Klimawandel
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Klimawandel
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Im Juni 2007 wurde vom Klimaausschuss der Vereinten Nationen (IPCC) der dreiteilige UN-Klimareport veröffentlicht, an dem rund 2.500 Forscher aus 124 Ländern über Jahre gearbeitet hatten. Er basiert unter anderem auf rund 40 Computersimulationen. Erstmals einigte man sich auf eine Formulierung, wonach der Mensch schuld am Klimawandel ist. Die hochentwickelten Länder sind für die Aufheizung der Atmosphäre (Global Warming) und den „Export“ der Auswirkungen verantwortlich. Die hauptsächlichen Ursachen sind rasantes Bevölkerungswachstum, zunehmender Verbrauch von fossilen Brennstoffen, Abholzung von Wäldern und Verstädterung. Durch schonungslose Verfeuerung von Benzin, Öl oder Kohle, entstehen riesige Mengen an zusätzlichem, den Treibhauseffekt verursachendem Kohlenstoffdioxid. In vielen Regionen der Welt wurde in den letzten Jahrzehnten eine Abnahme der Frosttage und eine Zunahme der Tage mit extrem hohen Temperaturen beobachtet. Das war besonders in Mittel- und Nordeuropa, in den USA, in Kanada, China, Australien und Neuseeland der Fall. In den mittleren und nördlichen Breiten, vor allem der Nordhalbkugel, hat die Häufigkeit der Starkniederschläge in der zweiten Hälfte des 20. Jarhunderts deutlich zugenommen. Im Gegensatz dazu gibt es in einigen Regionen Afrikas und Asiens immer häufiger stärkere Dürren, sowie auch Wüstenbildungen.
Seit der Industrialisierung ist die durchschnittliche Temperatur um +0,7 bis +0,8 °Celsius gestiegen, wobei allein +0,6 °Celsius auf die vergangenen 30 Jahre entfallen. Die Temperaturen auf der Erde werden bis zum Jahr 2100 wahrscheinlich doppelt so schnell steigen wie im vergangenen Jahrhundert. Elf der vergangenen zwölf Jahre waren unter den zwölf wärmsten seit dem Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1850. Im besten Fall erwärmt sich die Erdoberfläche bis zum Jahr 2100 um 1,1 bis 2,9 Grad, im schlechtesten Fall erhöht sich die Temperatur um 2,4 bis 6,4 Grad. Als durchschnittliche Erwärmung sagen die Experten einen Temperaturanstieg von 1,8 bis 4 Grad Celsius voraus. Für das günstigste Szenario errechneten die Wissenschaftler einen Anstieg des Meeresspiegels um 18 bis 38 Zentimeter. Im schlechtesten Fall könnte der Meeresspiegel um bis zu 59 Zentimeter steigen. Es mehren sich Überschwemmungen, Missernten und Wirbelstürme. Etwa ein Fünftel der Tier- und Pflanzenarten sind durch den Klimawandel vom Aussterben bedroht.
Das Klima hat einen bedeutenden Einfluss auf die Reben und die Weinqualität. Deshalb hat der Klimawandel natürlich auch Auswirkungen auf den Weinbau, obwohl diese gemäß neueren Forschungsergebnissen bei der Weinrebe gegenüber anderen landwirtschaftlichen Kulturpflanzen als geringer angenommen werden. Aufzeichnungen über Klimawerte und weinbaurelevante Daten wie Lesezeiten, Erträge und Qualität von Jahrgängen gibt es in Europa seit über tausend Jahren. In diesem Zeitraum gab es immer wieder Schwankungen und auch außergewöhnliche Zustände wie zum Beispiel die Mittelalterliche Warmzeit (900-1300) mit durchschnittlich höheren und die so genannte Kleine Eiszeit (1450-1850) mit durchschnittlich niedrigeren Temperaturen. Die Ursachen und Auswirkungen durch den heutigen Klimawandel sind aber ungleich dramatischer, nachhaltiger und schneller. In der Vergangenheit sind die großen Klimaveränderungen durch Naturphänomene wie Erderwärmungen oder Abkühlungen (Eiszeiten) hervorgerufen worden und sehr langsam über viele Jahrtausende verlaufen. Die heutige Situation hingegen ist eine Reaktion auf vom Menschen verursachte Umstände und verläuft beängstigend rasant.
