Im Gespräch: Manuel Louzada, Numathia Kühle Eleganz aus schwarzen Perlen
Manuel Louzada ist der Weinmacher des 1998 gegründeten Weinguts Numanthia, das zu den besten Gütern Spaniens zählt. Zudem überwacht er die Weinqualität sämtlicher Güter von Moët Hennessy (LVMH). Der Konzern übernahm 2008 das kleine Weingut in der Region Toro. Im Interview mit Uwe Kauss erzählt der gebürtige Portugiese über seinen Großvater, die Schwierigkeit, einen Weinberg in Balance zu halten, perlengroße Beeren und die Energie 140 Jahre alter Reben.
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| Manuel Louzada ist für die Weine von Numanthia verantwortlich. (Foto: Numanthia) |
Wein-Plus: Sie sind im portugiesischen Douro-Tal auf dem Weingut ihrer Familie aufgewachsen. Welche Weine hat ihre Familie produziert?
Manuel Louzada: Meine Familie produziert bis heute Wein und Sekt. Das ist typisch für die Familienbetriebe im Douro-Tal. Das Weingut Caves Messias, das mein Urgroßvater gründete, gehört nun in der vierten Generation zur Familie. In der Zeit, in der ich aufwuchs, produzierten wir Wein aus Douro und Bairrada, dazu Vinho Verde, Sekt und Port. Heute würde man Premium-Weine dazu sagen. Mein Großvater war eine sehr wichtige Person für mich. Er hat mich und meine Arbeit sehr beeinflusst.
Wein-Plus: Was war die wichtigste Erkenntnis, die Ihr Großvater Ihnen mitgegeben hat?
Manuel Louzada: Er hat mich mit ins Weingut und ins Kelterhaus genommen, als ich fünf Jahre alt war. Ich roch zum ersten Mal, wie intensiv es bei der Gärung duftete. Diese Aromen fluten meine Sinne bis heute, wenn ich im Keller arbeite. Zweitens habe ich als Kind immer wieder die Trauben probiert und versuchte zu verstehen, was mit ihnen passiert. Mein Großvater ließ mich am fertigen Wein riechen – wirklich nur riechen – um mir zu vermitteln, was mit ihnen geschieht. Er hatte einen klaren Standpunkt, wohin sich das Weingut in entwickeln sollte. Vieles von dem, was er mir beibrachte, verstand ich erst Jahre später.
Wein-Plus: Wollten Sie der Familientradition folgen und später das Familienweingut führen?
Manuel Louzada: Ja, klar. Ich habe ein Studium als Weinbau-Ingenieur abgeschlossen und den Master-Lehrgang als Weinmacher absolviert. Aber es hat sich anders entwickelt. Zwischen meinem 14. und 24. Lebensjahr habe ich in Spanien gelebt und bin danach zurückgekommen, um mich auf die Übernahme des Gutes vorzubereiten. Aber als ich die Universität abgeschlossen hatte, schwirrten so viele Ideen in meinem Kopf herum, die ich verwirklichen wollte. Eine davon war, die Theorie aus dem Studium praktisch zu erproben. So arbeitete ich als Weinbaulehrer, als Verkoster, in der Forschung und habe vieles mehr gemacht.
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| Die Familie Louzada betreibt bis heute ein eigenes Weingut im portugiesischen Douro-Tal. (Foto: Numanthia) |
Wein-Plus: Warum sind Sie nicht zur Familie zurückgekehrt?
Manuel Louzada: In Familienunternehmen geschieht es oft, dass ein Mitglied woanders neue Erfahrungen sammelt, um sie später einzubringen. Beim mir war das 1997 ein Portwein-Produzent, der zu Moët Hennessy gehörte. Dort arbeitete ich als Weinmacher. Bald darauf wurde ich gefragt, ob ich in Argentinien Schaumwein produzieren wolle. Das klang interessant. Danach hat sich alles verändert. Und nun bin ich seit fast 15 Jahren bei Moët Hennessy.
