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Landschaft im Wein Friaul

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30.05.2011

Landschaft im Wein

Friaul

Friaul – ein wenig bekanntes Weingebiet, das aber fast vor der Haustür der Schweiz liegt. Nur „fast“, denn dazwischen dehnt sich die Region von Trentino-Südtirol aus. Sogar ein Spickel Venetien schiebt sich dazwischen. Die Südtiroler Weinstraße – Sprach-Grenzregion zwischen Deutsch und Italienisch – entlässt den neugierigen Weinfreund nicht so schnell, es sei denn, er hat das berühmteste, wohl sogar beste Weißweingebiet Italiens zum Ziel: Friaul-Julisch Venetien. Nur zweimal bin ich bisher in dieser nordöstlichsten Region Italiens gewesen. Dabei habe ich – man verzeihe mir – die Reben gar nicht wahrgenommen.

Die Weingebiete Italiens

Doch damals – es ist schon viele Jahre her – war ich nicht in „Sachen“ Wein unterwegs. Vielmehr zur Berichterstattung über den Wiederaufbau Friauls nach dem Erdbeben von 1976, das nahezu 1.000 Tote und 50.000 zerstörte Gebäude hinterlassen hat. Seither bin ich nie mehr dort gewesen, bis, ja, bis vor kurzer Zeit – diesmal aber nur in meiner Phantasie, nämlich bei der ersten Begegnung mit Weinen aus Friaul. „Tavolata per gli amici del buongusto“ heißt ein Anlass, der kürzlich auf meiner Australienreise eingefädelt wurde. Ein Beweis dafür, dass Wein auch weltweit verbinden kann. Auf dieser Reise war ich mit mehr Bier- als Weintrinkern zusammen. Und so kam es, dass ein Ehepaar, das zum Essen ebenfalls jeden Tag Wein bestellte, unseren „guten Geschmack“ erahnte und ein Wiedersehen zu Hause an einer „Tavolata“ arrangierte. So also tappe ich von Australien über die Schweiz ganz unvorbereitet ins Friaul.

Auftakt an einer „Tavolata“ zur kulinarischen Reise ins Friaul

Die „Tavolata“ – organisiert vom „Kochwerk“, das spezialisiert ist auf kulinarische Events – verspricht „Genuss pur bei einem Frühlingsmenü“. Das Versprechen wird eingehalten. Hier ein paar der neun Gänge: „Kartoffelmousse auf Erbsen mit kleinstem Spiegelei und Tomatencoulis“, „Tiramisù von Spargeln und Morcheln mit geliertem Kopfsalatblatt und Crème fraîche mit Kräutern“ oder „Lammgigot zu grünem Kartoffelstock und roten Spargeln mit Rotweinjus“. Wem läuft da nicht das Wasser im Mund zusammen? Nun, ein Gourmet-Essen habe ich eigentlich – aufgrund der Ankündigung – erwartet. Dass es aber das Niveau vieler „Haubenküchen“ weit übertrifft, ist eine echte Überraschung. Noch größer aber ist die Überraschung bei den Weinen, alles Weine aus Friaul. Zum Aperitif eine weiße Rebsorte, die ich bisher noch nie getrunken habe: „Tocai Friulano“, eine autochthone Rebe, die vor allem in Norditalien angebaut wird, nach EU-Normen aber nur noch im Friaul so heißen darf.

„Tocai Friulano“,  erste Begegnung mit Friaul

Ein schöner, aber ungewohnter Empfang: cremig, schmeichelnd, leichter Bittergeschmack, Haselnuss, fruchtig, trocken… passt ausgezeichnet zu den Fisch- und Meeresfrüchte-Häppchen, die serviert werden. Wo andernorts – eben bei den Hauben- und Sterneköchen – standesgemäß zumindest Burgunder eingeschenkt wird, hier ein einfacher, schöner und charaktervoller Wein aus Friaul.

