Als ich zum ersten Mal im Haut-Médoc war, es ist schon einige Jahre her, stand ich bewundernd vor dem imposanten Weingut, das an eine chinesische Pagode erinnert: Château Cos d’Estournel. Wir - ein Winzerehepaar aus dem Jura, meine Frau und ich - diskutierten angeregt etwas abseits der Weintouristengruppe über den soeben beendeten Besuch im Château Montrose (inklusive Mittagessen) und über die Qualität der beiden 2ème Cru der Appellation „Saint-Estèphe”.
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| Petit Verdot, nicht mehr nur in Bordeaux zuhause |
Die Ernte auf Cos d’Estournel war voll im Gange: Doch hier hing noch die ganze Traubenpracht. Der Winzer stellte mit fachmännischem Gespür fest: „Die brauchen sicher noch ein paar Wochen!” Und dies war das Stichwort: „Petit Verdot”!
Ein Blick in den Bordeaux-Führer belehrte uns - weder Cos d’Estournel noch Montrose weisen auf ihrer Anbaufläche Petit Verdot aus. Also, was könnte es dann sein?
Die Beschreibung trifft zu: eine kleine, zylindrische Traube mit einem langen Stil, die Beeren recht kompakt, kaum flügelförmige Ausreißer an der Traube, kleine, kugelförmige Beeren, die Farbe schwarzblau, eine etwas zähe Haut.... Es muss „Petit Verdot” gewesen sein. Doch sicher sind wir nicht! Später hat mich dann die Bordeaux-Bibel „Edition Feret” etwas beruhigt. Cos d’Estournel hat doch auf 120 Hektaren etwa zwei Hektaren mit Petit Verdot bepflanzt. Haben wir ausgerechnet diese 2 Prozent entdeckt?
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| Petit Verdot aus Südafrika: aus einer Traube, welche die Wärme liebt |
Jedenfalls ließ mich die klassische Bordeaux-Traube „Petit Verdot” - wörtlich übersetzt: „kleiner Grünling” - nicht mehr los, die Beere, die in so manchen guten Cuvées aus dem Médoc in kleinen Anteilen (meist zwei bis fünf Prozent) zugesetzt wird. Die Trauben, welche dem Wein Farbe, Kraft, Würze, vor allem zusätzliche Aromen geben sollen und die als Rebsorte im Médoc zwar drastisch zurückgegangen, dafür aber „ausgewandert” ist. Ausgewandert in alle Welt: nach Australien, Chile, Kalifornien, Spanien, Italien... und die nun auch da und dort sortenrein vinifiziert wird. Dies alles habe ich längst zur Kenntnis genommen, doch ein reinsortiger „Petit Verdot” konnte ich bisher noch nie in mein Glas gießen.
Nun aber war es soweit! Auf der Weinkarte eines noblen Restaurants entdeckte ich: Azienda Aricola - Casale del Giglio SRL - Petit Verdot 2004. Endlich einmal ein „echter” Petit Verdot, aus der eher weniger bekannten, aber aufstrebenden italienischen Weingegend Lazio um Rom. Aus dieser Region schätze ich vor allem den „Vigna del Vassallo” von Mauro-Colle Picchioni, jenen Wein den Parker einmal als den „Cheval Blanc Italiens” bezeichnet hat. Habe ich da mit dem „Petit Verdot” aus dem Hause Casale eine weitere Trouvaille entdeckt?
Ich gebe zu, ich musste meine Erwartungen sofort dämpfen. Der Wein war für mich zuerst fremd, etwas rustikal, ungewohnt, sensorisch schwer einzuordnen, das übliche Weinvokabular wollte so gar nicht passen. Allmählich aber gewann der Wein an Struktur, an einzuordnenden Aromen, an Finessen und mir wohlbekannten Anlehen: schwarze Beeren, vielleicht sogar Zwetschgen - aber da bin ich mir nicht ganz sicher - Heidelbeeren oder ist es Holunder oder... Ich weiß es so genau eben nicht, wie dies oft der Fall ist, wenn man etwas Neues sensorisch zu entdecken beginnt.
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| Unerwartete Begegnung: Petit Verdot aus Italien |
Der Chef de Service, durchaus weinbewandert, glaubt offensichtlich in mir den „Weinverrückten” zu erkennen und lässt sich - wohl deshalb - auf ein Gespräch ein. Ja, dieser „Petit Verdot” sei etwas Besonderes, werde aber nur selten verlangt, von Weinliebhabern, Weinverrückten, Exoten eben!
Der Wein sei auf die Karte gekommen, weil man von der Azienda Aricola - Casale del Giglio sowohl den weißen Chardonay als auch die Roten Cabernet Sauvignon und den „Mater Matuta” auf der Weinkarte führe. Bei einem Besuch auf dem Weingut habe man diesen „Petit Verdot” entdeckt. Bisher habe der Winzer diese Rebsorte dem Cuvée „Mater Matuta” beigefügt (85 % Syrah, 15% Petit Verdot). Da sei er eben auf die Idee gekommen, es mit einem reinsortigen „Petit Verdot” zu versuchen, allerdings nur in kleinen Mengen. Dieser Wein steht nun vor mir - und sogleich das fragende Gesicht: „Was sagen Sie dazu?”.
Noch habe ich wenig zu sagen, ich verkoste, mache mir Notizen, äußere meine ersten Eindrücke...
Da sagt mir der Chef: „Nehmen Sie den Rest der Flasche mit nach Hause, morgen wird er noch viel, viel besser sein.” Und der Chef hat Recht. Der Wein ist am folgenden Tag viel weicher, samtener, viel ausdrucksstarker - viel nuancierter. Petit Verdot begann mir zu gefallen.
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| Azienda Aricola - Casale del Giglio - Homepage |
Doch ich frage mich: Wie groß ist die „Liebe” zu diesem - trotz allem - exotischen Wein? Da bin ich mir nicht ganz sicher: Braucht es den reinsortigen „Petit Verdot”, ist er ein echter Gewinn für die Weinwelt? Wohl der erfolgreichste und berühmteste reinsortige Petit Verdot kommt aus Südaustralien, wo schon vor vielen Jahren Geroff Johnston mit der Bordeaux-Traube zu experimentieren begann und seit 1994 seinen „Pirramimma - einen reinsortigen Petit Verdot - mit Erfolg vermarktet. Das Vorbild macht Schule, heute wird sowohl in Australien als auch in vielen andern - vor allem warmen - Ländern Petit Verdot angebaut und auch als Sortenwein gekeltert.
Gestern ist ein „Cos d’Estournel” 1995 auf den Tisch und ins Glas gekommen. Großartig! Ich bin begeistert. Sofort beginne ich einzuordnen, zu erschmecken, zu genießen, zu beschreiben... Vergessen ist der Petit Verdot. Vergessen? Nein, ich bin ja so froh, dass wohl etwa 2% Prozent Petit Verdot im Cuvée von Cos integriert ist. Ich weiß nicht, was er darin an Geschmackserweiterung und Struktur bringt. Ich weiß nur, da gehört er eigentlich - in kleinen Mengen - hin.
Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)
Peter Züllig
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