Wein-Plus: Bei den Bodegas Chandon in Mendoza, Argentinien, waren Sie für die Weine aller zugehörigen Güter verantwortlich, darunter auch für den Cheval Blanc-Ableger Cheval des Andes. Wie war die Zusammenarbeit mit Pierre Lurton?
Manuel Louzada: Als wir gemeinsam die Cuvée für den 1999er Cheval des Andes komponierten, habe ich wahnsinnig viel von seinem Wissen und seiner Erfahrung lernen können, habe Dinge getan, die ich niemals zuvor ausprobiert hatte. Ich habe ihm einfach zugehört. Es ist mir wichtig, mich nicht zu exponieren, sondern Neues zu erfahren. Ich habe von Pierre sehr viel gelernt, er nähert sich sehr konsequent den offenen Fragen an. Wir hatten nicht immer dieselbe Meinung, aber es war extrem spannend und sehr bereichernd, mit ihm zu arbeiten.
Wein-Plus: Sie gingen von dort in die spanische Region Toro, um Numanthia zu leiten. Wie waren Ihre ersten Erfahrungen?
Manuel Louzada: Seit ich 2008 nach Toro kam, habe ich stets Neues über die Region und ihre Weine gelernt. Außerdem arbeite ich hier mit fünf Mitarbeitern, in Mendoza konnten es hunderte sein. Hier ist eine Parzelle einen Hektar groß, in Mendoza hatte eine Einheit bis zu 250 Hektar. Meine Einstellung ist: Ich kann nicht beschließen, wie die Dinge sind, ich muss sie kennenlernen. Guter Wein drückt für mich das Terroir und die Person des Weinmachers aus. Meine Philosophie ist es, im Wein das Maximum an Terroir zu transportieren. Deswegen habe ich noch sehr viel zu lernen. 2011 war für mich wieder eine neue Erfahrung. Mit dem Aroma der Trauben war ich zunächst gar nicht zufrieden. Ich dachte, da fehlt Frucht, da fehlt es an allem. Und als der Most gepresst wurde, als junger Wein daraus wurde – wow! Es war die totale Überraschung. Da war Frucht, Ausdruck, Feinheit. So etwas hatte ich woanders noch nie erlebt.
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| Tinta de Toro, die regionale Variante des Tempranillo, ist die Basis der Numanthia-Weine. (Foto: Numanthia) |
Wein-Plus: Die Rebstöcke ihres Gutes sind sehr alt...
Manuel Louzada: In Toro haben wir 5.500 Hektar Weinbergsfläche. Davon stammen 2.500 Hektar noch aus der Zeit vor dem Ausbruch der Reblaus, hier stehen alte, wurzelechte Reben. Manche wurden bis 1880 gepflanzt, andere wuchsen, weil Kerne zu Boden fielen und ausgetrieben haben. Diese Weinberge haben aus unbekannten Gründen die Reblaus überstanden – und über hundert Jahre lang die extremen Wetterbedingungen. Das ist einmalig. Im Weinberg kann man diese uralte, starke Energie deutlich spüren.
Wein-Plus: Die Herausforderung in einer heißen Region ist die Weinbergsarbeit. Wie arbeiten Sie?
Manuel Louzada: Im Sommer haben wir in Toro Tagestemperaturen von 40 bis 44 Grad in den Weinbergen, nachts sind es 20 bis 22 Grad. Im Winter wird es normalerweise bis zu minus zehn Grad kalt. Das sind sehr drastische Temperaturunterschiede. Und es ist sehr trocken. Wir verzeichnen um 300 Millimeter Regen, obwohl die Weinberge etwa 450 Millimeter benötigen. Wenn es noch heißer wird, müssen wir alles tun, um die Balance des Weinbergs zu erhalten.
