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Schöner die Gläser nie klingen Glasspiele

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01.04.2011

Schöner die Gläser nie klingen

Glasspiele

Wie viele Gläser braucht der Mensch? Die Frage beschäftigt den Weinliebhaber immer und immer wieder. Wer mich besucht, der kommt am Glasschrank nicht vorbei, der im Eingangsbereich steht. Auf dem Weg in die Küche, in die Stube, nach oben ins Büro, zur

Glasschrank mit mehr als 150 Gläsern
Bibliothek oder in den Schlafbereich – die Gläser sind nicht zu übersehen. In der Regel bleibt ein Gast kurz stehen, nickt beifällig, schüttelt den Kopf, ist erstaunt oder - ab und zu - auch begeistert. Fast immer entspannt sich eine Diskussion um die Frage nach dem richtigen Glas für den Wein.

Warum stelle ich meine Begeisterung für schöne Gläser auch so penetrant zur Schau? Vielleicht gehört dies zu meiner Beziehung zum Wein, oder sagen wir es poetischer: zu meiner Liebe für einen guten Tropfen. Hoppla! Bereits in dieser Formulierung liegt ein Stück des Geheimnisses. Ins Glas kommt nicht einfach nur Wein, nein, es ist „ein edler Tropfen“, „ein kostbarer Saft“, ein „köstlicher Trunk“… Mit andern Worten: das Gefäß, aus dem der Wein getrunken wird, gehört – für mich – zum Genuss. Das Glas verrät doch so viel über einen Wein: Farbe, Dichte, Glanz, Reinheit... Hält man es unter die Nase – nicht zu lange – dann entströmen Düfte, entfalten sich Aromen, wird der Geruchsinn angeregt: blumig, fruchtig, würzig, erdig, karamellig... Doch dies ist noch nicht alles: Gläser klingen, wenn man sie gegeneinander stößt. Da wird ein weiterer Sinn ins Trinkritual eingebunden, der Ton, der Klang, ein fast magisches Geräusch. „Die Welt ist Klang“, habe ich irgendwo gelesen, und „Klang ist Liebe“. Auch Liebe zum Wein.

Das Anstoßen gehört zu jedem Weingenuss. In jeder Situation, auch in einem Hotelzimmer in Australien.

Es gibt eine fast groteske Situation, die meine Glasliebe wunderschön illustriert. Wir – meine Frau und ich – waren auf einem Campingplatz auf Rügen. Ein einfaches kleines Zelt, ein Camping-Tischchen, ein Kocher - und ein Picknick-Korb mit Geschirr und zwei Gläsern. Das Essen stand bereits auf dem Tisch, es fehlte nur noch der Wein. Da ging eines der beiden Gläser in Brüche. Ein Glas aus dem Warenhaus, zu 1.90 Franken das Stück. Es war Samstagabend, abgelegen auf einer Wiese, weitab von Gläsern, die zu kaufen sind. Da habe ich eine Szene gemacht, einen Tanz veranstaltet, der beinahe auch unsere Beziehung in Brüche gehen ließ. Unvorstellbar, schlicht nicht nachzuvollziehen. Wir zitieren die Episode heute noch, meist lachend, schmunzelnd, oder klärend, wenn es wieder einmal häusliche Unstimmigkeiten gibt. Wie konnte dieser Wutausbruch entstehen, damals? Ich verstand es eigentlich selber nicht, damals! Heute weiß ich: allein die Vorstellung, Wein nun aus einer Tasse oder gar einem Becher trinken zu müssen – auch wenn es nur für zwei Tage war – warf mich buchstäblich aus dem Gleis, ließ mit einem Glasbruch jede „gute Erziehung“ zerbrechen.

Hurra, zwei Gläser! Die Welt ist wieder fast in Ordnung.

Heute weiß ich, Glas und Wein gehören für mich zusammen. Beides braucht es zum Genuss. Es ist weniger die Richtigkeit des Glases, jene Philosophie, die besagt: zu jeder Art von Wein gehört ein speziell geformtes Glas, damit sich alle Aromen, Düfte und Klänge entfalten können. Das mag stimmen, kann aber auch nur ein gutes Verkaufsargument sein. Ein Blick auf meinen Glasschrank lässt diese Vermutung zu. Nicht nur mit Wein, auch von Gläsern bin ich verführbar. Natürlich – irgendwann musste es dann Riedel sein, mundgeblasen. Und schon entspannt sich der Disput: Schott-Zwiesel, Spiegelau, Stölzle, Maxwell und Williams, Eisch, Littala, La Rochère... Wann immer ich glaube, das ultimativ „richtige“ Glas entdeckt zu haben, taucht ein Weinfreund auf, der eine noch bessere Empfehlung hat, natürlich gewonnen aus der eigenen Erfahrung. So also bin ich zu meinen Gläsern gekommen, nicht erst in den letzten Jahren. Schon bei der Auswahl der Aussteuer – damals gehörte das eben dazu – waren die Gläser prominent vertreten, ein vielteiliges Set aus „Sarner Kristall“ – schlichte, gerade Form der späten 60er Jahre – das einen ganzen Schrank füllte. Erst viel später habe ich die Tücken eines echt guten Glases kennengelernt, seine sensorische Dimension oder den nicht beachteten Hinweis: „Bitte von Hand spülen!“

Hinterlassenschaft einer größeren Degustation

Solche „Kleinigkeiten“ offenbaren sich erst im Alltag, zum Beispiel nach weinseligen Stunden mit Gästen, wenn der Tisch von ungewaschenen Gläsern bedeckt ist, für jeden der Weine das richtige Glas.

