Es gibt im Leben ab und zu Dinge, die sind – rein sachlich gesehen – so etwas wie Verrücktheiten, die man zulässt oder gar selber inszeniert. Zum Beispiel eine Reise aus der Schweiz ins Ruhrgebiet, nach Oberhausen, „nur“ um ein paar Weine mit ein paar Freunden zu trinken. Nach gut sechs Stunden Zugsfahrt, dreimal umsteigen, fast zwei Stunden rumstehen auf ungemütlichen, windigen Bahnsteigen, warten auf verspätete Züge, verpasste Anschlüsse…. Das vermeintliche Glück ist so mühsam zu erhaschen. Und dann ist es da, sobald sich die kleine Gruppe von verschworenen Weinliebhaberinnen und Weinliebhabern in der guten Stube an die gedeckte Tafel setzt, zehn oder gar mehr Weine aufzieht, dazwischen Suppe, Entree, Hauptgericht und Dessert mit höchstem Genuss und gebührender Anerkennung verspeist, die Weine lobt, rühmt, würdigt, ab und zu aber auch die Enttäuschung oder die nicht erfüllte hohen Erwartung nicht verbergen kann. Glückliche sechs Stunden, gefolgt von einem kurzen Schlaf. Dann geht es zurück: verspätete Züge, windige Bahnsteige (siehe oben), der Alltag rückt näher.
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... der Zug hat 25 Minuten Verspätung. Heimreise vom Weinglück. Warten auf dem Bahnsteig.
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Das Ganze ist nicht gratis, die Zugsfahrt ist teuer, die Weine gehören zu den besten der Welt, sind entsprechend kostspielig, Sponsoren gibt es keine, denn die Veranstaltung ist privat, sehr privat sogar, und Oberhausen könnte überall sein, in Paris, in London, in Zürich oder gar in Erlangen. Verrücktheiten haben keinen festen Wohnsitz. Dringt etwas von den sechs Glückstunden an die Öffentlichkeit, melden sich die Realisten oder gar die Neider, Skeptiker oder gute Rechner, all die, welche mit der Sehnsucht: „einmal im Leben…“ nichts oder wenig anfangen können.
Zugegeben, spätestens auf der Heimfahrt, vielleicht schon im überfüllten Zugsabteil, bin auch ich versucht, Bilanz zu ziehen. Hat sich der Aufwand gelohnt, ist Oberhausen wirklich eine Reise wert, wurde da nicht für ein kurzes Glück viel Geld und Zeit verschleudert? Ich erspare mir die Antwort, denn Weinglück lässt sich nicht so einfach aufrechnen, mit Zahlen oder gar Adrealinstößen berechnen. Weinglück ist, wie jede andere Art von Glück und Unglück, etwas ganz Persönliches, etwas, das sich nicht berechnen, eigentlich nicht einmal planen lässt. Zu viele Unwägbarkeiten stehen da immer wieder im Weg.
Beim Wein ist es nicht selten der Korken, der auch das kleinste Glück tüchtig „verstinken“ kann. Davon blieben wir diesmal verschont. Kein Korkriecher. Alles zum Besten. Gleich nach dem Glückverderber Korken bringen sich dann die hohen und höchsten Erwartungen ins Spiel.
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Weinrunde in privatem Kreis, ein Treffen in der „guten Stube“.
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Jahrhundertjahrgang, Parker- und andere Punkte, schwärmerische Erinnerungen, überrissene Preise und der unverrückbare Glaube, dass auch gut sein muss, was teuer ist. In Tabellen und Büchern ist längst festgeschrieben, was von einem Wein zu halten ist. Wehe, wenn er es nicht bringt!
Vielleicht sind es gerade die Überraschungen, welche den Verrücktheiten den Stachel des scheinbar Unvernünftigen nehmen. Vielleicht ist es doch das, was sich nicht planen lässt, was die Rechnung der Unvernunft zu einer guten Bilanz führen kann. Zum Beispiel ein „kleiner Wein“ von einem in der Hierarchie der Weingüter nicht sehr hoch benoteten Produzenten. In der Parade der alten Bordeaux, die es diesmal zu verkosten gab, war es La Lagune, 1966, der sich nicht nur wacker schlug, sondern zehn Mal teurere Weine ausbooten konnte. Ein mehr als vierzigjähriger Wein hat immer seine eigene Vergangenheit, sein eigenes Leben, seine eigene Entwicklung. Da fällt reich und arm nicht mehr so stark ins Gewicht. Für die in Sachen Bordeaux weniger kundigen Leserinnen und Leser: La Lagune kostet in einem durchschnittlichen Jahr so um 30 bis 40 Euro. Lafleur hingegen, diesmal sein Gegenspieler in der Degustationsrunde, 500 bis 700 Euro.
