Die Überschrift könnte aus der Schweizer Touristen-Werbung sein, von der Vereinigung der Tessiner Winzer oder dann doch von mir, nach einem Anflug schweizerischer Weintreue. Alles falsch! Er stammt vom „besten Sommelier der Welt 2000”, Olivier Poussier, Redakteur bei der französischen Weinzeitschrift „La Revue du Vin de France”. Und es kommt noch weit dicker: „Alors à très bientôt dans le Tessin” (Also auf baldiges Wiedersehen im Tessin).
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Das typische „Weinglas” im Tessin, das Boccalino
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Was ist in den guten Sommelier gefahren, dass er den Merlot im Tessin sucht und nicht dort, wo er eigentlich herkommt, in Frankreich, im Bordelais? Vor ein paar Jahren war Olivier Poussier mein Tischnachbar im Bordelais. Natürlich haben wir uns angeregt über Wein unterhalten: Er erklärte mir die Besonderheiten der Region Graves, denn wir speisten zusammen im Weingut von Florence und Daniel Cathiard auf dem Châteaux Smith Haut Lafite, südlich von Bordeaux. Ich versuchte bei ihm das Interesse an Schweizer Weinen zu wecken. Vergebliche Liebesmühe, dachte ich.
Wieder ganz falsch! Etwa ein Jahr später hat Olivier Poussier in der „Revue du Vin de France” über das Wallis und seine Weine geschrieben. Über die autochthonen Sorten und die alpinen Verhältnisse im Bergkanton. Und er hat sie gelobt, die Walliser Winzer, mit ihren eigenständigen Weinen. Natürlich, im Weingebiet des Wallis - dem größten in der Schweiz - spricht man französisch, Sein Bericht: also eine freundnachbarliche Geste, dachte ich, so etwas wie eine selbstverständliche Erweiterung von Wein-Frankreich. Liegt ja auf der Hand!
Jetzt aber dies: eine Lobeshymne auf das Tessin. Hier spricht man italienisch. Die Rebberge des Tessins wären also eher Wein-Italien zuzuordnen, sicher nicht Frankreich, dem grossen Gegenspieler der französischen Weinszene. Keine Angst, beide Kantone, das Wallis und das Tessin, bleiben Schweizer und damit sind es auch ihre Weine.
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Adoptivkind Merlot
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Wie aber ist der Merlot ins Tessin gekommen? Es war natürlich die Reblaus, die - wie in ganz Europa - auch im Tessin gewütet hat. Die alteingesessenen Reben, vor allem die hier kultivierte Americano wurde vernichtet, man musste neu beginnen. Und man begann tatsächlich neu, jetzt mit dem französischen Merlot. Letztes Jahr waren es genau 100 Jahre, seit der damalige Direktor des Instituts für Landwirtschaft den Merlot ins Tessin geholt hat. Gleichsam adoptiert!
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Vier wackere Eidgenossen aus dem Tessin: Stucky, Kaufmann, Huber und Klausener
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Über die ersten 70 Jahre dieser „Erfolgsstory” hätte der französische Spitzensommelier kaum geschrieben. Es waren meist einfache Merlotweine, die man im Grotto aus dem Boccalino trinkt. Sie waren süffig, in der Schweiz an jedem Stammtisch anzutreffen, aber für den anspruchsvollen Weintrinker nicht von Belang. So kam es, wie es kommen musste: die Tessiner Weinszene schrumpfte. Viele der höher gelegenen Rebberge, die besonders mühsam zu bewirtschaften sind, wurden verlassen, verwilderten. Der Tessiner Merlot kam in die Krise. Dann geschah das, wovon die Tessiner eigentlich nicht gern reden: Der Einzug von jungen Winzern aus der deutsch- und französischsprachigen Schweiz, die einen Traum hatten, den Traum vom Weinbauer, der aus seinen Reben die edelsten Tropfen macht. Stucky, Klausener, Huber, Kaufmann, Zündel, sie alle brachten den Glauben an den Merlot ins Tessin zurück. Die einst „jungen Wilden” bauten wieder Reben an, dort, wo man sie ausgerottet oder verlassen hat. Sie orientierten sich an den Weinen aus Bordeaux, experimentierten, setzten neue Maßstäbe, legten den Wein ins Holz, brachen mit alten Traditionen und nutzten gleichzeitig die kleinteiligen, mikroklimatischen und geologischen Besonderheiten ihrer neuen Wahlheimat. Doch dies ist bereits Geschichte.
Ich plauderte kürzlich an einem wunderschönen Abend am Steintisch vor dem Weingut mit Adriano Kaufmann über die Zukunft. Ja, die Jungen von einst sind älter geworden. Sie hoffen auf ihre Kinder. So ist es auch bei Daniel Huber: sein Sohn lernte zwar Automechaniker, will aber nach einer gründlichen önologischen Ausbildung zurück zu Vaters Reben. Besonders stolz aber ist man, dass jetzt auch die eingesessenen Winzerfamilien nicht mehr nur den Grottowein, sondern anspruchsvolle, hochwertige Weine machen. Es sind vor allem auch da wieder die Jungen.
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Kolumnist Olivier Poussier entdeckt das Tessin
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So ist es eben gekommen, dass die Botschaft jetzt in ganz Frankreich verbreitet wird: „Folgen Sie mir und urteilen dann selber. Verkosten Sie den „Orizzonte 2005” von Christian Zündel, den Sie nie vergessen werden. Welche Harmonie! Er verführt durch seine reife Frucht, seine volle, rassige Struktur. Degustieren Sie den außerordentlichen „Canto della Terra 2005” von Sergio Monti. Ein fleischiger, gehaltvoller Merlot, gepflegte, noble Tannine, eine wahre Hymne an das Terroir. Plötzlich begreifen Sie, warum diese Weine weltweit bekannt geworden sind und immer wieder mit Gold ausgezeichnet werden” (frei übersetzt). Nach einer Tirade weiterer Lobeshymnen endet die Kolumne des französischen Weinkenners: „Voilà, unsere Degustation der alpinen Merlots geht zu Ende. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, Ihnen zu zeigen, dass man nicht nur in Bordeaux große Merlots finden kann..... Die großen Merlots aus dem Tessin rivalisieren auch mit den berühmtesten Weinen aus der Toskana.”
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„Gran Risavier” vom Weintüftler Eric Klausener
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Ich bin ganz beschämt. Besonders, wenn ich daran denke, wie ich vor ein paar Jahren mit ein paar Schweizer Weinen zu einer Degustation nach Köln und Bielefeld gereist bin und kaum viel mehr als Häme geerntet habe. Aber halt! Da haben doch schon damals die beiden Tessiner Merlots - als einzige - deutlich über 90 oder eben an die 19 Punkte erhalten. Ist gar die Begeisterung für den Tessiner Merlot nach Deutschland vorausgeeilt? Oder hat René Gabriel gar visionäre Fähigkeiten, wenn er schreibt: „Merlot bekommt Flügel!” Da muss ich aber meine paar Spitzenmerlots in meinem Keller gut hüten. Sonst fliegen sie gar davon.
Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)