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Im Gespräch: Luciano Racca, Weingut Domenico Clerico Modernisten, Puristen und die Phänomen-Generation

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14.03.2011

Im Gespräch: Luciano Racca, Weingut Domenico Clerico

Modernisten, Puristen und die Phänomen-Generation

Domenico Clerico ist einer der bekanntesten Pioniere des Barolo, seine Lagen-Nebbiolos sind weltberühmt und teuer. Zur Verkostung dieser Weine im Leverkusener Bayer-Weinkeller kam Luciano Racca aus Monforte in Vertretung des lange erkrankten Clerico. Der 33-jährige arbeitet für den legendären Winzer als „rechte Hand“ und Verkaufsleiter. Im Gespräch mit Uwe Kauss erzählt er über Weinstile, die Barolo-Revolution und Holz als Instrument.

 

Wein-Plus: Wie geht es Domenico Clerico?

Luciano Racca: Er war in den vergangenen Monaten sehr krank, aber nun geht es ihm wieder gut. Früher ist er viel in der Welt herum gereist, aber heute macht er das nicht mehr. Er darf sich nicht zu viel zumuten. Daher ist er zwar in Italien wieder unterwegs, aber ins Ausland fährt er nicht mehr. Diese Termine übernehme ich.

Der 33-jährige Luciano Racca arbeitete mehrere Jahre in der internationalen Gastronomie, darunter im Restaurant des renommierten Hamburger Hotels Louis C. Jacob, bis er zurück in seine Heimat Barolo ging und bei Domenico Clerico einstieg. (Foto: Uwe Kauss)
Wein-Plus: Die Markt- und Auktionspreise für die besten Weine der Welt sind nach dem Ende der Finanzkrise wieder auf einem Rekordniveau angelangt. Ist das für das Barolo - und für das Weingut Clerico - eine gute oder eine schlechte Nachricht?

Luciano Racca: Im Langhe-Gebiet und im Barolo sind die Preise nicht stark gestiegen. Nur ein paar Häuser haben sie etwas erhöht. Ich denke, ein hoher Preis gehört im Barolo dazu, weil die Qualität vorhanden ist. Wären über die Jahre die Preise und gleichzeitig die Mengen gestiegen, dann würde die Qualität heute nicht mehr stimmen. Die Kunden merken so etwas. Würde nur noch Barolo produziert, weil die Winzer auf steigende Preise spekulieren, dann wäre das doch nichts mehr.

Wein-Plus: Italien und das speziell das Barolo haben in Deutschland aus unserer Sicht eine viel geringere Wahrnehmung als noch vor 15 Jahren. Woran liegt das?

Luciano Racca: Das hat sich entwickelt wie eine Mode. Wenn etwas neu ist, will es jeder haben. In den 80er Jahren hat der Erfolg des Barolo seinen Anfang genommen. In den 90er Jahren nahm uns die internationale Weinkritik wahr, etwa durch Robert Parker. Dafür müssen wir uns bedanken! Denn heute sind Barolo, Barbaresco und die Rebsorte Nebbiolo in der ganzen Welt berühmt. Das geschah wegen einiger Winzer wie Angelo Gaja und den anderen heutigen Klassikern, die von Robert Parker sehr gelobt wurden. Also wollten die Menschen diese Weine haben. So wurden es mehr und mehr und mehr. Heute ist die Nachfrage tatsächlich geringer als zu diesen Zeiten. Doch die Weinfreunde, die schon lange Barolo getrunken haben, wollen ihn heute wieder haben. Von Anfang bis Mitte 2000 war der Barolo richtig groß in Mode. Zu dieser Zeit haben die echten Fans aufgehört, ihn zu kaufen. Doch diese Leute sind nun zurückgekommen.

Wein-Plus: Hat das mit den modern produzierten Barolos zu tun, die auf den ersten Blick weniger abweisend und früher trinkreif sind als die traditionell erzeugten?

