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Das braune Gold verliert an Wert Portugals Korkindustrie sucht ihre Zukunft

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Artikel
02.01.2007

Das braune Gold verliert an Wert

Portugals Korkindustrie sucht ihre Zukunft

Viel los ist nun wirklich nicht in Santa Maria de Lamas. Portugal-Besucher machen in aller Regel einen weiten Bogen um den kleinen Ort nahe Porto. Weder berühmte Weingüter noch empfehlenswerte Hotels existieren hier - und Sehenswürdigkeiten sind ebenfalls rar. Wer sich als Tourist aber doch nach Santa Maria verirrt und des Portugiesischen mächtig ist, wird sich beim Mittagessen in einem der kleinen Restaurants wundern. Das Thema Wein ist bei Gemüsesuppe und Stockfisch das alles beherrschende Gesprächsthema. Genauer gesagt: der Verschluss des Weines…

55 Prozent der weltweit erzeugten Korkprodukte kommen aus Portugal

Kein Zufall, gilt Santa Maria de Lamas doch als Metropole der Korkindustrie Portugals. Nicht nur der Kork-Gigant Amorim, gleich dutzende von kleinen, mittleren und größeren Erzeugern haben in den Industriegebieten am Rande von Santa Maria ihre Fabrikhallen errichtet. Hier wird die aus dem Süden Portugals stammende Korkrinde verarbeitet, von hier aus liefert man die Säcke mit Flaschenkorken in alle Welt. Ein gewaltiges Geschäft: Etwa ein Drittel aller Korkbäume der Welt wachsen im Land, mehr als 55 Prozent der weltweit erzeugten Korkprodukte - vom Parkett bis zu Schuhsohlen - werden in Portugal hergestellt. Und weil die Portugiesen auch den weltweiten Markt für Flaschenkorken beherrschen, sind in Santa Maria die Höhen und Tiefen der Kork-Konjunktur besonders deutlich zu spüren.


Die Party ist vorbei

Zurzeit ist die Stimmung bei Tisch gedrückt, der rote, natürlich verkorkte Tafelwein will den Portugiesen nicht schmecken. Auch Mário Rocha schaut ein wenig skeptisch drein. „Ich suche immer, schaue und schaue”, lächelt der Mitinhaber der Korkfirma José Gomes da Rocha ein wenig gequält „aber ich sehe noch kein Licht am Ende des Tunnels.” Anderen geht es ähnlich, die jahrelang gefeierte Party ist jäh zu Ende gegangen.

Glossar zum Thema
Der Katzenjammer begann für die Korkerzeuger erst vor wenigen Jahren. Noch Ende der 1990er war Kork das braune Gold des Landes, wurde den Firmen nur so aus den Händen gerissen. Wer immer gehobene Weine abfüllen wollte in Alter oder Neuer Welt, kam an den Produkten aus Santa Maria kaum vorbei. Doch danach geriet die Welt des Korks aus den Fugen, Schraubverschlüsse und stainless caps eroberten rasch Marktanteile, die Nachfrage nach dem Naturprodukt begann langsam, aber sicher zu sinken. „Der Markt ist schwieriger geworden”, geben Produzenten hinter vorgehaltener Hand zu. Und noch etwas erfährt man bei hartnäckigem Nachfragen: „Früher haben viele Privatleute im Hinterhof ihre eigenen Korken hergestellt.” Ohne Qualitätskontrollen und Mindestanforderungen an die hygienischen Standards, ohne den Schäl-Rhythmus der Eichen zu berücksichtigen: Werden die Bäume nämlich zu oft entrindet, leidet die Qualität. „Viele Korkfehler gehen auf deren Konto”, heißt es heute bei den Etablierten. Ein anderes Problem war lange Zeit das Wasser, das beim Kochen der Korkplatten nötig ist: Bei vielen Produzenten wurde es mehrfach verwendet, einmal entstandenes Trichloranisol (TCA) übertrug sich nahezu unbegrenzt.


