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In der Schweiz gibt es auch guten Wein: Was man nicht kennt…

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     (1 Beiträge)
Artikel
15.09.2009

In der Schweiz gibt es auch guten Wein:

Was man nicht kennt…


Etwas liegt mir seit Monaten tüchtig auf dem Magen. Ist es Ärger, Unverständnis, Rebellion, Enttäuschung oder gar Protest? Ich weiß es nicht, kenne nur die Fakten. Im Kölner Weinforum - einem Kreis von Weinfreunden, die sich über wein-plus kennengelernt haben und sich seit 1999 regelmäßig treffen - waren im März Schweizerweine ein Thema. Ich war nicht dabei, obwohl ich zu dieser Zeit beruflich in Köln war. Vielleicht ist es gut so. Mir blieben der Ärger und die Aufgabe eines Propheten an diesem Abend erspart.

Weinrunde im Kölner Weinforum: Toscana gegen Bordeaux. Da war man noch zufrieden!

Dazu gibt es eine Vorgeschichte. Vor etwa acht Jahren - die Kölner Weinrunde steckte noch in den Anfängen - habe ich für die Kölner Weinfreunde eine Schweizer Runde zusammengestellt. Schön didaktisch aufgebaut - meinte ich - vom einfachen Gewächs bis zur Spitze, von Weinregion zu Weinregion, von Rebsorte zu Rebsorte. Ich habe die Weine nach Köln gebracht, war aber auch damals an der Verkostung nicht dabei.

Später sah ich dann die Bewertungen: verheerend. Ich habe die Noten nicht mehr im Kopf. Ich weiß nur noch, dass etwa die Hälfte der Weine - nach gängigem Bewertungsschema - in den Augen der Kölner Weinfreunde fast ungenießbar war, das heißt so um 11 bis max. 14 Punkte in der 20er Wertung. Im Forum habe ich damals lautstark protestiert.

Schweizer Präsentation auf der ProWein 2008

Diese Episode tat keinen Abbruch an der Sympathie zu der Weinrunde in Köln und der Freundschaft mit vielen ihrer Teilnehmer. Ich selber habe wiederholt in diesem kritischen Kreis von Weinliebhabern gesessen und hervorragende Weine degustiert. Doch, mit den Schweizern haben sie es nicht. Auch acht Jahre später nicht.

Zwar sind die durchschnittlichen Wertungen diesmal etwas höher. Zwischen 12.5 und 15.5 Punkten. Nur fünf Weine von neunzehn schafften es zu etwas mehr: Endstation aber war bei 17 Punkten. Da habe ich mir die Augen gerieben: ist das möglich? Sind Schweizer Weine wirklich so schlecht?

Martha Gantenbein. Zusammen mit ihrem Mann Daniel von Wein Gourmet zum Winzer des Jahres 2008 nominiert
Der „Star der Schweiz”, Daniel Gantenbein, Pinot Noir 1996, 16 - 17 Punkte. Mit dieser Benotung hat er auch in Köln die Spitze geschafft. Nun, den Wein kenne ich, stammt er doch aus meinem Keller. Zugegeben, es ist nicht der beste Gantenbein und als Pinot noir im Alter von 12 auch schon tüchtig in die Jahre gekommen. Und trotzdem: 17 wäre für mich die unterste Wertung.

Über Weinbewertungen und -benotungen mag man streiten. Die Maßstäbe sind - ach - so verschieden. Sie zeigen innerhalb einer Degustation bestenfalls den Stellenwert eines Weins. Daumen rauf, Daumen runter! Und da sind die Daumen bei den Kölnern nur so abgetaucht. Absoluter Tiefpunkt: NoPiNo 2006, Cicero Weinbau, 11 - 13 Punkte. Himmel, was ist da passiert? Ein junger Winzer, den ich seit Jahren kenne, der Schweizermeister im Degustieren war, der vor etwa drei Jahren ein heruntergewirtschaftetes Weingut übernommen hat und heute bereits zu den Spitzenwinzern der Schweiz zählt, wird so abgekanzelt?

