Artikel
29.01.2003
Kommentar aus der
Der niedrigste Preis und seine Schattenseiten
Aldi ist durch das Handelsprinzip des niedrigsten Preises zum größten Weinhändler Deutschlands aufgestiegen. Rund zwanzig Prozent aller in Deutschland verkauften Weine gehen dort über den Ladentisch.
Direkt hinter der Ausfahrt Empoli an der dröhnenden Superstrada Pisa-Firenze lauern die schwer bewaffneten Beamten des Corpo Forestale delle Stato. Doch die italienische Forstpolizei winkt keine Verkehrssünder raus, sondern prüft Tanklaster und Traubentransporter, um Weinfälschern das Handwerk zu legen. Commissario Luigi Bartolozzi schwitzt unter seinem Barett in der Mittagshitze: "Zur Erntezeit besorgen sich die Weinfälscher Trauben oder Wein von draußen - besonders wenn die Ernte schlecht ausfällt." Mit diesem für italienische Verhältnisse rigiden Kontrollen soll der ungebremste Fluss billiger Weine aus Süditalien eingedämmt werden, der sich in die nördlichen Weinbaugebiete ergießt.
2002 ist ein katastrophaler Jahrgang in Italien, wochenlanger Regen hat für große Ernteausfälle gesorgt. Also werden die Preise für Trauben, Most und Wein steigen und jenen Abfüllern das Leben schwer machen, die bereits feste Lieferverträge mit deutschen Discountern abgeschlossen haben. Ihnen bleibt nur die Wahl, mit Verlust zu liefern, Vertragsstrafen zu zahlen, oder aber "die zu Papiere korrigieren" wie der Vorgang der Weinfälschung in Italien vornehm umschrieben wird. So wird der Jahrgang 2002 doch noch ein großes Jahr - allerdings nur für die Panscher.
Auch in der DOC "Prosecco di Valdobbiadene e Conegliano" kennt man dieses Problem. Mit dem DOC-Zertifikat wird die ausschließliche Herkunft der Schaumweine aus dem kleinen Anbaugebiet garantiert. Höchstens 38 Millionen Flaschen geben die Weinberge her - so kostet eine Flasche DOC-Prosecco heute mindestens 4 Euro in Deutschland. Nur beim Handelsgiganten Aldinicht, dort geschah ein kleines Wunder: Über Jahre wurde der DOC-Prosecco für konkurrenzlos billige 1,99 Euro verkauft, etwa 3 bis 4 Millionen Flaschen pro Jahr.
Bereits im Jahr 2000 informierte das Prosecco-Schutzkonsorzium die Aldi-Süd Chefeinkäufer in Mülheim persönlich über den Verdacht der Weinfälschung. Dort reagierte man betont gelassen und hielt am Lieferanten Cesare Grossi wie auch am Verkaufspreis fest - sogar als die italienische Justiz auf Initiative der Betrugsbekämpfungsbehörde "repressione frodi" aktiv wurde. Im Oktober 2002 schließlich erging das Urteil: 8 Monate Haft auf Bewährung für den geständigen Aldi-Lieferanten, weil er 3,3 Millionen Flaschen Prosecco gefälscht und in den Handel gebracht hat. Der Fall Grossi ist einzigartig, denn die italienische Justiz ahndet Weinfälschungen selten. Doch Grossi trieb es zu weit: In seiner Abfüllanlage lässt nur ein vergilbter Zettel mit dem Firmennamen an der Klingel darauf schließen, dass dies der Geburtsort des meistgetrunkenen Prosecco in Deutschland ist. Auch unerfahrene Weineinkäufer hätten beim Anblick der ehemaligen Hühnerfarm mit ihren 40 rostenden Tanks stutzig werden müssen.
Erst im Herbst 2002 reagierte der Aldi-Konzern und listete den Blockbuster aus. "Beim Prosecco handelt es sich um ein saisonales Produkt, das aus dem Programm genommen worden wurde.", begründet Aldi-Chefeinkäufer Thomas Hüsken offiziell den Rückzug aus dem lukrativen DOC Prosecco-Geschäft.
Auch in der DOCG-Ursprungszone Chianti zwischen Pisa und Siena lässt sich bei der Umwandlung billigster Tafelweine zu DOCG-Chianti viel Geld machen: Ein Tanklaster mit Chianti ist 80.000 Euro wert, einer mit Tafelwein nur 20.000: macht 60.000 Euro Gewinn durch einen Federstrich - und das Risiko entdeckt zu werden ist gleich Null. Bei den vorgeschriebenen DOCG-Schutzbanderolen haben Fälscher ebenfalls ein leichtes Spiel, da sie nicht auf Wasserzeichenpapier gedruckt sind. Hinzu kommt, dass sich Weinfälschungen analytisch nur selten nachweisen lassen.