Wein-Plus: Wie machen Sie das?
| Glossar zum Thema |
Manuel Louzada: Sie können einen 20jährigen Sportler einen Marathon laufen lassen oder eine 70jährige Dame. Sie wird mehr Probleme bekommen, es sei denn, sie hat ihr Leben lang trainiert. Auch der Weinberg kann unter Stress die Kapazitäten abrufen, die in ihm stecken. Wenn ihm aber durch das immer wärmer werdende Klima mehr Leistungsfähigkeit abverlangt wird als in den Jahrzehnten zuvor, überschreitet das seine Reserven. Also dürfen wir dem Weinberg nur so viel abverlangen, wie es seiner Leistungsfähigkeit entspricht. Das Wachstum der Rebstöcke, der Trauben und des Laubs sowie deren Versorgung müssen präzise in der Balance sein. Es geht also nicht um hohe Erträge, sondern um die Erhaltung eines weltweit vielleicht einzigartigen Schatzes: der bis zu 140 Jahre alten Weinberge. Wir arbeiten daher biologisch. Wir lassen am oberen Ende des Rebstocks das Laub stehen, um den Trauben Schatten zu geben. Damit erhalten wir im Wein die feine Frucht und die Frische, die ihn charakterisiert. Aber: Wenn wir zu viel Laub stehen lassen, sind die Reben spätestens Mitte August zu stark im Stress. Das zeigen sie uns deutlich. Entweder ist der Weinberg in Balance und verträgt den Stress, oder du hast ein Problem.
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| Die Bodega Numanthia liegt bei Valdefinjas in der spanischen Provinz Zamora. (Foto: Numanthia) |
Wein-Plus: Wie lange werden diese Reben aus Ihrer Sicht noch Trauben tragen?
Manuel Louzada: Ich habe keine Ahnung. Der älteste noch tragende Weinberg, den ich in Toro gesehen habe, ist 200 Jahre alt. Ein Stock umfasst auf dem Boden eine Größe von zwei mal zwei Metern. Mein Job ist es, diese Weinberge zu schützen und zu erhalten. Wir wollen, dass sie in 50 Jahren noch da sind – und dass wir in 50 Jahren aus ihren Trauben noch Wein produzieren. Wir werden niemals versuchen, Erträge zu steigern. Wir bekommen, was wir bekommen. Manche Numanthia-Weine stammen aus Erträgen von 18 Hektolitern pro Hektar. Wir versuchen herausfinden, wie viel Ertrag der Weinberg uns gibt, ohne ihn zu stressen. Das ist das Maximum.
Wein-Plus: Ist es schwierig, in einem Klima von 42 Grad und großer Trockenheit im Wein die Feinheit, Eleganz und Frische zu erreichen?
Manuel Louzada: Die Laubwand spielt eine ganz entscheidende Rolle. Sie muss sich wie ein Spinnennetz über die Reben ziehen. Die Reben sind das, was man „Bush-Vines“ nennt. Damit erreichen wir zwei Ziele: Das erste ist, genügend Sonne an die Oberfläche zu leiten, damit die Trauben genügend Zucker produzieren. Der zweite ist, den Stock vor der Sonne zu schützen. Wenn man die Trauben aber zu sehr verschattet, erhält man Aromen, die nicht elegant und frisch sind. Daher setzen wir auf die alte Tradition der Bush-Vines.
Wein-Plus: Wie entsteht Ihr Spitzenwein Termanthia?
Manuel Louzada: Der Weinberg, auf dem die Trauben für Termanthia wachsen, ist nur 4,7 Hektar groß. Er ist mit vergleichsweise nur wenigen, über 100 Jahre alten Reben pro Hektar bepflanzt und erbringt den Ausdruck dieses besonderen Ortes mit unbeschreiblicher Eleganz. Wir produzieren ihn wie vor hundert Jahren. Die Beeren, ganz kleine Perlen, werden einzeln von Hand selektiert – was für eine Arbeit! – und mit den Füßen im offenen Bottich gestampft. Danach füllen wir den Most zur Gärung für sechs Monate in neue Barriques. Wenn der biologische Säureabbau abgeschlossen ist, füllen wir den Wein wieder in neue Barriques. Sie stammen von demselben Fassmacher, mit dem auch Cheval Blanc arbeitet. Mit dem französischen Holz erreichen wir eine schöne Konzentration, Frucht und Mineralität mit nur einem Hauch Toast. Das soll dem Wein helfen, sich selbst auszudrücken. Der Termanthia ist mittlerweile auf einen Preisniveau, das ich angemessen finde. Wir produzieren 4.000 bis 6.000 Flaschen pro Jahr, die vor dem Erscheinen ausverkauft sind.