Luciano Racca: Die Methoden der Winzer, Barolo zu produzieren, haben sich sehr verändert. Es gibt nun keinen Unterschied mehr zwischen Traditionalisten und Modernisten. Domenico Clerico gehörte mit Elio Altare und anderen zu den Ersten im Barolo, die mit dem LKW ins Burgund gefahren sind und Barriques gekauft haben. Der Pionier war damals Angelo Gaja aus Barbaresco. Mit ihm begann auch im Barolo eine ganz neue Winzergeneration. Zehn Jahren später haben auch alle anderen Betriebe mit dem Barrique gearbeitet. Das hat uns gezeigt: Man kann ganz anders Wein produzieren! So begann die neue Zeit des Barolo. Er wurde früher trinkbar als zuvor. Dann entdeckten Clerico und andere die Vorzüge der Traubenteilung und erreichten mehr Konzentration im Wein. Diese Winzer nannte man plötzlich „Modernisten“. Diese Weine haben den Kunden sehr gut gefallen. Deswegen sind viele Betriebe diesen Weg immer weiter gegangen. Aber irgendwann war das alles zu viel. Wir haben übertrieben. Zu viel Holz, zu viel Konzentration, zu viel Frucht. Es war genug.

Wein-Plus: Haben die Traditionalisten diese Fehler nicht gemacht?

Luciano Racca: Die Traditionalisten haben von den Modernisten sehr profitiert, letztlich alle Betriebe im gesamten Langhe-Gebiet. Sie haben damals mit großen Holzfässern gearbeitet, die 50 Jahre und älter waren. Wie kann man einen guten Wein aus so alten Fässern produzieren? Das geht nicht. Sie haben in dieser Zeit gelernt, dass sie nicht unbedingt Barriques einsetzen müssen – aber alle fünf, sechs Jahre neue Fässer benötigen. Sie haben außerdem verstanden, dass auch sie die Menge ihrer Erträge reduzieren sollten. So bekamen auch sie bessere Trauben – und insgesamt besseren Wein.

Wein-Plus: Im Chianti verlief die Modernisierung ähnlich. Nun sind dort auch internationale Rebsorten wie Cabernet Sauvignon und Merlot zugelassen. Wir das auch im Barolo passieren?

Luciano Racca: Nein. Beim Barolo war ganz früher auch Barbera zugelassen. Die DOCG wurde um 1980 geschaffen, und darin ist ganz klar geregelt: 100 Prozent Nebbiolo. Domenico Clerico baut nur drei autochtone Sorten an: Nebbiolo, Barbera und Dolcetto. Nebbiolo wächst im gesamten Piemont und im Norden der Lombardei. Sonst nirgendwo auf der Welt. Und doch gehören Barolo und Barbaresco mittlerweile zu den fünf berühmtesten Weinen der Welt. Gaja sagte in den 80ern: „Lasst uns auch Cabernet Sauvignon ausprobieren, der wird hier gute Qualität erbringen.“ Das stimmte. Der Darmagi von Gaja beispielsweise ist wunderbar. Aber trotzdem: Die Winzer, die damals Cabernet, Petit Verdot oder Merlot gepflanzt haben, sind alle zurück zum Nebbiolo gekommen. Es macht heute keinen Sinn mehr, Cabernet in Lagen zu pflanzen, auf denen auch Nebbiolo gedeiht. Guten Cabernet Sauvignon gibt es auf der ganzen Welt, und wir machen nun mal nicht den besten. Früher hatten auch wir ein wenig Cabernet. Er ging mit etwa drei, vier Prozent in unsere Cuvée „Arte“ ein. 2005 war das letzte Jahr, in dem wir ihn geerntet haben. Wir haben die Reben rausgerissen und Nebbiolo gepflanzt. Der gehört in diesen Weinberg. Wir müssen das machen, was wir am besten können.

Wein-Plus: Wo steht der Pionier Domenico Clerico in dieser Diskussion heute?