Dr. Edgar Müller vom DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück ist ein profunder Kenner der Materie und hat über das Thema bereits eine Reihe von Dokumentationen verfasst. Am DLR-Standort Bad Kreuznach (Anbaugebiet Nahe) liegen präzise Aufzeichnungen für je eine Riesling- und eine Müller-Thurgau-Parzelle seit dem Jahre 1959 vor. Dabei wurden detaillierte phänologische Daten wie unter anderem Austrieb, Blüte, Véraison und Weinlesebeginn erfasst. Eine der Erkenntnisse ist, dass im Zeitraum 1959 bis 2006 die Anzahl der Sommertage (> 25 °C) und heißen Tage (> 30 °C) eklatant angestiegen ist. Die durchschnittliche Jahres-Temperatur stieg im Zeitraum um 1,0 °Celsius. Ein großer Temperaturschub ist besonders ab Ende der 1980er-Jahre zu erkennen. In Südwestdeutschland ist bis 2050 mit folgenden Veränderungen zu rechnen, wobei diese wahrscheinlich auch für andere mitteleuropäische Weinbaugebiete tendenziell zutreffen:
* weiterer Temperaturanstieg um 1 bis 2,5 °Celsius
* Erwärmung vor allem im Sommer und Winter
* höhere Spitzentemperaturen
* längere Vegetationszeit (letzter Frosttag Frühjahr bis erster Frosttag Herbst)
* Verringerung der Anzahl der Frosttage
* weitere Verstärkung der UV-Strahlung und Vergrößerung des „Ozonlochs”
* Zunahme der mittleren Windgeschwindigkeit
* große Unsicherheit bezüglich Niederschlagsmengen - wahrscheinlich mehr
* höherer Anteil an Niederschlägen im Winter, geringerer Anteil im Sommer
* häufigere Starkniederschläge
* zunehmende Häufigkeit und Intensität von Hagel
* zunehmende Population bei Schadinsekten
Ausgehend davon sind Veränderungen unterschiedlichen Ausmaßes zu erwarten. Das sind kürzere Wachstumsintervalle, stärkere Vegetation mit mehr Laubfläche, höherer Wasserverbrauch bzw. dadurch notwendige künstliche Bewässerung, schwankende Erträge, vermehrter Schädlingsbefall und Rebstock-Krankheiten und damit sinkende Traubenqualität. Durch trockene Sommer kann sich eine höhere Generationsanzahl bei den Traubenwicklern und anderen Schadinsekten, sowie gehäufte Probleme mit Bakterien, Phytoplasmen und Viren ergeben. Die Auswirkung auf die Weinqualität ist in den betroffenen Weinbaugebieten dadurch negativ. Die Weißweine werden auf Grund früherer Reife mehr Alkohol und weniger Säure aufweisen. Dies wird vor allem für den heute spät reifenden Riesling, aber ebenso für früh reifende, säurearme Sorten ein Problem bedeuten.
Die Häufigkeit von UTA (untypischer Alterston) und Gärstörungen wird steigen. Dies bewirkt nachteilige Auswirkungen auf die Aromatik gepaart mit phenolischen Noten. Außerdem ergibt sich ein geringeres Alterungspotential. Bisher nur in warmen Gebieten grassierende Krankheiten wie Pierce Disease könnten dann auch in Europa auftreten. Der Weinbau wird sich in Bezug auf Weingartenpflege und Weinbereitung ändern bzw. anpassen müssen. Betroffen davon sind die Rebsorten, die Wahl der Unterlagen, die Düngung, die Erziehungsform, damit im Zusammenhang der Rebschnitt, die Frage der Begrünung, der Pflanzenschutz sowie last but not least ganz sicher auch die Weinstile.
