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Im Gespräch: Mireia Torres Maczassek, Bodegas Torres Spanischer Wein, französische Reben und Glamour aus Hollywood

Artikel
16.05.2011

Im Gespräch: Mireia Torres Maczassek, Bodegas Torres

Spanischer Wein, französische Reben und Glamour aus Hollywood

Der Spanier Jean Leon ging aus seiner 1941 abgebrannten Heimatstadt Santander zunächst nach Paris, später kam er als blinder Passagier auf einem Handelsschiff in die USA. Er begann als Tellerwäscher und arbeitete danach als Kellner in einem Luxusrestaurant. Dort freundete er sich mit Stammgast Frank Sinatra an und lernte so junge Stars wie Judy Garland, Grace Kelly und James Dean kennen. Gemeinsam mit James Dean eröffnete er in Beverly Hills ein Top-Restaurant, das sie „La Scala“ nannten. Nach Deans Unfalltod machte er alleine weiter und entwickelte es zum ersten Hause Hollywoods.

Glossar zum Thema
Stammgäste waren Marylin Monroe, Paul Newman, Marlon Brando, Fred Astaire, Gary Cooper und viele weitere Stars. Leon brachte Marylin Monroe am Abend ihres Todes ein Menü nach Hause – und war so der Letzte, der sie lebend sah. Leon zog mit dem „Rat Pack“ – Frank Sinatra, James Dean und Sammy Davis Jr. – umher und lernte im Lauf seines Lebens fünf US-Präsidenten kennen, darunter J.F Kennedy.

Schließlich beschloss er, einen Wein mit seinem Namen zu produzieren, der es mit den Großen der Welt aufnehmen konnte und den er in seinem Restaurant anbieten wollte. Lange suchte Jean Leon nach geeigneten Rebflächen. Jean Leon fand sie im Pénedes. Dort kaufte er 150 Hektar Land und begann, Wein anzubauen. Er kaufte für viel Geld Reben der Sorten Cabernet Sauvignon, Merlot und Chardonnay von renommierten französischen Weingütern. Seinem Kellermeister Jaume Rovira ließ er freie Hand – und hatte großen Erfolg. Heute gehört das bis heute unveränderte Weingut zu Torres – und Jean Leon gilt als einer der Pioniere des spanischen Weinbaus. Im Interview mit Uwe Kauss erzählt Mireia Torres Maczassek, Managing Director und verantwortliche Weinmacherin des Unternehmens, über Leons Freundschaft zu ihrem Vater Miguel Torres, seine Pionierrolle, das Erbe der Vergangenheit und die Zukunft des Gutes.

Mireia Torres Maczassek, Managing Director

Wein-Plus: Wie und wann haben sich Jean Leon und Miguel Torres kennen gelernt?

Mireia Torres Maczassek: Das geschah in den 60-er Jahren. Sie waren viele Jahre lang sehr gute Freunde. Im Pénedes gab es schließlich viele Jahrzehnte lang nicht viele bekannte oder erfolgreiche Weingüter. Die Weinbauern und Winzer kannten sich sehr gut.

Wein-Plus: Wie war ihr Verhältnis zueinander?

Mireia Torres Maczassek: Sie waren Nachbarn, Freunde und Wettbewerber - irgendwie alles auf einmal. Ich kann mich gut erinnern, das Jean Leon, wenn er im Pénedes war, oft zu uns zum Mittagessen kam. Er war ein Freund unserer Familie, mein Vater Miguel und er verstanden sich gut. Beim Absatz von Wein und dem Gewinnen neuer Kunden waren sie allerdings Wettbewerber.

Wein-Plus: Haben Sie persönliche Erinnerungen an ihn?

Mireia Torres Maczassek: Ich war damals noch klein – acht Jahre alt! Ich kannte ihn, ging aber lieber spielen als mit ihm zu sprechen. Wie hätte ich eine Ahnung haben sollen, dass er einmal eine wichtige Rolle in meinem Leben spielt?

Wein-Plus: Wie oft kam er aus seiner Heimat USA nach Spanien?

