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Grüner Veltliner in Deutschland: Die leise Rückkehr eines alten Bekannten

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Artikel
22.08.2008

Grüner Veltliner in Deutschland:

Die leise Rückkehr eines alten Bekannten


Der Grüne Veltliner ist der Inbegriff des österreichischen Weins. Doch vor 200 Jahren war die Sorte auch in Deutschland weit verbreitet, wie zeitgenössische Dokumente belegen. Nun ist sie wieder zurück - wenn auch noch in sehr kleiner Menge. Drei Güter in Rheinhessen und im Rheingau haben sie mit interessanten Ergebnissen wieder kultiviert.

„In der Umgegend von Heidelberg, zumal auf der Ebene, wird der Balteliner häufig gebaut und vielen anderen Varietäten vorgezogen. Er gibt daselbst, wenn er vollkommen reif wird, sehr vielen und guten Wein.” 1827 beschrieb der Heidelberger Hofgärtner Johann Metzger diese Rebsorte in seinem Buch „Der rheinische Weinbau in theoretischer und praktischer Beziehung”. Den „grünen Balteliner” beschreibt Metzger als Variante einer Sorte, die bei Oppenheim, Worms, im Rheingau,  an der Bergstraße und vielen anderen Orten verbreitet sei. Bei Pforzheim nenne man die Rebsorte „Veltleiner”. An all diesen Orten gibt es den duftigen, würzigen Wein nicht mehr - dafür umso mehr davon in Österreich. Der Grüne Veltliner gehört seit den den 50er Jahren zur Alpenrepublik wie Mozart und die Wiener Sängerknaben. 37 Prozent der gesamten Rebfläche Österreichs waren 1999 mit dieser Rebsorte bepflanzt. Nun kehrt er an die Hänge des Rheins zurück.

Ein Auszug aus dem "Rheinischen Weinbau"

Ferdinand Koegler, schulterlange Haare, Bart und modische Brille, sitzt im großzügigen Garten seines Eltviller Gutes aus dem 15. Jahrhundert. Kirchenglocken läuten, alte Bäume spenden Schatten. Der 38-jährige Winzer, Absolvent der Weinbau-Fachhochschule Geisenheim, übernahm 1999 das Gut von seinem Vater. „Ich wollte durch die Welt reisen, in Europa und Übersee Erfahrung im Weinmachen sammeln”, erzählt er, „doch damit war das erstmal vorbei.” Koegler  ist ein international orientierter Winzer geblieben. Er reist oft in die USA und zu Messen nach China.

Seit 1899 produzierte das Weingut Koegler fast ausschließlich Riesling. Der neue Chef  suchte daher im Jahr 2001 nach einer Sorte, mit der er den Rheingau-Klassiker aromatisch ergänzen und so das Sortiment erweitern konnte. Seine Gäste und Kunden hätten immer wieder nach einem Wein mit weniger Säure als beim Riesling gefragt. „Chardonnay kam nicht in Frage. Der passte nicht zu uns.” Auch wollte er nicht den „hunderttausendsten Sauvignon Blanc” anbauen: „Der wird in Südafrika ganz hervorragend, aber nicht hier.” Beim Besuch  befreundeter Winzer in Österreich kam ihm die Idee: „Warum nicht Grüner Veltliner?” Der Wein sei kräftig und aromatisch, mit schönen Fruchtnoten, wenig Säure und immer ein klein wenig Pfeffer auf Zunge. „Mit Riesling ergänzt sich dieses Geschmacksprofil ganz hervorragend. Manchmal liegt das Gute so nahe”, begründet er seine Entscheidung. Und er erinnert an Erzählungen seines Vaters: Vor dem zweiten Weltkrieg sei der traditionelle Rheingauer Hauswein, „Bubbes” genannt, aus verschiedenen, in einem Hang stehenden Rebsorten gekeltert worden - der Grüne Veltliner habe ganz selbstverständlich dazugehört. Koegler erfuhr, dass die Sorte bereits damals in Rheinland-Pfalz bereits zugelassen war. Er besorgte sich also Reben und bepflanzte einen halben Hektar in einer Parzelle der bekannten Lage „Kiedricher Sandgrub”.

Ferdinand Koegler
Der Veltliner entwickelte sich prächtig und brachte gewaltigen Ertrag - ein Aspekt, den qualitätsbewusste Winzer verhindern wollen, weil sonst Menge vor Qualität geht. „Wir haben teilweise bis zu 80 Prozent des Ertrags herausgeschnitten, so dick waren die Trauben”, erinnert sich Koegler. Die ersten Ergebnisse überzeugten den weltgereisten Winzer, mittlerweile hat er die Anbaufläche auf knapp zwei Hektar erweitert. „Damit sind wir der größte deutsche Grüner Veltliner-Produzent”, sagt er und lacht. Er baut ihn in zwei Varianten aus: Als leichten Wein aus dem Stahltank mit zwölf Prozent Alkohol für acht Euro und in einer Version aus dem 500-Liter-Holzfaß mit 13,5 Prozent für etwa 15 Euro. Beide Weine bieten eine für den Rheingau typische Mineralität, etwas weiße Frucht und Noten nach Pfeffer und Kräutern. Die Holzfass-Variante hat mehr Volumen, Schmelz, einige Röstaromen und etwas Mandelnote. Nur 1500 Flaschen bringt Koegler davon in den Verkauf - zum Kreis fester Abnehmer gehört beispielsweise Ex-Fussballnationaltorwart Oliver Kahn.

