Auto und Wein vertragen sich schlecht. Oft stehen sie sich feindlich gegenüber. Ein Trost, es ist keine Dauer-Feindschaft, viel eher ein Interessenskonflikt. Das Auto bewegt sich, ist schnell unterwegs. Der Wein möchte ruhen, verkriecht sich im Keller, um dann, eines Tages, wenn die Zeit gekommen ist, strahlend in die Öffentlichkeit zu treten. Das Auto hingegen legt Kilometer um Kilometer zurück, trotzt Regen und Schnee, wartet geduldig auf dem Parkplatz, steht in der Garage. Zum ernsthaften Konflikt kommt es erst dann, wenn der Fahrer, die Fahrerin, Wein trinkt und sich trotzdem ans Steuer setzt, unbeachtet der mahnenden Worte: „wer trinkt, fährt nicht…“ Man kennt zwar den Slogan und weiß, die Polizei achtet darauf und greift ein.
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Jetzt aber ist ein „Weinauto“ unterwegs, es gibt die (in der Schweiz ist es sächlich: das) Weinrallye. Eine Versöhnungsgeste zwischen Auto und Wein? Der Erfinder hat an den Wein gedacht, wohl kaum ans Auto. Unterwegs ist man nämlich nur virtuell, zwar quer durch die Welt, Tausende von Kilometern, mit Kontrollen und Wertungsposten, fast wie im Motorsport, doch eben nur im Internet. Da lauern weniger Gefahren und die Polizei steht kaum lauernd am Wegrand. Auch die Umwelt wird nicht belastet. Man bewegt sich mit und für den Wein. Man ist unterwegs und doch zuhause. Man degustiert zusammen mit Freunden, die nicht da sind, man trinkt mit Genuss und kann in der großen Runde nicht anstoßen, man diskutiert, und das Gegenüber ist oft weit weg. „Sternfahrt“ hat man die Rallye früher genannt, und sie hatte oft den Charakter einer touristischen Orientierungsfahrt. Heute ist die Rallye zu einem Rennen im Motorsport moutiert, bei dem es nicht nur, aber auch um die Zeit geht.
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Unterwegs auf harten Wegen
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Nun zur Weinrallye. Sie fährt einmal im Monat los, macht Halt an vielen Stationen und befasst sich nicht mit den Tücken des Autos und des Lenkens, vielmehr mit den Unwegsamkeiten des Weins. Ins Leben gerufen wurde die Rallye von einem passionierten „Blogger“, von Thomas Lippert auf seinem Winzerblog, und zwar schon vor gut drei Jahren. Inzwischen ist die Weinrallye bereits zum 40. Mal unterwegs, Ich aber bin erst seit sechs oder sieben Mal mit dabei, eigentlich auf fremden Pfaden, denn ich bin kein Blogger und schon gar kein Rallye-Fahrer. Was macht man, wenn man trotzdem Spaß daran hat, wenn man findet, Weinreisen können auch dorthin führen, wo es keinen Wein zu trinken gibt und keine Gratisverkostungen stattfinden, ins Internet? Wein-Plus hat es vor 12 Jahren vorgemacht, mit seinem damals fast revolutionär anmutenden Wein-Forum. Weinfreunde haben sich eingefunden zum Reden, Schreiben, Diskutieren, Debattieren, zum Sich-kennen-lernen, aber auch zum Trotzen, Zanken und Streiten.
