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Nachhaltigkeit (be)im Wein Naturweine

Artikel
09.05.2012

Nachhaltigkeit (be)im Wein

Naturweine

Auf was habe ich mich da eingelassen? Auf einen Begriff, der so schwammig ist wie Pfifferlinge (die in Österreich auch „Schwammerl“ heißen) und die trotzdem genussvoll sind. Wenn wir schon von Begriffen und ihrer Bedeutung reden – auch der Wert des Pfifferlings wird missachtet, wenn man etwa sagt: „Das ist keinen Pfifferling wert!“ Kehren wir zurück zu unserem Begriff, dem Naturwein. Auch er ist für viele „keinen Pfifferling wert“ und trotzdem etwas, das Gemüter bewegt, das zu Diskussionen Anlass gibt, das Wein-Glaubenskriege auslösen kann.

Signet der Weinrallye (Quelle: P. Züllig)

Die Jubiläums-Weinrallye, die fünfzigste, diesmal zum Thema „Naturweine und Konsorten“, hat zwar nicht zum „Krieg“ geführt, dafür aber gut dreißig Blogger in Bewegung gesetzt. Mehr Informationen, viel mehr Wissen habe ich jetzt, mehr Klarheit, fürchte ich, aber nicht. Ein Blogger schrieb: „In meinem damaligen Beitrag (Naturweine waren bereits vor zwei Jahren ein Rallye-Thema, pz) kann man nachlesen, warum ich von dem Begriff und den allermeisten dahinter stehenden Weinen nicht allzu viel halte. Und weil sich daran seit Februar 2010 nichts Wesentliches geändert hat, gibt es diesmal auch keinen Rallyebeitrag von mir...“ Diese „leise“ Verweigerung hat mich dann doch gereizt. Ich schrieb in seinen Blog: „So sei es! Kirchlich ausgedrückt: Amen… darum zurück zu den alten Argumenten… doch: ‚Wer Werte bewahren will, muss Veränderungen zulassen‘, so oder ähnlich habe ich es irgendwo gelesen.“ Aus dieser Provokation entstand doch ein längerer Dialog (http://www.bernhard-fiedler.at/weblog/?p=4764), der wohl noch nicht abgeschlossen ist. Schweizer „Bio-Dörfli“ gegen ein stattliches Weingut am Neusiedlersee. Ist es wirklich ein Gegeneinander?

Das Dörfli; eine Bio-Siedlung (Quelle: P. Züllig)

Glossar zum Thema
Ich wohne seit mehr als dreißig Jahren in einer biologischen Siedlung, eben im „Bio-Dörfli“. In einer Pioniersiedlung, die damals auf „baubiologischen Grundlagen“ erbaut – was sag' ich da, erarbeitet wurde. Damals gab es noch keine offiziell „Grünen“, und „Bio“ war noch kein Label. Ein dicker „Schinken“, „Das gesunde Haus“ von Hubert Palm, ein überzeugter Jungarchitekt (Rudolf-Steiner-Schüler) und eine Gruppe Wohnungssuchender haben sich gefunden und etwas ganz Neues (zumindest in dieser Zeit), etwas Anderes gebaut. Mein Freund – ein Bauingenieur – prophezeite mir: „Das wird niemals halten.“ Ein anderer Freund – ein Ökonom – warnte: „Das wird sich nie rechnen.“ Und meine Berufskollegen – Journalisten – meinten: „Du bist verrückt.“ Sie kannten mich und wussten, dass ich den Errungenschaften der Technik, den Bequemlichkeiten des Komforts, dem Fortschritt durchaus hold war. Und jetzt plötzlich diese Rousseau-Anwandlung: „Zurück zur Natur“, eingebettet in eine Bau- und Siedlungsgemeinschaft, die gar nicht meine Wertordnungen teilte. Ich war ein 68er, wollte eigentlich die Welt verändern, aber nicht zurück in die Natur, sondern nach vorne ins pralle Leben, wo wir gerade daran waren, Barrikaden abzubrechen. Wie soll das nur gut gehen? Meine Nachbarn trinken Heilsäftchen, ich Wein. Meine Nachbarn schirmen sich ab, schon gegen kleinste elektrische Felder, ich schaue fern und verwende „strahlende“ Geräte. Meine Nachbarn essen – wenn überhaupt, nur Biofleisch. Ich esse am liebsten das saftigste Stück. Auf Bio- und andere Label achte ich kaum.

