
Die obige Karte in voller Auflösung
Der Weinbau in Südtirol ist uralt. Schon in rätoromanischer Zeit wurden etwa um 1000 vor Christus die ersten Weinberge angelegt. Später lernten die Römer den Wein aus dem Etschtal zu schätzen und ließen ihn sich nach Fertigstellung der Via Claudia, die die Poebene mit den Provinzen nördlich der Alpen verband, bis an den römischen Kaiserhof liefern. Dabei erregten die Behältnisse, in denen der Wein verschickt wurde, ganz besonderes Interesse: es waren nicht, wie damals üblich, Tonkrüge oder Lederschläuche, sondern mit Reifen aus Eisen beschlagene Holzfässer.
Ab Anfang des 14. Jahrhunderts gehörte das Gebiet 600 Jahre lang zu Österreich, dessen jeweilige Regenten den Weinbau im Etschtal kräftig förderten. Der Absatz breitete sich über den gesamten deutschsprachigen Raum aus und die Weine wurden bis nach Lettland und an den Zarenhof geliefert. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Rebfläche bis auf 10.000 Hektar angewachsen.
Mit dem Anschluss Südtirols an Italien begann eine lange Krisenzeit. Die faschistischen Behörden schränkten Weinanbau und -absatz mit immer neuen Schikanen ein und die Absatzmärkte in Österreich, Deutschland und der Schweiz brachen fast vollständig zusammen. Noch nach dem 2. Weltkrieg war der Export bis in die 60er Jahre hinein kontingentiert. Da die Obstpreise nach 1945 stark anstiegen, sattelten viele Betriebe auf Obstbau um und die Rebfläche schrumpfte dramatisch.
Erst in den 70er Jahren erholte sich der Südtiroler Weinbau deutlich und auch die deutschsprachigen Länder begannen sich wieder stärker für die Weine von der Etsch zu interessieren. Eine wahrhaftige Qualitätsrevolution in den 80ern steigerte die Aufmerksamkeit für das kleine Anbaugebiet noch einmal und legte den Grundstein für den enormen Erfolg, den die Südtiroler Weine vor allem bei der deutschen Kundschaft inzwischen wieder genießen.
Eine besondere Rolle spielten hierbei die Genossenschaftskellereien, deren Gründung die österreichische Regierung Ende des 19. Jahrhunderts zur Stabilisierung des Weinbaus in Südtirol anregte. Ohne ihr Engagement zur Verbesserung der Weinqualität, wäre eine so schnelle Umstellung vom reinen Massenweinbau zur Produktion hochwertiger, international konkurrenzfähiger Weine an breiter Front nicht möglich gewesen.
|
|
Kloster Säben oberhalb von Llausen im Eisacktal
|
Südtirol ist in erster Linie Rotweinland und Rotwein ist in Südtirol zunächst einmal Vernatsch. Fast die Hälfte der Rebfläche von heute rund 4.900 Hektar sind mit der in Deutschland als Trollinger bekannten Rebe bepflanzt. Die verbreitetste Erziehungsform ist immer noch die Pergola. Der daraus entstehende Wein ist in der Regel hellrot, mäßig fruchtig und in Bestform wunderbar süffig. Leider führen die hohen Erträge allzu oft zu arg dünnen, fruchtlosen und grünen Weinen. Wo die Erträge etwas niedriger ausfallen oder auf andere Erziehungsformen umgestellt wurde, besitzen die Weine in der Regel mehr Substanz und Dichte, bleiben aber dennoch unkomplizierte, zumeist süffige Weine. Als hochwertigster (und auch langlebigster) aller Vernatsch-Weine gilt der St. Magdalener, dem zumeist etwas Lagrein zu mehr Rückgrat verhilft, doch auch vom Kalterer See und anderen Gebieten können sehr ansprechende Tropfen kommen.
Die zweite südtiroler Rotweinrebe ist der Lagrein. Früher zumeist als roséfarbener Kretzer ausgebaut, zeigt er heute mehr und mehr seine Stärken als kraftvoller, dunkelfarbiger und charaktervoller Rotwein. Seine robuste, manchmal etwas rustikale Art wird inzwischen gern durch den Ausbau im kleinen Holzfass abgerundet, doch leider neigt man dabei in Südtirol häufig zur Übertreibung. Wo die Balance stimmt und sorgfältig gearbeitet wird, entsteht jedoch ein höchst eigenständiger Wein, der zu den besten Italiens gehören kann.
