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Laudatio zur Vergabe des Weinnasen-Ordens

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Laudatio zur Vergabe des Weinnasen-Ordens

Zum 2. Großen Treffen des Weinforums hat Weinnase einen Orden verliehen. Die Laudatio von Dominik Ziller (Reblaus) ist lesens- und aufhebenswert:


Liebe Festgäste,

eine Vereinigung, eine Organisation ist erst dann wirklich bedeutend, wenn sie auch Preise und Auszeichnungen verleiht. Das zumindest muss sich Christian Weinnase gedacht haben, als ihm der Gedanke kam, diesen Abend dazu zu nutzen, eine um das Weinforum verdiente Persönlichkeit mit dem welt-ersten offiziellen Weinnasenorden zu ehren, dem "opus one" einer langen Reihe, wie ich hoffe.
Christian hat mich gebeten, die Ehrung mit ein paar "unfrisierten Gedanken" einzuleiten und es ist mir ein Vergnügen, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Auch wenn ich nicht solche Höhen der Kryptik erreichen will und werde, wie der Ordens-Stifter, da bleib ich lieber bodenständig in meiner rhetorischen Krypta und singe von dort das Loblied auf den Preisträger.
Bevor ich mich aber dem eigentlichen Festochs zuwende, will ich erst noch schnell ein paar Worte zum Stifter des Preises verlieren.
Er ist der Schwarm aller girlies und das Idol der grunge-generation, er gilt spätestens seitdem er den Panamahut in Deutschland wieder salonfähig gemacht hat als Lieblingskind der Modemacher, er ist dreifacher westfälischer Meister im extreme-Hosenträgering, er ist nach eher zweifelhaften Gerüchten auch hobbymäßiger S-Bahn-Surfer und leidenschaftlicher Headbanger.

Trotz seiner 58 Lenze hat er keinen Alterston, er ist von Körperbau, Herz und Seele ein Jeroboamformat oder sollte man wegen des Alters von Methusalem reden? Vor allem aber versteckt sich der Mensch Christian im Internet viel zu sehr hinter Narrenkappen, Weinnasen, Kryptik und ellenlangen Mails. Weil er bescheiden ist, lieber im Stillen wirkt und nicht groß damit tönen möchte, was für ein feiner Kerl und großzügiger Freund er ist.

Statt dessen betätigt er sich schon einmal als verbaler Massenträger. Der gemischte Satz zum Beispiel ist nach glaubhaften Erklärungen eines Moselwinzers nicht etwa - wie lange vermutet - eine altehrwürdige Anbauform, sondern eine interne Bezeichnung der Weincommunity für Christians Syntax. Diese liebenswerte Eigenheit bringt ihm immer mal wieder kleinere Anfeindungen ein, die er nicht verdient hat. Na ja, ich sage mal lieber, die er in den seltensten Fällen verdient hat, sonst legt er demnächst noch eine Schippe nach und verzichtet noch mehr auf den reduktiven Ausbau oder sagen wir die Dosage seiner sehr "sortentypischen" Beiträge.

Ich stehe zwar selbst oft genug wie das Oechsle vorm Weinberg und weiß nicht, worauf er eigentlich hinaus will. Aber seine mails sind immer irgendwie cum grano salis und oft ist es ein grain noble, das er darin versteckt hat. Wie etwa sein generöses Angebot, für ein paar weniger betuchte Studenten unter den Forumianern die Teilnahme am heutigen Abend zu bezuschussen.

Und wenn es zur Sache geht, wenn die Fetzen fliegen, dann ist Christian immer zur Stelle und versucht die Wogen zu glätten, zu moderieren und die gute Stimmung wieder herzustellen. Auch wenn er eigentlich mal wieder zu krank für den Computer wäre und ins Bett gehörte, um dort seine Medizin in der Horizontalen zu verkosten.

Christian gehört zu Fraktion derer, die gegen die Fraktionenbildung kämpfen, immer um Ausgleich und Verständigung bemüht, ehe den anderen der Gallo überläuft.

Oft macht er das mit der Narrenkappe, die er auch ganz unkryptisch einsetzen kann, wenn er - wie ein höfischer Narrenkappenträger im Absolutismus - die Wahrheit auf eine nicht verletzende Weise an den Mann bringt, indem er manchem einen Spiegel vors Gesicht hält. Diese schwierige Rolle - die ihn manchmal auch sehr traurig werden und mit uns störrischen Eselchen leiden lässt - sie ist nicht die einzige, die Christian auf dem virtuellen Marktplatz des Forums spielt. Er ist auch der gute Geist und die Seele unseres Zirkels, der Türsteher am virtuellen Eingang, der keinen Neuankömmling abweist, sondern für jeden ein paar freundliche Begrüßungsworte übrig hat.