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Zwei Gegenspieler: Lafleur und La Lagune
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Dies ist unfair, sagen jetzt aufmerksame Leserinnen und Leser. Lafleur, 1947, ist in diesem Fall immerhin rund zwanzig Jahre älter. 1966 und 1947 waren im Bordelais zwei hervorragende Weinjahre, grundsätzlich geeignet, um Weine alt werden zu lassen. Doch wenn nun der kleine La Lagune immerhin 44 Jahre geschafft hat und der große, starke Lafleur seine 63 Jahre lange nicht so gut, dann ist dies eine Überraschung. Etwas, das vorher nicht zu berechnen ist. Da hilft auch keine Preisstatistik, da helfen auch keine Lobeshymnen in den verlässlichsten Weinbüchern. Die Frage kann nur durch die Verrücktheit einer Degustation, wie jener in Oberhausen, beantwortet werden. Das eigene Geschmacksempfinden, die eigene Erfahrung, lässt sich eben nicht delegieren. Darum ist Oberhausen doch eine Reise wert.
Bleiben wir noch etwas bei den Kleinen und den Großen. Margaux 1947, durchaus ein Großer, wird in der Weinpresse immer wieder klein gemacht. Ein kleiner Großer eben, zwar teuer, aber nicht echt gut. Und dann ist er im Glas, zwar ein Greis, doch einer, der seine Kraft überhaupt nicht verloren hat. Wieder eine Überraschung: er steht da, noch frisch, zwar abgeklärt und reif, aber weit liebenswerter als jeder noch so ungestüme jüngere Liebhaber. Nein, eine Verrücktheit ist eben immer wieder ganz anders, vor allem ist darin nichts planbar. Dies – und nur dies – rechtfertigt sie.
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Auf der Suche nach dem großen Weinglück.
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Aller Unvernunft zum Trotz rate ich jedem Weinliebhaber, ab und zu doch etwas Verrücktes zu tun. Die vernunftgeprägten Rechnungen zu vergessen und Berechnungen gar nicht erst anzustellen. Gerade wer Wein im Keller hat oder auch nur Wein ab und zu kauft, ist immer wieder versucht, Werte in Zahlen, Beschreibungen oder gar Punkten auszudrücken, Preis-Leisungsverhältnis (P/L), Haltbarkeit, Genussfaktor, Quervergleiche und was auch immer. Doch die Rechnungen gehen nur selten auf, eigentlich fast nie. Da gibt es in Saint-Emilion ein Weingut La Serre, hierzulande kaum bekannt, die Flasche kostet in durchschnittlichen Jahren kaum 20 Euro. Da nimmt ein La Serre an diesem hochkarätigen Wettbewerb der alten Weine in Oberhausen teil. Gleichsam als wenig beachtetes Stiefkind. Es ist zwar längst kein Kind mehr, immerhin 49 Jahre alt. Und es steht – wie sagt man doch - seinen Mann: ein wunderbarer Wein, besser als sein berühmter Nachbar Cheval Blanc, der sich Jahr für Jahr teurer vermarktet.
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Cheval Blanc (Händlerabfüllung) und La Serre noch friedlich vereint.
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Zuletzt, natürlich im „Jahrhundertjahr 2009“, (das wievielte ist es bereits?) für knapp 1000 Euro in der Subskription. Und ich frage mich, wo liegt da die „Verrücktheit“? Bei der angeblichen Angebot-und-Nachfrage-Berechnung, die den Wein zum kalkulierbaren Investitionswert macht, oder eben in einer kurzen Reise nach Oberhausen? Oberhausen, dies sei angemerkt, ist nicht einfach eine Stadt im Ruhrpott, nein, Oberhausen ist überall, wo Weinfreunde anstatt Berechnungen anzustellen ganz einfach Verrücktheiten zulassen, zum Beispiel für ein paar Weine tausend und mehr Kilometer zu fahren oder ganz einfach für ein paar Stunden weinverrückt zu sein.
Herzlich
Ihr/Euer