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Duftstoffe und Aromen lösen starke Gefühle aus: Fernweh und Heimweh

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Artikel
26.06.2007

Duftstoffe und Aromen lösen starke Gefühle aus:

Fernweh und Heimweh

Eine einfache Beobachtung und die anschließende Frage im Forum von Wein-Plus hat mich beschäftigt: „Zur Zeit fällt mir draußen wieder der schöne Duft der Lindenblüten auf. Dieser Duft wird ja auch unter dem Thema floral/blumig beim Geruch von Wein aufgezählt. Welche Rebsorte oder besser noch welcher Wein weist diese Aromen auf?” Ich komme ins Sinnieren!

Die majestätische Linde vor dem Hause schafft eine besondere Aura

Vor meinem Fenster steht ein prächtiger, blühender Lindenbaum. Seit Tagen dringt der leicht süßliche, aromatische Duft in mein Schreibzimmer. Erinnerungen an die Jugend, als wir als Buben noch auf die Linden kletterten, um Blüten zu pflücken und damit ein paar Batzen zu verdienen; an den Tee, den meine Mutter anbrühte, wenn ich Halsweh, Bauchgrimmen, Husten und weiß nicht was hatte; an einen wunderschönen Frühlingstag am Attersee in Österreich, wo wir vor einer Degustation (Thema: Languedoc) bei Fisch und Wein zusammen saßen und ein süßlicher Lindenduft den leicht modrigen Geruch stehenden Wassers übertönte. Heimweh oder Fernweh?

Ich bin an einem See aufgewachsen, ich liebe gekochte Forellen, „Forelle blau” und trinke dazu besonders gerne einen frischen, fruchtigen, würzigen Weißwein. An unserem Tisch bei der Linde am Attersee hat auch ein Winzer aus dem Burgenland Platz genommen. Herbert Lassl aus Sigleß. Wir reden über den österreichischen Wein, die Hexenhügel, die Hallstattkultur, die besondern Rebsorten Österreichs, die Schwierigkeiten der Winzer, die Schönheit der Landschaft und (weil wir gerade an einem herrlichen See sitzen) natürlich über den Neusiedlersee „mit dem besten Klima der Welt für die Entwicklung von „Botrytis cinerea” oder eben Edelfäule”.

Die Lindenblüte entwickelt einen vollen, süßlichen, intensiven Duft

Und ausgerechnet da ist es passiert. Ich beginne mich zu schämen: Was weiß ich über österreichische Weingebiete, was weiß ich von österreichischen Weinen? Und es packt mich das Fernweh. Burgenland.

So weit weg ist das Burgenland nun auch wieder nicht - doch: nochmals gut dreihundert Kilometer westlicher, fast 900 Kilometer von mir zuhause entfernt.

Wir trinken zum Fisch einen Weißen, den der Winzer mitgebracht hat. Ich bin nicht mehr ganz sicher, ist es ein Grüner Veltliner oder ein Welschriesling gewesen. Jedenfalls passt er hervorragend zur Forelle. Und wieder gerate ich ins Sinnieren. Welschriesling? Etwas Nussiges hat der Wein - oder habe ich dies nur gelesen, wiederhole den Eindruck nun getarnt als eigene Erfahrung? Säure und Frucht jedenfalls dominieren. Und diese grünliche Farbe: ist es doch ein Grüner Veltliner gewesen? Ich weiß es nicht mehr, die Aromenerfahrung liegt zu weit zurück.

St. Laurent: kräftig, fruchtig, samtig und vollmundig
Schon mehr als ein Jahr ist dies her: ich bin längst wieder zuhause. Meine jetzt so schön duftende Linde vor dem Fenster entführt mich in die Ferne, ins Burgenland. Da soll es nicht nur Welschriesling und Grünen Veltliner geben, auch Blauen Zweigelt, Laurent, Blaufränkisch, alles Rebsorten, die für mich so gut wie unbekannt sind.

Der Winzer aus dem Burgenland hat nebst dem Weißen noch ein paar Flaschen mehr mitgebracht. Sechs Rote aus seinem Weingut, vom Blauen Zweigelt „Primus ” bis zur Cuvée „Terzo” 2000. Die „Terzo” ist seine Spitzen-Cuvée aus Blaufränkisch, Zweigelt und Cabernet Sauvignon, im Eichenfass ausgebaut. Eine interessante Variante zur traditionellen Bordeaux-Assemblage. Doch davon trinken wir jetzt nichts. Languedoc ist ja das Thema.

Die Cuvée „Ultimo” hingegen verkosten wir am nächsten Tag, in privater Runde, bei einer kleinen Tour d’Horizon durch Österreichs Weinkultur: Blaufränkisch und Zweigelt. Die Cuvée hat mir gefallen, mein Interesse ist geweckt. Fernweh!

