Heunisch
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Heunisch
Diese Rebsorten-Bezeichnung stammt aus dem frühem Mittelalter und benennt nicht eine einzelne Sorte, sondern eine Population (Familie). Zu dieser Erkenntnis hat Dr. Ferdinand Regner im Klosterneuburger Weinbauinstitut (Niederösterreich) im Rahmen seiner umfangreichen molekulargenetischen Forschungs-Tätigkeiten mittels DNA-Analysen an Rebmaterial entscheidend beigetragen. Gemeinsam mit den fränkischen Sorten zählen die heunischen zum wichtigsten Genpool vieler heutiger europäischer Reben. Heunisch zählt zu den wichtigsten Leitsorten, über 80 heutige Rebsorten stammen von ihm ab. Begünstigt wird dies durch eine besondere Keimfähigkeit, auch Nachkommen können noch problemlos mitenander gekreuzt werden (siehe dazu unter Selbstung). Der Name assoziiert auf die Hunnen und dass sie von diesen nach Europa gebracht wurde, dies ist jedoch nicht gesichert. Vieles deutet aber darauf hin, dass sie außerhalb Europas herstammt. Über viele Jahrhunderte waren die Begriffe „Heunisch“ (sozusagen für „grob“) und „Fränkisch“ (für „fein“) die einzigen Wein- bzw. Qualitäts-Bezeichnungen. Auf Grund seiner abführenden Wirkung wurde der Heunisch deftig als Bettschisser oder Scheißtraube bezeichnet.
Die Mystikerin Hildegard von Bingen (1098-1179) schreibt, „dass der fränkische und starke Wein das Blut aufwallen lässt und deshalb mit Wasser gemischt werden müsse, während das beim hunnischen und von Natur aus wässrigen Wein nicht notwendig sei“. Das Attribut „fränkisch“ bezeichnete somit kleinbeerige und „bessere“ Weintrauben, die von den Franken aus ihrer Heimat in den Rheingau mitgebracht wurden. Und unter „hunnisch“ ist möglichwerweise nicht der asiatische Volksstamm zu verstehen, sondern zu beachten, dass „heunisch“ im Niederdeutschen „riesig oder groß“ bedeutete und damit die „minderen und großbeerigen“ Rebsorten gemeint waren. Den Heunisch zeichnet hohe Fruchtbarkeit, Vitalität und Wuchskraft aus. Man kann ihn als „historischen Massenträger“ bezeichnen. Da im Mittelalter der Ertrag im Vordergrund stand, wurde er großflächig vegetativ vermehrt.
Es gibt drei als eigenständig geltende Sorten, die nicht direkt verwandt sind und nur wenige Gemeinsamkeiten haben. Die wichtigste davon ist Weißer Heunisch. Dessen zahlreiche Synonyme sind Absenger, Bauernweinbeer, Bauernweintraube, Belina, Belina Debela, Belina Drobna, Bettschisser, Borzenauer, Bouillen, Bourgeois, Burger, Colle, Figuier, Foirard Blanc, Frankenthaler, Goix, Got, Gouais Blanc, Gouget Blanc, Grauhünsch, Grober Seestock, Grobweiße(r), Grobheunisch, Gueche Blanc, Guinlan, Gwäss, Harthinsch, Heinisch, Heinsch, Hensch, Hentschler, Heunischtraube, Heunscher, Heunschler, Hinsch, Hinschen, Hintsch, Hunnentraube, Hunsch, Hünsch, Huntsch, Hüntsch, Hynsch, Issol, Langstieliger Champagner, Laxiertraube, Mendic, Mouillet, Pendrillart Blanc, Plant de Sechex, Plant Madame, President, Grober Riesling, Roussaou Blanc, Rudeca Belina, Sadoule Boey, Verdin Blanc, Vionnier, Weiße Bauernweinbeere, Weiße Heinschen, Weiße Hennische, Weißer Burgegger und Zöld Hajnos. Einige davon sind leicht variierende Spielarten (Klone). Die in Frankreich früher weit verbreitete Gouais Blanc sowie die in der Schweiz angebaute Gwäss sind identische Klons. Der bekannte deutsche Botaniker Hieronymus Bock (1498-1554) führt in seinem „Kreütter Buch“ Ausgabe 1546 mehrere Heunisch-Synonyme an.
Die Sorte Gelber Heunisch (auch Drobna Belina, Großer Franken, Mehlweiß und Quadler) ist eine Mutation von Weißer Heunisch. Die zwei anderen nicht mehr direkt verwandten Sorten sind Blauer Heunisch (auch Schwarzer Heunisch, Peterleinstraube, Piatha, Plant Madame und Rosenkranz) und Roter Heunisch (auch Rambolina, Ranfler, Römer, Roter Wippacher und Rother Hainer). Diese sind bereits Nachkommen, die wahrscheinlich durch natürliche Kreuzungen untereinander oder mit anderen Sorten entstanden sind. Des Weiteren gibt es noch einen Klon namens Rotgestreifter Heunisch (oder auch Dreifärbiger Heunisch). Aus Weißer Heunisch bzw. Gouais Blanc sind in der Folge durch Kreuzungen mit Pinot (Noir, Gris oder Blanc) zahlreiche Burgundersorten entstanden. Direkte Nachkommen von Heunisch sind auch Balzac Blanc, Blaufränkisch, Colombard, Elbling, Meslier Saint-François, Österreichisch-Weiß, Räuschling, Riesling und Silvaner.
Auch die für Österreich bedeutsame Leitsorte Roter Veltliner hat als Vorfahren den Heunisch. Die historische Orléans (Gelber Orléans) ist nicht direkt mit einer Heunisch-Sorte verwandt, obwohl einige Namen dies scheinbar vermuten lassen. Da aber Heunisch und Orléans häufig im gemischen Satz angebaut wurden, gibt es diesbezüglich gleichlautende Synonyme. Ein außergewöhnlicher Fund im Jahre 2003 erregte in Fachkreisen großes Aufsehen. Die zwei Biologen Andreas Jung und Erika Dettweiler vom Forschungsinstitut Geilweilerhof (Siebeldingen-Pfalz) entdeckten in den Gemeinden Handschuhsheim, Dossenheim, Rohrbach und Leimen (Baden) vier historische bis 400 Jahre alte Weinberge mit einer Fülle äußerst selten gewordener und sogar einige nur noch schriftlich überlieferte Rebsorten. Darunter war im Leimener Gewann „Schrecken“ der Weiße Heunisch. Das Weingut Georg Breuer im Rheingau hat die Sorte in kleinen Mengen angepflanzt.
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