Glossar zum Thema
„Vielleicht ist es eine Frage des Alters, ich merke in letzter Zeit, dass ich beim Degustieren immer feinfühliger werde. Ich versuche immer mehr, meine Emotionen in die Probenotizen einfließen zu lassen“, hat kürzlich einer meiner „bevorzugten“ Weinhändler gesagt und mir wirklich aus dem Herzen gesprochen. Daran muss ich jetzt denken. In meinem Kopf taucht das (veraltete) Bild der Gegend um Udine auf. Wie war es da? Reben? „Colli orientali“, wörtlich „östliche Hügel“, nahe an der slowenischen Grenze, die damals noch ein „eiserner Vorhang“ war? Inzwischen habe ich zwar schon das eine oder andere über die Weinregion Friaul gelesen, diese aber noch nie richtig wahrgenommen.

Weine aus Friaul, die Erinnerungen wecken

Schon das erste Glas animiert, ich beginne mich für das eigentlich so nahe gelegene Weingebiet zu interessieren. Die Fakten kann ich nachlesen: 1,3 Millionen Einwohner, 7,8 km² Fläche, davon 17.000 ha Reben, Hauptstadt Triest. Wie steht es aber mit dem Erleben? Der Wein – soll er ein Weingebiet repräsentieren – muss auch Emotionen wecken, muss das, was in Worten mühsam zu umschreiben ist, in Bilder und Phantasien umsetzen. Zu den frühlingshaften Gerichten wird ein weiterer Wein aus Friaul serviert, gleicher Produzent, andere Rebsorte: Sauvignon blanc, vom Winzerbetrieb Nicola und Mauro Cencig in Manzano (Udine). Der Wein begleitet fünf Gänge; das übliche Potpourri ausgeklügelter Wein-Speise-Philosophien bleibt aus.

Taglierini und Salicorn mit Scampi farbig umrandet

Ich bin dankbar, so kann mich etwas mehr mit dem Wein befassen. Ein schöner, aber braver Sauvignon. Er hält sich zurück, gibt den phantasievollen und geschmacklich ausgeklügelten Gängen den Vortritt. So ist es mir möglich, mich ganz den Kochkünsten und gleichzeitig dem (für mich) neuen Weingebiet zu widmen. Der Wein: intensives Fruchtbukett, Anis, Grapefruit, sogar Passionsfrucht, erfrischende Säure, leicht grüne Noten, Stachelbeeren… Ähnliches lässt sich zweifellos von vielen Sauvignon blancs sagen. Interessant wird es erst, wenn man sich die Rebberge vor Augen hält: hügelige, ja, bergige Landschaft, leichte Meeresbrise, Karstböden, Karnische und Julische Alpen… Aus dem Wein tauchen Landschaften auf, verschwommene Erinnerungen, gewagte Phantasien, mit ihnen der Wunsch, in ein Weingebiet einzutauchen.

Aus dem Nebel der Erinnerung taucht eine Weinregion auf

Es ist vor allem der „Refosco dal Peduncolo Rosso“, 2009, der zur Lammkeule serviert wird, der meine Vorstellung beflügelt, ein recht bodenständiger, fast schon etwas grober Wein, der Geschmack von schwarzen Beeren, Brombeere, Heidelbeere, bis hin zu Pflaumen und Mandeln. Wieder eine neue Erfahrung, wieder ein verändertes Landschaftsbild. Allmählich wird Friaul ganz anders, es entfernt sich immer mehr von jeder Realität, es taucht immer mehr ein in die Erlebniswelt des Weingenusses. Und da geschieht etwas ganz Seltsames: Weine werden wirklich zu Landschaften, ganz unterschiedliche durch ihre Charaktere und ihre Intensität. Es entsteht das Bedürfnis, die Realität mit den Phantasien zu vergleichen. Die Natur, den Boden, die Landschaft zu sehen, zu erleben. Es entsteht der Wunsch, – nun als Weinliebhaber – Friaul in der Realität aufzusuchen. Da reise ich also quer durch Australien, um festzustellen, dass wenige hundert Kilometer von Zuhause entfernt ein Weingebiet liegt, das ich kennen lernen will.

Herzlich

Ihr/Euer


Peter Züllig
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