Rémy, mein Freund, der Burgunderfan, meint ab und zu - begleitet von leuchtenden Augen: „Es ist so, als ob Engelchen in meine Kehle biselet!”. „Bisele” ist kaum aus dem Schweizerdeutsch zu übersetzen. „Pinkeln” ist nicht das richtige Wort. Gibt es überhaupt Begriffe, die das ausdrücken können, was ein Weinfreund erlebt, wenn es beim Weintrinken zum allerhöchsten Genuss kommt. Martin, die Berliner-Küche, stellt fest: "Überirdisch und mit Worten nicht zu beschreiben... auch unsere amerikanischen Weinfreude im Parker-Forum berichten über ähnliche Erlebnisse.”
In solchen Augenblicken müssen dann Punkte herhalten, 100 bei Parker, 20 bei Gabriel, 99 bei den Amateurpunktern (sie meinen eigentlich eher 120 Punkte, dürfen diese aber nicht vergeben, denn das strenge Reglement der Verkostung setzt bei 100 die Grenzen, und das Maximum kann es doch noch nicht sein!)
Für mich sind dies Magic Moments, magische Momente, die man im Leben so gerne festhalten, festhalten, festhalten möchte. Ist dies möglich, oder nur ein Ausdruck unserer Sehnsucht nach vollkommenen Glück?
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Sonnenuntergang
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Spätestens bei der nächsten Flasche ist es meist vorbei: trotz hundert oder fast hundert Punkten. „Varianzen”, sagt der Kenner, und der Schuldige ist leicht auszumachen, ein undichter Korken, schlechte Lagerung oder sonst ein Schaden auf dem langen Weg zur Genussreife eines Weins.
Ich habe gelernt - nicht nur im Weinbereich - , dass Magic Moments zwar anzupeilen sind, aber kaum mit Sicherheit herbeizuzaubern, auch nicht mit einem 100-Punkte-Wein.
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Hundert-Punkte-Wein: Petrus 2000. Ein Magic Moment?
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Zum Magic Moment (dies ist übrigens ein Fachbegriff aus der Medien-Theorie) braucht es immer nicht nur die auslösende Kraft - in diesem Fall den Wein - ,sondern vor allem auch den Menschen, der gerade im richtigen Augenblick bereit ist, den „Moment” zuzulassen, zu empfangen.
Je mehr Weine ich nicht nur einfach getrunken oder verkostet habe, sondern wirklich „genossen”, desto stärker wächst die Einsicht: Es liegt weniger am Wein, sondern vielmehr beim Menschen und seiner Bereitschaft, den Augenblick zu geniessen. Ein hochkotierter, ein teurer Wein begünstigt zweifellos diese Bereitschaft. Wer einen Petrus 1945 trinken darf, der muss ein Glücksgefühl empfinden, sonst haben sich weder die Kosten (5000 Euro), noch die lange Wartezeit von 63 Jahren gelohnt.
Zu oft habe ich bei diesem Genussstress erlebt, wie das erhoffte Glücksgefühl jäh zusammen gebrochen oder gar nicht aufgekommen ist. Da muss in der Runde nur noch jemand Zweifel äussern, Einwände machen, kritische Fragen stellen (aus welchem Grund auch immer) und schon ist er weg, der Magic Moment.
Solche schon fast philosophischen Gedanken tauchen immer häufiger auf, wenn ein Wein über alle Massen gelobt, bekränzt und (schon fast) in den Weinhimmel gehoben wird. „Die besten Weine in der Geschichte”, ein immer wiederkehrender Titel in den Weinzeitschriften. Der Anspruch lässt sich auch gut vermarkten, und mag auch rein mathematisch (im Bewertungsdurchschnitt) stimmen - sieht man einmal von den Varianzen ab. Ich habe schon manchen dieser Weine getrunken: Ich schwöre, es waren nicht die besten!
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Degustation, auf der Suche nach Magic Moments
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Was waren dann die besten? Ich versuche mich zu erinnern: ein Lafleur 94, irgendwann, an einem gewöhnlichen Werktag geöffnet, aus lauter Freude, weil Brigitte und Peter uns überraschend besuchten. Wir haben den Wein genossen, er war „himmlisch”, trotz „mageren” 93 Parkerpunkten. Oder der Beychevelle 86, der erste Wein, den ich auf meiner ersten Bordeauxreise direkt auf dem Châteaux getrunken und gekauft habe. Oder der Pétrus 97, den wir - im Rahmen einer Degustation - aus Anlass meiner Pensionierung geöffnet haben. Wir alle fanden ihn „göttlich”.
