Immer wenn es ungemütlich wird, tiefe Nebelschwaden Haus und Garten umgeben, Regen an die Scheibe prasselt und sich leise der Winter schon bereit macht, fliehe ich in den Keller. Meine Frau sagt: „Gehst du wieder einmal deine Flaschen streicheln!” So ganz unrecht hat sie nicht.
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Ein Griff ins Regal "Sammelsurium" mit mancher Überraschung
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Ich verschwinde im Keller, wo es nebst den schön geordneten und registrierten Bordeaux noch drei Weingestelle gibt, die ich „Sammelsurium” nenne, ab und zu auch „Wundertüte” Hier lagern jene Flaschen, die ich irgendwo gekauft und mitgenommen habe, die man mir geschenkt oder zur Verkostung empfohlen hat, denen ich irgendwo in einem Weingebiet, auf irgend einer Reise oder bei einem Besuch begegnet bin.
Da lagern sie wild durcheinander, die Erinnerungen, schöne und weniger schöne, auch die Vergesslichkeiten, die Neugier, die Unsicherheit, die guten Vorsätze, ja sogar leicht abgegebene Versprechen, die nie eingehalten wurden.
Es sind nicht einfach gute und weniger gute Flaschen, es sind Momente meines Weinlebens: Träume, Hoffnungen, Ärger, Enttäuschungen.
Ab und zu muss ich sie besuchen. Hinuntersteigen zu den Zeugen vergangener Emotionen.
Ich ziehe eine Flasche aus der Röhre, lese die Etikette und krame in den Erinnerungen. Einiges ist verschüttet, abgetaucht und will nicht wiederkehren. Anderes ist präsent, als wäre es gestern gewesen.
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Erinnerung an die erste Stelle meiner Tochter: ein Beaujolais
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Da ergreife ich zuerst einen Beaujolais, Village AOC, 1997. Was, ich habe einen Beaujolais im Keller? Die Etikette verrät: „Festwein - Höhere Schule für Frauen”. Natürlich! Den hat mir meine Tochter gebracht, von ihrer ersten Stelle als Gymnasiallehrerin. Ein einfacher Wein, wie er auf fast jedem Fest ausgeschenkt wird. Nur die Etikette ist etwas besonderes, da denke ich an die Sorgen und Freuden, die eine erwachsen gewordene Tochter bereiten kann.
Der zweite Griff: „Pur Pur” von Peter Jakob Kühn, 2001, Rheingau, trocken. Vor mir taucht die Erinnerung auf, an unsere erste Reise in deutsche Weingebiete mit lieben Weinfreunden aus dem Forum. Es ging in den Rheingau. Und schon bald war ich froh, für einmal keinen Riesling, sondern einen Roten zu entdecken. Ich habe ihn mitgenommen, wollte ihn zuhause nachverkosten. Vergessen. Nicht aber der Besuch beim Winzer. Flaschenverschluss war das zentrale Thema. In einer Woche starten wir schon zu unserer vierten, jährlichen kleinen Reise, diesmal an die Mosel.
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Künstleretikette: wer ist John Clean
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Die nächste Entdeckung: ein Brunello di Motaleino, Poggio Antico, 1989, mit einer Künstlerettikete von John Clean, 1995, handsigniert, die 31. von 90 Flaschen. Zum Teufel, wer ist „John Clean”? Eine Bildungslücke? Da kann mir meine Frau helfen. Ein Geschenk, das zu Neujahr verteilt wurde: Sie hat es mitgebracht. Immerhin, der Poggio Antico von Paola Gloder soll Potential zur Lagerung haben, also wohl noch trinkbar sein.
Dann, das schlechte Gewissen! Von einer Reise an den Rhein haben wir in Worms zwei Flaschen „Nibelungen-Trank” gekauft, für unsere beiden Opernfreunde, die sich so gern und oft mit Richard Wagner in vergangene Zeiten begeben. Winter’s Rotwein, halbtrocken, Erzeugerabfüllung. Schrecklich, denke ich und schaue mir die Etikette an: der grimme Hagen und die Rheintöchter. Dies versöhnt mich. Die beiden Freunde hätten wohl Freude, weniger am Wein, als an dem Bildschmuck. Peinlich, die beiden Flaschen sind hier geblieben. Das vermeintliche „Mitbringsel” hat seinen Zweck (noch) nicht erfüllt.
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Ein Rotwein aus dem Rheingau
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Der nächste Griff zu einer Flasche ist weit genussvoller: Finca Dofi, 1994, der Vorzeigewein aus dem Priorat. Ich erinnere mich: ein Besuch im Zürcher-Weinschiff, der spätherbstlichen Weinfolklore. Vor Jahren habe ich hier zum ersten Mal Alvaro Palacies Weine degustiert. Dies hat offenbar unseren Appetit so angeregt, dass es uns in die „Metzg” zog, in ein gemütliches kleines Quartierrestaurant im Seefeld, das längst auf Spanien ausgerichtet ist; wo die Wirtin noch jeden Gast freundlich willkommen heißt und ihr spanischer Mann hervorragend kocht. Da gibt es zum Beispiel ein ganz dünnes, köstliches Steak, an einer noch köstlicheren Senfsauce und - spanischen Wein. Es war die erste Flasche Dofi, die ich mir leistete. Später, an einer Auktion, erstand ich dann ein paar Flaschen, und dies, was ich jetzt in den Händen halte, ist wohl die letzte.
Soll ich noch einen letzten Griff wagen? Pio Rocca von Adriano Kaufmann, 2002. Vor mir taucht ein wunderschöner Herbstabend auf, in einer der hintersten, verlorensten Ecken des Malcantone im Tessin. Dort, wo ich ohne die Wein-Pioniere Stucky, Zündl, Kaufmann, Huber, Klausener wohl nie im Leben hingekommen wäre. Am rustikalen Steintisch, vor einem einfachen Landhaus, im kleinen Weiler Beride, an der „grünen Strasse”, die nach Ronco führt, sitzen wir zusammen mit dem Winzer. Er nimmt sich Zeit, plaudert mit uns, über sein Leben als Weinbauer, seine Weine und seine Träume, und - was eher selten ist - er hört auch uns zu. Ein wunderschöner, verträumter Spätsommerabend, ein oder zwei Jahre ist es her.
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Fünf Flaschen erzählen fünf Geschichten
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Einen weiteren Griff unterlasse ich. Im „Sammelsurium” stecken an die 300 Flaschen. Diese können wir hüten oder leeren, „überlagern”, oder verächtlich beiseite schieben. Nicht aber die Geschichten, die zusammen mit den Flaschen hier gelagert sind. Es sind meine Geschichten, und ich wette, auch Eure Weine können erzählen, wenn Ihr Zeit habt zuzuhören.
Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)