Auch da ist er "Massenträger" mit Betonung auf Träger und Tragpfeiler des Forums. Und er ist der Mäzen, der immer wieder seinen Amis du Vin die schönsten Stunden zu schenken bemüht ist - wen stört es da, dass seine Schreibweise für "Amis du Vin" mächtig variiert und der französischen Orthographie bisweilen arge Gewalt antut, wir gehören jedenfalls alle zu diesem schillernden Zirkel.

Das beweist er auch heute wieder, das beweisen die vielen Flaschen, die er uns stiftet. Wir werden in den Genuss einer echten Weinnasenabfüllung kommen - es sind die so oft und so wortreich beschriebenen Exoten aus aller Herren Länder.

Wir können sie gleich gemeinsam probieren, wenn Ihr den offiziellen Teil dieser Ehrung überstanden habt. Erst möchte ich aber - ich denke, das darf ich im Namen von uns allen - Christian für seine Forumsbeiträge und für die edle Spende zum Jahrestreffen herzlich danken und ihm einen Reblausorden der besonderen Art verleihen, eine putzige kleine Flasche Clos Ste.-Hune aus dem Elsass, dekorativ um den Hals zu tragen.

So, nun zur eigentlichen Ehrung! Um der Sache jede unnötige Spannung zu nehmen und gleich zum Punkt zu kommen: Es geht darum, dem Gründervater des Weinforums und Schöpfer des Universums von Wein-Plus ein herzliches Dankeschön für die viele und unermüdliche Arbeit zu sagen, die er sich seit zwei Jahren für uns macht. Utz soll geehrt und gefeiert werden, denn das hat er mehr als verdient.

Dabei machen wir es dem Schöpfer unserer virtuellen Welt wirklich nicht immer leicht. Ich weiß nicht, ob er jeden Abend mit einem biblischen "er sah, dass es gut war" ins Bett gehen kann, wenn sich wieder einmal einen ganzen Tag in seinem Universum die Kampfhähne die Köpfe eingeschlagen haben, wenn wieder einmal über Werbung und Netikette diskutiert werden musste, wenn er wieder einmal viele mahnende Worte an uns richten musste, die Metadiskussion zu beenden und zur Met-Diskussion zurückzukehren?

Ich hoffe, dass Du genug Gelassenheit hast, lieber Utz, diesen Stress noch lange zu ertragen. Denn letztlich tragen selbst solche Diskussionen Früchte. Ich denke zum Beispiel an die Debatte über die Billigweine. Als Beamter werde ich entgegen den landläufigen Vorurteilen schließlich nicht gerade verschwenderisch bezahlt - statt Alimentation der Staatsdiener spreche ich inzwischen lieber von Aldimentation - kurz es herrscht Sparzwang, und das sicher nicht nur bei mir. Das gilt erst recht, wenn man über einen anspruchsvollen Geschmack verfügt.

Wenn dann gegenüber 3.000 teilweise noch nicht so weinerfahrenen Genussmenschen klargestellt wird, dass bei der Weinauswahl der Firma Albrecht, für den Kunden vor allem die Silbe "brecht" in ihrer imperativischen Form zum tragen kommt, wenn dreiste Kalkulationsgrundlagen offengelegt und unseriöse Marketingstrategien aufgedeckt werden und wenn schließlich Tipps für im wahrsten Sinne des Wortes preis-WERTE Alternativen ausgetauscht werden, dann leistet das Forum einen unendlich wichtigen Beitrag zur Unterstützung jenes Phänomens, das die Haweskos und Tchibos am meisten fürchten und mit ihrer "Bordelaiser Brühe" von sich fernzuhalten trachten: Des mündigen, mitdenkenden Kunden.

Natürlich schlagen die Wellen manchmal hoch und gibt es immer wieder heftige, allzu heftige Aufregung. Ich denke an die Diskussion über den Roten von Heinrich, deren letzte Tiefausläufer gelegentlich an der Grenze zur Red-undanz kratzten, ist es vielen doch völlig Wurst, ob der Wein zum Curry passt.

Oder wenn wir uns an die heftigen Auseinandersetzungen erinnern, die entstehen können, wenn der Forumianer-Phänotyp Naturwissenschaftler mit dem Phänotyp Lyriker aneinander rasselt. Der Naturwissenschaftler ist unglücklich über die mangelnde Ausdifferenziertheit der Charly-Parker-Punkteskala und möchte am liebsten noch a) Viertelpunkte vergeben können und b) den Labornachweis erbringen können, dass ein 1994er Château l Arrogance am besten bei 19,61 Grad Zimmertemperatur, leichtem Herbstnebel und sechs Achtel Bewölkung schmeckt, freilich nur, wenn die Bacchanten im Südbadischen leben, sich die Hose nicht mit der Kneifzange sondern mit dem Korkenzieher zumachen und aus lutheranischem Elternhaus stammen.