Qualitativ hochwertiger Weinbau ist in nur einem schmalen geographischen Band, den so genannten Rebengürteln vom 40. bis 50. nördlicher und 30. bis 40. südlicher Breitengrad möglich (siehe dazu auch unter Rebstock). Die Weinbaugebiete auf der nördlichen Halbkugel, in Äquatornähe und im Landesinneren sind vom Klimawandel stärker betroffen als jene auf der südlichen Halbkugel, in Höhenlagen oder in Küstennähe (siehe auch unter nördlichster Weinberg und südlichster Weinberg). Konsequenzen wird es aber global für alle Weinbaugebiete in unterschiedlicher Ausprägung geben. Bisher schon trockene und heiße Regionen werden wohl mit noch größeren Problemen zu kämpfen haben. In Australien und Kalifornien ist wahrscheinlich ein starker Rückgang der Niederschläge zu erwarten. Teile von Südeuropa könnten für Qualitätsweinbau zu heiß werden. In der Champagne und in Bordeaux wiederum sind Verbesserungen durch verbesserte Traubenreife wahrscheinlich.
Für die bisherigen klimatischen Grenzstandorte eröffnen sich bessere und neue Perspektiven. Die Weinbaugebiete werden sich in Richtung der Pole erweitern. In Europa sind Dänemark, England, Kroatien, Niederlande, Polen, Schweden und die Ukraine Kandidaten. Außerhalb Europas Argentinien, Australien (Teile), China (Norden), Chile und Neuseeland. Die britische Weinhandelsfirma Berry Bros & Rudd sieht in einer Ende Mai 2008 veröffentlichen Studie China in 50 Jahren als wichtigstes Weinbauland der Welt. Nicht nur mengenmäßig werde das Reich der Mitte dann die bedeutendste Weinbaunation sein, sondern in der Qualität selbst mit Bordeaux mithalten. Der große Verlierer soll Australien sein, da es in den meisten Gebieten zu heiß für Qualitätsweinbau sein würde.
Dr. Edgar Müller zieht folgendes Fazit (Zitierung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors): Durch entsprechende Veränderungen in der Anbautechnik wie oben angeführt können die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen doch in vielerlei Hinsicht gemildert werden. Sollten die skeptischen Prognosen der Klimawissenschaftler zutreffen, werden unsere Kinder, spätestens aber unsere Enkel einen Weinbau betreiben, der sich anbautechnisch erheblich von dem heutigen unterscheidet. Das gilt möglicherweise auch für Rebsorten und Standorte. Ungeachtet der beträchtlichen Probleme stünde der deutsche Weinbau, verglichen mit anderen heutigen großen Weinbauregion Europas, aber noch eher auf der Gewinnerseite. Die Probleme, die uns ins Haus stünden, wären wohl zu meistern. Für große Anbauregionen wie zum Beispiel in Zentralspanien, in denen der Weinbau bereits heute auf Grund großen Wassermangels an die Grenze der Möglichkeiten stößt, sind die Perspektiven weit düsterer. Die weinbaulichen Probleme eines Klimawandels wären jedoch immer noch marginal, verglichen mit den möglichen globalen Problemen.
Niemand weiß, ob in der Diskussion um die zu erwartenden Veränderungen die Optimisten oder die Skeptiker Recht behalten. Jeder müsste aber wissen, dass die heutige Generation aus Verantwortung nachfolgenden Generationen gegenüber sich nicht den Luxus leisten darf, nichtstuend abzuwarten, um unsere Enkel feststellen zu lassen, wer Recht hatte. Sie würden vermutlich wenig Verständnis dafür aufbringen, wenn die heutigen Möglichkeiten des Klimaschutzes, zum Beispiel durch Energieeinsparung oder Ausbau alternativer Energien, zum Großteil vergeudet werden, weil sie von vielen Menschen als unzumutbare finanzielle Belastung oder Einengung persönlicher Entfaltung gesehen werden. Träten die skeptischen Prognosen ein, wären diese Belastungen bzw. Einschränkungen im Vergleich zu den Problemen unserer Nachkommen lächerlich (Zitatende). Der 2006 geschaffene Kongress Climate Change and Wine widmet sich dem Problemkreis. Im Zusammenhang mit der Bedrohung der Artenvielfalt durch Klimawandel ist der Begriff Biodiversität entstanden.
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