Sie flattern wieder ins Haus, sie buhlen um Aufmerksamkeit, sie preisen, laden ein, werben und möchten verführen, all die Botschaften der Weinhändlerinnen und Weinhändler. „Genießen und Schenken“, „le vin prend place au coeur“, “die Größten, die Besten, die Schönsten“, ist da etwa zu lesen. Man sagt, in der Schweiz gäbe es pro Kopf der Bevölkerung am meisten Weinhändler. Ob es stimmt, weiß ich nicht. Es sollen 2700 sein, Discounter wie Coop, Denner, Aldi und Lidl nicht eingerechnet. Stimmt die Zahl, dann kommt bei 5 Millionen Menschen (im Alter von mehr als 20 Jahren) auf 2000 Einwohner ein Weinhändler. Kein Wunder, dass mein Briefkasten vor Weihnachten fast täglich verstopft ist, und meine Mail-Adresse wird offensichtlich wie warme Semmeln unter den Weinhändlern verteilt. Anders kann ich mir die Flut nicht erklären.
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Vor Weihnachten, fast keine Werbung
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Dabei höre ich in Weinkreisen immer wieder den wohlklingenden Satz: „Kaufe beim Händler deines Vertrauens“. Dies tönt gut: Händler klingt schon viel besser als Discouter – und Vertrauen ist doch eine der wichtigsten Grundwerte des sozialen Zusammenhalts. „Händler deines Vertrauens!“, daran zu glauben ist mindestens so viel wert wie die positivsten Urteile der vielen geprüften oder selbsternannten Weinkritikerinnen und Weinkritiker. Auch den Händlern müsste das schmeichelhafte Wort Vertrauen Balsam sein, für Seele und Geschäftskasse. Wenn ich daran denke, mit wieviel Vertrauen ich in all den Jahren meinen Weinkeller eingerichtet, vollgestopft und immer wieder geleert habe, meist beliefert von etwa fünf, sechs Händlern „meines Vertrauens“, dann erst wird mir so richtig bewusst, wie viel Vertrauen ich in die Flaschen und ihre Händler investiert habe.
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Investiertes Vertrauen – Teil des Weinkellers
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Nun aber, nach einem mehr als dreißig Jahre lang ausgeglichenen Vertrauenskonto, ist dieses arg in Schieflage geraten. Einer meiner „Händler des Vertrauens“, „M…“, eigentlich ein Großer unter den Nicht-Discountern, ein Weinfachgeschäft mit 14 Filialen in der Schweiz, wo „fachkundige Beratung“ – nach eigener Aussage – oberstes Prinzip ist, hat mir das Vertrauen mir nichts, dir nichts, ohne etwas zu sagen aufgekündigt. Ein einseitiger Akt, wie ich denke, denn mein Vertrauen konnten die vielen Flaschen, die ich in vielen Jahren gekauft und eingelagert habe, nicht erschüttern. Nur meine Situation – ein voller Keller, überteuerter Bordeaux, meine Lebenserwartung – haben dazu geführt, dass ich zumindest nicht mehr jährlich subskribiere und nur noch bei bestimmten Gelegenheiten bestimmte Weine bei bestimmten Händlern oder Winzern kaufe. Eigentlich vernünftig, meine ich.
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Eine der vielen Herbstveranstaltungen: Arrivage
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Doch dann ist es passiert. Meine Weinfreunde zeigten mir einen in bordeauxrot geprägten Spezialkatalog mit persönlichem Gutschein von 50 Franken – Name aufgedruckt – für die Degustation eines Weinangebots der „Genießer, Liebhaber und Sammler“. Dazu gehöre ich offensichtlich nicht (mehr). Ich weiß nicht, welche Eigenschaft mir abhanden gekommen ist: das Genießen, das Lieben oder gar das Sammeln. Kann das sein? Ich bin rasch mal in den Keller geschlichen, um zu schauen, ob die Bordeaux-Sammlung – größtenteils gekauft bei M., einer Weinhandlung meines Vertrauens – noch da ist. Sie ist noch da, kaum kleiner als vor Jahren, da ich noch tüchtig eingekauft habe. Der Liebhaber, wenn auch nicht mehr so feurig wie einst, ist in mir auch noch nicht begraben, jedenfalls hat meine Frau noch nicht reklamiert. Und der Genießer? Vorgestern war es ein „Clos Fourtet“ 1995, gestern ein „Clos du Marquis“, der Zweitwein des Spitzengutes „Léoville Las Cases“ und heute? Mit dem Genießen ist offenbar auch noch alles in Ordnung.
