen, dicht, kernig, aromatisch, feurig... mit Eleganz, Rasse, Dichte und Fülle. Oder eben: lahm, unharmonisch, bitter im Abgang, überholzt, säurebetont, alkoholisch, grobkörnig, herb....
Ich weiss nicht, wie oft ich diese und ein paar weitere einschlägige Begriffe notiert habe. Das mitgelieferte Notizbüchlein färbt sich immer mehr - blau vom Kugelschreiber, rot von den verschütteten Topfen. Ich beginne - auf dringendes Anraten - mit dem Pape Clément und wechsle alsbald auf die andere Seite ins Pomerol zum Conseillante - einem weiteren weithin unüberhörbar angekündigten „Geheimtipp”. Vorne am Bühnenrand dann der erste Wein mit gegensätzlichem Ruf (im Saal): Figeac, für die einen ein wenig geniessbares Monster, für andere ein vielversprechender Diamant mit riesigem Potential. Auf welche Seite soll ich mich schlagen? Dann zu meinen vergleichsweise eher bescheidenen Lieblingen: Saint-Pierre aus Saint-Julien (linkes Ufer) und Beau-Séjour-Bécot (rechtes Ufer). Aber halt, der letztere ist gar nicht nach Düsseldorf gereist, gar nicht hier vertreten, wie übrigens alle Premiers Crus aus dem Médoc und die meisten aus St-Emilion. Ja sogar viele Superseconds glänzen mit Abwesenheit: Montrose, Cos d’Estournel, Léoville-las-Cases, Palmer und Mission Haut-Brion (die ich auch in dieser Kategorie ansiedle!).... Doch es sind noch genügend da, um ausgiebig zu verkosten. Ich bringe es in den rund drei Stunden immerhin auf etwa 70 Weine.
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Eleganz findet sich nicht nur im Wein
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Dabei beobachte ich mich, wie ich etwas mache, was ich sonst nie tue: ich rechne. Nehmen wir einen durchschnittlichen Subskriptionspreis der (anwesenden) Weingütern von etwa 40 Euro (die ganz teuren fehlen ja weitgehend) und einem Ausschank von 0,02 Litern pro Glas, dann ergibt dies ein Spar- und Genusspotential von 80 Euro. Da beobachte ich mich, wie ich immer häufiger schlucke statt spucke, geniesse statt kritisiere, träume statt prüfe.
Ich höre den Tischnachbarn zu (die laufend wechseln), wie sie den Wein besprechen: etwas viel Holz, etwas allzu alkoholisch, etwas zu verhalten, etwas grob eingebundenes Tannin... und dann unweigerlich die Guillotine: 16,5 Punkte. Nur so wenig? Denke ich und halte das Glas unter die Nase oder setze zum nächsten Schluck an (ohne zu schlucken)!
So vergeht die Zeit: Ich notiere die angenehmen Ueberraschungen. Beychevelle, Lagune, Giscours, Canternac Brown, Durfort Vivens.... ich notiere die Enttäuschungen: Pichon Longueville Comtesse de Lalande, Pavie-Macquin, Kirwan (damals noch von Michel Rolland beraten!), Olivier (oft ein „Geheimtipp”)... Doch all dies ist weitgehend subjektiv, nicht unbehelligt von den immer üppiger wuchernden „On-dits” ( „Man sagt”) die selbstherrlich und anonym durch den Saal schwirren. Spätestens beim „kalten Buffet” und den Sauternes ist man dann wieder versöhnt: „Halt doch ein guter Jahrgang”.
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Wie lange hält das erste Urteil wohl?
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Dabei ist nicht einer der Weine jetzt wirklich genussreif. Bestenfalls trinkbar, ja - aber noch lange nicht das, was ich unter Bordeaux verstehe. Geprüft oder getrunken habe ich nur das Potential. Mein geliebter Trottevieille wird frühestens 2012 (also in vier Jahren) das sein, was ich beim Bordeaux als genussreif bezeichne. Richtig groß und einmalig aber wird er erst in 20 oder 30 Jahren sein, nach ordentlichem Dornröschenschlaf im gut gekühlten, feuchten Keller. Was wird aber in 30 Jahren mit mir sein? Ich mag gar nicht daran denken, in der schon fast absoluten Gewissheit, dass ich den Wein dann wohl auf einem der unsichtbaren Wölkchen hoch über dem Bordelais genießen werde ( „..luja sag ich, luja!”). Erst jetzt bin ich so richtig glücklich, dass ich wieder einmal bei der Arrivage dabei sein darf. Nur die Frage mag ich nicht: Wie ist er denn, der 2005er? Ist er besser, ist er schlechter, ist er so gut, wie er teuer ist... Fragen Sie mich dies in zehn Jahren, dann werde ich über einige der Weine bescheid wissen. Jetzt begnüge ich mich eben „mit dem ersten Mal”, bekanntlich ist es selten das, was man sich davon verspricht.
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Zeugen der Arbeit
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Und noch etwas: Ich bin froh, dass ich vorher keine Verkostungsnotizen der Weinjournalisten gelesen habe sonst würde ich jetzt nicht den Genuss, sondern im Saint-Pierre die Pfingstrosen, im Léoville Barton die ausgesprochene Sinnlichkeit oder im Pavie Macquin die Lakritze suchen. Nein, ich suche nichts und finde dafür viel: nämlich die Hoffnung, dass diese Weine in ein paar Jahren wirkliche Bordeaux sein werden. Inzwischen aber kann ich mitreden, im großen Geschwätz um den teuersten Jahrgang aller Zeiten aus dem Bordelais. Ich habe immerhin 70 Weine verkostet. Für einen Nicht-Profi ist dies schon eine ordentliche Leistung oder zumindest ein Zeichen des guten Willens.
Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)