"In den letzten sechs bis sieben Jahren haben praktisch alle Chianti-Betrugsfälle, die aufgetaucht sind, auf den deutschen Markt geführt.", sagt Luca Gianozzi, Direktor des Chianti-Schutzkonsortiums. Im Gegensatz zur Justiz haben die Konsortien ein vitales Interesse daran, dass die Weinpanscher auffliegen: Wird zuviel Wein eingeschleust, fällt der Weinpreis in den Appellationen. "Auf keinem Markt wird so aggressiv an der Preisschraube gedreht wie in Deutschland.", sagt Gianozzi. 1999 zum Beispiel haben zwei Abfüller im Chianti Classico rund 5 Millionen Flaschen "Chianti" an die deutsche Metro-Kette verkauft: für rund einen Euro pro Flasche. Ein Netzwerk von Zulieferern hat die Papiere in gewohnter Weise "korrigiert". Gegen die Fälscher ist in Pisa mittlerweile Anklage erhoben worden.
Das Millionengeschäft mit den Discountweinen wickelt in Deutschland eine kleine Händlerclique ab - jeder kennt jeden. Diese Importeure beteuern regelmäßig alles zu tun, um die Verbraucher vor gefälschten Weinen zu schützen. Die Verantwortung, so sagen sie, läge allein bei den italienischen Produzenten. Der Abfüller Roberto Castellani ist einer von ihnen: 1981 kam sein Exportumsatz nach Deutschland auf dreißigtausend Mark. Heute zählt er zu den ganz Großen - sein Umsatz wird auf 25 bis 30 Millionen Euro geschätzt, mit einem operativen Gewinn von rund 23 Prozent. Aldi hat jährlich rund acht Millionen Flaschen Castellani-Chianti für unschlagbare 1,99 verkauft, das sind zehn Prozent der Chianti-Jahresproduktion. Mit seinem Preis lag der Wein ebenfalls unter den Produktionskosten. Erst im August 2002 hat Aldi den Preis auf 2,49 Euro erhöht. Vielleicht weil die Staatsanwaltschaft in Pisa gegen Castellani wegen des Verdachts auf Weinfälschung ermittelt.
"Das ist ein deutsches Problem", lautet unisono der Kommentar auf italienischer Seite. Dort wird auf die Einkaufspolitik der Großdiscounter verwiesen, die jahrgangsabhängige Preissteigerungen nicht an ihre Kunden weitergeben, weil die deutschen Discounterkonsumenten nur auf den Preis achten. Die Verbraucherschutzbehörden in Deutschland hingegen beklagen, dass die Weinfälschung in Italien als Kavaliersdelikt gilt und so gut wie nie Anklage erhoben wird. Ohne rechtskräftiges Urteil jedoch können die deutschen Behörden nicht aktiv werden. Und wenn die Weinstaatsanwaltschaft in Bad Kreuznach in Italien um Amtshilfe bittet, erhält sie nach langer Zeit standardisierte Absagen - ein Teufelskreis. So kommt es, dass der Verbraucherschutz in Sachen Weinfälschung ebenso hilflos ist wie Commissario Bartolozzi Versuch, die Weinvermehrung durch Verkehrskontrollen einzudämmen.
Weine in Paragraphen
Das italienische Weingesetz ist in vier Stufen gegliedert:
Die unterste Stufe bildet VdT ”Vino da Tavola”, für Weine ohne Jahrgangs- und Herkunftsangabe.
IGT ”Indicazione Geografica Tipica” steht für Weine, die den DOC-Status anstreben.
DOC ”Denominazione di Origine Controllata” ist die Kennzeichnung von Weinen aus einer gesetzlich definierten Anbauzone. (z.B. Prosecco di Valdobbiadene e Conegliano)
Die oberste Stufe ist den 22 DOCG-Weinen vorbehalten: ”Denominazione di Origine Controllata e Garantita”. Sie sind durch rote, nummerierte Banderolen gekennzeichnet. (z.B. Chianti und Chianti Classico)
Direkt hinter der Ausfahrt Empoli an der dröhnenden Superstrada Pisa-Firenze lauern die schwer bewaffneten Beamten des Corpo Forestale delle Stato. Doch die italienische Forstpolizei winkt keine Verkehrssünder raus, sondern prüft Tanklaster und Traubentransporter, um Weinfälschern das Handwerk zu legen. Commissario Luigi Bartolozzi schwitzt unter seinem Barett in der Mittagshitze: "Zur Erntezeit besorgen sich die Weinfälscher Trauben oder Wein von draußen - besonders wenn die Ernte schlecht ausfällt." Mit diesem für italienische Verhältnisse rigiden Kontrollen soll der ungebremste Fluss billiger Weine aus Süditalien eingedämmt werden, der sich in die nördlichen Weinbaugebiete ergießt.
