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Kork: Die gemeine Verschlusssache - III Winzer- und Verbandsstimmen zu Verschlüssen

Artikel
28.06.2012

Kork: Die gemeine Verschlusssache - III

Winzer- und Verbandsstimmen zu Verschlüssen

Langsames Umdenken auch in Italien

Gaetano Tobin, Direktor der Kellereigenossenschaft Cantina di Monteforte aus dem Veneto, verwendet bereits seit 2005 den Schraubverschluss: „Unser britischer Importeur machte uns damals darauf aufmerksam und beklagte sich über immer wiederkehrenden Korkausfall. Zunächst haben wir uns für Kunststoffverschlüsse entschieden, waren mit der Qualität der Weine aber nicht zufrieden. Also haben wir begonnen, mit Drehverschlüssen der Marke Stelvin zu arbeiten und sind sehr glücklich damit. Regelmäßige Testabfüllungen mit Naturkork, Plastik und Drehverschluss zeigen, dass unsere Weine unter Schraubverschluss frischer bleiben und langsamer reifen. Insbesondere für Weißweine ist das ideal. Außerdem haben wir eine konstantere Qualität feststellen können. Früher hat sich der Wein in einer mit Naturkork verschlossenen Flasche nach der Abfüllung in die unterschiedlichsten Richtungen entwickelt. Mittlerweile füllen wir rund 60 Prozent unserer gesamten Produktion (2,5 Millionen Flaschen) mit Schraubverschluss ab, so gut wie alle IGT- und auch einige DOC-Weine. Lediglich den Soave Classico dürfen wir laut Produktionsreglement nicht mit alternativen Verschlüssen versehen. Das ist meiner Meinung nach ein überholtes Gesetz, dass schnellstens abgeschafft werden sollte, vor allem wenn wir Italiener auf dem internationalen Markt konkurrenzfähig bleiben wollen. Unsere Kellerei exportiert glücklicherweise rund 85 Prozent der Weine, der italienische Markt wird für uns immer unwichtiger.“

Auch Stefan Rohregger, Kellermeister der Kellerei Tiefenbrunner in Südtirol, stellte vor einigen Jahren einen großen Teil der Produktion um: „Nachdem wir beobachtet hatten, dass insbesondere der amerikanische Markt Weine mit Drehverschluss wünscht, haben wir begonnen, über alternative Verschlüsse nachzudenken. Seit 2005 verwenden wir den Stelvin, und von den 900.000 Flaschen, die wir jährlich abfüllen, werden rund 40 Prozent damit versehen. Weine wie Gewürztraminer und Müller-Thurgau, die wir hauptsächlich in Italien verkaufen, haben nach wie vor Naturkorken. Die Weine hingegen, die exportiert werden, haben Drehverschluss. Unser Exportanteil liegt momentan bei 70 Prozent. Die Verwendung des Stelvin erfordert einige bestimmte Maßnahmen. Die Weine müssen vor dem Abfüllen perfekt sein, sonst ist das Risiko groß, dass sie sich negativ entwickeln, bitter oder reduktiv werden. Man darf sie auf keinen Fall zu früh füllen. Außerdem muss die Maschine präzise eingestellt werden, sonst kann es zu Problemen mit der Dichtigkeit kommen. Auf der anderen Seite garantiert der Drehverschluss eine unvergleichbare Homogenität der Weine. Für junge, frische Weine ist der Stelvin meiner Meinung nach ideal, er garantiert aber auch eine gute Lagerfähigkeit. Als wir neulich einen vier Jahre alten Sauvignon mit Drehverschluss verkostet haben, waren wir von seiner wunderbaren Entwicklung positiv überrascht.“

Glossar zum Thema
Kleinere Kellereien zögern oft wegen der Kosten, die eine Umstellung auf Drehverschluss mit sich bringt. Susanna Galandrino, Besitzerin des Weingutes La Gironda aus dem Piemont sagt: „Für den Monferrato Bianco DOC verwenden wir einen Plastikstopfen. Ich würde gerne darauf verzichten und an seiner Stelle einen Drehverschluss nehmen, weil ich ihn für sehr praktisch halte und auch von seinem Erfolg im Ausland begeistert bin. Allerdings würde mich diese Umstellung einiges kosten, und ich als kleiner Betrieb kann mir eine solche Investition für nur einen Wein nicht leisten. Für den Silikonstopfen kann ich dieselbe Maschine wie für den Naturkorken nehmen, das spart Geld.“

