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Im Schatten von Bordeaux Bergerac

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Artikel
09.09.2010

Im Schatten von Bordeaux

Bergerac

Jedes Kind in Frankreich kennt den berühmtesten Bergeracer, der gar nicht in Bergerac geboren wurde und auch nie dort gelebt hat: Cyrano de Bergerac, den Mann mit der langen Nase. Sein Spott ist berühmt und seine Fantasiereisen zu Mond und Sonne sind legendär. Weltberühmt aber wurde er, seit Gérard Depardieu die Figur auf der Leinwand dargestellt hat. Bergerac als Weinregion hingegen – einst fast so berühmt wie Bordeaux – hat seinen Glanz längst verloren.

Cyrano-Denkmal in Bergerac, dem in einem Schüler-Ritual die Nase jedes Jahr abgeschlagen wird

Glossar zum Thema
Ich muss gestehen: während ich schon so oft im Bordelais war, um von Château zu Château zu pilgern, habe ich Bergerac immer links oder rechts liegen lassen, obwohl das Städtchen am Bordeaux-Fluss Dordogne liegt und nur knapp 100 Kilometer von Bordeaux entfernt ist. Erst jetzt verlangt das Programm einer Gruppenreise, in Bergerac Halt zu machen, bevor wir ins „gelobte Land“ St-Emilion und später ins Haut-Médoc einziehen werden. Es ist also nicht mein Verdienst, dass ich jetzt zumindest zwei Weingüter kenne, deren Namen ich zwar schon gelesen, deren Weine aber noch nie getrunken habe. Den direkten Vergleich mit Bordeaux – auch dies gebe ich zu – kann ich nicht vermeiden und es kommt gar nicht so schief heraus!

Restauration in den engen romantischen Gassen der Altstadt von Bergerac

Glossar zum Thema
Bereits die vier Weine aus der Region, die das Essen in einem guten Restaurant der Innenstadt begleiten – alles Rote – bringen meine Skepsis ins Wanken: Tritt Bergerac wirklich aus dem Schatten von Bordeaux? Vier Weine und zwei Winzer- Besuche sind zwar noch lange kein Beweis. Vielleicht zeigt mir einfach Cyrano, der falsche Bergeracer, seine lange Nase! Doch allein schon die poetischen Namen der Weine wecken in mir Hoffnungen, etwas Feines, Klingendes, Eigenständiges ins Glas zu bekommen, nicht einfach einen groben Abklatsch der meist überholzten „Bordeaux-Blends“. Mit „L‘extase“ vom Weingut der Domaine de „L’ancienne cure“ beginnt mein kurzer Entdeckungsaufenthalt in Bergerac. Ich habe den Wein einzig auf Grund seines vielversprechenden Namens bestellt, auch der Preis ist ein Indiz, dass es sich wohl um einen guten Tropfen handeln muss. 35 Euro – allerdings im Restaurant – ist bereits ein ordentlicher Preis für ein Wagnis, dessen Ausgang ich nicht kenne. Es bewahrheitet sich eine uralte Lebenserfahrung: „Wer wagt gewinnt!“. Hurra – ich habe gewonnen! Bordeaux hat mich schon in Bergerac begrüßt. Die „Extase“ besteht in dem, was wir als Bordeaux-Assemblage bezeichnen: eine Cuvée aus Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc. Die Tannine schon gut abgeschliffen, das Holz fein eingebunden, die Aromen kräftig und vielschichtig. Sind es tatsächlich noch 100 Kilometer bis Bordeaux?

Francis de Conti beschreibt die Grundsätze des biologischen Anbaus

Auch mein zweiter Versuch soll ein Test werden. Der Name gibt wieder den Ausschlag. Diesmal ist er eine Anlehnung an Marcel Pagnols „La gloire de mon père“ – „Die Ehre meines Vaters“ - eine literarische Kindheitserinnerung. Der Wein mit diesem poetischen Namen kommt von „La tour des gendres“, einem der führenden Weingüter der Region, wie man mir sagt. Und wieder habe ich – ohne die geringste Ahnung – einen guten Griff getan: frisch, elegant, mit schönen Cassisaromen, St-Julien lässt grüßen. Kann es sein, dass das berühmte Château Ducru Beaucaillou, das wir in ein paar Tagen besuchen werden, seinen Glanz voraus sendet, bis ins entfernte Bergerac? Bis zu diesem Augenblick habe ich nicht registriert, dass ein Besuch des Weinguts „La tour des gendres“ am nächsten Tag vorgesehen ist. Der Name hat mir – dem bordeaux-lastigen Weinliebhaber – ganz einfach nichts bedeutet. Doch im Süden von Bergerac hat uns dann das Weingut empfangen und seine Philosophie – biodynamische Ausrichtung – dargelegt. Üppiges Grün an den Reben, stolze aufrechte Rebstöcke mit vielschützendem Blattwerk, halbgeschützt – zumindest in der heißesten Zeit – die Traube. Ich bin beeindruckt, baue wiederum ein Stück meiner Skepsis ab. Die Biodynamie hat doch ihre Logik und wohl auch ihre Kraft und Bedeutung.

Reben auf dem Weingut „Tour de Gendres“, noch dicht begrünt

Wer kann es mir verargen, dass ich bei der Verkostung auf dem Weingut zuallererst nach der Fortsetzung der berühmten Pagnol Trilogie suche: „Le Château de ma mère“ – „Das Schloss meiner Mutter“. Umsonst gesucht, diesen Wein gibt es nicht. Es ist die „Mühle der Damen“, die mich hingegen beeindruckt. Der Spitzenwein des Gutes, der vor allem durch seine Frucht und Mineralität überzeugt. Spätestens jetzt schiebt sich Bergerac nicht nur durch seine literarischen Anklänge, vielmehr auch als eigenständiges Weinland in mein Bewusstsein. Es sind zwar nur Annährungen, nur Spuren, die sich hoffentlich bald einmal verdichten werden. Der zweite Château-Besuch hat dies wohl getan, denn er ist nicht minder eindrucksvoll als der erste. Die Weine aber lassen sich nicht vergleichen. In Monbazillac, wo das Château „Tirecul La Gravière“ liegt, werden fast ausschließlich Süßweine gekeltert, basierend auf von der Botrytis cinerea befallenen Beeren.

Fass-Keller von Château „Tirecul La Gravière“ mit Besitzer Bruno Bilancini

Glossar zum Thema
Schon wieder meine Skepsis: was kann schon das Bergerac – genau gesagt Monbazillac – gegen das weltberühmte Sauternes ausrichten? Chancenlos!? Nein, die Chancen stehen ausgezeichnet, die Weine – zumindest dieses Weingutes – halten stand, ja lassen gar manchen berühmten Sauternes in seiner Eleganz und Mineralität, in seiner Aromatik und gepflegten Süße weit hinter sich. Warum habe ich Bergerac als Weingebiet nicht schon längst wahrgenommen? Wohl weil hier – bis vor etwa dreißig Jahren - nur Massen- und Dutzendweine produziert wurden. Weil der Schatten von Bordeaux zu lange und zu groß war. Erst jetzt kann Bergerac - vielleicht - aus dem Schatten treten, ein wenig von der Sonne des Südwestens an sich reißen. Jedenfalls haben mich die Weine-Sonnen gestreift. Doch, der Reiseplan ist vorgegeben, bereits fahren wir wieder weiter. Wohin? Natürlich nach Bordeaux. Nach dieser - meiner ersten - Erfahrung fast schade!

Herzlich

Ihr/Euer


Peter Züllig
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