Jenseits der Schweizer Grenze, im Süden, weit vor Genua, beginnt das Piemont. Es ist Trüffelzeit. Alba, die Trüffelstadt, scheint von Schweizern besetzt. Jedenfalls hört man auf dem riesigen Markt, der während Tagen die Innenstadt belegt, weit häufiger Schweizerdeutsch als Italienisch. Der Wein muss für ein paar Wochen den weißen und schwarzen Kostbarkeiten aus piemontesischer Erde Platz machen, den Trüffeln. In einem Restaurant der Innenstadt, das keine Sterne hat und deshalb eher von Einheimischen besucht wird, treffen wir Rolf und Mariteresa. Auf ihrer Visitenkarte steht „specialiazzione tedesco“.
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Eingang zum berühmten Trüffelmarkt in Alba (Foto: P. Züllig)
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Wir kommen kurz ins Gespräch. Sie eine Italienerin, die lange in München gelebt und gearbeitet hat. Er ein deutscher Ingenieur, der seinen Beruf aufgegeben hat und jetzt in Montafia Winzer ist, Gäste beherbergt und Touristen durch die Provinz führt. „Cascina Vignole“, einer von vielen Bauernhöfen, die mitten in den Weinbergen Zimmer anbieten: Agriturismo. Die Saison ist vorbei, die letzten Gäste reisen bald ab, vorwiegend Schweizer und Deutsche, sagt Rolf. Der Agriturismo hat hier eine wichtige Funktion. Er ist nicht nur eine Einnahmequelle für kleinere Winzerbetriebe, er vermittelt, wie kaum eine andere Institution, einen Einblick in das Leben, den Alltag, den Weinbau und die Weine. Auch wir verbringen zwei Tage auf einem Bauernhof, bevor wir vom Hotelkasten der Stadt zur geführten Weinreise aufbrechen.
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Eine von Hügeln dominierte Landschaft (Foto: P. Züllig)
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Diese zwei Tage auf dem Bauernhof – eigentlich waren es nur Übernachtungen – haben mir das Piemont viel näher gebracht als das gut organisierte, interessante Reiseprogramm, das uns von einem Winzerbetrieb zum andern führte, von einer Weinhandlung in die andere, von einem kulinarisch geadelten Restaurant ins nächste. Wir haben vom Zimmer aus die sanften Hügel mit ihren Rebbergen betrachtet, jetzt eingehüllt in herbstliches Gelb-Braun-Rot-Grün, aufgehellt durch spärliche, etwas matte Sonnenstrahlen. Dort liegen Barolo, Barbaresco, die Langhe – und plötzlich, als der feine Dunst aufgerissen wird, tauchen im Westen die Alpen auf, mit dem Monviso und dem Montblanc. Wir fahren los, den einen Hügel hinunter, den andern hinauf. Besuchen kleine Dörfer mit meist imposanten Kirchen, engen Gassen und freundlichen Menschen. Irgendwie gehen da – so scheint mir – italienische Lebensart und Touristik Hand in Hand, berührt die Weinwelt die Konsumwelt, ohne dass das eine das andere behindert.
Im Restaurant, wo wir inzwischen zum Primo ansetzen, haben wir eine Flasche Barbaresco bereits geleert, ein ehrlicher Wein, der etwas rauh ist, und eigentlich ganz anders als jene Barbaresco, die wir bisher im Glas hatten – ausgewählt, weil sie einen großen Namen haben. Wir schielen zum Nachbartisch, wo Winzer Rolf mit seinen Freunden sitzt.
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Im Restaurant in Alba: ein Tischwein und eine bekannte Winzerin (Foto: P. Züllig)
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Wir erfahren, dass auch die Tochter des bekannten Weinguts Rinaldi, ebenfalls Winzerin, in dieser Runde ist. Was sie im Glas hat, dürfte sicher gut und typisch piemontesisch sein. Es ist ein Dolcetto d’Alba, also einer jener Alltagsweine, die aus dem Piemont nicht wegzudenken sind. Also bestellen auch wir einen Dolcetto, dem schwungvollen Design auf dem Etikett zufolge vom gleichen Produzenten wie der soeben getrunkene Barbaresco. Rolf klärt uns auf: Es sind Weine von der Azienda Monsordo Bernardina, vom Weingut, zu dem auch das Restaurant gehört. Man ist offensichtlich stolz auf die eigenen Weine, man braucht keine Palette der bekanntesten Produzenten auf der Weinliste. Das, was man selber vinifiziert hat, soll auch das Beste für die Gäste sein. Mir gefällt diese Philosophie. Meine Achtung, ja, meine geheime Liebe zum unbeschwerten, leichten, fruchtigen Dolcetto nimmt hier ihren Anfang. Fortan bin ich skeptisch, wenn man mir einen fetten, viel zu jungen, nuss- und vanillegeprägten Barolo oder Barbaresco vorsetzt. Ich anerkenne zwar die Qualität, das önologische Können, die Kunst, aus der Nebbiolo-Traube so viel Kraft und Schmelz herauszuholen. Heimlich aber, ganz heimlich, sehne ich mich immer wieder nach dem einfacheren Dolcetto, nach dem Wein, der – wie man mir sagt – vor allem von den Einheimischen getrunken wird.
