Müller-Thurgau
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Müller-Thurgau
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Die weiße Rebsorte ist eine Neuzüchtung zwischen den beiden Sorten Riesling x Madeleine Royale, das steht nun nach viele Jahrzehnte langen und zum Teil noch immer publizierten falschen Vermutungen endgültig fest. Damit ist die ohnehin immer wieder angezweifelte Vaterschaft des Silvaner obsolet. Der Züchter war der Schweizer Dr. Dr. h.c. Hermann Müller-Thurgau (1850-1927) aus Tägerwilen im Kanton Thurgau. Im Zeitraum 1867 bis 1890 war er an der damaligen Königlichen Lehranstalt für Obst- und Weinbau in Geisenheim (Rheingau) tätig. Im Jahre 1882 führte er Versuche zur Bastardierung von Rebsorten durch. In der Ausgabe Nr. 26 der Zeitschrift „Der Weinbau“ vom 24. Juni 1882 formulierte er das Zuchtziel der im gleichen Jahr durchgeführten Kreuzungsarbeiten wie folgt: „Wie wichtig könnte zum Beispiel für manche Weinbau-Gegenden eine Traubensorte werden, die mit den köstlichen Eigenschaften der Rieslingtraube die sichere und frühere Reifezeit des Sylvaners vereinigte.“ Bis 1890 fand die Vorprüfung der aus der Züchtung der Sorten Riesling x Silvaner entstandenen Neuzuchten noch in Geisenheim statt.
Zur Gründung und zum Aufbau der Eidgenössischen Anstalt nach Geisenheimer Vorbild wurde Hermann Müller-Thurgau im Jahre 1891 in seine Heimat nach Wädenswil im Kanton Zürich berufen. Im gleichen Jahr ließ er 150 seiner in Geisenheim vorgeprüften Sämlinge nach Wädenswil kommen. Dort selektionierte Heinrich Schellenberg (1868-1967) den besten Sämling Nr. 58 und vermehrte ihn 1897 unter dem Namen „Riesling x Silvaner 1“. Der Bayrische Hofrat August Dern (1858-1930), ein früherer Mitarbeiter von Müller-Thurgau in Geisenheim, holte 100 Reben dieser Neuzucht im Jahre 1913 nach Deutschland zurück und benannte sie zu Ehren des Züchters „Müller-Thurgau-Rebe“ (was übrigens Müller-Thurgau immer ablehnte, er nannte sie stets nach den vermeintlichen Eltern).
Schon Müller-Thurgau selbst war sehr frühzeitig skeptisch gegenüber der Elternschaft Riesling x Silvaner und äußerte seine Bedenken in einem Brief an August Dern, dem er vorwarf, die „falsche Rebsorte aus Geisenheim mitgenommen zu haben“. Die These, die Rebsorte „Müller-Thurgau“ sei keine Riesling x Silvaner-Kreuzung, wurde schon früh durch die Tatsache gestärkt, dass keine einzige der später entstandenen Geisenheimer, Würzburger und Alzeyer Riesling x Silvaner-Kreuzungen dem Charakter der Sorte „Müller-Thurgau“ entspricht (einer der Geisenheimer Versuche war die Sorte Multaner). Schon 1950 wies Dr. Heinrich Birk (1898-1973) erstmals auf diese Zusammenhänge hin. Auch Dr. Hans Breider (1908-2000) kam 1952 zu dem Ergebnis, dass er zu wenige Merkmale des vermeintlichen Pollenspenders, der Sorte „Silvaner“ finden könne. Dr. Heinz-Martin Eichelsbacher (1924-2003) kam 1957 im Rahmen umfangreicher Analysen zu dem Schluss, die Sorte „Müller-Thurgau“ entstamme dem Formenkreis Riesling-Muskateller-Gutedel.