Mireia Torres Maczassek: Vier- oder fünfmal im Jahr kam er ins Pénedes. Seine ganze Familie lebte dort. Wenn er kam, besuchte er sie. Man kann sagen, es war für ihn wie nach Hause kommen. Er lebte in USA und in Spanien, und beides war sein Zuhause. Nur darf man nicht vergessen: In den 60-er Jahren war das Reisen über den Atlantik nicht so einfach wie heute, es dauerte ziemlich lange. Daher blieb er jedes Mal eine Weile.

Wein-Plus: Warum gehört das Weingut Jean Leon heute zu Torres?

Mireia Torres Maczassek: 1994 teilten die Ärzte Jean Leon mit, dass er an Krebs erkrankt sei. Er beschloss, den kurzen Rest seines Lebens zu genießen und sich aus seinen Geschäften zurückzuziehen. Mein Vater und er waren Freunde, und so sprach Jean Leon mit ihm über die Zukunft des Weinguts. Er wollte das Gut verkaufen - aber nur an einen Käufer, der den Namen, die Marke und den Stil seiner Weine respektieren würde. Mein Vater versprach ihm, das Gut in seinem Sinne weiterzuführen. So entschied Jean Leon, ihm das Weingut zu verkaufen. Vom Erlös kaufte sich er ein schönes Segelboot, taufte es nach seinem wichtigsten Weinberg „La Scala a Mare“ und fuhr damit die letzten beiden Jahre seines Lebens allein übers Meer, bis nach Indien. Mein Vater hat sein Versprechen bis heute gehalten.

Wein-Plus: Hat der Weinstil von Jean Leon einen Einfluss auf Ihre Arbeit?

Mireia Torres Maczassek: Ja, denn es ist nun auch meine Aufgabe, diesen Stil zu erhalten. Er ist die Persönlichkeit des Weingutes. Es gab dort immer nur Merlot, Chardonnay und Cabernet Sauvignon. Würden wir dies aufgrund unserer Erkenntnisse über Rebsorten und Wachstumsbedingungen ändern, wäre es nicht mehr die Tradition von Jean Leon. Deswegen tun wir es nicht.

Wein-Plus: Wann brachte er den Cabernet Sauvignon nach Spanien?

Mireia Torres Maczassek: Es gibt keine offiziellen Dokumente, aber von ihm selbst wissen wir, dass er Mitte der 60-er Jahre die ersten Cabernet Sauvignon-Trauben im Pénedes pflanzte. 1969 füllte er erstmals einen Wein daraus, den er „La Scala“ nach seinem berühmten Restaurant in Beverly Hills und dem Weinberg in Pénedes nannte. Damit war er der Pionier dieser Sorte in Spanien. Die Reben stammten übrigens von Château Lafite. Er riss damals die traditionellen Sorten wie Tempranillo, Garnacha und Carinena heraus und pflanzte die französischen Sorten. Die Reaktion der Weinbauern in der Umgebung war: Der ist verrückt! Der hat keine Ahnung vom Weinbau! Das wird niemals funktionieren.

Wein-Plus: Er hat die Vorbilder der großen Bordelais-Weingüter kopiert.

Mireia Torres Maczassek: Genau! Auf den ersten Etiketten steht: „Château Jean Leon“. Deswegen hat er auch als erster angefangen, Weine aus Einzellagen auszubauen, ganz nach der alten französischen Philosophie. Er ist damit der Pionier der heutigen „Pago“-Weine in Spanien. Er mochte die Arbeit der Bordelais-Güter: Die Rebsorten, kleine Erträge, Einzellagen, Holzausbau. Dieser Philosophie wollte er in Spanien folgen.

Wein-Plus: Er hatte von Weinbau keine Ahnung. Wie hat er angefangen?

Mireia Torres Maczassek: Leon hat sich sehr gut beraten lassen. Er wollte auch alles sehr genau wissen und detailliert verstehen: Die richtigen Unterlagen, die Ausrichtung der Rebzeilen, die Böden und ihr Einfluss. Er wusste genau, was er tat.

