So wie jeder Jäger seine schönsten Erlebnisse in schmuckvollem Jägerlatein immer wieder zum Besten gibt, so schwärmt auch der Weinliebhaber oft und gerne von seinen „großen” Verkostungen. Bei mir sind es schon einige dieser „unvergesslichen” Erlebnisse, von denen ich immer wieder gerne erzähle. Zum Beispiel eine Jahrhundert-Degustation der „besten französischen Weine” des 20. Jahrhunderts, oder eine Mouton-Vertikale mit René Gabriel, oder eine Verkostung von jenen Weinen, welche die Weinwelt veränderten und - erst kürzlich - eine Vertikale der besten Châteauneuf-du-Pape von Henri Bonneau. All diese Weinerlebnisse haben etwas gemeinsam: die begleitende Zeremonie, jene Kulthandlung, in der die Weine „zu Grabe getragen” werden. Eigentlich ist es kein übliches Sterben, kein Abschied in Trauer. Im Gegenteil: Es sind die Stunden und Minuten, in denen der Sinn eines Weindaseins in Erfüllung geht. Der alleinige Zweck, dem Menschen, dem Genießer allerhöchste Lust zu bereiten und dann abzutreten aus dem irdischen Wein-Dasein. Alle Weine, die diesen Zweck erfüllen, leben weiter in den Erzählungen und Schilderungen von denen, die dabei waren.
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Eröffnung der einmaligen Bonneau-Präsentation. 28 der legendären Weine wurden von Gerhard Präsent in Graz vorgestellt. Die Teilnehmer kamen aus vielen Gegenden, aus Zürich, aus Hannover, aus London etc.
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Die Zeremonie aber, die den Hinschied begleitet, gleicht einem „Staatsbegräbnis erster Klasse”.Niemand ist wirklich traurig, nicht einmal die nächsten Angehörigen (in diesem Fall die stolzen Besitzer). Jeder an der Tafel weiß, das Ableben hat einen höheren Sinn, erhält jetzt seine höchste Weihe und zwar im einem harten Wettbewerb, den Anwesenden höchsten Genuss zu verschaffen.
Alle Teilnehmer am rituellen Staatsbegräbnis haben sich ihre geistige Uniform angezogen. Deutlich erkennbar die verschiedenen Schichten: Amateur, Profi, Genießer, Skeptiker, Vertrauter, Kenner, Neugieriger... Das geistige Gewand ist vielfältig und nicht ohne weiteres erkennbar - uneinheitlich also. Doch alle sind mit den Insignien ihres Standes dekoriert. Zwar wird Lässigkeit demonstriert, in Wirklichkeit aber steigt die Erregung. Zuerst werden die Mittrinker (oder Verkoster) unauffällig, aber umso schärfer unter die Lupe genommen: Wer hält das Glas falsch? Wer streckt seine Nase zu lange ins Glas? Wer trinkt mehr als er verkostet? Wer spuckt und wer nicht? Wer notiert systematisch und verteilt sogar Punkte?
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Kritisches Prüfen an der sensationellen Bonneau-Degustation vom 17. Dezember in Graz
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Dann kommt der Wein an die Reihe. Drei oder vier Gläser, tümpelhoch gefüllt, werden ans Licht gehalten, zur Nase geführt, schluckweise geleert, der Inhalt durch Mund und Gaumen gezogen... Schließlich wird mit einer möglichst lässigen Kopfbewegung der hehre Augenblick quittiert. Ein Staatsbegräbnis: zwar werden keine Fahnen zum Grab hin gesenkt, zwar gibt es keine Kränze mit dem „letzten Gruß”. Doch die Stimmung entspricht jener, die sonst auf Kranz- und Bouquetschleifen festgehalten wird: „in Kameradschaft, Freundschaft oder gar Liebe, Dein...”.
Wie bei jedem echten Staatsbegräbnis wird vorerst in Ehrfurcht geschwiegen, minutenlang. Dann melden sich die engsten Freunde zu Wort: Verdienst, Eigenheit, Leistung, sogar ein Stück Werdegang werden formuliert und zaghaft ausgesprochen. Widersprechen mag keiner. Dies gebietet schon die Würde des Anlasses, die Erhabenheit des Augenblicks. Erst später, im kleinen Kreis, kommen auch kritische Stimmen zu Wort, allfällige Laster und Ungereimtheiten werden aufgezählt, allerdings eher verhohlen, hinter der vorgehaltenen Hand.
Man spricht bereits über die Nachfolge und freut sich auf das nächste Staatsbegräbnis 1. Klasse. In verschiedenen Internetforen werden Kondolenzlisten aufgelegt, und die große Weinwelt nimmt geistigen Anteil am Abschied. „Congratulations for a maybe once in a lifetime tasting.” So oder ähnlich wird geschrieben, gelobt, analysiert und geschwärmt. Das Staatsbegräbnis bleibt in Erinnerung, es wird den Enkeln und Urenkeln als geistiges Weinerbe weitergereicht. Und irgendwann verwischt sich die Erinnerung mit der Zeremonie und der Wein mit dem Erlebnis dabei gewesen zu sein.
Herzlich Ihr/Euer
Peter (Züllig)