Eine Zeit lang nahm man auch eine Selbstkreuzung Riesling x Riesling an. Schließlich wurde im Jahre 1996 am Klosterneuburger Weinbauinstitut in Niederösterreich durch den Biologen Dr. Ferdinand Regner mittels DNA-Analysen als Vatersorte Admirable de Courtiller (Chasselas de Courtiller) identifiziert. Durch kurz darauf nachfolgende Analysen am Institut Geilweilerhof (Pfalz-Deutschland) wurde aber verifiziert, dass es sich bei der von Dr. Regner untersuchten und auch richtig erkannten Vatersorte um Madeleine Royale handelt (Regner bestimmte also zwar als erster die „richtige“ Rebe, sie wurde aber nicht korrekt benannt). Beiden Instituten gebührt deshalb Anerkennung für die Klärung des Rätsels. Schließlich wurde im Jahre 2010 durch den Schweizer Dr. Jose F. Vouillamoz der Stammbaum des Müller-Thurgau vervollständigt (Abstammung der Madeleine Royale).
In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden in Deutschland viele Versuchsanlagen erstellt. Aber erst im Jahre 1970 erfolgte die Klassifizierung als empfohlene Sorte in allen deutschen Anbaugebieten. Von 1975 bis 1995 stand sie an der Spitze des deutschen Rebsortenspiegels und wurde erst dann vom Riesling abgelöst. Seitdem ist die Tendenz ständig fallend, im Jahre 2009 war sie aber mit 13.628 Hektar Rebfläche immer noch die zweithäufigste Rebsorte. Vor allem ist sie in den Anbaugebieten Rheinhessen, Baden, Pfalz, Mosel und Franken verbreitet. In Österreich wird sie in allen Weinbaugebieten auf 2.102 Hektar Rebfläche mit knapp 5% Anteil mit fallender Tendenz angebaut und gerne als Verschnitt verwendet. In der Schweiz belegt sie 500 Hektar mit einem Anteil von über 3%.
Die ertragreiche Rebe braucht nährstoffreiche Böden und kühle Lagen. Sie wird recht oft als Massenträger benutzt, kann aber auch hervorragende Weine hervorbringen. Die fruchtig-frischen und eher säurearmen Weine sind blass bis hellgelb und haben manchmal einen leicht aromatischen Muskatton. Die Weine werden zumeist trocken ausgebaut. Sie entwickeln sich sehr rasch, deshalb sind sie nicht besonders lagerfähig und sollten jung getrunken werden. Die Rebe ist eindeutig die erfolgreichste Neuzüchtung der Welt, denn ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde sie in fast allen Weinbauländern der Erde verbreitet. Die weltweite Rebfläche des Müller-Thurgau beträgt 40.000 Hektar (siehe unter Rebsorte).
Die Synonyme deuten großteils auf die früher vermutete Kreuzung Riesling x Sylvaner hin: Müller-Thurgaurebe, Müllerka, Mullerovo, Riesling-Silvaner, Riesling-Sylvaner, Rivaner, Rizanec, Rizlingsilvani, Rizlingszilvani, Rizvanac, Rizvanac Bijeli, Rizvanec und Rizvaner. Die Rebsorte wurde häufig als Kreuzungspartner herangezogen, zum Beispiel für Albalonga, Bacchus, Diana (1), Faberrebe, Fontanara, Gloria, Goldriesling (2), Grando, Gutenborner, Helios (1), Hildegardistraube, Kanzler, Mariensteiner, Markant, Montagna, Morava, Muscabona, Muscat Bleu, Optima, Ortega, Pálava, Perle, Rabaner, Regner, Reichensteiner, Schantltraube, Septimer, Tamara, Tekla, Thurling und Würzer. Eine Mutation ist Findling.
Quelle bezüglich Geschichte und Abstammung: Leserforum der Zeitschrift „Das Deutsche Weinmagazin“ 1998, Heft 22, Seiten 8-9. Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Joachim Schmid, Fachgebiet Rebenzüchtung und Rebenveredlung, Forschungsanstalt Geisenheim.
H. Becker, 1976: Genetische Konstitution, züchterische Bearbeitung und Leistung der Rebsorte Müller-Thurgau, Die Weinwissenschaft, 31. Jg., 26-37. H. Müller-Thurgau, F. Koblet: Kreuzungsergebnisse bei Reben. Landw. Jahrbuch der Schweiz 1924, 499-562.
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