Sorgfalt als Prinzip

Die Produktion läuft heute kaum anders als vor 100 Jahren
Doch Laxheit ist inzwischen verpönt, den Hinterhoferzeugern wurde das Handwerk gelegt. Welche Sorgfalt moderne Korkfirmen heute an den Tag legen, wird bei José Gomes da Rocha deutlich. Die Korken des 1967 gegründeten Familienbetriebs sind seit einiger Zeit auch in Deutschland zu bekommen, doch ihre wichtigsten Märkte hat die Firma nach wie vor in Frankreich, während die Situation in Australien schwierig geworden ist: Dort sind Schraubverschlüsse nun besonders in Mode gekommen. An den hygienischen Bedingungen im Firmensitz ist nichts auszusetzen, die Hallen sind blitzsauber, und im Labor untersuchen gleich drei Angestellte in weißen Kitteln die Qualität der Korken. „Wir verarbeiten nur einwandfreie Ware”, erzählt Mário Rocha. Die Platten werden nach dem Kochen in ständig gewechseltem Wasser sorgfältig auf unreife Stellen kontrolliert. „Ein riesiger Teil ist Abfall”, betont Rocha, ein anderer dient zur Herstellung von Presskorken. Nur der erstklassige Rest der Rinden, höchstens ein Viertel der gelieferten Ware, wird zunächst in Streifen geschnitten und anschließend zu Korken gestanzt, zum Großteil per Hand und kaum anders als vor 100 Jahren. Anschließend suchen moderne Sortierermaschinen mittels Fototechnik nach kleinsten Unebenheiten im Kork. „Flor” nennt sich die ausgelesene höchste Güteklasse, auch „Super” und „Extra” gelten als einwandfrei, während die übrigen Kategorien deutlich mehr Poren und Risse aufweisen. Eine manuelle Nachkontrolle soll zudem verborgenen Insektenfraß im Inneren der Korken erkennen und solche Exemplare aussondern, die möglicherweise zu Ausläufern führen könnten. Viel Aufwand, der aber eines deutlich macht: Auf den berüchtigten Korkverursacher TCA kann man Kork allenfalls stichprobenartig kontrollieren. Und da die hochwertigsten Korken aus den gleichen Rindenpartien stammen wie die einfachsten, ist die TCA-Quote bei 50-Cent-Kostbarkeiten gleich hoch wie bei grobporiger Ausschussware. Zumindest theoretisch.


Investitionen in die Zukunft

Gelagerter Kork - ein riesiger Teil ist Abfall
Bei José Gomes da Rocha glaubt man trotz der weltweit geführten Diskussionen über Verschlussalternativen und TCA an die Zukunft des Korks. „Wir haben gerade für 1,75 Millionen Euro eine neue Fabrik erbaut”, berichtet Mário Rocha. Nicht in Santa Maria, sondern drei Autostunden weiter südlich, im Alentejo. Hier wachsen die Korkeichen, hier kann die Herkunft und die Lagerung der Rinden noch besser kontrolliert werden. „Viele Fehler, die dem Kork angelastet werden, gehen in Wirklichkeit auf andere Ursachen zurück”, beteuert Rocha. Tatsächlich achtet so mancher Winzer nicht ausreichend auf eine Kork-Beratung, sucht die falsche Länge oder einen unzureichenden Durchmesser an Flaschenkorken aus - auch bei der Abfüllung werden Fehler gemacht. Doch echte TCA-Fehltöne lassen sich mit handwerklichen Unzulänglichkeiten weder erklären noch mit Sorgfalt in Portugals Korkwerkstätten gänzlich ausschließen. Der Konkurrenzkampf mit den Herstellern von Kunststoffstöpseln, Glas- und Schraubverschlüssen hat gerade erst begonnen: Vor der portugiesischen Korkindustrie liegt eine Menge Überzeugungsarbeit, die Zukunft wird steinig.

Korken von José Gomes da Rocha sind in Deutschland erhältlich bei: José Gomes da Rocha, Postfach 3011, 55395 Bingen am Rhein, Tel. 06721/309071, jgrsa@t-online.de

Die längere Fassung dieses Artikels lesen Sie auf www.verschlusssache-wein.de


Wolfgang Faßbender
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