Auch auf der anderen Seite des Rheins ist der Grüne Veltliner ebenfalls wieder zu finden. Es ist nur eine kleine, sanft geneigte Parzelle in der Niersteiner Lage „Brückchen”. Die Reben haben dort Walter und Margit Strub vom Weingut J. u. H.A. Strub vor acht Jahren gepflanzt. Wie Koegler machen sie gute Geschäfte im Ausland - Strub exportiert etwa 60 Prozent seiner gesamten Produktion in die USA. Auch sie entdeckten die Sorte in Österreich, als sie die bekannten Weinbauregionen Kamptal und Krems bereisten. „Den kann man zu einer deftigen  Vesper genauso gut trinken wie zu feinem Gemüse”, schwärmt Margit Strub. Die beiden suchten nach einer Sortenergänzung, weil sie nicht wie die Nachbarn auf Silvaner und Weißburgunder setzen wollten.

Margit und Walter Strub
Die ersten Ergebnisse seien allerdings „sehr enttäuschend” gewesen. Erst nach drei Jahren hätten die spät reifenden Reben einen Ertrag gebracht, mit dem sich zumindest das Experimentieren gelohnt habe. „Im Keller hat mich der Wein einige Mühe und Nerven gekostet, weil er sich bei der Gärung völlig anders als Riesling verhält”, räumt Strub ein. Doch heute entstehe „ein Wein mit Charakter, den wir hier in Deutschland hervorragend verkaufen.” Er lässt ihn im Großen Holzfass reifen, weil die minimale Sauerstoffzufuhr „die Aromen sich besser entfalten lasse”.

Während Strubs Riesling typische Noten nach Pfirsich und Zitrusfrüchten sowie Mineralität und langem Nachhall entwickelt, steht der „GrüVe” ganz anders da: Heu, Kamille, Kräuter, Pfeffer, viel Kraft, dafür weniger lang im Nachhall. Mittlerweile kaufen auch amerikanische Kunden gerne die „deutsche Spezialität” vom Rhein - und die deutschen Stammkunden fragen regelmäßig nach dem „GrüVe” für 5,30 Euro.

Auch Walter Strub weiß, der Grüne Veltliner habe im 19. Jahrhundert auch rund um Nierstein an den Hängen gestanden. Er habe damals die alte Sorte Heunisch von den Hängen verdrängt, da der Veltliner gewaltige Erträge gebracht habe. „Später haben die Winzer ihn durch Silvaner ersetzt, weil man sich noch größere Erntemengen versprochen hat.”

Doch mit den anderen Namensvettern wie dem Roten, dem Frühroten und dem Weißen Veltliner ist der Grüne gar nicht verwandt, wie einst Hofgärtner Metzger annahm. Er dachte, der Grüne Veltliner sei eine regionale „Varietät” des Roten, dessen Veränderung durch Boden und Alter der Reben entstehen würde. Rebforscher konnten nun zwar mit DNA-Analysen beweisen, dass die Sorte Traminer dessen Muttersorte ist, doch der Vater bleibt weiter verschollen. Genetische Merkmale legen nahe, der Rote Veltliner könnte zumindest einer der Großeltern sein. Doch bewiesen ist nichts.

Grüner Veltliner, © ÖWM
Wann und wie die Rebsorte zuvor nach Deutschland kam, ist ebenfalls kaum geklärt. Johann Metzger hat bereits 1827 eine mögliche Erklärung geliefert: „Johann Casimir von der Churpfalz ließ Balteliner Reben, wahrscheinlich zwischen 1583 und 1592 aus dem Bältelin in Südtirol in die Gegend von Heidelberg bringen und sie daselbst auspflanzen, und wahrscheinlich stammen die in den Rheingaugegenden verbreiteten Balteliner Reben von dort ab.” Ob sie stimmt, ist heute ungeprüft.

Noch ist der deutsche Veltliner eine Rarität: Derzeit findet sich neben Strub und Koegler nur noch das Weingut Karl-Heinz Frey in Guntersblum, das die Rebe mit dem rot-weiß-roten Image anbaut. Möglicherweise wird sie bald öfter anzutreffen sein: Strub und Koegler berichten übereinstimmend, andere Winzer in ihrer Umgebung würden ebenfalls mit dem Grünen Veltliner experimentieren. Da sehen sich beide gut vorbereitet. „Ich habe die Reben letztlich für meine Söhne gepflanzt, denn erst in zehn, zwanzig Jahren bringen sie höchste Qualität”, sagt Ferdinand Koegler.  Auch Walter Strub bleibt entspannt. „Wir haben nun acht Jahre Erfahrung im An- und Ausbau gesammelt. Die anderen müssen bei Null anfangen.”

Uwe Kauss
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