Auch Vicky Schmitt vom Chianti-Classico-Weingut Le Fonti äußert sich ähnlich: „Viele kleine Winzer können sich gar nicht leisten, die Frage nach dem besseren Verschluss zu stellen. Die Entscheidung ist meist eine reine Kostensache. Viele haben kleine Abfüllmaschinen, und es ist sehr teuer, eine andere Verschlussmöglichkeit anzubringen. Für unsere Maschine hatte man uns ein Angebot von rund 18.000 Euro gemacht. Da lässt man es doch lieber in der heutigen Zeit. Große Weingüter amortisieren eine solche Investition natürlich schneller.“

Armin Kobler, Winzer aus Margreid, produziert nur 15.000 Flaschen pro Jahr und ist überzeugter Anhänger des Schraubverschlusses: „Je wertvoller ein Wein ist, desto mehr Schaden entsteht, wenn er wegen des Korkgeschmackes weggeleert werden muss. Insofern wäre es nur allzu logisch, dass jeder Produzent bei einer allfälligen Umstellung auf das alternative Verschlusssystem mit seinem teuersten Wein anfangen sollte. Beginnt man aber, wie schon oft beobachtet, mit der Basislinie, dann holt man den Schraubverschluss nie so richtig aus der Schmuddelecke. Der Grund, warum ich den Schraubverschluss verwende, liegt einzig darin, dass ich dem Kunden, sei es Weinhändler, Gastronom oder Endverbraucher, das Maximum an Produktsicherheit geben möchte. Nichts ärgert mich mehr, als wenn eine Flasche nicht so schmeckt, wie sie sollte oder wie man sie in Erinnerung hat, und man nach einigem Hin und Her auf eine zweite zurückgreifen muss. Wenn man sich, wie in meinem Fall, von Anfang an auf dem Markt so präsentiert, ist die Frage der Akzeptanz eine relative. Natürlich, der italienische Markt hat gespalten auf den Schraubverschluss reagiert: die Mehrheit sehr skeptisch, eine Minderheit dafür sehr überzeugt. Die Verhältnisse haben sich inzwischen etwas verschoben, an Überzeugungsarbeit muss aber noch einiges geleistet werden.“

Raffaella Usai (Merum)

Mehr Verschlussvielfalt in Deutschland und Österreich

In Österreich setzt sich der Drehverschluss dagegen bereits seit Jahren immer mehr durch – im Inland ebenso wie im Export. Besonders weiße Qualitätsweine werden hier in Flaschen mit Schraubverschluss abgefüllt. Laut Presseberichten war Österreich im Jahr 2008 sogar Europamarktführer bei Drehverschlüssen und nutzte für mehr als die Hälfte aller produzierten Weine diese Verschlussart.

Roman Josef Pfaffl vom Weingut R & A Pfaffl im Weinviertel bestätigt das Anhalten des Trends: „Wir verschließen mengenmäßig circa 80 Prozent mit Schraubverschluss. Gekorkt werden die absoluten Top-Weine, die eine lange Lagerzeit vor sich haben. Alle anderen, wo die Frische, die Frucht im Vordergrund steht, werden geschraubt. Wir sind hier in der Grenzziehung aufgrund der guten Erfahrungen mit dem Schraubverschluss schon großzügiger geworden und verschließen nun sogar unseren Weinviertel DAC Reserve Hundsleiten mit Schraubverschluss. Die Resonanz unserer Kunden bezüglich des Schraubverschlusses ist einfach sehr gut. Es gibt kaum noch Gegenstimmen.“ Pfaffl bewirtschaftet rund 80 Hektar Reben in Weinviertler und Wiener Lagen. 70 Prozent der Weine gehen in den Export, vor allem nach Deutschland und in die USA. Akzeptanzprobleme beobachtet der Winzer nicht: „Am offensten bezüglich des Schraubverschlusses scheint uns fast unser Heimmarkt Österreich, aber auch in allen andern Märkten haben wir überhaupt keine Probleme mit dem Schraubverschluss. Er dürfte sich überall durchsetzen. Manche Verbraucher lieben natürlich das Zeremoniell um den Korkverschluss. Das ist legitim. Wer jedoch schon mal ein Problem mit dem Kork hatte, wird schnell erkennen, dass der Schraubverschluss seine Vorteile hat. Unsere Kunden lieben ihn auch, weil er so gut wiederverschließbar ist. Leider gibt es noch zu wenig langfristige Erfahrungen mit Schraubverschluss. Das ist der Grund, warum wir Lager-Weine nach wie vor mit Kork verschließen.“

Auch Deutschland gilt als Vorreiter in Sachen Drehverschluss. Nach Schätzungen des Deutschen Kork-Verbands (DKV) werden in Deutschland 2012 rund 1,5 Milliarden Flaschenverschlüsse verwendet. 53 Prozent davon entfallen auf den Schraubverschluss, 27 Prozent auf Korken. In der Verbraucherpräferenz ist das Verhältnis laut DKV nahezu umgekehrt: Bei einer vom Verband zitierten Befragung der Universität Mannheim aus dem Jahr 2010 zogen 57 Prozent der Konsumenten Naturkork als Verschlussart für Weinflaschen vor, für 20 Prozent war der Drehverschluss die erste Wahl.

