Artikel
12.11.2007
China: eine wenig bekannte Weinwelt ist erwacht
Sein oder Schein
Wechselvolle chinesische Weingeschichte! Ich habe gelernt, dass die ersten Spuren von Wein in China aus der Zeit vor 5.000 Jahren stammen, dass etwa um 1500 vor Christus die Herstellung von Wein in China nachgewiesen ist und dass die erste Blütezeit der chinesischen Weinproduktion um 800 nach Christus anzusiedeln ist. Dann aber ist der Wein aus der chinesischen Kultur fast verschwunden, bis die christlichen Missionare vor über 100 Jahren den Wein (Begründung: Messwein) wieder nach China gebracht haben. Doch die kulturelle und politische Entwicklung in China haben eine kontinuierliche Produktion verhindert, so dass erst vor rund zwanzig Jahren zu dem begonnen wurde, was wir heute als chinesische Weinwelt sehen: eine Rebfläche von etwa einer halben Million Hektaren und eine Produktion von 13 Millionen Hektolitern.
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| Château Changyu-Castel in Yantai: Hauptportal |
Wie immer, nicht anders als in Europa auch, ist der persönliche Augenschein das Entscheidende. Zum Beispiel im Showroom eines Weingutes in Yantai, auf der Halbinsel Shandong. Dort dokumentiert die älteste Kellerei Chinas -Changyu- ,was soviel wie Wohlstand bedeutet, ihre kurze Geschichte. Wir bleiben vor vier riesigen Tafeln stehen, ungläubig staunend: Unter dem Titel „World famous Châteaux” - „Weltberühmte Weingüter” - treffen wir Altbekannte, nämlich die Premiers von Bordeaux: Latour, Mouton, Margaux, Haut-Brion und Lafite. Und, was ist denn da noch? Die grösste Tafel zeigt das sechste, weltberühmte Château: Château Changyu-Castel. Schon gehört? Nein, es steht nicht etwa im Bordelais, vielmehr hier, in Yantai.
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| Die berühmtesten Weingüter der Welt: Ausstellung im Château Changyu-Castel |
Die Situation verrät viel über den chinesischen Weinbau, bei dem Schein und Sein so nahe beieinander liegen. Keines der sieben von uns besuchten Weingüter will und kann auf eine möglichst pompöse Repräsentation verzichten. Dies zeigt sich in den Kellern, bei den Produktionsanlagen und an den schlossähnlichen Gebäuden. Sie verraten ihren Prunk nicht etwa im chinesischen Baustil. Nein, sie orientieren sich an europäischen oder amerikanischen Vorbildern. Bordeaux ist das dominierende Ideal, im Baustil, aber auch beim Wein.
Das Château Changyu-Castel entstand in enger Zusammenarbeit mit dem französischen Getränkemulti Castel Frères. Der französische Konzern -in drei Bereichen tätig: Wein, Bier und Mineralwasser - engagiert sich bei der chinesischen „Changyu Pioneer Wine Company leicht unter einem 50% Anteil.
Vor fünf Jahren wurde ein prunkvolles Château in Yantai eingeweiht, und schon hat der chinesische Weinriese in diesem Jahr in Peking ein weiteres, noch prunkvolleres Château gebaut: Château Changyu AFIP Global. Aus der Eröffnungsrede: „Hier ist eine perfekte Plattform für den internationalen Austausch von Weinkultur geschaffen worden. Unsere Gesellschaft hofft,dass es ein Paradies für die internationalen Weinliebhaber und ein Symbol für chinesische Weinkultur werden möge.”
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| Prunkbau in Peking, Château Changyu AFIP. Treffpunkt der Weinfreunde aus aller Welt |
Tatsächlich offenbaren alle von uns besuchten Weingüter ein ähnliches Selbstverständnis: „Wir sind die Grössten, wir sind die Besten, wir sind die Einzigen, wir sind .” Diese Botschaft wird - wenn immer möglich auch durch Präsentations-Gebäude sichtbar gemacht.