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Genießen kann ich es, auch wenn es „nur“ ein „Vin de pays“ ist
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Also, es muss alles ein Irrtum sein, zumal ich pro Woche zumindest per e-Mail ein Angebot von M., „der Weinhandlung meines Vertrauens“ erhalte. Nichts wie los, ein Mail an den „Händler meines Vertrauens“, um ihn auf den Irrtum aufmerksam zu machen. Bei einer Weinhandlung in der Größe von 14 Filialen erreicht man natürlich längst nicht mehr den Chef, nicht einmal mehr einen Kundenberater. Es ist der „Leiter Marketing und Kommunikation“, früher schlicht Pressesprecher genannt. Er schrieb: „…auf Grund der steigenden Kosten bei Versand, Papier und Druck, der wachsenden Anzahl unserer Kunden, aber auch in Hinblick auf das Schonen natürlicher Ressourcen, müssen wir leider immer wieder die eine oder andere Restriktion eingehen. Eine Restriktion ist, dass wir Kunden, die länger als 18 Monate bei uns nicht mehr eingekauft haben, mit unseren großen Angeboten, die zum Teil pro Stück über 3CHF Kosten, nicht mehr mit diesem bedienen.“
So hart sind also die Regeln und so tief verwurzelt ist das Vertrauen. Wer anderthalb Jahre nicht mehr kauft – egal für wieviel Tausend Franken jahrelang Wein bezogen wurde - fliegt aus der Vertrauenskartei. Dies nenne ich Nachhaltigkeit.
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Das Vertrauen ist hin – verflüchtigt wie der Alkohol
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Eigentlich bin ich dem Unternehmen nicht gram – im Gegenteil: ich bin froh, dass das Vertrauen im Weingeschäft wieder dorthin gerückt wurde, wo es eigentlich hingehört, in die Beziehung von Mensch zu Mensch, vom Kunden zum Verkäufer. Diese Beziehung wird nicht durch eine 18-Monate-Regel beschränkt und nicht durch eine kurzfristige Käuferstatistik bestimmt. Wie in jeder anderen Beziehung auch, beruht das Gelingen auf Nachhaltigkeit und – wie antiquiert ist doch das Wort – auf Treue. Ich habe ja noch ein paar andere „Händler meines Vertrauens“, zumindest vier, aber – wenn ich es mir recht überlege – sind es noch ein paar mehr. Sie machen ihre Sache gut, sie lassen sich nicht durch vom Computer errechnete Zahlen und Summen irritieren. Sie brauchen keine „Wurfsendungen“, die den Briefkasten verstopfen, sie (und nicht die Computer) kennen meinen Namen, meine Weinvorlieben, meinen Geschmack, meine Weinkenntnisse, meine Erwartungen. Sie bemühen sich wirklich, unser Vertrauen nicht zu gefährden, auch wenn ich kurz einmal dem Zeittrend „Geiz ist geil“ zum Opfer falle und in die Discounter-Regale greife.
Nein, ich bleibe dabei: Nachhaltigkeit – das Modewort – hat beim Weineinkauf weder das Büßergewand an, noch prunkt es mit dem besten Anzug. Ich habe dem verlorenen „Händler meines Vertrauens“, respektive seinem Marketing Manager geantwortet: „… ein kleiner Ratschlag, der mir zwar nicht zusteht: vielleicht müssen Sie ihren Kundencomputer doch gelegentlich einmal anders programmieren. Kundenfreundlicher.“
Herzlich
Ihr/Euer