Wein-Plus: Was waren seine Vorbilder?

Mireia Torres Maczassek: Die berühmtesten Weine der Welt kamen in den 60-er und 70-er Jahren ausschließlich aus Frankreich. Es gab damals viele gute Weine, aber sie hatten keine internationale Reputation. Nur die Besten aus Frankreich schafften das. Auf diesem Level wollte er seinen Wein erzeugen – nur eben in Spanien.

Jaume Rovira (Kellermeister), Mireia Torres Maczassek (Managing Director) und Xavi Rubires (Oenologe)

Wein-Plus: Wie viel Einfluss kam von ihm und wie viel von seinem Weinmacher Jaume Rovira?

Mireia Torres Maczassek: Jean Leon kannte sehr viele hervorragende Weine aus aller Welt. Er hatte eine hervorragende Zunge und wusste, was am Markt passiert und wer mit welchen Weinen Erfolg hatte. Er hat viele Weine mit seinem Weinmacher verkostet, wenn er im Weingut war. Die beiden haben viel diskutiert. Jean Leon kannte sich am Markt aus, und Rovira wusste, welche Ergebnisse auf seinen Weinbergen möglich waren. Er hatte in der Produktion und im Weinberg freie Hand.

Wein-Plus: Wo steht Jean Leon heute innerhalb von Torres?

Mireia Torres Maczassek: Es ist kleines Weingut, das nun wieder ein Stück zurück in die Vergangenheit gehen wird. Wir wollen herausragende Weine aus diesen Sorten machen, vor allem Reserva und Gran Reserva. Im vergangenen Jahr gab es ein wenig Verwirrung, wohin sich Jean Leon bei Torres bewegt. Wir haben die Weinlinie „Magnolia“ vorgestellt, deren Weine nicht aus den typischen Jean Leon-Sorten bestehen und deren Trauben zudem nicht nur auf den Weinbergen des Gutes wuchsen. Wir werden nun zurückgehen zu Chardonnay, Merlot und Cabernet nur aus den eigenen Lagen. Wir wollen die Weine aber etwas moderner, frischer und komplexer machen, mit mehr Frucht und Eleganz. Auch junge Kunden sollen bei Jean Leon starten können und später zu seinen traditionellen Weinen wechseln. Vor zweieinhalb Jahren haben wir zudem angefangen, Jean Leon auf biologischen Anbau umzustellen. Ich habe diese Entscheidung zwar nicht getroffen, aber sie war hundertprozentig richtig.

Wein-Plus: Wie viel Hektar des von Jean Leon gepflanzten Rebbestandes sind noch vorhanden?

Mireia Torres Maczassek: Noch einiges. Auf fünf Hektar stehen beispielsweise noch die alten Chardonnay-Reben die 1965 gepflanzt wurden.

Blick vom Besucherzentrum aus auf die Bodega

Wein-Plus: Welchen Einfluss hatte Jean Leon auf den spanischen Wein insgesamt?

Mireia Torres Maczassek: Er war ein Visionär. Er hatte als einer der ersten spanischen Gutsbesitzer den weltweiten Markt im Kopf. Damals produzierten die Weingüter nur für ihre Umgebung, den lokalen Markt. Nur sehr wenige waren damals im Export tätig. Er aber reiste in der Welt herum, kannte überall renommierte Winzer. Sein wichtigster Markt waren die USA. Er pflanzte die in Spanien neuen Sorten – und er machte die Weine im Ausland erfolgreich.

Wein-Plus: Wie unterscheiden sich die Topweine von Torres und von Jean Leon?

Mireia Torres Maczassek: Bei Jean Leon gibt es zwei Bodentypen und drei Traubensorten. Die Reben sind sehr alt. Es gibt fast keine Transportwege in die Kelter. Alles funktioniert sehr klar, einfach und direkt. Torres ist dagegen sehr groß, wir arbeiten in sehr vielen Regionen mit vielen verschiedenen Rebsorten. Das ist der vielleicht wichtigste Unterschied.


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