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Gambero Rosso und Slow Food präsentierten Vini d Italia 2003 Im Dunstkreis des Krebses

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Artikel

Gambero Rosso und Slow Food präsentierten Vini d'Italia 2003

Im Dunstkreis des Krebses

Pressekonferenz mit Gambero Rosso und Slow Food
Schon im Vorfeld der offiziellen Präsentation der neuen Ausgabe des Gambero Rosso geriet dieser bekannteste italienische Weinführer in der Fachpresse wieder einmal in die Kritik. Zu sehr auf weltweit verbreitete Rebsorten und Weine in einem international austauschbaren Stil fixiert seien die Verkoster. Charaktervolle und für ihre Region typische Weine würden weiterhin stiefmütterlich behandelt.

Zu überprüfen, was dran ist, an diesen Vorwürfen, war nicht zuletzt im Rückblick auf unser Interview vom letzten Jahr interessant, in dem uns Raimondo Cusmano eine deutliche Hinwendung zu klassischen italienischen Sorten und gebietstypischen Weinen voraussagte. Doch schon die Pressekonferenz im Münchner Hotel Vier Jahreszeiten machte uns klar, dass ein kritischer Umgang mit der fortschreitenden Vereinheitlichung italienischer Weinstile von den Machern des Gambero Rosso kaum erwartet werden kann. Auf Nachfrage schrieben die Herren, die da teils bräsig auf der Bühne saßen, die Allgegenwart von süßen Holznoten in Verbindung mit butterweicher, süßer, gefälliger, aber eben auch kaum mehr seiner Herkunft zuzuweisender Frucht, lapidar dem Klimawechsel zu, der für nie da gewesene Durchschnitts-Temperaturen sorge und den Produzenten gar keine Wahl ließe.

Viele Verkoster lieben den internationalen Stil
Die Verkostung, die zum zweiten Mal auf der Münchner Praterinsel stattfand, bestätigte den Trend zum gefälligen Tropfen schließlich auch eher, als dass eine Umkehr von der in den letzten Jahren immer offener kritisierten Bewertungspraxis feststellbar gewesen wäre.

Es sei jedoch auch erlaubt, die Dinge einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Obwohl bereits überall von stark rückgängigen Umsätzen gesprochen wird, ist die Begeisterung für vollmundige, süße und holzwürzige Rotweine scheinbar ungebrochen. Wir hatten nicht den Eindruck, dass der Andrang an den Ständen der üblichen Verdächtigen oder gar der ganzen Veranstaltung nachgelassen hätte. Ganz im Gegenteil. Diese Begeisterung war stets unüberhörbar, wo den Leuten ein weiterer süßer, röstwürziger, vollmundiger und nicht selten fast übermächtiger Wein in die Gläser geschenkt wurde. Das ist es inzwischen, was sich ein großer Teil der Kundschaft unter einem echten Spitzenitaliener vorstellt und wer weiß ob die noch so zahlreich käme, wenn ihr solche Weine von einer immer kritischeren und patriotischeren Jury zugunsten unverwechselbarer, charaktervoller und oft eben nicht ganz so schmeichelnder Tropfen zunehmend vorenthalten werden würde.

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Dass der Trend zu schnell genussreifen, austauschbaren Frucht- und Holzbomben scheinbar unvermindert anhält, zeigen uns auch die Reaktionen einiger Produzenten und Handels-Vertreter, die mit eher klassisch strukturierten Weinen auf die Veranstaltung kamen. „Wir können es uns nicht erklären, aber der Wein liegt bei uns wie Blei”, ließ sich der Angestellte eines bayerischen Fahrzeugveredlers und Weinimporteurs hinter seinen soeben geöffneten Flaschen „Percarlo” vernehmen, eines reinrassigen Sangiovese, der zwar durchaus modern gemacht ist, aber dennoch über alle Charakterzüge der Sorte verfügt, einschließlich Säurebiss, festem Tannin und - zumindest im Vergleich - strengem Auftreten in der Jugend. Nur ganz wenige der nach wie vor hochgejubelten Supertuscans konnten ihm an diesem Tag das Wasser reichen und der einzige ihm ebenbürtige war ausgerechnet der in letzter Zeit ebenfalls oft kritisierte Sassicaia. Und auch hier stand Struktur vor Frucht und Eleganz vor schierer Kraft. Ein direkt am Nebentisch präsentierter Avvoltore von Moris Farms geriet da, obgleich keineswegs schlecht gemacht, schier zur Karikatur.