Winzer Thomas Mattmann (Weingut Cicero) auf der ProWein 2008
Doch andern geht es nicht besser: Cornalin du Valais, 2001 von „Provins”, 11 - 13.5 Punkte. Cornalin ist eine autochthone Spezialität des Alpenraums, vor allem aus dem Wallis und der Waadt. Zugegeben: ein eigenwilliger Wein - fruchtig, aber mit einem leicht rustikalen Charakter. Da taucht bei mir plötzlich ein Verdacht auf. Werden die Weine so schlecht bewertet, weil man sie nicht kennt? Neue Geschmackserlebnisse! Und eben keine Rieslinge, Pinots, Cabernets, Merlots….

Sondern eigenständige Weine. Schweizerweine eben. Und im internationalen Vergleich (scheuklappenlos) gar nicht so schlecht positioniert. „Schweizer Rotweine müssen sich vor den österreichischen nicht verstecken”, so war das Fazit nach einem großen Vergleichstest mit österreichischen und schweizerischen Juroren. Sieger wurden je zwei Oesterreicher und zwei Schweizer. Darunter ausgerechnet der „Schöpfiwingert” vom Weingut Georg Fromm, dem die Kölner immerhin beachtliche 14.5 - 15.5 zugedacht haben.

Nun, Wettbewerbe (oder eben Degustationen) sind da, um zu vergleichen, um die besten zu küren, aber auch um Neues kennen zu lernen. Und da scheinen mir viele Weinliebhaber überfordert zu sein. Man geht so leicht von eigenen Erfahrungs- und Geschmackswerten aus, man übernimmt noch so gerne gängige Vorurteile, man ist nicht so rasch bereit, sich auf Unbekanntes einzulassen.

Tracce di Sassi

Am wöchentlichen Mittagstisch in unserer Siedlung nimmt auch eine ältere Dame teil. Sie stammt aus einer Bauernfamilie in Österreich, lebt aber schon fast ein Leben lang in der Schweiz. Wir wissen es, erleben es Woche für Woche: was sie nicht kennt, das verschmäht sie. Wir akzeptieren dies längst, lächeln bestenfalls darüber. Ohne diese konsequente Haltung würde mir sogar etwas fehlen.

Soll ich die jüngste Kölner Erfahrung ins gleiche Schema pressen? Amigne de Vétroz, 2006, Jean-René Germanier - ebenfalls eine autochthone Rebsorte aus dem Wallis - zeigt deutlich die Spannweite: 12 - 15.5 Punkte. Da haben sich die Kölner Geister ja tüchtig geschieden. Genau so wie beim Merlot del Ticino Riflessi d'Epoca, Guido Brivio, alles andere als ein gängiger, sogenannt moderner Merlot, nicht nur auf Eleganz und Problemlosigkeit gemacht:  dafür aber stark strukturiert, eben noch ein richtiger Merlot!

Schweizer Spitzenweine - wie so oft - verkannt!
Ich gebe es auf, ich kapituliere. Schweizer Weine sind zumindest in der Kölner Runde - ähnliche Erfahrungen habe ich in andern Weinrunden auch schon gemacht - ungewohnt, suspekt oder gar genussverletzend. Das tut weh! Ich kündige der Runde trotzdem nicht die Freundschaft. Sie versteht etwas von Weinen - aber nicht von schweizerischen; sie genießt die Verkostungen, aber nicht ohne zu murren; sie kann ihre Begeisterung nur steigern, wenn Rieslinge (allenfalls noch Bordeaux und Burgund) auf den Tisch kommen.

Vielleicht müssten da die schweizerischen Weinverbände noch tüchtig Aufklärungsarbeit leisten. Doch die sind so zerstritten und lahmgelegt, dass ihre Arbeit nicht einmal mehr bis nach Köln reicht.

Mein Trost: meine Nachbarin. Sie verändert ihre Einsichten und ihr Verhalten längst nicht mehr: „...was ich nicht kenne, das…..” Ja, was denn? Ist nicht gut, brauche ich nicht oder will ich gar nicht kennen lernen. Ich mag sie trotzdem, meine Nachbarin.

Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)

Peter Züllig
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