DKV-Vorstand Ulrike Schaeidt sieht die Strategie des Verbands und seiner Mitglieder bestätigt: „Naturkorken stellen das Optimum für das Verschließen von Wein- und Sektflaschen dar. Sie sorgen für die weitere positive Entwicklung von abgefüllten Weinen. Auch bei Korken ist der Qualitätsaspekt der wichtigste – ein erkennbar homogener Zellaufbau ist ein Merkmal für hohe Qualität. Die Korkbranche stellt sich ihrer Verantwortung, so dass hinsichtlich Lagerfähigkeit und Reifung von Weinen, bezüglich der Geschmacksneutralität über die Elastizität bis hin zur Ökobilanz Naturkorken konkurrenzlos sind. Das kann sich allerdings im Preis niederschlagen, bei dem die sogenannten alternativen Verschlüsse punkten. Der Renaissance der Naturkorken gingen manche unerfreulichen Erfahrungen voraus, die dank umfangreicher Investitionen der Korkbranche in Forschung und Entwicklung, in Untersuchungs- und Reinigungstechnologien nun der Vergangenheit angehören. Bewusst ist uns, dass wir es immer mit einem Naturprodukt zu tun haben. Gerade deshalb zitieren wir gern Feststellungen wie die von der DLG-Bundesweinprämierung 2011, nach der die bei hochwertigen Weinen verstärkt eingesetzten Naturkorken nicht zu einer erhöhten ‚Fehltonquote‘ führten. Verstärkt folgen Winzer, Abfüller und der Handel wieder diesem Sachargument, für den Verbraucher gehören Wein und Naturkorken ohnehin unangefochten zusammen.“ Und augenzwinkernd verweist Schaeidt darauf, „dass die Verschlussalternativen zu ihrer erfolgreichen Vermarktung häufig auf den nicht geschützten Begriff ‚Korken‘ zurückgreifen müssen und beim Produktäußeren versuchen, Naturkorken täuschend zu imitieren. Trotz manchmal anders lautendem Getöse scheinen unsere Naturkorken doch das bessere Image behalten zu haben!“

Diplomatisch äußert sich der Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) zum Thema Flaschenverschlüsse: „Die Mitglieder der VDP Prädikatsweingüter entscheiden selbstverständlich völlig frei über die Verschlussart für ihre Flaschen. Im Verband wird beobachtet, dass sich alternative Verschlüsse, insbesondere der lange Drehverschluss und der Vino-Lok-Glasverschluss, auch in VDP-Weingütern durchsetzen und vermehrt sogar für das gesamte Sortiment Verwendung finden. Diese alternativen Verschlüsse werden von zahlreichen Mitgliedsbetrieben als gleichwertige Alternativen zum Naturkork angesehen. Gleichzeitig setzen jedoch viele Mitglieder weiterhin und gar verstärkt auf den Naturkorken, wegen seiner in den letzten Jahren deutlich verbesserten Qualität und im Hinblick auf die lange Erfahrung als bekanntem Verschluss für Spitzenweine. Selbstverständlich gilt die ‚Adlerpflicht‘ auf der Kapsel, das Gütesiegel für VDP-Weine, auch für die alternativen Verschlüsse.“ Verbandspräsident Steffen Christmann ergänzt: „Im VDP sind 200 Individualisten vereint. Fast schon natürlich hat auch jeder seine Meinung zu den Verschlüssen, und mir würden sofort zu jedem Verschluss respektable Vorteile, aber auch Nachteile einfallen. Da es jedoch auf unsere Philosophie, authentische Weinbergsweine zu erzeugen, keinen Einfluss nimmt, mit welchem Verschluss man seinen Weine versieht, steht es jedem frei, hier seinen Weg zu gehen.“

Carsten M. Stammen

Zum Magazinartikel "Drehverschluss wird salonfähig"

Zum Magazinartikel "Die häufigsten Verschlüsse"

Zum Interview mit Prof. Dr. Rainer Jung, Forschungsanstalt Geisenheim

Die Cantina de Monteforte im Weinführer

Die Tiefenbrunner Schlosskellerei im Weinführer

Das Weingut La Gironda im Weinführer

Das Weingut Le Fonti im Weinführer

Das Weingut Armin Kobler im Weinführer

Das Weingut Pfaffl im Weinführer

Zur Homepage des VDP

Zur Homepage des DKV

Zum Blog-Beitrag "Gut unter Verschluss" von Carsten M. Stammen

Zur Website "Verschlusssache Wein"


Raffaella Usai (Merum), Carsten M. Stammen
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