Luciano Racca: Er gilt nicht mehr als Modernist, sondern als Purist. Wir wollen, dass man den Jahrgang schmeckt, seinen Charakter, seine Typizität und die Lage auf der die Trauben gewachsen sind. Der Wein darf nicht gesichtslos sein. Das ist uns sehr wichtig geworden.

Der 61-jährige Domenico Clerico gehört zu den Winzern, die in den 80er Jahren eine Revolution im Barolo auslösten. Er setzte in seinem 21-Hektar-Weingut erstmals Barrique-Fässer ein, reduzierte die Erntemenge und legt Wert auf sehr sorgfältige Pflege seiner Weinberge. Seine drei Lagen-Nebbiolos brauchen mindestens fünf Jahre Flaschenreife, bevor sie trinkreif sind. (Foto: Weingut)

Wein-Plus: Werden die Lagen separat vinifiziert und ausgebaut?

Luciano Racca: Domenico Clerico hat nie einen einfachen Barolo aus verschiedenen Lagen produziert, sondern immer nur aus einzelnen Lagen. Die erste war Ciabot Mentin Ginestra, 1990 kam Pajana und 1995 Percristina dazu. Clerico hat früh verstanden, dass Trauben aus einer einzelnen Lage einen deutlich besseren Wein ergeben als eine Cuvée verschiedener Weinberge. Deswegen hat er sie immer separat ausgebaut.

Wein-Plus: Hat er den Wert seiner Lagen in Frankreich verstehen gelernt?

Luciano Racca: Er war nur in Frankreich, um Fässer zu kaufen. Er hat dort Pinot Noir getrunken, den mag er besonders gerne. Clerico ist aber schon ewig mit Angelo Gaja befreundet, und der war ja in den 60er Jahren oft in Frankreich. Wenn Gaja nach Hause kam, sagte er zu den jungen Leuten: „Wir können hier etwas ganz Besonderes machen. Nebbiolo gibt es nur bei uns – der wird aber nur gut, wenn wir hier arbeiten, wie wir noch nie gearbeitet haben!“ Damals wusste im Barolo niemand, dass es ganz andere Wege der Weinproduktion gibt. Diese Winzergeneration, zu der Gaja, Clerico und einige andere gehören, gelten heute als Phänomen: Sie haben Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre angefangen, waren alle zwischen 20 und 25 Jahre alt. Sie haben Gaja geglaubt und einfach begonnen, wie er mit dem Nebbiolo zu arbeiten – aber ohne nach Frankreich zu gehen und zu lernen. Sie haben einfach ihre eigenen Erfahrungen gesammelt. Damit hatten sie schnell unglaublichen Erfolg und lösten eine Revolution im Barolo aus. Ein Phänomen!

Wein-Plus: Im Barolo gibt es keine Lagenklassifikation. Wäre das für Sie wünschenswert?

Luciano Racca: Eine Lagenklassifikation des Barolo würde uns bei der Vermarktung sehr helfen. Die Kunden würden verstehen, wo die Unterschiede liegen. Heute ist das sehr schwer. Wenn ich in einem Weinladen zehn verschiedene Flaschen Barolo stehen sehe, die zwischen 20 und 200 Euro kosten – wie soll ich herausfinden, welcher der Beste ist? Ich lese auf dem Etikett „Barolo“, „Barolo Brunate“ oder „Barolo Pajana“ und weiß darüber gar nichts. Wie soll ich mich also entscheiden? Es wäre sehr schön, wenn auch wir ein System von Villages, Premier und Grand Cru verwenden könnten. Nur wird das nie passieren. Leider.

Wein-Plus: Warum?

