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Lesen, lesen, lesen ... lernen Beginne noch heute!

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19.04.2010

Lesen, lesen, lesen ... lernen

Beginne noch heute!

Wir sind trotz vieler Bedenken hingefahren, über 150 Kilometer Schotterpiste, zu einem von drei Winzern, die es in Namibia gibt. Der „Weinbauer“ Bertus Boshoff ist eigentlich Arzt im nördlich gelegenen Dorf Otavi, das in einer der niederschlagsreichsten Gegenden von Namibia liegt, im sogenannten „Maisdreieck“. Hier wurde lange Zeit Kupfer abgebaut, heute wird vor allem Landwirtschaft und Handel betrieben. Die Weinfarm „Thonninghii“ ist nicht ganz einfach zu finden, sie steht etwas abseits der Hauptstraße im Otavi-Valley, und kein Straßenschild weist darauf hin.

Das kleine Weingut von Bert und Ebbie Boshoff liegt abseits der Straße, etwa 8 Kilometer südlich von Otavi.
 

Doch Elke, im Sparsupermarkt, die ein akzentfreies Deutsch spricht, als wäre sie in Hamburg und nicht in Namibia aufgewachsen, erklärt uns den Weg geduldig, auch zum zweiten Mal: „Der Doktor ist jetzt nicht da, er hat noch Sprechstunde, seine Frau aber ist sicher auf dem Weingut. In einem blitzsauberen, einfachen kleinen Raum wird das Lesegut aufbereitet und vinifiziert. Drei Betontanks, ohne High-Tech Regulierung, die üblichen kleinen Stahltanks und -Wannen, eine Maschine zum Entrappen, Pumpen und Schläuche, alles erinnert an die Zeit, als Kleinwinzer ihre Weine noch mit einfachsten Mitteln auf dem Hof selber ausbauten. Winzerhandwerk an Stelle hochentwickelter Kellertechnik.

Einfacher, aber zweckmäßiger Cave zur Verarbeitung des Traubengutes.

Da gibt es weder einen Konzentrator noch eine ausgeklügelte Technik, weder computergesteuerte Abläufe noch vollautomatische Hebe- und Transporteinrichtungen. Es widerstrebt mir, all die Routine-Fragen zu stellen, die man bei Winzerbesuchen so stellt: Spontangärung, Mazeration, malolaktische Gärung, Schönung, Ausbau im Fass, Ertragsreduktion, und, und, und… Ist die Weinproduktion hier nur ein Experiment oder gar der Spleen eines kauzigen Namibiers? Weder das eine noch das andere. Auf der Weinfarm „Thonningii“ wird durchwegs professionell gearbeitet, auch wenn der Betrieb heute noch kein wirtschaftlicher Faktor ist. Dafür ist er mit knapp einem halben Hektar Reben viel zu klein.

Rebberg in der Ebene des Otavi-Tales, von Netzen überspannt zum Schutz gegenüber Vögeln.

Glossar zum Thema
Auf dem Weg zum Weinberg erzählt der Winzerdoktor von seiner Lebensphilosophie: „Wenn ein junger Namibier mich fragt, wie man denn Arzt oder Weinbauer werden kann, dann habe ich immer nur eine Antwort: „Lesen, lesen…, lernen, heute schon damit beginnen und nicht erst morgen. So bin auch ich – entgegen den Plänen meines Vaters, der Farmer war – Arzt geworden, und so habe ich später auch mein Weingut aufgebaut.“ Bert Boshoff ist als Winemacher Selfmademan im wahrsten Sinn des Wortes. Weil er überzeugt ist, dass im verhältnismäßig fruchtbaren Norden Namibias guter Wein gemacht werden kann, hat er die Initiative ergriffen und Reben angebaut: Shiraz in der Hauptsache. Davon kann er jährlich rund 2000 Flaschen abfüllen, eine zu kleine Menge, um profitabel im Markt mitzuhalten zu können, in einem Markt, der ausschließlich von südafrikanischen Weinen dominiert wird. Sein Sohn Gilmar aber hat Önologie studiert und arbeitet jetzt auf dem südafrikanischen Weingut „Klein Parys“ in Paarl. „Sobald er genügend Erfahrungen im Weinbau gesammelt hat, möchte er heimkehren und den kleinen Betrieb ausbauen.