Seit über 100 Jahren sind auch internationale Sorten an der Etsch zu Hause und die Rotweine aus Cabernet, Merlot und Blauburgundern gelten oft als die Prestigeprodukte der Kellereien und Weingüter. Dabei hat der Blauburgunder die größten Chancen, voll auszureifen, während vor allem die Cabernets nicht sekten grüne, an Paprika und Gras erinnernde Aromen aufweisen, die zwar als typisch verkauft werden und auch typisch sind, aber eben lediglich für Weine aus unreifem Lesegut. Nur sehr wenige Produzenten schaffen es regelmäßig, beeindruckende Cabernets und Merlots (oder Cuvées aus beiden) zu produzieren, während die Zahl der beachtlichen Blauburgunder deutlich höher ist. Leider neigt man auch hier derzeit zu verschwenderischem Umgang mit neuem Holz, sodass viel von der Eigenständigkeit und vom Charme der Weine auf der Strecke bleibt.
|
|
Im Hintergrund das Dorf Neumarkt, Im Vordergrund der einzigartige Kegel des Schlosshofes des Baron Felix Longo
|
Obwohl man mit dem - zum Teil exzellenten - Gewürztraminer auch im Weißweinbereich über eine eigene heimische Rebsorte verfügt, ist rund die Hälfte der Weißweinrebfläche mit Weißburgunder und Chardonnay bestockt. Auch dem Chardonnay fällt es nicht immer leicht, voll auszureifen und seine Qualitäten auszuspielen, während der Weißburgunder nahezu jedes Jahr gute Ergebnisse bringt.
Eine vor allem qualitativ wichtige Rolle bei den trockenen Weißen spielt inzwischen auch der Sauvignon Blanc. Aus keiner anderen Weißweinsorte werden in Südtirol ähnlich viele ausgezeichnete Tropfen produziert. Dabei scheint es dem Sauvignon leicht zu fallen, hier einen ganz eigenständigen Charakter zu entwickeln, solange man ihn ausreifen lässt und seine grasige Seite nicht zu sehr betont.
Der weitaus größte Teil aller Südtiroler Weine wird trocken ausgebaut. Gleichwohl gibt es - neben einigen halbtrockenen Gewürztraminern - auch eine gewisse Süßweintradition in Südtirol. Zumeist werden die Dessertweine nach dem Passito-Verfahren hergestellt, bei dem die Trauben vor der Verarbeitung getrocknet werden. Die Ergebnisse können durchaus beachtlich sein und erreichen immer wieder internationales Niveau. Eine absolute Spezialität ist der Rosenmuskateller, aus dem fast immer ein edelsüßer, kräftiger Rotwein mit komplex-würzigem Duft und Geschmack gekeltert wird.
|
|
Der Ort Tramin wird oft als die Heimat des Gewürztraminers bezeichnet
|
52 von insgesamt 116 Südtiroler Gemeinden betreiben Weinbau und etwa 5.000 Betriebe bewirtschaften Rebflächen. Die meisten von ihnen liefern ihren Ertrag bei einer der 45 Handelskellereien ab oder sind Mitglied in einer der 17 Genossenschaften, deren Ruf oft mindestens ebenso gut ist, wie jener der besten Selbstabfüller. Alle zusammen produzieren jährlich zwischen 300.000 und 400.000 Hektoliter Wein, davon fast zwei Drittel Roten und ein Drittel Weißen. Daneben werden auch etwas Rosé und eine kleine Menge Sekt erzeugt.
Der größte Teil des Weinbaus in Südtirol findet in Lagen zwischen 500 und 800 Meter über dem Meer statt, kann aber in seltenen Fällen bis über 1.000 Höhenmeter hinausreichen. Die Reben stehen hier in der Regel auf stark kalkhaltigen Böden und den Ablagerungen eiszeitlicher Moränen. Die zumeist südlich ausgerichteten Rebhänge sind leicht erwärmbar und der mediterrane Einfluss der Mittelmeerregion sorgt für ein Kleinklima, dass es mit seinen rund 1.800 jährlichen Sonnenscheinstunden den meisten Rebsorten erlaubt, auch in dieser Höhe gut auszureifen.
Die vollständigen Verkostungsergebnisse von 450 verkosteten Weinen sowie Portraits von über 80 Erzeugern aus Südtirol finden Sie hier:http://www.wein-plus.de/magazin/S%FCdtirol+Erzeuger+und+Verkostungen+-+Teil+I_ih644.html
http://www.wein-plus.de/magazin/index.html?show=inhalt&nr=643
http://www.wein-plus.de/magazin/index.html?show=inhalt&nr=642