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Unverwechselbare Landschaft (Foto: P. Züllig)
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Jedes Weingebiet hat seine eigene Schönheit, seinen eigenen Charme. In vielen Weingegenden muss man danach suchen, verborgen inmitten eintöniger riesiger Rebfelder, oder es sind abenteuerliche Steillagen, wo allein schon die Vorstellung, sie zu bewirtschaften, Angst auslöst, oder es ist ein zusammengewürfeltes Patchwork von kleinen, engen Clos wie zum Beispiel im Burgund.
Im Piemont dominiert das Auf-und-ab einer sacht „gewölbten“ Landschaft, mit weit verstreuten Hügeln, meist gekrönt von einer markanten Kirche, von einem einst wehrhaften Turm oder ganz einfach von einem noch immer mittelalterlich anmutenden Dorf. Im Gegensatz zu dieser sanft anmutenden Gegend steht der Wein, meist ein eher wuchtiger, üppiger, alkoholstarker Nebbiolo, der in gewissen Lagen – als Gütezeichen – den Namen eines Dorfs tragen darf, Barolo, Barbaresco, sonst aber als Nebbiolo vermarktet wird.
Seien wir ehrlich, im weltweiten Weingeschäft können eigentlich nur der Barolo und der Barbaresco bestehen. Was scheinbar „darunter“ liegt, vor allem die vielen autochthonen Rebsorten, verlässt Italien kaum. Doch gerade diese gehören zum Piemont. Ein Blick über die herbstlich gefärbten Rebberge verrät die Vielfalt von Rebsorten oder Klone, die jetzt deutlich erkennbar sind durch unterschiedliche Farben.
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Die unterschiedlichen Rebsorten und Klone leuchten in verschiedenen Farben (Foto: P. Züllig)
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Ich habe rasch einmal gelernt, mir neue Namen zu merken: Arneis, Cortese, Moscato Bianco, Timorasso, Favorita, Grignolino, Roero, Gattinara, Ruchè, Birbet... Und ich habe mich bemüht, ungewohnte Geschmackserlebnisse in mir aufzunehmen, mein Aromen-Vokabular mit weniger geläufigen Analogien zu erweitern. Die übliche Frucht von roten und schwarzen Beeren, von Kirschen, Cassis verblasst hinter dem, was viele Weine hier preisgeben: Gewürze aller Art, von Zimt über Muskat bis Ingwer, Walddüfte von Weißdorn über Pinien bis Waldmeister. Damit ist man oft weit weg vom Mainstream, eigenständig, abseits vom globalisierten Weingeschmack. Ob dies auch vom Konsumenten honoriert wird? Ich befürchte: nein. Selbst im traditionsbewussten Weingut Montalbera in Monferrato legt man jetzt den eigenständigen, so besonderen Ruchè auch ins Holz – versuchsweise, sagt man uns. Man trimmt ihn auf jene Linie, die es braucht, um drei Bicchieri zu erhalten, damit man in Zukunft auch im internationalen Geschäft mitreden kann.
Der Glaubenskrieg zwischen Traditionalisten und Modernisten – oft hochgespielt von den Weingurus – hat ähnlichen Charakter. Wie soll der „echte Piemonter“ sein? So geschliffen, verführerisch, mit markantem Schmelz und gängiger Aromenfülle, wie die Weine der heute dominierenden Traubensorten, oder soll er das spezielle Terroir, in welchem der Nebbiolo gedeiht, aufnehmen, weitertragen und stolz verkünden?
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Barbareso mit seinen Türmen (Foto: P. Züllig)
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Mir scheint, das weithin sichtbare Wahrzeichen von Barbareso – der 36 Meter hohe Turm aus der ursprünglichen Befestigung hoch über dem Fluss Tanaro – ist ein Sinnbild auch für den Umgang mit dem Wein. Neben das etwa 1.000 Jahre alte Bauwerk wurde, ebenso gut sichtbar, ein zweiter kleinerer Turm gestellt, ein moderner Stahlbau, ein Aufzug zum alten Turm und mit diesem fest verbunden. So – zwischen Tradition und Moderne – habe ich die Weine des Piemonts, vor allem den Nebbiolo, kennen, achten und auch lieben gelernt.
Herzlich
Ihr/Euer