Das Aroma der Weichsel ist allgegenwärtig in den verkosteten Weinen aus dem Burgenland

Die restlichen fünf Weine habe ich eingepackt, im Handgepäck im Zug mitgeschleppt und später prompt im Keller vergessen.

Der duftende Lindenbaum hat sie wachgerüttelt in meiner Erinnerung. Anstatt eines Bordeaux 1994 oder 1997 gibt es heute den St. Laurent 2004 aus dem Haus Lassl im Burgenland: die genaue Bezeichnung „Jungfernlese”. Wir sitzen hinter dem Haus im Garten, warten auf zartes Fleisch vom Grill und die Bratkartoffeln. Von der Linde ist hier nichts zu sehen und nichts zu riechen.

Ich tue mich schwer mit den kräftigen, fruchtigen Aromen des St. Laurent. Meine Frau meint lakonisch: Er erinnert mich an einen Schweizer Landwein, einen Pinot, mit einem etwas „anderen” Geschmack: Weichsel, Sauerkirschen. Tatsächlich steigt in mir wieder die Erinnerung hoch: Der Lausbub vom Zürichsee, der die verbotenen Früchte direkt von den Bäumen nascht und dann mit fürchterlichen Bauchschmerzen nach Hause kommt: Heimweh!

Verkostung in Attersee. Ganz rechts Herbert Lassl, Winzer aus Sigleß im Burgenland

Ich gehe in meinen Garten, auch da steht ein Kirschbaum, sind es Weichsel? Ich probiere die unreife rote Frucht. Ja, diese Aromen stecken auch im St. Laurent.

Nun aber geht es an den Zweigelt. Wiederum meine Frau: „das ist also dieser berühmte Zweigelt, ich glaube, ich habe ihn noch nie getrunken!” Und mein Kommentar nach dem ersten Schluck: „Himmel, wieder dieses Weichsel-Kirschenaroma, aber viel weicher, leichter, geschmeidiger als beim St. Laurent. Kein Wunder, der Blaue Zweigelt ist eine Züchtung aus St. Laurent und Blaufränkisch. „Ein Damenwein”, spotte ich und erhalte prompt die viel kompetentere Antwort: „der Wein erinnert mich an Diolinoir, einer Neuzüchtung aus dem Wallis!”

Tatsächlich finden wir auch im Zweigelt die Wärme, die „weinige” Aromatik, die Eleganz und den runden Körper eines Diolinoir! Dies ist vielleicht falsch, doch sicher viel substanzieller als meine flapsige Bemerkung.

Reblandschaft am Neusiedlersee

Es bleibt nicht dabei. Als nächsten Wein - inzwischen ist es schon dunkel geworden, die Grillade längst verzehrt - öffnen wir den Dritten im Bunde: Blaufränkisch. Schon Karl der Große soll diese Rebsorte geschätzt haben, weiß das Wein-Glossar zu berichten. Fernweh kommt auf: ja, das Blaufränkischland, das sich so herrlich zur ungarischen Tieflandebene öffnet. Jedenfalls verrät das, was wir im Glas haben - ein typischer Österreicher aus dem Burgenland - viel Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein, auch eine Leichtigkeit, und wunderschöne Fruchtaromen, eine dunkle rubinrote Farbe und ein - für den Cabernet-Merlot-Trinker - eigenartiges, kräftiges Bouquet, das in mir noch mehr Fernweh auslöst. Heute, ein Tag danach, flutet der Duft der Linde ( „fleur de tilleul”) wieder in mein Zimmer. Ich nehme mir vor, heute abend die beiden eher „internationalen” Weine von Lassl zu trinken, den Pinot noir, 2004, „Jungfernlese” und das Cuvée „Terzo” 2000. Ob sich die Erfahrung der ersten Begegnung wiederholt? Im Vergleich zu gestern kommen uns die Weine jetzt vertrauter vor: Cabernet und Pinot sind uns geläufig. Und trotzdem: sie sind anders als all uns bekannten Pinots, als all die Varianten von Cabernet-Assemblagen. Oder ist es nur weil die Erfahrung von gestern weiterlebt, zusammengefasst etwa so: kräftig, rund, ausgeprägte Aromen und starke Würzigkeit?

Inzwischen habe ich alle fünf Weine während des Schreibens dieser Kolumne tüchtig nachverkostet, ohne auszuspucken. Und jetzt weiß ich, dass österreichischer Weingenuss nicht nur in der Ferne, sondern auch zuhause, unter der blühenden Linde, möglich ist. Heimweh verbunden mit Fernweh?

Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)


Peter Züllig
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