Auf dem Pult, neben dem Computer, liegen seit Tagen und Wochen etwa 15 Korken, bei uns auch "Zapfen" genannt. Sie alle stammen von Flaschen, die ich in der letzten Zeit getrunken habe und über die ich eigentlich etwas nachdenken oder gar schreiben wollte. Sie sind nichts anderes für mich als Erinnerungen an Weinerlebnisse, die noch nicht "ad acta" gelegt sind.
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Die Zapfen an meiner Seite
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Ich greife hinein, in das kleine Häufchen: ".Gevrey-Chambertin, 2004, 1. Cru, Denis Mortet." Wie kommt nur dieser Korken in die Sammlung? Ein Kuckucksei? Dann dämmert es mir. Erster Abend in Beaune. Ich habe meinen etwas empfindlichen Magen am Mittag (beim Drei-Sterne-Koch Marc Meneau) allzusehr strapaziert, also gibt es für mich keinen gemeinsamen Ausgang zum Essen. Und trotzdem: Ein Schluck Wein - ein Burgunder natürlich - musste her. Also pilgern wir - es ist Sonntagabend - ins Stadtzentrum. Nur Restaurants, Imbissecken und Weinhandlungen sind noch geöffnet.
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Im Zentrum des nächtlichern Burgund - Beaune am Sonntagabend
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Nach längerem Umherirren betreten wir eine Weinhandlung: Verwirrung total. Hunderte von Weinen, ein tolles Angebot, eine nette Verkäuferin. Ich komme mir vor wie ein Wein-Analphabet. Zum ersten Mal begreife ich, wie es jemanden in einer Weinhandlung in Bordeaux ergehen muss, wenn er sich in diesem Weingebiet nicht auskennt. Dort habe ich keine Probleme zu suchen, zu fragen, zu entscheiden, zu vergleichen. Aber hier? Die Verkäuferin registriert natürlich sofort unsere Verwirrung und fragt bereits sehr gezielt: "Was darf der Wein kosten?" - Antwort: "So um 30 - 40 Euro. - Zum bald trinken? - Ja, sofort". Dann schlängelt sie sich durch die prallen Weinregale und empfiehlt uns etwa drei Weine. Sie präzis zu beschreiben scheint ihr - angesichts von uns Weinbanausen - überflüssig, ja Zeitverschwendung zu sein. So entscheiden wir uns - wir sind todmüde und wollten so rasch wie möglich zum Hotel zurück - für den Gevrey-Chambertin. Klingt doch gut und ein klein wenig weiß ich ja über die Lagen doch Bescheid. Chambertin ist so bekannt und berühmt, dass Gevrey (das diesen Namen "anhängen" darf) wohl einiges vom Glanz geerbt hat. Tatsächlich haben wir einen guten Griff getan. Der Wein wird zwar hauptsächlich von meiner Frau getrunken, ich nippe vorerst (Magenprobleme) nur daran. Dann aber am zweiten Tag öffnet sich der Pinot, entwickelt eine Kraft, Harmonie, vollen Schmelz: ist mundfüllend und hat einen unheimlich langen Abgang.
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Spurensuche nach guten Burgundern in den vielen Weingeschäften von Beaune
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Zum ersten Mal auf dieser Burgundreise sage ich mir: So muss ein Burgunder sein. Warum seine Existenz in den nächsten Tagen dennoch aus meinem Bewusstsein verschwunden ist: wir besuchen jeden Tag Weingut um Weingut, verkosten Wein um Wein, so dass dieser zufällige "Erstling" einfach verdrängt wird. Zu Unrecht. Darum liegt der Zapfen noch hier! Um meine gute Errinnerung zu beleben - und den Genuss.
Der zweite Zapfen, den ich nach dem Zufallsprinzip ergreife: "Dancing Bull" - mehr steht nicht darauf, kein Jahrgang, kein Weingut. Doch ich erinnere mich genau: Ein Zinfandel, der vom Großunternehmen Gallo Vineyards unter der Marke "Rancho Zabaco" vertrieben wird. Der Presskorken verrät: es kann kein hochwertiger Wein sein. Tatsächlich ist dieser Wein eher ein "Massenwein", auch bei uns in Europa erhältlich und kostet hier etwa 10 Euro. Warum ich den Korken trotzdem aus Kalifornien mitgebracht habe? Ganz einfach, weil ich auf unserer Reise immer wieder den angeblich meistangepflanzten, typisch kalifornischen Zinfandel in Restaurants bestellen und probieren wollte: Fehlanzeige! Merlot, Cabernet Sauvignon und sogar Pinot Noir waren unter den Roten auf den meist spärlichen Karten zu finden. Einen Zindfandel bekamen wir nur ein einziges Mal, eben diesen mir bereits bekannten "Dancing Bull". Zufall?