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Großes Treffen von Wein-Plus vor der Blogzeit
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Doch ein guter Teil der Karawane ist weiter gezogen, hat sich verkrochen in den eigenen Blogs und neue Kreise gezogen. Irgendwie bin ich zurückgeblieben, im oft als altertümlich taxierten Forum. Es ist mir einfach zu mühsam, Tag für Tag all die Blogs meiner Freunde aufzusuchen, anzuklopfen, wo ich nur Gast sein kann und nur selten Spuren hinterlasse. Es sind mittlerweile gut zwanzig Websites, die sich bei mir als neue Heimat etablieren möchten, und ich möchte ja auch. Da ist der innovative „wein-würz-blog“, der fundiert-glustige „Allem Anfang…-Blog“, die rührige deutsche Südfranzösin vom „Weingut-Lisson-Blog“… Ich kann sie nicht alle aufzählen, die einstigen Forums-Freunde, verstreut in der ganzen Welt, nur auf und über unzählige Blogs und Websites zu erreichen. Pulverisiert im Cyberspace. Da kommt mir die nicht allzu schnelle Fahrt von Blog zu Blog, einmal im Monat, gerade recht.
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Mit Wein in die Blogsphäre
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Ich brauche keine Fahrpläne zu studieren, kein Auto bereitzustellen, keine Winterreifen aufzuziehen. Über facebook und twitter werde ich – wenn ich Lust habe – sogar geführt. Und wir – die FahrerInnen und ihre BeifahrerInnen – reden über eine gewisse Strecke zum gleichen Thema, vertiefen uns in die gleiche Weinmaterie und haben immer wieder etwas Anderes, etwas Neues beizutragen. Das Weinrallye ist nämlich: „ein derzeit monatlich stattfindendes Blogevent. Jeweils ein anderer Blog bestimmt ein Thema und ruft die Blogosphäre dazu auf, zu diesem Thema einen Artikel zu verfassen. Sinn und Zweck einer Weinrallye ist einzig und alleine der Spaß und die Motivation schöne Themen aufzuarbeiten.“
Dies tönt alles so neudeutsch: vom Event bis zur Blogosphäre. Und schon bin ich mitten drin in den „Verlinkungen“, tappe durch „soziale Netzwerke“, werde „gepingt“ und begegne den Mythen der Blogosphäre, gemäß denen „Blogger übergewichtig sind und einen Dreitagebart tragen“. Wow (geprägt von Winnetou und Co. rufe ich natürlich „uff“ oder noch besser „howgh“!) – wo bin ich da hingeraten. Keine Bange – es tönt nur so, ist in Wirklichkeit aber viel, viel biederer.
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Erste Station meiner Weinrallye – Mittagessen im Rebberg
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Meine erste Fahrt der Weinrallye machte Station bei der Weinlese, beim gemütlichen Mittagstisch, weit weg von jeder Form des Cyberspace. Dann ging es – einen Monat später – zur Käseplatte, die ich so oft zum Wein serviere (welche Unkultur denken nun „wahre“ Weinfreunde). Dann kurvte ich – mittlerweile schon fast ein Habitué (ein ständiger Gast) – durch Dörfer auf Schiefer (natürlich im Languedoc) um dann zum Thema Wein und Musik zu schweigen (weil mir darüber nichts in den Sinn gekommen ist, jedenfalls nichts, das mitteilungswürdig wäre). Doch schon einen Monat später lernte ich den Blog „Baccantus“ kennen und führte seine Besucher zu einem Weißwein ins Rotweingebiet Languedoc, um später erstaunt festzustellen, dass es in meiner unmittelbaren Nachbarschaft in der Schweiz einen Wein aus der Scheurebe gibt, und sogar noch einen guten. Zum nächsten Thema, Wein und Humor, stellte ich die Frage, was wohl an jenem denkwürdigen Silvesterabend bei „dinner for one“ wirklich getrunken wurde.
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Dinner for one
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Vielleicht mach' ich weiter bei den Bloggern. Wenn sie schon kaum mehr im Wein-Plus-Forum erscheinen, gehe ich halt zu ihnen. Als Gast! Sie gewähren mir Gastrecht – so quasi als unabdingbares Menschenrecht. Und so bin ich weiterhin mit und für den Wein unterwegs, auf der Rallye, ohne all die Sterne der Hemisphären zählen zu müssen, die in die Blogosphäre abgehauen sind.
Herzlich
Ihr/Euer