Auch „Dragon Seal” plant ein repräsentatives Schloss mitten im Rebgebiet - ausserhalb von Peking. Vorläufig ist es nur im grossen Ausstellungsraum als Modell zu bewundern. Doch bei der rasanten Entwicklung in China wird der Bau wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.
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| Brunnen beim Hauptsitz von „Dynasty” mit mytholosischen Figuren |
Der grösste chinesische Weinproduzent, Great Wall, mit einem Marktanteil von über 40%, orientiert sich weniger an europäischen Vorbildern, sondern eher an den australischen oder kalifornischen. Entsprechend haben die Repräsentationsbauten weniger einen historischen, vielmehr einen modernen Fabrikcharakter. Nur der Weinkeller in Changli (Provinz Hebei), in einer der zahlreichen Produktionsstätten, gleicht verblüffend dem Rundkeller von Lafite-Rothschild in Pauillac.
Architektonisch eigenwillig gibt sich das Prestige-Projekt Domaine Franco-Chinois, das „gegründet wurde, um eine grosses Weingut zu werden, dazu von internationalem Ruf.” Hier geht es weniger um raschen Verkauf von Wein, sondern um die „Einführung modernster Weinbautechnik” mit Hilfe der französischen Weinbranche, gefördert von der Regierung. Die Weinberge, die Architektur, die Rebsorten, die Technik, die Equipen und die Produkte repräsentieren die Tradition des französischen Weinbaus und der französischen Wissenschaft.
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| Musteranlage Franco-Chinois, 22 Hektaren, 38 Parzellen von Bauern der Region |
Die beiden bekanntesten „Exoten” unter den rund 400 chinesischen Weingütern sind Gründungen von ausländischen „Exoten”. Obwohl ganz unterschiedlicher Art, passen sie sich dem chinesisch-europäischen Stil an, sowohl in ihrer Weinproduktion, als auch im Prunkt der Anlagen.
Der österreichische Geschäftsmann Gernot Langes-Swarovski aus der traditionsreichen tiroler Glasdynastie engagiert sich auch beim Wein, nicht nur in Argentinien und Italien, sondern jetzt auch in China. Eine kilometerlange Baumallee führt zum Weingut „Bodegas Langes” in Changli, wo alles noch etwas grösser, repräsentativer, vornehmer, ausgeklügelter und protziger ist. Zum Weingut gehört eine riesige Villa, die Residenz des Seniorchefs, der etwa zwei Mal im Jahr hierher nach China kommt.
Klassische Musik berieselt die insgesamt knapp 200 Hektar und begleitet im super-modernen Cave die Produktion, bei der einzig mit dem Fallprinzip (ohne Pumpen) gearbeitet wird. Ja, auf der Botega Langes ist alles eben etwas anders: geschmeidiger, eleganter, exklusiver. Dazu gehört auch das Label „Bio”, das nach eingehender Prüfung und längerer Wartezeit von der chinesischen Agrarindustrie vergeben wird. Der Baustil, eher argentisch-italienisch, die Weine teuer und fast schon mit einem Hauch der vergangenen K+K Monarchie: adrett, üppig, schmeichelhaft, anmutig, auf kostbar getrimmt: «Wir wollen die besten Weine Chinas produzieren», sagte uns Direktor Ren Jing, chinesischer Spitzenmanager, der zuvor in der Autobranche tätig war.