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| Am Tor der Bodega sind die Erkennungszeichen der Weine von Numanthia vereint. (Foto: Numanthia) |
Wein-Plus: Die Toro-Weine mit 15 Prozent Alkohol sind nichts für Anfänger. Wie gehen Sie mit dem Alkoholgehalt um?
Manuel Louzada: Im Toro sind 14 bis 15 Prozent Alkohol normal. Weine aus unserer Region mit weniger als 14 Prozent Alkohol haben zu viele grüne Aromen. Die Säure ist okay, aber das Tannin wird sehr kantig. Aber auch mit mehr Alkohol sind die Weine sehr balanciert, er ist gut integriert. Weine sollen Spaß machen, man soll sie gerne trinken. Der Spaß kommt von den Empfindungen, die er ausstrahlt, und Alkohol ist nur ein Element davon. Doch mehr als 15 Prozent machen mich unruhig. Dann fehlt dem Wein die Balance.
Wein-Plus: Wie lange sollte man Numanthia lagern, bis er trinkreif ist?
Manuel Louzada: Mein Großvater hat gesagt: Einen außergewöhnlichen Wein muss man in jeder Phase seiner Reife genießen können. Er muss im Restaurant schmecken. Ich glaube, dass man Weine machen kann, die so funktionieren, und ich versuche, diese Philosophie in einer Region anzuwenden, die sehr viel Konzentration und Extrakt erbringt. Die jungen Cheval Blancs haben ein hervorragendes Reifepotenzial. Aber sie haben Charakter, Finesse und Eleganz, die sie auch früh wunderbar trinkbar machen. Das habe ich von Pierre Lurton gelernt.
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| Auf der Flasche verrät das stilisierte N die Herkunft. (Foto: Numanthia) |
Manuel Louzada: Die Arbeit damit war völlig neu für mich, als ich nach Toro kam. Ich hatte Erfahrung mit Tempranillo, aber Tinta de Toro unterscheidet sich sehr. Das Laub ist ganz anders, die Trauben entwickeln sich anders. Sie sind 20 Prozent kleiner, die Schalen sind deutlich dicker. Deswegen haben die Weine oft diese schwarzen Aromen. Traditionell sind Toro-Weine stark von Aromen nach Teer und Kohle geprägt. Doch sie sind komplexer als Tempranillo, die Textur ist feiner, eher wie beim Cabernet Sauvignon. Tempranillo tendiert dazu, eine süße Frucht zu entwickeln, in der Mitte etwas abzufallen und im Nachhall sehr intensiv zu sein.
Wein-Plus: Ist Numanthia ein Wein aus Toro – oder etablieren Sie damit Ihren eigenen Stil?
Manuel Louzada: Die Kunden entscheiden sich letztlich für den Wein eines Weinguts – und nicht für den Wein einer Region. Trotzdem arbeite ich als Botschafter von Toro, wenn ich durch die Welt reise und Weine von Numanthia präsentiere. Aber mir ist es wichtig, dass sich dadurch neue Möglichkeiten und Perspektiven für die Region ergeben. Es ist ein gemeinsamer Weg. Ich arbeite daran, dass sich Weinfreunde für Numanthia interessieren – und im selben Moment will ich sie auch für Toro begeistern. Unser Numanthia ist der Ausdruck Toros. Man könnte ihn mehr extrahieren, mehr konzentrieren, aber das wäre nicht mehr der Ausdruck dieses besonderen Terroirs.
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Uwe Kauss
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