Es sind vier Jahre vergangen, seit ich in meiner Kolumne Abschied genommen habe: „…es brauchte die nackten Spekulationspreise des „großen” Bordeaux-Jahres 2005, um Abschied nehmen zu können. Noch im Super-Mythos-Jahr 2000, war ich nicht so weit: ich ließ mir das ausgezeichnete Bordeaux-Jahr und die Jahrtausendwende einiges kosten, im unerschütterlichen Glauben an den guten Wein und ihre Erzeuger im Bordelais“. Und jetzt? Wieder wird ein Super-Bordeaux-Jahr angekündigt: Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, die Preise werden wieder steigen, nach dem sie im letzten Jahr nur leicht gefallen sind.
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Über den Dächern von Saint-Émilion
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Der Wein des Jahrgangs 2009 ist noch nicht in den Fässern, da dringt bereits der erste Jubel-Schrei in die Welt hinaus: „…die erste Dekade des 21. Jahrhunderts endet in Glanz und Gloria. Niemals zuvor in der überschaubaren Geschichte des Bordelaiser Weinbaus hat es eine derart erfolgreiche Dekade gegeben….“, verkündet der prominente Weinhändler Bill Blatch auf der Webseite von Jancins Robinson. Der Jubel findet schnell sein Echo: Auf den Prestigegütern in Bordeaux ist man daran interessiert, dass die Preise nicht weiter fallen, sondern wieder in die Höhe klettern. Die 10000 namenlosen Weinbauern des Bordelais müssen weiterhin darben, denn der Weinmarkt in Frankreich ist längst aus den Fugen geraten. Wer nun glaubt, ich stimme einmal mehr das alte Lied der Unverhältnismäßigkeit an, den muss ich enttäuschen. „The Point of no Return“ ist längst erreicht. Die Preise werden nicht mehr auf Grund der Qualität des Produkts gemacht, der Name, die Berühmtheit ist entscheidend. Es sind reine Handels- und Spekulationswerte, die sich am Luxus orientieren, reine Präsentationsweine zu sein.
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Weinhändler und Bordeauxkenner Bill Blatch, einer der Auguren des großartigen 2009er Jahrgangs
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Diese Situation offenbarte sich geradezu grotesk an der letzten Auktion, an der ich einen Wein ersteigert habe, den ich eigentlich gar nicht ersteigern wollte. Lot 668 – sechs Flaschen „Crozes Hermitage“ 1981, ein Rhône-Wein von Albert Larivie aus Tournon. Das Weingut kenne ich nicht, doch die recht unterschiedlichen Syrah-Weine aus dem größten Anbaugebiet des nördlichen Rhônetals sind mir vertraut. Die sechs Flaschen waren auf 180 und 240 Franken geschätzt. Als sie niemand haben wollte, konnte ich sie für 60 Franken (das sind brutto 80 Fr. oder 52 Euro) kaufen, also weniger als 10 Euro die Flasche. Zwei Lots später: sechs Flaschen „Château Lafite-Rothschild“ 1993, Schätzungspreis zwischen 1500 und 2100 Franken. Die sechs Flaschen fanden einen Käufer, zu einem Nettopreis von 3850 Franken (brutto knapp 4000 Franken oder 2600 Euro). Das bedeutet, dass eine der Flaschen wird schließlich etwa 430 Euro kosten wird. Das Lot ging zu einem Händler im Fernen Osten.
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Tradition und Moderne im Keller von Lafite-Rothschild
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Lassen wir mal den Preis weg. Der Leiter der Auktion meinte nach dem Handel lakonisch: „Ich wette, der Rhône-Wein ist besser als der teure Lafite aus dem schlechten Bordeaux-Jahr 1993“. Tatsächlich hatte dieser Lafite gerade mal 88 Parker Punkte. Nach meinen eigenen Erfahrungen ist diese Bewertung sogar noch sehr wohlwollend. Natürlich bin ich die Wette nicht eingegangen. Natürlich lässt sich „gut“, „besser“ und „schlechter“ bei solch unterschiedlichen Weinen, Weingegenden und Jahrgängen kaum schlüssig ermitteln. Ich kaufte meinen Wein, um ihn kennen zu lernen, zu ergründen, einen interessanten Jahrgang zu testen, die Haltbarkeit von Syrah zu überprüfen und der Ursprünglichkeit eines Anbaugebiets nachzugehen. Dieser Wein dürfte noch kaum im Barrique gelegen haben.