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Weinhandlung in Kalifornien - den Zinfandel mus man suchen
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Das kann wohl - bei gut 15 vergeblichen Versuchen - nicht Zufall sein. Selbst die Super-Stores führen nur wenige (oder keine) Zinfandel. Ein Wein also, den wir als urtypisch kalifornisch wähnen (der mit 20.000 ha immerhin 10% der Anbaufläche belegt), muss im Land selber - zumindest im alltäglichen Weinverkauf - geradezu aufgespürt werden. An den Wein selber kann ich mich nur noch schlecht erinnern: dunkle, fast schwarze Farbe, reife Früchte, erdige Note, leicht pfeffrig und relativ grobkörnig. Ich hatte den Eindruck, diesen Wein schon x-mal in Europa in Restaurants getrunken zu haben. Doch er war auf unserer Reise durch Kalifornien eine willkommene Abwechslung zu den uniformen Cabernets und den dünnen Merlots, die wir serviert bekamen.
Der nächster Zapfengriff: "Tertre Rôteboeuf", 1999, Saint Emilion. Natürlich ein Bordeaux! Korken aus diesem, meinem bevorzugten Weingebiet, hebe ich nie auf. Wirklich nicht. Da mache ich mir Notizen, die ich später sorgfältig ins Tagebuch eintrage. Aber dieser "Rôteboeuf" - erst kürzlich getrunken - setzt einen Markstein in meinen Weinerinnerungen. Es war vor einem Jahr, auf dem Weingut in St-Emilion, unter vielen Châteaux-Besuchen war es wohl die beste, die interessanteste, die einmaligste Erfahrung. Der dort verkostete Wein war hervorragend bis begeisternd, aber noch viel zu jung.
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Bei der Fassprobe von Tertre Rôteboeuf
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Wie wird er sich entwickeln? Mit Weinfreunden habe ich nun meinen ersten älteren Rôteboeuf geöffnet. Ein echtes Erlebnis. Er hat viele der top-klassierten Weine, auch Premiers, hinter sich gelassen. Warum? Weil er Charakter hat, weil er ein Gesicht hat, weil er eigenständig ist, weil.... All die Erinnerungen an ein kleines, aber feines Weingut steigen in mir hoch: Rebberge am Fuße eines Hügels, auf dem kein Schloss, sondern ein einfaches, aber stattliches Weingut steht, ein sauberer aber enger Keller, authentische Aussagen der Tochter des Hauses, ihre Auskünfte und Ansichten zu Klima und Terroir, zur Pflege der Reben, zur Ernte, zur Vinifikation..... All dies - und noch einiges mehr - finde ich wieder im Wein, den ich aus dem Keller geholt habe und jetzt mit guten Weinfreunden teilen darf.
Und noch ein letzter Zapfen muss her: "Château de Beauregard", Pouilly-Fuisse, Mâconnais. Um ganz ehrlich zu sein: ich kann mich nicht mehr an den Wein erinnern. Eine Palette von Weißweinen steht vor uns, dann noch zwei Rote. Es sind alles gute Weine, der eine gefällt mir besser, der andere weniger. Der eine hat für mich zu viel Säure, der andere zu wenig Struktur, der dritte beeindruckt durch seine Nachhaltigkeit. Die wenigen Notizen - merke ich erst jetzt - sind austauschbar. Austauschbar mit vielen Verkostungen auf vielen guten Weingütern. Warum liegt der Zapfen trotzdem noch hier? Ganz einfach: es ist die Gegend, das Weingebiet, das mir wenig bekannte Mâconnais, an das ich mich erinnere. Wann auch immer ich als Wein-Pilger ins Burgund reise, verirre ich mich kaum in diesen südlichen Teil des Burgunds, wo das Beaujolais gerade vor der Tür liegt. Zudem führt der Weiße, auch wenn es ein Chardonnay ist, eher ein Schattendasein in meinem Weinerleben. In diesem Fall habe ich den Zapfen aufgehoben, um mich nochmals an ein Weingebiet zu erinnern, das eigentlich so nahe ist, in meinem Bewusstsein aber so fern.
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Das Mâconnais - ein Weingebiet in Burgund
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Der markante Felsen von Solutré - an diesem Tag nur im Regen zu erkennen - steht auch weiter für Weine, die man nicht haben muss (der Prestigegehalt ist klein), sondern die man haben darf. Es sind Burgunder, im Bereich der Charakterweine, die noch bezahlbar sind, es sind eigenständige Weine, die etwas abseits vom Mainstream liegen und gerade deshalb so persönlich sind. Genau so wie die Landschaft, aus der sie hervorgehen.
Ich glaube, nun ist klar, was meine "Zapfensammlung" darstellt. Es ist keine Sammlung im üblichen Sinn, sondern es sind genormte Kork-Formen, die für ganz unterschiedliche Weinerlebnisse stehen. Sie blasen Abend für Abend den "Zapfenstreich", jenes Signal, das mit Trommeln und Trompeten zur Nachtruhe mahnt. Die Nachtruhe - zumindest vor dem Schlaf - ist die Zeit, wo ich auch das rekapituliere, was mir in der weiten Weinwelt zugefallen ist. So blase ich eben gerne, Abend für Abend, zum Zapfenstreich. Meine kurzzeitig beiseite gelegten Zapfen übernehmen dann das Kommando.
Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)