Luciano Racca: Wir haben einfach im Barolo nicht die Kultur der Franzosen. Sie haben ihre Lagen im 19. Jahrhundert klassifiziert, als die Zeit noch langsamer lief. Heute ist das Tempo zu schnell geworden. In nur zwanzig Jahren sind wir aus dem Nichts an die Weltspitze des Weins katapultiert worden! Das ist viel zu schnell passiert. Deswegen werden wir die Zeit nicht mehr zurückdrehen können. Außerdem wären jene Winzer sehr unzufrieden, deren Weinberge in einer Klassifikation nur die Villages-Kategorie erreichen würden. Dann müssten sie ihren Barolo, für den sie heute 20 Euro verlangen, für acht Euro verkaufen. Sie würden sehr dagegen sein.

Ernte im Weingut Clerico: Die Weinberge, aus denen die Trauben stammen, gehören zu den besten des Barolo und befinden sich ganz im Süden der Region. Zur Ernte 2011 wird ein neues, spektakulär gestaltetes Gutsgebäude in Betrieb gehen, das etwa einen Kilometer von Monforte entfernt in den Weinbergen liegt. (Foto: Weingut)

Wein-Plus: Wohin entwickelt sich der Stil des Barolo?

Luciano Racca: Das ist eine sehr komplizierte Frage. Sie hat auch nichts mit der Frage von Barrique oder großem Holzfass zu tun. Alle wissen nun, dass neues Holz in bestimmten Zyklen ihrem Wein gut tut. Doch die alten Klassiker wie Bruno Giacosa, Elio Altare und Giacomo Conterno werden nie in eine Richtung gehen, die beispielsweise Domenico Clerico eingeschlagen hat. Niemals.

Wein-Plus: Und wie entwickelt sich der Stil von Domenico Clerico?

Luciano Racca: Wir arbeiten heute weniger mit neuem Holz als früher. Wir suchen intensiv nach neuen Fässern aus abgelagertem Holz und lassen sie weniger toasten. Wir haben bei der Lese 2010 erstmals Fässer einer französischen Tonnellerie verwendet, die aus fünf Jahre gelagertem Holz hergestellt wurden. Kürzlich haben wir eine erste Probe des neuen Jahrgangs aus diesen Fässern gemacht. Der Wein hatte gar keine Holzaromen, er war perfekt! Obwohl er in einem neuen Barrique lag. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht wichtig ist, ob wir Großes Holz oder Barrique verwenden. Es kommt darauf an, wie wir den Wein bereiten und was für ein Holz wir zum Reifen auswählen. Das Barrique ist ein Instrument. Der Winzer muss herausfinden, welches Holz am besten zu seinem Wein und zu seinem persönlichen Stil passt.

Wein-Plus: Welche Rolle spielt das Alter der Reben bei der Ausprägung des Weinstils im Barolo?

Luciano Racca: Wir sind froh, einen Weinberg wie den Perchristina zu haben, dessen Reben rund 70 Jahre alt sind. Dort ereichen wir die schönste Qualität. Bei Pajana und Ciabot Mentin Ginestra sind die Rebstöcke im Schnitt etwa 35 Jahre alt. Wir ernten etwa 4,5 Tonnen pro Hektar beim Nebbiolo, beim Dolcetto liegt der Ertrag bei 6 Tonnen pro Hektar und beim Barbera bei 5,5 Tonnen. Wir verwenden neue Klone, die mehr Farbe und mildere Tannine mitbringen, die den Wein früher trinkreif machen. Diese Nebbiolo-Klone mutieren wild und passen sich so ihrer Umgebung an. So haben wir herausgefunden, welche Klone gut und welche nicht gut für uns sind.

Wein-Plus: Welcher Barolo von Clerico ist ihr persönlicher Favorit?

Luciano Racca: Ich liebe Ciabot Mentin Ginestra! Mein Lieblingsjahrgang unter den jüngeren Weinen ist 2005, von den älteren liebe ich 1999. Vom 2005er haben wir noch genug, aber vom 1999er nur noch ein paar Flaschen im Keller. Leider hatte ich bislang noch keine Möglichkeit, einen 1989er zu probieren. Wir haben einfach keine mehr – obwohl Domenico schwärmt, der gehöre zu seinen drei besten Jahrgängen.


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