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Achtung Spital. Im Straßenverkehr werden Gefahren markiert. "Vorsicht, Kranke brauchen Verständnis und Ruhe"
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Immer wieder habe ich mir in meinen Phantasien vorgestellt, wie es ist, wenn ich eines Tages über längere Zeit - Wochen, vielleicht sogar Monate - keinen Wein trinken kann, darf. Kein Problem, sag ich mir, denn süchtig bin ich ja nicht! Wirklich nicht?
So ganz sicher fühle ich mich trotzdem nicht, denn im Alltag gibt es abends täglich Wein (etwa zwei große Gläser). Mit andern Worten: wir leeren zu zweit täglich eine Flasche. Dazu kommen die Veranstaltungen, Degustationen, Winzerbesuche, Einladungen und, und, und....
Damit berühre ich wohl einen Bereich im Leben von Weingenießern, der auch heute noch weitgehend tabuisiert wird. Nämlich die abgewandelte Gretchenfrage: Wie hast Du es mit dem Alkohol? Natürlich gut, immer unter Kontrolle, ab und zu etwas viel.... aber: kein Problem.
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Die geliebte Weinwelt rückte prlötzlich weit weg, wurde bedeutungslos, marginal
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So oder ähnlich denken wir wohl alle, die einen Teil ihrer Liebe dem Wein geschenkt haben. Die auf der Alkoholwerbung in Frankreich verlangte Warnung erweckt in uns nur ein müdes Lächeln: „L’Abus d’Alcool est dangereux pour la santé à consommer avec moderation” (Der Missbrauch von Alkohol gefährdet die Gesundheit und ist deshalb mit Bedacht zu konsumieren). Diesen Bedacht oder diese Vernunft besitzen wir selbstverständlich, daran zu zweifeln ist gar nicht möglich.
Allfällige Zweifel werden rasch in guten Argumenten erstickt. Periodisch tauchen in Zeitungen und Zeitschriften „wissenschaftliche” Berichte auf, nach denen Wein der Gesundheit nur förderlich sein kann. „Rote Weine für ein langes Leben”, so oder ähnlich lauten die Schlagzeilen - beruhigt ungemein. Offensichtlich sind solche Meldungen dem Weintrinker ein Bedürfnis, denn sie sind genau so häufig wie undifferenziert.
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Rehabilitation: Ort zum Nachdenken, zum Bilanz ziehen und Kräfte sammeln
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„Moderater Rotweinkonsum soll vor Herzleiden schützen,” heißt es diesmal, und es sind britische Forscher (wer, wo, wann - dies bleibt unbekannt), die „im Wein eine Stoffgruppe identifiziert haben soll, welche helfen könnte (Konjunktiv!), die Synthese jenes Proteins zu unterdrücken, welche für die Verengung der Herzgefäße verantwortlich ist.”
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Mein erster Schluck nach vier Wochen
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Offensichtlich werden solche Meldungen gebraucht, um all die verborgenen „schlechten Gewissen” von Weintrinkern zu beruhigen und ihre Phantasien den stillen Ängsten zu entreißen.
Nein, ich bin nicht zu den Abstinenten „konvertiert”, doch ich begegnete soeben der Weinenthaltsamkeit auf fast brutale Art.
Ich musste mich einer Operation unterziehen, die allerdings mit dem Weinkonsum nichts zu tun hat. Doch in diesem Zusammenhang kamen die „Leberwerte” auf den Tisch, respektive ins medizinische Bulletin. Sie stimmten mich nachdenklich, auch wenn die Herren und Damen Ärzte viele Gründe für den (zu) hohen Wert ausmachten: Cholesterin, Antibiotika, Essgewohnheiten - aber auch Alkohol.
Und plötzlich ist mir da die Lust an einem „guten Tropfen” abhanden gekommen. Doch der Arzt, unentwegt positiv, wollte meine Lebensgeister nach der Operation anregen. Zum ersten Mal in meinem Leben hat mir ein Chefarzt ein Glas Roten ärztlich verordnet. Obwohl es ein Bordeaux war, von meiner Frau ins Spital gebracht, wollte mir der sonst so geschätzte „Prieuré Lychine”, überhaupt nicht schmecken. Ich ließ das halbe Glas stehen. Und dies sollte für vier Wochen der letzte Schluck gewesen sein.
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Da lach ich wieder und freue mich auf einen guten Tropfen
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Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich, ich musste mehrere Eingriffe über mich ergehen lassen, überstehen. Meine gehegte und gepflegte Weinwelt rückte weit weg, wurde bedeutungslos.
Nur in den vom Morphium evozierten ungeordneten Phantasien tauchten immer wieder Weinszenen auf. Nicht Trinkszenen - nein, Weinwissen, wie Typizität, Jahrgang, Terroir-Eigenheiten, Appellationen, Weinkellerordnungen.... Trinken wollte und konnte ich aber keinen Wein; ich war vielmehr glücklich, mit ein paar Schluck Tee. Habe ich mich damit endgültig aus der Weinszene verabschiedet?
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Der Eintretende sei gegrüßt! Der Austretende kehrt zurück in den Alltag
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Jetzt, gut vier Wochen später, bin ich in einer Klinik zur Erholung. Zum ersten Mal wieder in einer Umgebung, in der zum Essen Wein getrunken wird. Die ersten paar Tage habe ich fast mitleidig auf die gefüllten Gläser geschaut. Wie kann man nur Wein trinken? Dann aber bemerkte ich, wie ich verstohlen auf die Weinkarte schielte, bis ich dann mutig meinen ersten Wein nach einem Monat bestellte.
Die Spannung war groß: kann ich einfach so - mir nichts, dir nichts - zurückkehren in den Alltag? Wie schmeckt der erste Schluck? Ich habe zuerst einen einfachen, aber guten Schweizer Wein bestellt, den ich kenne und bisher geschätzt habe. Das Erlebnis: eine intensive Wahrnehmung, viel intensiver, als alles, was ich in Bezug auf Wein bisher erlebt habe. Die Holznoten waren unheimlich dominant, fast bitter, das Aromenspektrum kaum auszuloten. Immer wieder steckte ich die Nase ins Glas und nippte an dem Wein... Zuerst war es bloß ein halbes Glas, dann allmählich ein ganzes, schließlich waren es fast zwei kleine Gläser....
Als nächstes bestellte ich einen Bordeaux: „Le Boscq”, 1998. Da wähnte ich mich erstmals im Leben zurück. Diese Vielfalt, diese Einmaligkeit, diese Tiefe in der Nase, dieses sich entwickelnde Gefühl im Gaumen, dieser unendlich lange Abgang - stundenlang.
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Das Spitalzeichen ist weggeräumt, das Lebenszeichen aufgetischt
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So wurde ich durch eine Zwangsabstinenz gezwungen, Wein anders zu erleben. Nicht so oberflächlich, wie bisher, wo Weingenuss schon fast zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Wie lange wird dieses Gefühl, dieses Erleben dauern?
Ich weiß es nicht!
Ich ahne nur, dass ich viel nachdenklicher, viel genussbewusster geworden bin, dass ich nicht so ohne weiteres in das Früher zurückkehren werde. Nicht weil ich Angst habe vor allzu drastischen Leberwerten, sondern weil ich jetzt weiß, dass ich ohne Wein durchaus leben kann; dass meine Suchtphantasien eben nur Phantasien sind und mir letztlich das Leben wichtiger ist, als alle guten Weine dieser Welt.
Dass es aber auch ein Leben mit Wein gibt, stimmt mich glücklich und ich hoffe, dieses Glück hält an.
Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)