Eine Bildgeschichte Mein Weinberg
An der Überschrift ist so ziemlich alles falsch: Es ist nicht „mein“ Weinberg, es sind nur die Reben, die ich seit fast fünf Jahren in mein Herz geschlossen habe, weil sie am Wegrand liegen, nahe bei meinem Zuhause in Südfrankreich. Oft fahre ich da vorbei, halte an und beobachte, wie sie sich entwickeln.
Es ist auch kein „Berg“, vielmehr eine topfebene Fläche, eigentlich viel zu nah am Meer, dort, wo sonst keine Reben mehr stehen, eher Bungalows für meersüchtige Menschen.
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| Erste Begegnung mit „meinem“ Weinberg (Foto: Peter Züllig) |
Während ich einmal mitten auf dem verwinkelten Rebgelände stand, um zu fotografieren und zu beobachten, wurde ich angesprochen: „Kann der Boden hier gekauft werden?“ Das weiß ich nicht, ich kenne den Besitzer nicht. Noch nie habe ich ihn im Rebberg angetroffen, ich habe „nur“ seine Arbeit festgehalten, über Jahre, in Wort und Bild.
So ist er mir zum ersten Mal aufgefallen, im März 2006. Nicht gerade in einem guten Zustand. Wahrscheinlich war es der rote Mohn, der mich anhalten ließ, mich animiert hat zum genaueren Hinsehen.
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| Alte Rebstöcke, die verlassen an der Straße stehen (Foto: Peter Züllig) |
Die Rebstöcke scheinen alt zu sein, sehr alt. Doch die ersten Knospen treiben. Der ungepflegte Boden, die nahe Straße, der ungeeignete Ort, all dies deutet auf einen verwilderten Rebberg hin. Nur der Schnitt verrät, dass die Reben noch unterhalten und wohl auch Trauben geerntet werden.
Dies also ist der Beginn meiner Liebe zu einer Unbekannten, die sich in sechs Jahren immer wieder weiter entwickelt, aber ihre Daten und Zugehörigkeiten bis heute nicht preisgegeben hat. Eigentlich will ich es auch gar nicht genau wissen, nur beobachten, immer wieder beobachten, unbehelligt von Zahlen und Namen.
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| Neues Erwachen im Rebberg (Foto: Peter Züllig) |
Erst ein Jahr später, wieder im März, habe ich zum zweiten Mal angehalten. Die Triebe sind deutlich weiter entwickelt als beim ersten Besuch. Die Reben – es ist keine Hektare – machen einen ordentlichen, aber nicht sehr gepflegten Eindruck. Von nun an halte ich oft an.
Zwei Monate später sehe ich zum ersten Mal die kleinen, grünen, langsam wachsenden Beeren. Diese sollen zu gesunden, saftigen Trauben heranreifen? Das kann ich mir kaum vorstellen.
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| Die ersten kleinen, grünen Beeren (Foto: Peter Züllig) |
Irgendwie habe ich von da an mitgelitten, mit den Reben an der vielbefahrenen Straße. Es ist wohl nicht möglich, dass hier einmal gesundes Traubengut geerntet werden kann. Ich besuche den eher verlassen daliegenden Rebberg so oft ich kann, zu allen Jahreszeiten. Die knorrigen Stöcke und die wilden Triebe haben es mir angetan.
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| Mein wilder Rebberg (Foto: Peter Züllig) |
Anfang August – noch sind die Beeren nicht reif – entsteht immer der gleiche Eindruck: Die Reben sind ganz sich selbst überlassen. Ein Spritzen, Ausdünnen, Laubentfernen, Aufstellen von Wespenfallen – all das und noch viel mehr gibt es in „meinem“ Rebberg nicht. Die Ernte habe ich – jedes Jahr – verpasst. Sie findet wohl Ende August oder Anfang September statt. Sicher nicht mit der Maschine; Handlese, fast unten am Boden.
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| Die Beeren sind gereift (Foto: Peter Züllig) |
Am 27. September sind die Trauben weg, zurückgeblieben sind die kranken, unreifen, verfaulten Beeren. Es sind ihrer viele, zu viele für einen gesunden Rebberg. Wäre da wieder ein Passant vorbeigekommen und hätte mich gefragt, ob die Parzelle zu verkaufen sei, ich hätte ja gesagt. Doch sie gehört ja nicht mir. Ich habe sie nur annektiert, geistig, zu meinem Rebenkind erklärt.
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| Die Zurückgebliebenen (Foto: Peter Züllig) |
Im November dann ein noch trostloseres Bild, nicht viel anders als in jedem Jahr zuvor. Im Winter – es ist der 12. Januar – sind die Reben zurückgeschnitten, das Schnittgut liegt noch wild verstreut am Boden.
Inzwischen ist mir der Jahresverlauf vertraut, ich habe ihn beobachtet und im Bild festgehalten in allen Phasen, nur bei der Ernte nicht. Da bin ich offensichtlich nie im Süden gewesen; also habe auch ich die Reben im entscheidenden Augenblick im Stich gelassen.
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| Alleingelassen (Foto: Peter Züllig) |
Eigentlich erwartete ich, dass eines Tages die alten Triebe nicht mehr geschnitten werden, dass der Besitzer seine Arbeit ganz einstellt, dass eines Tages hier gebaut wird. Billighäuser (weil das Land doch zu weit vom Meer entfernt ist), im Jahr vielleicht vier Wochen belegt, sonst alleingelassen, wie die Rebstöcke in „meinem“ Rebberg.
Nichts dergleichen geschieht. Die Reben setzen sich Jahr für Jahr durch – gegen alle Unbill der Natur, nur leicht gefördert durch den mir unbekannten Besitzer, der schneidet und erntet, aber nicht viel mehr tut.
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| Neues Leben im alten Rebberg (Foto: Peter Züllig) |
| Glossar zum Thema |
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| Mein Rebberg am Straßenrand (Foto: Peter Züllig) |
Daran denke ich oft, wenn ich einen guten Tropfen, aus einem gehegten und gepflegten Weinberg im Glas habe. Die Natur setzt sich durch – „meine“ Reben dürften weit über fünfzig Jahre alt sein –, ob der Besitzer des Weinbergs dabei hilft, oder nicht. Erst wenn er – der Winzer – diesem Ablauf folgt, die Natur unterstützt, auf sie hört und sie begleitet, meist in aufwändiger Arbeit, wachsen Trauben, die auch guten Wein geben. Ich begreife jetzt viel besser, warum die Winzer immer wieder betonen, dass die Arbeit im Rebberg entscheidend ist für einen guten Tropfen.
Prost und ganz herzlich
Ihr/Euer
Peter Züllig
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