
Hamburg war am 23. und 24. Februar 2002 sicher keiner der Orte, für die es sich lohnte, am Freitag Nachmittag 600 km Autofahrt auf sich zu nehmen, von denen rund 100 zwangsläufig im Stau verliefen. Das Wetter war grau und stürmisch und es vergingen kaum ein paar Stunden ohne strömenden Regen oder Schnee. Glück hatte, wer die beiden Nachmittage in den Räumen der Börse verbringen konnte, wo der 15. Hamburger Weinsalon Fachpublikum ebenso wie private Weinfreunde einlud, feine Weine aus aller Welt zu kosten.
Schon die Atmosphäre dieses Ortes ist einmalig. Die 1841 von den Hamburger Stadtbaumeistern Carl Ludwig Wimmel und Franz Gustav Forsmann im spätklassizistischen Stil erbaute und danach mehrmels erweiterte und umgestaltete neue Börse bietet dabei nicht nur eine wunderbare Kulisse. In den beiden großen Sälen, die sich in der Höhe über beide Stockwerke des Gebäudes erstrecken, bleibt die Luft aufgrund der hohen Decke auch bei großem Besucherandrang stets angenehm und relativ frisch. Überhaupt ist das Platzangebot vorbildlich und erlaubt ein stressfreies Verkosten, was man leider nur von wenigen vergleichbaren Veranstaltungen sagen kann.
Rund 140 Betriebe aus aller Welt waren angereist um ihre Weine vorzustellen. Schwerpunkt war diesmal Österreich, das allein mit 40 Ausstellern vertreten war. Besonderes Augenmerk lag auf den Rotweinen der hervorragenden Jahrgänge 1999 und 2000 (siehe dazu den Bericht "Rotweinwunder auf dem Prüfstand"), doch auch dem Grünen Veltliner wurde mit zwei von Michael Pronay geführten Verkostungen viel Platz eingeräumt. Erstmals zu probieren gab es einige Fassproben der jungen Weißweine aus 2001, einem Jahrgang, der nach den beiden großen Vorgängern mit ihren mächtigen Spitzenweinen wieder mit etwas leichteren, aber durchweg sehr klaren und fruchtbetonten Gewächsen aufwartet. Sehr schöne Exemplare fand man unter Anderem bei Franz Leth (Lagenreserven von Grünem Veltliner Scheiben und Sauvignon Blanc Brunnthal), Allram (Grüner Veltliner Gaisberg), Kurt Angerer (Grüne Veltliner Spieß und Eichenstaude, Riesling Donatus) und Jurtschitsch ( Riesling Zöbinger Heiligenstein).
Der schwierige 2000er Jahrgang in Deutschland brachte es mit sich, dass auch bei den einheimischen Ausstellern häufig die 99er Rotweine und erste Proben des neuen Jahrgangs im Vordergrund standen. Dennoch gab es auch einige beachtliche 2000er, allen voran jene der Weingüter Herrenberg, von Othegraven, Gunderloch, Laible und Heger. Eine besondere Überraschung war der bislang noch kaum in Erscheinung getretene Martin Waßmer aus Bad Krotzingen im Markgräfler Land (Baden), der eine ungemein ansprechende Kollektion 2000er Rot- und Weißweine vorstellte. Bei den 99er Rotweinen punkteten eher die bekannterenn Namen: Kühling-Gillot (Bodenheimer Burgweg Spätburgunder), Jürgen Ellwanger mit einer ausgezeichneten HADES-Kollektion, Albert Heitlinger mit zwei sehr auf internationalen Stil getrimmten Cuvées (Grand Etage und Heitlinger Noir), Jakob Dujn, dessen 99er Spätburgunder sich gerade in bestechender Form präsentiert, Bercher (Burkheimer feuerberg Spärburgunder Spätlese trocken Barrique) und die WG Königschaffhausen mit einem dicht gewirkten Spätburgunder REGNUM.
Zurecht großen Zuspruchs erfreute sich der Tisch der "deutsch-südafrikanischen Freundschaft", an dem die Weine der beiden Joint-Ventures "Mont du Troit" (Bernhard Breuer, Bernd Philippi, Caroline du Troit) und "Zwalu" (Werner Näkel, Neil Ellis), probiert werden konnten. Mit dem 2000er dürfte bei Mont du Troit der bislang beste Jahrgang eingefahren worden sein. Es war schwierig zu entscheiden, ob die 2000er Normalcuvée oder der Spitzenwein Le Sommet aus 1998 die bessere Figur machten. Beide beeindruckten durch mächtige Substanz, viel Frucht und komplexe Würze, doch der Mont du Troit aus 2000 schien noch charaktervoller und finessenreicher zu sein, als sein vermeintlich größerer Bruder. Ganz anders präsentierte sich der Bordeaux-Blend "Zwalu" 1999: sehr straff gewirkt, deutlich geradliniger und kühler, dabei aber ebenso dicht, tief und beeindruckend wie der Mont du Troit. Hier darf man wohl auch auf 2000 sehr gespannt sein.
Leider fehlte wie immer die Zeit, alle rund 700 Weine in Augenschein zu nehmen. Eine besondere Erwähnung verdient sicherlich noch das im Vorfeld des Weinsalons heftig umstrittene Weingut Parés Balta aus dem Spanischen Penedès, das mit dem 96er Domino Cuisine "1790" den Rotwein des Jahres stellte. Entgegen den Prophezeihungen mancher Lästerer stellte Joan Cuisiné eine Serie ganz hervorragender, fest strukturierter und charaktervoller Rotweine vor, die den Vergleich mit anderen spanischen Topgewächsen keineswegs zu fürchten haben.

Veranstalter Mario Scheuermann (links im Gespräch mit einem Besucher) zieht ein ausgesprochen positives Fazit aus dem Wochenende. Mit insgesamt rund 1350 Besuchern war der Salon außerordentlich gut besucht und nach ersten Statements einiger Aussteller zu urteilen wurden auch seitens des Fachhandels und der Gastronomie reichlich Kaufverträge abgeschlossen.
Leider waren nicht alle Aussteller restlos begeistert. Bei einigen Wenigen blieben die Pakete mit den Probeflaschen bis Sonntag Abend um 18.00 Uhr verschollen.
Und auch bei der Heimfahrt war das Wetter natürlich saumäßig...