2002 ist ein katastrophaler Jahrgang in Italien, wochenlanger Regen hat für große Ernteausfälle gesorgt. Also werden die Preise für Trauben, Most und Wein steigen und jenen Abfüllern das Leben schwer machen, die bereits feste Lieferverträge mit deutschen Discountern abgeschlossen haben. Ihnen bleibt nur die Wahl, mit Verlust zu liefern, Vertragsstrafen zu zahlen, oder aber "die zu Papiere korrigieren" wie der Vorgang der Weinfälschung in Italien vornehm umschrieben wird. So wird der Jahrgang 2002 doch noch ein großes Jahr - allerdings nur für die Panscher.
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| Glossar zum Thema |
Erst im Herbst 2002 reagierte der Aldi-Konzern und listete den Blockbuster aus. "Beim Prosecco handelt es sich um ein saisonales Produkt, das aus dem Programm genommen worden wurde.", begründet Aldi-Chefeinkäufer Thomas Hüsken offiziell den Rückzug aus dem lukrativen DOC Prosecco-Geschäft.
| Glossar zum Thema |
"In den letzten sechs bis sieben Jahren haben praktisch alle Chianti-Betrugsfälle, die aufgetaucht sind, auf den deutschen Markt geführt.", sagt Luca Gianozzi, Direktor des Chianti-Schutzkonsortiums. Im Gegensatz zur Justiz haben die Konsortien ein vitales Interesse daran, dass die Weinpanscher auffliegen: Wird zuviel Wein eingeschleust, fällt der Weinpreis in den Appellationen. "Auf keinem Markt wird so aggressiv an der Preisschraube gedreht wie in Deutschland.", sagt Gianozzi. 1999 zum Beispiel haben zwei Abfüller im Chianti Classico rund 5 Millionen Flaschen "Chianti" an die deutsche Metro-Kette verkauft: für rund einen Euro pro Flasche. Ein Netzwerk von Zulieferern hat die Papiere in gewohnter Weise "korrigiert". Gegen die Fälscher ist in Pisa mittlerweile Anklage erhoben worden.
Das Millionengeschäft mit den Discountweinen wickelt in Deutschland eine kleine Händlerclique ab - jeder kennt jeden. Diese Importeure beteuern regelmäßig alles zu tun, um die Verbraucher vor gefälschten Weinen zu schützen. Die Verantwortung, so sagen sie, läge allein bei den italienischen Produzenten. Der Abfüller Roberto Castellani ist einer von ihnen: 1981 kam sein Exportumsatz nach Deutschland auf dreißigtausend Mark. Heute zählt er zu den ganz Großen - sein Umsatz wird auf 25 bis 30 Millionen Euro geschätzt, mit einem operativen Gewinn von rund 23 Prozent. Aldi hat jährlich rund acht Millionen Flaschen Castellani-Chianti für unschlagbare 1,99 verkauft, das sind zehn Prozent der Chianti-Jahresproduktion. Mit seinem Preis lag der Wein ebenfalls unter den Produktionskosten. Erst im August 2002 hat Aldi den Preis auf 2,49 Euro erhöht. Vielleicht weil die Staatsanwaltschaft in Pisa gegen Castellani wegen des Verdachts auf Weinfälschung ermittelt.
"Das ist ein deutsches Problem", lautet unisono der Kommentar auf italienischer Seite. Dort wird auf die Einkaufspolitik der Großdiscounter verwiesen, die jahrgangsabhängige Preissteigerungen nicht an ihre Kunden weitergeben, weil die deutschen Discounterkonsumenten nur auf den Preis achten. Die Verbraucherschutzbehörden in Deutschland hingegen beklagen, dass die Weinfälschung in Italien als Kavaliersdelikt gilt und so gut wie nie Anklage erhoben wird. Ohne rechtskräftiges Urteil jedoch können die deutschen Behörden nicht aktiv werden. Und wenn die Weinstaatsanwaltschaft in Bad Kreuznach in Italien um Amtshilfe bittet, erhält sie nach langer Zeit standardisierte Absagen - ein Teufelskreis. So kommt es, dass der Verbraucherschutz in Sachen Weinfälschung ebenso hilflos ist wie Commissario Bartolozzi Versuch, die Weinvermehrung durch Verkehrskontrollen einzudämmen.
| Glossar zum Thema |
Das italienische Weingesetz ist in vier Stufen gegliedert:
Die unterste Stufe bildet VdT ”Vino da Tavola”, für Weine ohne Jahrgangs- und Herkunftsangabe.
IGT ”Indicazione Geografica Tipica” steht für Weine, die den DOC-Status anstreben.
DOC ”Denominazione di Origine Controllata” ist die Kennzeichnung von Weinen aus einer gesetzlich definierten Anbauzone. (z.B. Prosecco di Valdobbiadene e Conegliano)
Die oberste Stufe ist den 22 DOCG-Weinen vorbehalten: ”Denominazione di Origine Controllata e Garantita”. Sie sind durch rote, nummerierte Banderolen gekennzeichnet. (z.B. Chianti und Chianti Classico)
Fabian und Cornelius Lange
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