Das Gedränge war wieder gross
Apropos gut gemacht: selbstverständlich verstehen die allermeisten der hier vorgestellten Betriebe ihr Handwerk perfekt. Auch wenn es mitunter vorkommt, die Chance, einen wirklich schwachen Wein zu finden unter den 3-Gläser-Weinen ist sehr gering und auch viele der von uns und anderen kritisierten Eichen-Schmeichler würden den meisten von uns ein oder zwei Gläser lang schon Spaß machen. Bitter wird da auf die Dauer jedoch nicht nur das Holztannin, auch die Preise schlagen einem in vielen Fällen langsam auf den Magen. Und wie lange sich die Anhängerschaft bei überzogenen Tarifen gerade der eher austauschbaren Weine bei der Stange halten lässt, ist angesichts wachsender Konkurrenz aus aller Welt dann doch eher fraglich.

Wie schon im letzten Jahr fehlte leider bei weitem die Zeit, uns durch alle vorgestellten Weine durchzuarbeiten. Bei Verkostungsbeginn um 13.00 war ein guter Teil der Produzenten noch nicht anwesend - die Kartons und Kisten standen vielerorts noch unausgepackt auf dem Tisch. Ab 15.00 wurde es dann schnell voll und kaum eine Stunde später war zumeist kaum noch ein Durchkommen ohne Rempeln, Aufdiefüßetreten und sich unfreiwillig Einparfümierenlassen. So gelang es uns auch diesmal kaum, neben Toskana und Piemont, Gebieten, die angesichts der letzten Jahrgänge und nicht zuletzt aufgrund ihrer extremen Preisentwicklung kritisch ins Auge gefasst werden mussten, auch weitere Anbauzonen ausführlich zu probieren - zumal in der letzten Stunde vieles bereits restlos ausgetrunken war.

Daher fallen unsere Schlaglichter fast nur auf die beiden berühmtesten Weingebiete Italiens. In der Toskana wurden vor allem die Supertuscans mit Gläsern überschüttet, was nicht zuletzt dazu beitrug, dass hier für dieses Mal sogar mehr höchste Auszeichnungen vergeben wurden, als für Weine aus dem Piemont, das die Statistik lange anführte. Leider waren wirklich spannende Weine eher die Ausnahme. Und bei manchen ...aia-Weinen muss man sich fragen, ob die tre bicchieri nicht eher aus politischen Gründen vergeben wurden, als wegen ihrer Regions-Typizität.

Neben den bereits angesprochenen Percarlo und Sassicaia beeindruckten uns mit Romitorio di Santedame und Le Stanze ausgerechnet zwei weitere Weine auf Cabernet-Basis. Die großen Sangiovese waren sehr in der Unterzahl. Das mag an der Auswahl der Prüfer liegen, doch auch in den Hochburgen des Sangiovese waren die Ergebnisse schwankend. Vor allem beim Brunello bestätigte sich das Bild, dass wir bereits auf der Präsentation vor einigen Wochen gewinnen konnten: neben wenigen Spitzen steht viel Mittelmaß. Gleichwohl kommen zwei unserer absoluten Favoriten von hier: Siro Pacenti hat mit seinem 97er Brunello einen Meilenstein gesetzt, an dem sich die Konkurrenz auf lange Zeit wird messen lassen müssen und auch Fantis Exemplar lässt kaum Wünsche offen.

