Fast hundert Jahre bevor Dom Perignon Kellermeister in der Abtei Hautvilles wurde, gründete der Schöffe Pierre Gosset in Aÿ sein Weinhandelshaus. Damals handelte man noch mit stillen Weinen. Heute, nach 426, Jahren ist Gosset ein reines Champagnerhaus. Die Hälfte der Produktion wird im Inland verkauft, der Rest weltweit. Das ist überdurchschnittlich im Vergleich zur gesamten Champagne, von deren Produktionsvolumen ganze 62% in Frankreich selbst bleiben.

Märkte und berühmte Kunden
Russland ist neben den etablierten Absatzmärkten im Moment auch für Gosset ein interessanter Markt, auf dem Champagner gut nachgefragt wird. Ob dies auch eine Folge der angeblichen Präferenz von Ex-Kanzler Gerhard Schröder für die Champagner des Hauses zurückzuführen ist, die er bei seinen neuen Aktivitäten beibehalten hat, ist nicht genau bekannt. Berühmte Genießer der Tropfen von Gosset sind jedoch die Söhne des Fürsten von Wales, William und Henry Mountbatten-Windsor. Eine gute Tradition, könnte man meinen, denn bereits unter den ersten Kunden des 1584 als Weinhandel gegründete Hauses war ein Königshof: natürlich der französische.
Die spritzige Frische überzeugt aber auch in der Hitze Afrikas und wird dort vor allem von den Frauen des Königs von Togo, Togbé Ahuawoto Sawado Zankli Lawson VIII., geschätzt. Jährlich gehen einige Kisten mit dem Konterfei seiner Majestät auf einem Zusatzetikett in sein Herrschaftsgebiet. Diese Personalisierung ist nur rein äußerlich, denn bei der Dosage der einzelnen Produkte wird kein Unterschied nach Zielland gemacht, sie ist überall auf der Welt gleich. "Das könnte sonst gefährlich sein, denn die Märkte sind heute nicht mehr homogen, die Menschen reisen viel und auch in Japan kann man im Internet zum Beispiel Wein in Deutschland bestellen", erinnert der Exportdirektor von Gosset, Wilfred Schuman, und verrät noch, dass auch Interpol bei Gosset ein Kontingent für seine Mitarbeiter kauft.