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| Bodegas Langes: Ein Blick auf die Weinfelder |
Bleibt ein weiteres Weingut, das von einem innovativen, ausländischen Einzelgänger angeregt und errichtet wurde. Vom Engländer Michael Parry, einem erfolgreichen Geschäftsmann aus Hongkong, der 1985 seinen „Jugendtraum” in China verwirklicht hat, ein grosses wunderschönes Weingut. Parry konnte seinen Traum nicht lange geniessen, er starb 1991 im Alter von 43 Jahren. Heute teilt sich der Getränkekonzern Qingdao (80%) sowie eine Firma aus Hong-Kong den Besitz. Der Glanz, den Michael Parry in der Nähe Küstenstadt Qingdao aufs Weingut gebracht hat, ist geblieben: Als Besucher hat man das Gefühl, hier stimmen der Bausstil, die Präsentation und die Qualität des Weins zusammen. Hier hat uns auch die kundige, auskunftsbereite Chef-Oenologin betreut, während wir auf allen andern Weingütern „nur” von den Managern, Vermarktern, Exportchefs, Koordinatoren etc. empfangen wurden. Diese konnten uns zwar viel erzählen, nur fast nichts über ihre Weine, mit Ausnahme einer gute Stunde bei „Dragon Seal”.
„Sein und Schein” habe ich diese Kolumne genannt. Der Schein liegt also vor allem im Prunk der Weingüter, in ihren riesig dimensionierten Anlagen, in ihren Showgärten und Ausstellungsräumen, in ihren Dokumentationen, die viel zeigen, wenig sagen und nichts verraten.
Und das Sein? Das sind die Weine, die hier produziert werden. Die oft zitierte Aussage: „durchaus, trinkbar, Geruch undefinierbar, Geschmack undefinierbar, keine Beeren, kein Holz, keine Vanille, vielleicht am ehesten noch Lakritz nicht wirklich so gut”, gilt längst nicht mehr. Auch das Sein hat sich verändert. Es gibt zwar noch die süsslichen und die faden nichtssagenden Billigweine, die in China aber gar nicht billig sind. Es gibt sie, diese Einheitsweine, die oft einen penetranten Aceton-Tton haben und uns das Weintrinken mehr als nur verleiden.
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| Great Wall: Eine der vielen Produktionsstätten |
Daneben gibt es aber auch die chinesischen Spitzenweine, die jederzeit einen Vergleich mit europäischen Weinen aufnehmen können, auch mit den Weinen der übrigen „neuen Welt”. Jedes der bedeutenderen Weingüter hat mindestens einen Prestigewein. Überraschend der Preis: von 100 bis 400 Euro ist die Regel.Nur Schein? Da muss ich wiedersprechen. Diese Weine werden wirklich in China produziert, diese Weine stammen von chinesischen Rebstöcken, diese Weine sind das Produkt chinesischer Weinkunst (in kurzer Zeit vor allem von den Franzosen gelernt). Im Augenblick konkurrieren die vielen eingeführten Spitzenweine aus Europa. Prestigeweine. In China für den Schein gedacht, zum Beweis eines neuen Wohlstands und Reichtums. Markenzeichen einer bestimmten Bevölkerungs-Schicht, bis hinein in den gehobenen Mittelstand.
Es ist aber durchaus möglich, dass schon in kurzer Zeit der interne Prestige-Markt versiegt, dass teure Weine noch mehr importiert werden, dass die chinesischen Prestigeprodukte nicht mehr Wohlstand signalisieren.
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| Wahlspruch von Great Wall: Zukunftsorientiert im Glauben an den weltweiten Erfolg |
Dann - auch davon bin ich überzeugt - werden die Chinesen ihren eigenen Prestigewein in die ganze Welt exportieren, als Qualitätsprodukte, noch deutlich verfeinert, dem Terroir angepasst, denn die noch jungen Reben werden dann älter und die Erfahrung in der Weinbereitung noch grösser sein. Dann wird der Schein endgültig zum Sein, und die Utopie - heute trinken wir etwas ganz besonderes, einen „Spitzen-Chinesen” - wird Realität werden. Vom Preisdruck auf die übrige weltweite Weinproduktion will ich nicht reden. Da haben wir in vielen andern Bereichen ja bereits unsere Erfahrung.
Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)
NB:
Für einmal weniger keine Kolumne, sondern ein Bericht, für alle, die lieber Zahlen und Fakten haben.
Peter Züllig
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