Bei allzu ernsthaften Weindiskussionen wird noch ein Glas ins Spiel gebracht, das „Impitoyable“, das „Rücksichtslose“ oder etwas charmanter ausgedrückt: das „Unbarmherzige, Unbestechliche“. Es ist der Außenseiter unter den Weingläsern, ein Glas, das Farbe, Geruch, Geschmack, Säure, Körper, Aroma, Bukett, Alter und ich weiß nicht was alles, rücksichtlos aufdeckt und den kleinsten Weinfehler registriert. Nein – ich brauche keinen Rücksichtslosen, auch keinen Unbestechlichen am Tisch. Darum kommt der „Impitoyable“ bei mir kaum je zum Einsatz.

L’Impitoyable – der Rücksichtslose

Ich halte es mit der Eleganz, der Schönheit, der Harmonie…. Die Leichtigkeit des Glases, verbunden mit der Ernsthaftigkeit des Weins. Das gefällt mir. Deshalb steht immer noch ein weiteres Glasgefäß auf dem Tisch: der Dekanter – oder die Karaffe. Es gibt wirklich gute Gründe einen Wein zu dekantieren, es gibt aber ebenso viele gute Gründe es nicht zu tun. Dies ist für mich nicht der Punkt. Der entscheidende Faktor ist die Präsentation. Wein in der Flasche gehört in den Keller, Wein im Dekanter auf dem Tisch. Das bin ich ihm schuldig, dem guten Wein.

So ist es eben passiert, dass ich nicht nur weit mehr als hundert Gläser im Schrank habe, sondern auch dreißig Dekanter oder Karaffen auf dem Gestell. Zu jedem festlichen Tisch das passende Gefäß aus Glas. Man versucht mir immer wieder einzureden, das sei vertaner Aufwand, ein Brimborium, das dem Wein auch schaden kann.

Einige der Dekanter oder Karaffen auf dem Gestell

Viel wichtiger sei die Temperatur, die Nasenfreundlichkeit des Glases, das Ruhenlassen, die sensorische Fähigkeit, möglichst viel zu erschnüffeln und im Gaumen zu erspüren: Stachelbeeren, Aprikosen, Trüffel, Bitterschokolade, Minze, Melone... Eigentlich pfeife ich darauf, was ich alles notieren könnte. Ich möchte kein Inquisitor sein, oder gar Scharfrichter, der in Worten und Zahlen notiert, was er erlebt, und dann über dem Wein zu Gericht sitzt. Für mich ist Weintrinken eine lustvolle Angelegenheit, zu dem auch ein Ritual gehört: Präsentieren, Anstoßen, Gläser klingen lassen, das verfemte Plopp hören, den Tisch decken, Gläser funkeln lassen... Das geschwätzige Weintrinken, das eher einer Gerichtssitzung gleicht denn einer Festivität, ich habe es satt. Die Weine mögen noch so hochkarätig sein, bei „Altweinen“ noch so viel Ehrfurcht verdienen, unser Preis-Leistungsdenken in Gang setzen. Trinken ist für mich eine Lust und kein Frust, kein Klagen und Jammern über das, was ein Wein nicht zu leisten vermag oder versprochen hat.

Zu diesem Trinkritual gehört auch das Glas, das richtige Glas, das schöne Glas, der elegante Dekanter, die prachtvolle Karaffe. Damit ist die Eingangsfrage für mich beantwortet. Wie viele Gläser braucht der Mensch? Der Weinfreund braucht viele, sehr viele! Die Zahl ist unwichtig, die Marke eigentlich auch. „Unglaublicher Weingenuss aus einem einzigen Glas! Für jeden Tag! Für jeden Wein!

Zu Ihrem Wohl! Sie werden begeistert sein.“ So preist Wein-Guru René Gabriel sein eigenes neues Glas an, das er mit dem Glasspezialisten Siegfried Seidl (QUATRON) entwickelt hat: das Gabriel-Glas.

Ein Züllig-Glas gibt es nicht und wird es auch nie geben. Und doch gibt es viele, ganz unterschiedliche Züllig-Gläser; es sind all die Gläser, die mit einem guten Wein auf einem schön gedeckten Tisch stehen und warten, aus einer einzigartigen Karaffe bedient zu werden.

Herzlich
Ihr/Euer


Peter Züllig
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