Elio Altare der Star aus dem Piemont ohne Allüren
Das Piemont tat sich unserer Ansicht nach manchmal schwer, die angeblich so große Qualität der aktuellen Jahrgänge unter Beweis zu stellen. Beim Barbaresco liegt das vor allem an den manchmal schon schmerzhaft hohen Alkoholgraden, denen die feingliedrige Frucht selbst bei hoher Qualität selten etwas entgegenzusetzen hatte. Hier wird die Suche nach immer beeindruckenderen Show-Weinen mit unharmonischen und brandigen Ergebnissen bestraft. Gegen den Trend stemmt sich hier Bruno Nada (Weingut Fiorenzo Nada). Die Beschreibung der Gambero-Prüfer ( „Vanille, Kakao, Marmelade”) würde mich eher abschrecken, doch im Glas präsentiert sich der Wein dann doch wohltuend anders als erwartet. Die Barolo tun sich naturgemäß leichter mit den auch hier hohen Alkoholgraden, was sich in einer ganzen Reihe ausgezeichneter Gewächse niederschlägt. Wahrhaft groß ist auch diesmal Bruno Giacosa, dessen 96er Riserva jedoch zur Zeit noch sehr ungern seine enormen Qualitäten preisgeben mag. Doch auch von Elio Grasso kommt ein faszinierender Wein: er beweist, dass trotz beherztem Holzeinsatz kein Barolo seinen Charakter verlieren muss. Das genaue Gegenteil ist bei Paolo Scavino der Fall, wo selbst die modernste Önologie offensichtlich versagte. Weitere Spitzenweine zeigten Altare, Corino, Prunotto, Alessandria und zu meiner Freude auch wieder Conterno-Fantino.

Ansonsten konnten nur noch vereinzelt Weine probiert werden. Was uns dabei aus Sizilien ins Glas kam, war jedoch angesichts des erwarteten Niveaus schon erschreckend. Von der großen Individualität des Südens war hier nichts zu spüren und wir hoffen, hier für dieses Mal nur zufällig die falschen Weine erwischt zu haben und nicht repräsentative Vertreter eines Trends...

Deutsch-Schweizer-Fachsimpelei
Das Buch ist trotz allem das umfangreichste Werk zum italienischen Wein. Aus über 20.000 verkosteten Weinen schafften es über 13.000 Weine von 1.884 Produzenten in das Buch. immerhin noch 250 erhielten die begehrten drei Gläser ("tre bicchieri"). Und zwar 63 Weine aus der Toscana, 60 aus dem Piemont, 25 aus Friaul, je 19 aus Südtirol und Venetien. Aus der Lombardei wurden 11 Weine prämiert, aus Sizilien 9, 8 aus den Marken, 6 aus Kampanien, je 5 aus Umbrien und Trentino, je 4 aus Apulien und der Emilia Romagna, 3 aus der Basilikata, je zwei aus den Abruzzen, aus Sardinien und dem Latium, je einer aus dem Aostatal, aus Kalabrien und der Molise. Ligurien blieb diesmal ohne tre bicchieri.

"Die Spitze der Pyramide ist klein, und sie bietet nur wenigen Herstellern Platz, den sie sich in Jahren harter Arbeit im Ausland, vor allem aber in Italien selbst erobert haben" so die Herausgeber Daniele Cernilli (Gambero Rosso) und Gigi Piumatti (Slow-Food in ihrem Vorwort. Wie man wohl mit harter Arbeit im Ausland gute Weine in Italien produziert?

Kellerei des Jahres wurde Ca' del Bosco. Als Önologe des Jahres wurde Marco Pallantini von Castello di Ama in Gaiole in Chianti durchaus verdient ausgezeichnet.

Die Weine des Jahres sind:
Rot: Patrimo 2000 von Feudi di San Gregorio aus Kampanien.
Weiss: Collio Chradonnay Gräfin de la Tour 2000, Villa Russiz, Friaul.
Dessertwein: Asti de Miranda Metodo Classico 2000 von Contratto im Piemont.
Schaumwein: Trento Methius Riserva 1995, Fratelli Dorigati-Metius, Trentino.

Das Buch erscheint im neuen Design mit Sofcover im Hallwag-Verlag, hat 842 Seiten und die ISBN: 3-7742-0891-3. Es kostet in Deutschland 29,90 Euro in Österreich 30,80 Euro und in der Schweiz 50,20 Schweizer Franken.

Die Präsentation fand am 25.3.2003 auf der Münchner Praterinsel statt. Es verkosteten Helmut Knall und Marcus Hofschuster. Notizen von Marcus Hofschuster.

Degustationsnotizen
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  

Helmut Knall und Marcus Hofschuster
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