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Eine zurückgelassene Flasche Côte-Rôtie Das Geschenk eines Weinfreunds und Kenners der Rhône-Weine

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24.11.2006

Eine zurückgelassene Flasche Côte-Rôtie

Das Geschenk eines Weinfreunds und Kenners der Rhône-Weine

Die Flasche, von der ich heute erzähle, wurde nicht vergessen oder gar als minderwertig stehen gelassen. Sie ist vielmehr ein Geschenk, eine Geste des Danks für die Nutzung unserer kleinen Wohnung in Südfrankreich. Côte-Rôtie, 2004, Reserve du Domaine, Michael & Stéphane Ogier.

Kann man einem Weinfreund, der Bordeaux über alles liebt, überhaupt einen Côte-du-Rhône schenken? Man kann, wenn man weiß, welche Produzenten hier überdurchschnittliche Weine machen. Weine, die sich sogar mit dem Burgund oder gar dem Bordelais messen lassen.

Ausblick vom TGV. Im Hintergrund die Hügel der Côte-Rôtie

Auch Weine aus der nördlichsten Appellation des Rhône-Tals: aus der Côte-Rôtie, die am rechten Ufer des Flusses kurz nach Vienne beginnt, nur etwa 190 Hektaren Rebland umfasst und sich an den steilen Hängen hoch über der Rhône dahinzieht.

Ich kenne das Rhône-Tal aus früheren, stürmischen Jugendjahren, als noch keine Autobahn und kein TGV so resolut in den Süden strebten; als ich mich - wie viele andere Jugendliche - aufmachte, um spätestens in der Provence das „wahre Leben” zu suchen; als ich für Rebberge kaum einen Augenaufschlag riskierte und in der Regel „vin de table” trank, also weder Côte-Rôtie und schon gar nicht Bordeaux.

Den „zurückgelassenen” Wein stellen wir schon am zweiten Tag nach unserer Ankunft auf den Tisch. Da fragt Heide: „Wo liegt denn eigentlich diese Côte-Rôtie?” Ich stottere etwas unsicher: „Im Rhône-Tal, ich glaube im nördlicheren Teil, ich glaube....” Sicher bin ich überhaupt nicht. Google steht mir hier nicht zur Verfügung, und die Weinliteratur ist bei mir zuhause in der Schweiz. Ein alter „Hachette” und der „Kleine Johnson” stehen zwar auf dem Gestell, doch der Rest ist Literatur, auch Weinliteratur, aber ausschließlich über Languedoc-Roussillon.

Mit der Schnellbahn (TGV) in den Süden. Berühmte Weingebiete werden weiträumig umfahren

Das Öffnen der Flasche, plopp, hilft über die Verlegenheit hinweg: Im Glas überrascht mich eine noch purpurne, bläuliche, tiefe, fast schwarze Farbe. In der Nase: zuerst einmal rote Beeren, ein würziger Duft (Zimt, Lorbeer, Nelken) und dann gekochte Dörrpflaumen. Im Gaumen: zart, rund, doch auch strukturiert, und schließlich - eine ganze Veilchenlandschaft, bis zum sich lange dahinziehenden Abgang. Holz, ja das hat der Wein: aber ohne Aufsehen zu erregen, und um diskret den Veilchenduft in einen zarten Vanille-Ton aufgehen zu lassen.

Die übliche Redewendung: „typisch für die Gegend” steht mir hier nicht zur Verfügung, denn ich kenne die Côte-Rôtie-Weine so gut wie nicht. Und auch die Produzenten Michel und Stéphane Ogier können mir nicht aus der Patsche helfen: sie sind mir unbekannt. Langsam beginne ich mich über meine Wein-Gebiets-Ignoranz zu ärgern.