Um so mehr ich darüber nachdenke, um so klarer wird die Erkenntnis: 100-Punkte Weine können gut, sehr gut, ausgezeichnet, ja sensationell sein. Sie können aber keine Magic Moments garantieren. Ich gerate ins Grübeln. Was war der beste Wein meines Lebens? Es war - objektiv gesehen - vielleicht auch einer der schlechtesten. Mit 16 Jahren war ich als Tramper zum ersten Mal in Paris, der Stadt meiner Jugendträume. Mit 18 kehrte ich für ein paar Wochen in meine Traumstadt zurück. Ich erinnere mich - als wäre es gestern gewesen - wie ich auf der Treppe vom Trocadéro sass, ganz allein, mitten unter den vielen Touristen, und auf den Tour Effel schaute: „Endlich angekommen” und irgend einen Algerier oder Südfranzosen trank. Der Duft des Weins (nicht der „Gestank” der Millionen-Stadt) war so intensiv, dass ich ihn heute noch in der Nase habe und das Zelebrieren des Genusses war so lange und angenehm und genüsslich, wie ich in meinem ganzen späteren „Weinleben” nie mehr einen Abgang erlebte.
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Der „beste” Ausone: Jahrgang 1992
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Idealisierung der Jugendjahre? Sicher, auch! Mehr aber noch ein Magic Moment. Etwas ähnliches erlebte ich rund 60 Jahre später. Inzwischen Höchstpunkte-Weine erprobt. Meine Frau hatte Geburtstag, ich organisierte eine „Fahrt ins Blaue”, nach Dresden. Für Mitternacht im Schlafwagen habe ich einen Ausone 1992 mitgenommen, um auf den Geburtstag anzustoßen. Leider haben wir Mitternacht verschlafen und erst am andern Tag, im Hotel, die Flasche geöffnet. Der Duft des Weins strömte in das sonst recht sterile Hotelzimmer, wie eine Wolke, die von Engelchen gebracht wurde. Für uns beide war es der beste Ausone, den wir je getrunken haben. Dabei habe ich sie fast alle schon verkostet, den 98er (95 Parker-Punkte), den 83er (91 Parker-Punkte), ja sogar die legendären 76er mit 92 Parker-Punkten. Der 92er hat nur gerade mal 80 Parker-Punkte.
In mir ist die feste Überzeugung gewachsen. Magic Moments lassen sich nicht herbeizaubern, weder mit 100-Punkte-Weinen, noch mit teuren Raritäten.
Im Gegenteil: die Erwartungen sind bei sogenannten Traumweinen meist so hoch, dass zumindest eine leise Enttäuschung fast immer vorprogrammiert ist. Ist deshalb bei so manchen Verkostungen der höchstbewertete Wein meist nicht der beste? Zum letzten Mal erlebt in Köln, wo der Troplong Mondot 90 (98 Parker-Punkte) mir weit mehr Freude bereitete, als der Montrose 90 (100 PP). Und ich bin überzeugt, es lag nicht an der Flasche, an den Varianzen, es lag bei und in mir! Ähnlich kürzlich an einer 98er Probe: der höchstdotierte Wein, Cheval blanc, lag deutlich hinter dem gut 2 Punkte tiefer eingestuften Eglise-Clinet. Varianzen? Ja, Varianzen beim Menschen und seinen Magic Moments!
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Ist dies ein Magic Moment? Weingenuss auf Château dYquem
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Noch etwas: Magic Moment definiert sich in der Medientheorie so: „ „Magic Moments sind emotionale, sinnliche, erlebbare Augenblicke, die „Einmaligkeit” ausdrücken, diese festhalten und zuerst das Gefühl ( „Bauch”) ansprechen und (in der Regel) erst später vom Verstand (Intellekt) verarbeitet werden. Sie sind Grundlage des Erlebens.”'
Ich bin heilfroh, dass dies beim Wein weitgehend unabhängig ist vom Preis und den Punkten. Abhängig aber von unserer Bereitschaft, Freude und Fähigkeit zu geniessen.
Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)