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In den Gewölben von Avignon, auf der Suche nach den weniger bekannten Rhone-Weinen.
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Vielleicht ist der Kauf ein „Flop“, sind die Weine keine 10 Euro mehr wert. Kann sein! Dann hab ich halt meine Neugier mit 52 Euro bezahlt. Kein Drama, Unkosten eines Weinnarrs. Es ist sogar möglich, dass der künftige Besitzer der 430-Euro-teuren-Flasche den Prestige-Gewinn auf Geschäftskosten abbuchen kann. Vielleicht kann er seinen Wohlstand und seinen Reichtum nur so demonstrieren, indem er seinen Freunden teure Weine, berühmte Namen (aus der „alten Weinwelt“) auf den Tisch stellt. Doch darum geht es mir in dieser Kolumne nicht. Es geht vielmehr um eine Entwicklung, die mit Wein und Weingenuss nur noch wenig zu tun hat. Wer es sich leisten kann, der schüttet eben große Namen ins Glas, egal ob das Produkt auch wirklich gut ist oder ob man es mit Freuden genießen kann.
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Prestige-Traum: einmal vor dem Château Pétrus stehen, einmal einen „Pétrus“ im Glas haben.
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„Abschied vom Bordeaux“, meine Kolumne, wurde oft zitiert, auf allen möglichen Blogs, in allen möglichen Foren und Magazinen besprochen. Auch hier, auf wein-plus, hatte sie unter meinen bisher über hundert Kolumnen weitaus am meisten Zugriffe und am meisten Kommentare ausgelöst. Dabei musste ich feststellen, dass mein „Abschied“ auch immer wieder falsch ausgelegt und gedeutet wurde. Ich trinke nämlich weiterhin weitaus am häufigsten Weine aus dem Bordelais; ich interessiere mich weiterhin für die Entwicklung der wohl prestigeträchtigsten Weinregion der Welt; ich breche weiterhin immer wieder auf, um im Bordelais für mich noch unbekannte Weingüter aufzusuchen, Gespräche zu führen, Weine zu degustieren. Ich werde auch meinen Bordeauxkeller nicht auflösen oder gar veräußern. Nein - da bindet mich viel, zu viel an die alte Geliebte, die sich „Bordo“ nennt. Ich bin sogar entzückt, ja glücklich, ab und zu einen großartigen „alten Bordeaux“ trinken und genießen zu dürfen.
Für mich gibt es aber kein Zurück mehr: Die Weinwelt hat sich in meinem Kopf, in meinen Weinerfahrungen, nicht zuletzt auch in meinen Wertvorstellungen wesentlich erweitert. Ich habe heute mehr Spaß daran, einen mir unbekannten „Crozes Hermitage“ zu erleben (positiv oder negativ), als zum x-ten Mal auszurufen: „wie großartig, unübertrefflich dieser große Wein, aus dem großen Jahrgang, von diesem großen Weingut!“
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Liebe zum kleinen Wein, aus einem „kleinen“ Weingut, aus einem „kleinen“ Jahrgang.
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Wenn nach Ostern wieder all die Bordeaux-Pilger (Händler, Einkäufer, Journalisten) aus dem gelobten Land zurückkehren und in Punkten und Worten versichern, wie gut und einmalig der Jahrgang 2009 werden wird, dann bin ich froh, den Abschiedsschmerz hinter mir zu haben. Andere müssen warten – den Weg weiter gehen – bis sich die Prognose bewahrheitet, die der prominente Autor der „Revue du Vin de France“, Antoine Gerbelle, mit guten Argumenten und Überzeugung stellt: „Dans 25 ans, le vin le plus cher du monde sera chinois.“ Für all die, welche es noch nicht verstanden haben: „In 25 Jahren wird der teuerste Wein der Welt ein Chinese sein.“
Herzlich
Ihr/Euer