Côte-Rôtie: gibt es da nicht auch eine „Côte brune” und „blonde”? Den Unterschied kenne ich zwar nicht. Ist dieser Wein nun aus dem „brune” oder dem „blonde” Gebiet? Der alte Hachette verrät wenigstens eine damit verbundene Legende: Es soll das Andenken an einen gewissen Herrn Maugiron sein, den einstigen „seigneur” von Ampuis, der seine Ländereien seinen beiden Töchtern vermachte, der einen - der Blonden - den Teil „blonde”, der andern - der Braunhaarigen - eben den Teil „brune”. Ich liebe solche Geschichten, auch wenn sie wohl so kaum stimmen. Sie enthalten immer auch einen guten Teil der Traditionen, des Alltags und der Emotionen, die in den Weinen wieder zu finden sind.

Annäherung an die zurückgelassene Flasch

Aber, habe ich nicht soeben ein Sakrileg begangen und einen Wein viel zu früh geöffnet? Ein tieffarbener Côte-Rôtie, so melden meine Erinnerungsfetzen, soll gut und lange lagerbar sein, ja geradezu Flaschenreife brauchen. So wie der Wein sich jetzt präsentiert - fruchtig, würzig, verführerisch - lässt er sich gut trinken. Was aber daraus einmal werden könnte, das wird sich mir wohl nie erschließen.

Zurück nach Vienne. Steht dort nicht eine römische Pyramide, die für das Grab von Pontius Pilatus gehalten wurde? Aber das ist wieder so eine alte Geschichte...

Gibt es da, im alten, einst von den Römern besetzten Gebiet nicht noch viele steinerne Zeugen, die darauf hinweisen, dass in der Côte-Rôtie und im etwas südlicher gelegenen Condrieu die ältesten Weinberge Frankreichs liegen und heute noch fast unbekannte, kleine mittelalterlich anmutende Dörfer, abseits der großen Straße in den Süden?

Ein Wein, der in den letzten Jahren zum Geheimtipp wurde
Zurück zum Wein und zu den blassen Erinnerungen an das, was an Kenntnissen über das Rhônetal überlebt hat oder gar nie vorhanden war. Der Wein ist wohl aus Syrah gekeltert, aber so klassisch, rhônetalmäßig? Ist da nicht noch etwas drin, was ihn weicher, aber auch fruchtiger, eigenständiger, eleganter macht? Vielleicht etwas Viognier, das soll hier ja erlaubt sein! Ich weiß es nicht! Und gerade dieses Nichtwissen macht es so spannend: einen Wein zu genießen, über den man so viel wie nichts weiß, keine Parkerpunkte kennt und nur auf die eigene Nase, den eigenen Gaumen angewiesen ist. Zwar aufmerksam gemacht, von einem österreichischen Kenner des Rhônetals.

Wenn ich morgen mit dem TGV das Tal hinauf - mit 300 Stundenkilometern - brause, werde ich wohl spätestens nach Valence die Augen offen halten, denn auf den nächsten 100 Kilometern fahren wir durch den nördlichen Abschnitt der Côte du Rhône. Und ganz zuletzt - nach einer Viertelstunde - taucht wohl auf der linken Seite (rechts der Rhône) die Côte-Rôtie auf: für ein paar Augenblicke - keine 10 Kilometer lang, oder eben nur knapp 2 Minuten. Doch die Zeit genügt, um zu träumen: von einem mir noch verborgenen Rebgebiet, wo Weine entstehen, die man getrost jedem Weinfreund schenken kann. Oder eben: mit viel Charme auf dem Tisch stehen lässt.


Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)

NB
Diese Heimfahrt war aber - in bezug auf die Côte-Rôtie - eine riesige Enttäuschung. Während sich das alte Bahntrasse - bedrängt von der Rhône und den steilen Rebhängen - dicht an der Côte-Rôtie dahinzieht, liegt die neue TGV-Linie gut 14 Kilometer östlich der Rhôneschleife. Weder der Fluss noch die Rebberge sind zu erspähen. So rückt eben ein herrliches Weingebiet auch aus dem Bewusstsein der Südwärtsreisenden.


Peter Züllig
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