Mehr Platz für Vielfalt und lange Lagerung
Seit Ende Juni 2009 gibt es neben dem Sitz in Aÿ noch einen Betriebsteil in Épernay auf zwei Hektar Land. Ein Schnäppchen sozusagen, denn eigentlich ist die Anlage viel zu groß für die Produktion der 2 Millionen Flaschen von Gosset. Es sollen auch nicht viel mehr werden, weshalb man mit dem Neuerwerb nicht auf Mengensteigerung abzielt, sondern auf mehr Raum für selektiven Ausbau und eine lange, qualitätsverbessernde Lagerung. So freut sich Jean-Pierre Mareigner, der Maître de Chai, dass er mit den 140 neuen Tanks mit einem jeweiligen Fassungsvermögen von 20 bis 200 Hektolitern nun nicht nur wie bisher einzelne Dörfer separat vinifizieren, sondern auch Partien einzelner Weinbauern und Lagen herausarbeiten kann. Verrückt, würden einige meinen, denn in der Konsequenz bedeutet dies, dass der Aufwand bei der Assemblage um so größer wird, je mehr einzelne Partien zur Verfügung stehen. Verkostet Jean-Pierre heute schon zirka 60 Basisweine aus 60 Dörfern, so wird dies in Zukunft ein Vielfaches davon sein.
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Jean-Pierre Mareigner bei der Entnahme einer 2009er ''Fassprobe'' im Mai 2010 im neuen Keller in Épernay
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Die ersten Assemblagen von Gosset aus dem neuen Keller und damit dem Jahrgang 2009 sind im Juni 2010 erstellt worden, später als alle anderen der Gegend. Der Chef de Cave wartet gern um zu sehen, wie sich die
Weine entwickeln. "Ihnen Zeit lassen, das ist eines der wichtigsten Kriterien für die traditionelle Methode", sagt Jean-Pierre, der dem Wein folgt und nicht umgekehrt. Er allein bestimmt den Säure- und Zuckergrad, den er braucht, um viele Jahre nach der Ernte den typischen Gosset-Stil auf den Markt zu bringen: frisch, kraftvoll und vielschichtig. Auch Jean-Pierre Cointreau, der Inhaber von Gosset, mischt sich da nicht ein. 26 Jahre ist Monsieur Mareigner hier nun schon Kellermeister, und die meisten Weinbauern, die ihm zuliefern, arbeiten bereits seit drei Generationen mit ihm zusammen. Sie kennen seine strengen Vorgaben und so kommt es höchst selten vor, dass Partien abgelehnt werden.
Moderner Weinstil aus alter Tradition
Die Ernte 2009 war außergewöhnlich gut, mit große Finesse, aber die Weine brauchen Zeit. Bei Gosset erfolgt aus Prinzip keine malolaktische Gärung, denn man will hier die Frische der Weine hervorheben. Die einzige Ausnahme bildet der Brut Excellence – erkennbar auch an der grünen klassischen Schaumweinflasche - der darum auch binnen 4 Jahren nach der Enthefung vor allem als Aperitif getrunken sein sollte. Die anderen Weine in der traditionellen Antikflasche halten sehr viel länger, und man kann sie getrost auch viele Jahre nach dem Degorgement genießen. Aus diesem Grund findet man das Degorgierdatum nicht auf der Flasche. Das ist zwar nicht gerade verbraucherfreundlich, aber angesichts der Tatsache, dass es viele Champagner, Winzersekte und Spumanti gibt, die man eben doch eher binnen kurzer Zeit nach dem Verkorken trinken sollte, auch verständlich. Bei Gosset sichert der Verzicht auf die Milchsäuregärung und die Betonung der Frische eine natürlich lange Haltbarkeit und Genussdauer, so dass es möglich ist, einen 1990 verkorkten 85er Wein, heute noch zu trinken. Kein alltäglicher Champagner natürlich, sondern etwas für Kenner. Und da Gosset-Weine nur in der Spitzengastronomie und in ausgesuchten großen Weinhandlungen zu finden sind, weiß dort der Sommelier garantiert, jeden Wein passend zum Anlass und Kunden zu kombinieren.

Zeitgeist trifft Unternehmensphilosophie
"Die Leute wollen heute gesünder essen und trinken und eben auch weniger Zucker zu sich nehmen, darum haben wir nach und nach mit weniger Dosage gearbeitet", erzählt die Exportchefin Natalie Dufour von ihren Erfahrungen im Kundengespräch. Die Verringerung der Dosage hat aber auch gezeigt, dass die Ausdruckskraft der Aromen steigt. Der Wein und sein Aromenspiel kann klarer wahrgenommen werden, und so verbindet sich die Nachfrage synergisch mit dem Stil des Hauses Gosset.
Für solche Arbeit am Detail braucht es einen flexiblen Verkaufsmanager, den Gosset zum Glück mit dem sympathischen und dynamischen Niederländer Wilfred Schuman hat. So sehr er sich über große Bestellungen freut, wie vor kurzem über eine LKW-Ladung voll für Russland, muss er doch immer erst anfragen, ob eine Lieferung wirklich möglich ist. Bei Gosset wird nicht nach Kundenwunsch degorgiert, sondern dann, wenn die Cuvées bereit sind, und das bestimmt allein der Kellermeister.
Überhaupt erlebt man hier eine große Ehrfurcht vor dem wahren Können, Respekt, Interesse am Gegenüber und gleichzeitig eine unglaubliche Herzlichkeit. Diese von Humanität geprägte Atmosphäre und die Ruhe in den langen Kellergängen unter dem Gut in Épernay ist das völlige Gegenteil von dem Tamtam und Trubel mit dem Champagner gewöhnlich geöffnet und konsumiert wird - und dabei in seiner Größe als Wein oft gar nicht voll zur Geltung kommt.
Fotos und Text: Katrin Walter