Das Erste Gewächs nimmt in der Klassifikation deutscher Weine eine Sonderstellung ein. Es existiert lediglich im Rheingau und ist dort weingesetzlich verankert, während die Großen Gewächse und Ersten Lagen aller anderen deutschen Anbaugebiete lediglich auf einer internen Einstufung des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) beruhen. Auch die Bedingungen für eine Zulassung als Erstes Gewächs unterscheiden sich von jenen für die Großen Gewächse. Das betrifft vor allem den Restzucker, der im Rheingau bis zu 13g/l betragen darf, während es ansonsten bis zu 10g sind, jkeweil in gewisser Abhängigkeit vom Säuregehalt. Auch ist es jedem Weinbaubetrieb im Rheingau gestattet, Weine als Erstes Gewächs anzumelden, und nicht nur Mitgliedern des VDP. Die Zulassungsprobe erfolgt durch von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) geprüfte Winzer des Gebietes und nicht durch die Mitglieder des VDP, wie das in den anderen Gebieten der Fall ist.
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Weinberge bei Oestrich-Winkel (Foto: DWI)
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Leider verfestigte sich in den letzten Jahren der Eindruck, dass das Erste Gewächs den Großen Gewächsen vieler anderer deutscher Anbaugebiete ein wenig hinterherhinkt, was die Qualität sowohl in der absoluten Spitze als auch im Gesamtniveau angeht. Nirgendwo sonst gibt es eine so große Anzahl klassifizierter Weine, die dieser Klassifikation nicht würdig sind. Die Ursachen hierfür sind kaum allein den etwas weniger strengen Zulassungsvoraussetzungen geschuldet. Vielmehr haben wir den Eindruck, dass im Rheingau weniger ernsthaft nach tatsächlicher Qualität entschieden wird als in den Regionalverbänden des VDP. Bei den Rieslingen, die die weit überwiegende Mehrzahl der Ersten Gewächse ausmachen, besteht zudem der begründete Verdacht, es würden nur Weine mit einer schmeckbaren Restsüße zugelassen. Während auch erstklassige Rieslinge offenbar durchweg abgelehnt werden, wenn sie völlig trocken sind, scheinen es auch ziemlich banale Tropfen recht einfach zu haben, den noblen Titel zu ergattern, solange sie nur süß genug schmecken. Eine absurde Situation, sollen die Ersten Gewächse doch die Spitze gerade der trockenen Weine im Rheingau darstellen.
Dabei leiden sogar die besten Ersten Gewächse häufig unter ihrem Restzucker, der bei diesem Weinstil viel zu oft Feinheiten und Charaktereigenschaften verwischt. So erreicht man unter Umständen genau das Gegenteil von dem, was mit der Deklaration der besten trockenen Weine aus klassifizierten Lagen als "Grand Cru" erreicht werden soll: ein klarer, wiedererkennbarer Herkunftsgeschmack. Aus diesem Grund verschlechterte sich der Ruf des legendären deutschen Riesling-Anbaugebiets schlechthin ausgerechnet bei den besonders interessierten und aufgeklärten Verbrauchern in den letzten Jahren merklich. Es ist wenig verständlich, warum man die Zulassungsprüfung weiterhin Personen überlässt, die sich zumindest teilweise offenbar den unseligen 70er Jahren verpflichtet fühlen, in denen der Ruf des deutschen Weinbaus mit banalen Süßlichkeiten schon einmal gründlich ruiniert wurde. Auch bei den jährlichen Weinwettbewerben der DLG werden süßlich schmeckende Weine augenscheinlich bevorzugt, da die Prüfer dort offenbar überzeugt zu sein scheinen, einem vermeintlichen Massengeschmack entgegenkommen zu müssen. Dass sich dieser Geist auch auf die Zulassung zum Ersten Gewächs überträgt, einem als trocken schmeckend konzipierten Spitzenprodukt, das alles andere als ein massentaugliches Getränk sein muss und soll, kann nicht im Sinne der Erfinder sein.
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Weinberge bei Assmannshausen (Foto: DWI)
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An erstklassigen Betrieben fehlt es im Rheingau keineswegs. Auch im alles andere als einfachen Jahrgang 2010 gelang einer ganzen Reihe von Produzenten hervorragende Rieslinge, die trotz des allgegenwärtigen Süßeschleiers über Tiefe, Finesse und Charakter verfügen. Wie überall in Deutschland haben uns auch im Rheingau manche Erzeuger mit den besten Rieslingen überrascht, die wir aus den jeweiligen Betrieben kennen. Allen voran seien hier Friedrich Fendel mit seinem Berg Roseneck und Joachim Flick mit dem Königin-Victoria-Berg genannt. Weiter können Weinberge im Rheingau kaum auseinanderliegen, und bei aller charakterlichen Unterschiedlichkeit eint beide Weine doch ihre eindeutige Lagentypizität, ihr Schliff und ihre Feinheit. Doch nicht nur an den äußersten Rändern des Rheingaus wurden großartige Rieslinge gekeltert. Spreitzer mit Lenchen und Wisselbrunnen, Schloss Reinhartshausen mit Marcobrunn, August Eser mit Lenchen und Querbach mit Doosberg beweisen, das auch im zentralen Rheingau Erstklassiges möglich war. Und in den hohen Lagen ist es das Weingut Weil, dass mit einem exzellenten Gräfenberg aufwartet – dem womöglich trockensten Ersten Gewächs des Jahrgangs. In Hochheim am östlichen Ende reüssierten zudem Gunter Künstler mit der Hölle und Domdechant Werner mit der Domdechaney, ganz im Westen gehören Schloss Johannisberg, der Johannishof mit seiner Hölle sowie abermals Schloss Reinhartshausen (mit dem Schlossberg) und Fendel (mit dem weniger bekannten Rüdesheimer Kirchenpfad) zur Spitzengruppe.
Es folgen ein sehr gutes Mittelfeld mit einigen hochklassigen Tropfen, von denen manche sogar noch zulegen könnten, aber dahinter eben auch eine Reihe von rund 30 Weinen, die zwar nicht schlecht sind, aber für ein Erstes Gewächs eben auch nicht gut genug. Einige von ihnen sind schon für eine trockene Spätlese zu banal – und auch zu süß. Man hat hier tatsächlich den Eindruck, diese Rieslinge hätten es nur aufgrund ihres auffälligen Zuckers unter die klassifizierten Gewächse geschafft.
Die Auswahl der von uns probierten Spätburgunder des erstklassigen Jahrgangs 2009 fällt leider recht spärlich aus. Ein recht süßes Exemplar der Georg-Müller-Stiftung sowie ein kraftvoller und ziemlich holzgeprägter Spätburgunder von Künstler markieren die Spitze unter den uns vorgestellten Weinen. Weine aus Assmannshausen fehlen leider weitestgehend. Zwar probierten wir von dort einige ausgezeichnete Rote, aber außer dem Höllenberg des Weinguts von Mumm war keiner davon als Erstes Gewächs klassifiziert.
Die aktuell probierten Großen Gewächse aus dem Rheingau im Weinführer:
Riesling
Spätburgunder