Gemeinschaftserlebnis – gemeinsames Essen bei Sonnenuntergang von fünf der zwölf Partien im Bio-Dörfli (Quelle: P. Züllig)

Kürzen wir ab: es ist gut gegangen! Wir konnten (wollten?) einander nicht überzeugen. Doch der eine hat vom anderen etwas gelernt. Zum Beispiel, dass man sich nicht gegen alle Strahlen schützen kann. Oder dass Fernsehen nicht unbedingt nur „verdirbt“. Oder dass ein gut gegrilltes Fleisch auch etwas Gutes sein kann. Ich meine, ich habe so viel gelernt (und begriffen), dass mir – dem Bordeauxliebhaber – Naturweine genau so willkommen sind, wenn sie mir schmecken. Lange Zeit habe ich – wohl aus Protest – jeden Bioladen, selbst die Bioregale im Discounter konsequent gemieden. Muss ich nicht mehr. Ich kaufe und esse das, was mir am besten schmeckt. Wenn es dann auch noch gesund ist – in meinem Alter achtet man mehr darauf – umso besser.

Kommen wir endlich wieder zum Naturwein. Ich habe gelernt, dass „alles, was ausgehend von chemiefreien Trauben aus ökologisch bearbeiteten Weinbergen, dann auch im Keller möglichst ohne die möglichen (und üblichen...) hunderte von zugelassenen Zusatzstoffe auskommt“, Naturwein ist. Dann habe ich mich im Baccantus-Blog (http://baccantus.de/2012/04/28/weinrallye-50-naturwein-was-ist-das-jetzt-schon-wieder/) zunehmend verunsichert durch alle möglichen und denkbaren Definitionen gehangelt (EU- und nicht-EU-genormt), um dann bei Vinositas (http://vinositas.com/alles-bio/) zu erfahren: „… es gibt keinen ökologischen Weinbau und damit auch keinen Naturwein oder Bio-Wein, genauso wenig wie es überhaupt irgendeine ökologische Landwirtschaft gibt. Um Weinbau betreiben zu können, musste die ökologisch natürliche Pflanzendecke des Bodens (Klimaxgesellschaft) gerodet werden…“

Weingut Lisson in Olargues (Frankreich), wo Naturweine oder Wilde Weine gemacht werden (Quelle: P. Züllig)

Das geht ja zu und her wie bei uns im „Bio-Dörfli“. Jeder hat seine guten Argumente, jeder hat seine Meinung, jeder hat seine (fast) eigene Definition. Nochmals der von mir provozierte Winzer (und Blogger): „Ich für mich bin mir auf jeden Fall sicher, dass es innerhalb der drei, vier Grundpfeiler der Weinherstellung wie sie seit Jahrzehnten und Jahrhunderten in den allermeisten Weinbaugebieten praktiziert wird mehr als genügend stilistische Spielräume und Veränderungsmöglichkeiten gibt. Auf die wenigen Grundregeln auch noch zu verzichten, wie das bei manchen Naturweinen erfolgt, halte ich für verzichtbar.“ Und ich verzichte darauf, diese Diskussion hier weiterzutreiben. Sie würde schließlich – davon bin ich überzeugt – zu mir zurückführen, auf meine eigene Erfahrung. Und die kann ich – in Bezug auf Naturwein (und Konsorten) – in drei Punkten zusammenfassen.

  1. Ich steige in meinen Keller und finde da etwa 4.000 deklarierte „Nichtnaturweine“ (jedenfalls verstehen sich die Erzeuger so). Ein Verhältnis von 1:100. Doch alle Weine habe ich gekauft und gelagert, weil ich sie gerne trinke.
  2. Für meinen eigenen Beitrag bei der Wein-Rallye habe ich einen von mir vergessenen Bio-Wein wieder entdeckt, der seit fast 20 Jahren im Keller gelagert hat. So etwas wie ein Naturwein der ersten Stunde. Jetzt wurde er geöffnet. Und? Er war noch trinkbar, aber nicht wirklich gut.
  3. Einer der besten Weine, die ich in der letzten Zeit getrunken habe , war ein Natur- oder allenfalls Nichtnaturwein (je nach Definition, habe ich gelernt) von Iris Rutz-Rudel, der Initiantin dieser 50. Weinrallye.

Mehr habe ich eigentlich nicht zum Thema beizutragen. Ich weiß jetzt aber, worauf ich mich eingelassen habe: auf etwas Unfassbares, oder sagen wir es auf Französisch „vin naturel“ (klingt schon wesentlich besser), vor allem mit der Anmerkung: „den wir lieber ,vin sauvage‘ (wilden Wein) nennen“.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig
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