Die Gattung der Lyriker hingegen braucht diese Bodenhaftung nicht, Dichter trinken lieber ihre Viertel als sie zu bepunkten und nur selten wird man einem von ihnen den Vorwurf machen können, konkrete Aussagen zu einem Tropfen gemacht zu haben.

Das Entscheidende ist, dass es beide braucht - den Begeisterten, den Schwärmer, der die Freude anstachelt und an die Gefühle appelliert und den Analytiker, der mit Erich Ribbeck auf die teuflisch schwere Suche nach dem Objektiven im Subjektiven geht und Sachinformationen rüberbringt.

Wie in einer guten Bordelaiser Cuvée vermählen sich die Individualisten, von denen jeder ein anderes Instrument spielt, zum harmonischen Ganzen. Und diese Mischung machts. Nur wenn sie stimmt, kann man vom Forum wirklich profitieren. Und das tun wir alle.

Wo sonst könnte ich mich mit dem Satz ins Wochenende verabschieden, ich ginge Jura studieren, weil ich einen schönen Savagnin geschenkt bekommen hätte? Wo sonst mir objektiven, hochqualifizierten Rat holen zu Weinen, die ich nicht kenne? Und derart viel Inspiration für weitere Entdeckungsreisen bekommen, dass ich immer wieder denke - wie um alles in der Welt soll ich das zeitlich und quantitativ alles bewältigen?

Du hast uns diese Plattform geschaffen, lieber Utz, und unheimlich viel Zeit und Energie in dieses Unternehmen investiert. Selbst wenn sich vielleicht einige Chancen abzeichnen, eines Tages über Weinführer oder ähnliche Projekte auch ein wenig Geld damit zu verdienen, betreibst Du das Weinforum und Weinplus zunächst mal ehrenamtlich und das schon seit zwei Jahren, das ist vorbildlich und ich wünschte, so viel und so großzügiges Engagement gäbe es in allen Bereichen des täglichen Lebens! Dann müssten wir vor Globalisierung, McDonaldisierung, Aldisierung und anderen in der vernetzten und vereinheitlichten Welt drohenden Schicksalen keine Angst mehr haben. Chapeau und danke!

Aber da ist noch mehr: Uns alle unter einen Hut zu bringen, lieber Utz, geht nur mit unendlichem Fingerspitzengefühl, Takt und gelegentlichen händeringenden Mails aus der Abteilung "Kinder, nun beruhigt Euch doch bitte wieder".

Du gibst es nicht auf, diese Sysiphosarbeit des Moderators auf Dich zu laden, zu schlichten und zu vermitteln und uns immer wieder - auch in bilateralen Mails - irgendwo zwischen sanft mahnend und heftig flehend zur Ordnung zu rufen.

Du passt auf, dass der Austrieb nicht zu heftig wird, dass die Händler die Diskussion allenfalls anreichern nicht aber die eigenen Weine schönen. Und Du nimmst der Debatte immer wieder die Säure, die oft zu deutlich im Vordergrund steht oder als arriere-gout zurückzubleiben und das Mikroklima zu verrieseln droht.

Dabei musst Du sicherlich oft die Versuchung unterdrücken, selbst einmal zu verbaler Bâtonnage Zuflucht zu nehmen, um die Freunde von den Barrique-aden zu holen, wenn es im einen oder anderen zu sehr gärt - bei geharnischten Beiträgen weniger kompetenter Forumianer spricht man da auch von Flaschen-Gärung.

Gerade weil das Forum nur als pluralistischer Tummelplatz unterschiedlichster Charaktere funktionieren kann, gerade weil so viele Empfindlichkeiten und letztlich auch berufliche Interessen der Teilnehmer zu beachten sind, ist es wichtig, einen Webmaster mit jenem Talent zur behutsamen Leitung zu haben, das Dich auszeichnet.

Als erstes Gewächs, als grand cru unter den weinseligen Informatikern hast Du diesen Weinnasenorden - immerhin die meiner bescheidenen Kenntnis nach wichtigste Auszeichnung im deutschen Weinwesen - verdient wie kein anderer und ich denke wir haben nun ausreichend Gelegenheit mit den Weinnasen-Weinen auf Dein Wohl zu trinken, lieber Utz!

Dominik Ziller
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