Bert Boshoff, der beliebte Arzt und Winzer von 5000 Seelendorf Otavi.

Die Chancen auf Erfolg sind sehr gut, denn der Wein, der heute schon hier gekeltert wird, kann in der Qualität mit südafrikanischen Weinen mithalten. „Unser Hauptproblem ist die Unterschiedlichkeit der Weine von Jahr zu Jahr. Der wichtigste Faktor ist der Regen. Je nach Regenmenge entstehen aus dem gleichen Rebgut recht unterschiedliche Weine.“ Deshalb experimentiert der Doktor-Winzer heute schon mit verschiedenen Rebsorten – weißen und roten, von Viognier bis Cabernet: „Vielleicht entsteht einmal eine typische namibische Cuvée.“ Dass es dem Doktor mit seinem Zweitberuf ernst ist, zeigt eine Bemerkung im Laufe des Gesprächs. „Von den andern zwei namibischen Winzern lebt einer inzwischen in der Hauptstadt. Er kommt nur von Zeit zu Zeit auf sein Weingut, das ein paar hundert Kilometer entfernt liegt. Ich habe ihm gesagt: ein Winzer gehört doch immer zu seinen Reben!“

Shiraz vom Weingut Thonningii - nur 200 Flaschen werden pro Jahr abgefüllti.

Wie so oft bei kleinen, handwerklich geprägten Betrieben, besteht das Hauptproblem für die Vermarktung in den Produktionskosten. Weine aus Südafrika überschwemmen den Markt, in der Hauptsache gut gemachte „Industrieweine“. Diese sind geschmeidig, einfach, gut konsumierbar und zu guten Preisen überall zu kaufen. Schon der nächste Tag liefert den Beweis für die Situation. Etwa 80 Kilometer südlich von Otavi übernachten wir in der „Frans Indongo Lodge“ in Otjiwarongo, die von einem Dresdener gemanagt wird. Ein wunderschönes Gästehaus, inmitten einer riesigen Farm mit frei lebenden Tieren, ein Traumferienziel in Namibia. Der Hausherr zeigt sofort Interesse, als er hört, dass wir beim Doktor-Winzer in Otavi waren. „Ein guter Wein aus der Gegend, das fehlt noch auf meiner Weinkarte. Ein namibischer Wein, das wäre eine echte Attraktion!“ Sein Interesse aber lässt rasch nach, sobald wir den Preis nennen . Er kostet ab Hof etwa so viel, wie die vielen weit gefälligeren Wein aus Südafrika im Restaurant kosten, die sich weit besser verkaufen lassen. „Die Weinkarte muss sich eben auch in unserem Unternehmen rechnen!“ So wird wohl weiterhin auch seine Weinkarte ohne namibischen Wein auskommen.

Namibischer Wein - eine Attraktion für viele Lodges und Hotels in Namibia.

Bleibt der Doktorwinzer von Otavi also ein Phantast? Ich meine: nein. Seine Lebensdevise, "lese, lese…, lerne und beginne damit schon heute“ hat ihn auf die richtige Spur gebracht. An Stelle der Zonnenbloems, Beyerskloofs, Bushmans, Nederburgs und Overmeers aus Südafrika, welche heute in jedem Supermarkt , jedem Restaurant und auf jeder Lodge des Landes angeboten werden, finden Weinliebhaber vielleicht in naher Zukunft eine Alternative. Einen Wein, der nicht schmeichelt und fast beliebig auswechselbar ist, sondern Charakter hat, Terrroir verrät und eine „Handschrift“ trägt. Die Handschrift eines engagierten Winzers im grünen Otavi-Tal, in einem sonst von Trockenheit geprägten Land. Der Shiraz, der hier heute schon entsteht, hat alle Voraussetzungen, einmal zwar nicht ganz groß, aber unverwechselbar, gut und eigenständig zu werden, mit echt namibischem Charakter eben.

Bert Boshoff (rechts) zusammen mit dem Kolumnisten Peter Züllig (links).

Herzlich

Ihr/Euer


Peter Züllig
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