Man kann es auch als „gelobtes Land” bezeichnen, biblisch ausgedrückt: „Kanaan”; also dort, wo sich die Verheißung Gottes an Abraham erfüllt hat. Dieses Land muss nicht jenes der Isrealiten sein, die unter Moses durch die Wüste zogen. Es kann irgendwo liegen auf der Welt. Auch in der Toskana.
Für mich jedenfalls war dies so. Meinen Freund Gerold, den Schriftsteller, zog es schon vor bald 40 Jahren weg aus den engen Gassen unserer Kleinstadt, südlicher, wo es wärmer ist, wo es noch viel offenes, unbebautes Land gibt, wo man einen grossen Frutteto anlegen kann, wo sich die Hügel sanft dahinziehen und ein (fast) freier Blick aufs Mittelmeer den Alltag prägt.
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Kölner Degustationsrunde: Die Erwartungen sind hoch
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Toskana! Auch er hat das Land nicht selber entdeckt, er folgte einem andern Freund, dem Bildhauser „Raffi”, der auf einem Hügel bei San Vincenzo seine riesigen Holzplastiken unter freiem Himmel bearbeitet und nicht mehr an die engen Ateliers in der engen Schweiz gebunden ist..
Kein Wunder, dass es mich auch oft in die Toskana zog, zu Besuch, um mit meinen Freunden trinkend und rauchend die Welt zu entdecken. Bei den einfachen Winzern der Gegend habe ich damals jenen Wein gefunden, den ich liebte und den ich in Plastikkanistern mit nach Hause nahm, um ihn in Flaschen abzufüllen und diese dann - nach alter toskanischer Art - mit geschmacksneutralem Paraffinöl luftdicht zu verschliessen. So entstand damals mein erster Weinkeller: stehende Flaschen, mit gebrauchten Korken, um den Inhalt von Staub und Dreck zu schützen. Immer bereit, statt mit dem Korkenzieher mit einem Sauggerät das im Flaschenhals konzentrierte Oel sauber wegzubringen, um den einfachen, ehrlichen Wein zu genießen.
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Natürlich wird blind verkostet
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Der Sauger ist - als Relikt vergangener Weinfreuden - noch immer im Keller, dort wo sich jetzt liegend und ruhend ein Stück Bordeaux versammelt hat. So ist mein erstes „gelobtes” Land eben allmählich entschwunden, hat sich reduziert auf Erinnerungen und ab und zu auf einen Briefwechsel mit meinem Freund Gerold, der im Winter noch immer in der Toskana wohnt, im Sommer aber in Irland fischen geht und jetzt ab und zu auch wieder in unserer engen Provinzstadt lebt.
Die Toskana ist für mich heute etwas ganz anderes: eine bedeutende Weinregion in Italien, wo in den 70er Jahren „Tignanello” und „Sassicaia” zu sogenannten „Supertoskanern” aufstiegen, indem sie als einfache „Vini da Tavala” das damalige enge italienische Weingesetz aushebelten und damit stolze Preise erzielten, wie man sie bisher nur aus dem Bordelais kannte.
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Man nimmt die Arbeit ernst
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Doch auch dies alles ist längst anders geworden. Das italienische Weingesetz wurde revidiert, die Preise sind hoch geblieben, und längst gibt es nicht nur „Tignanello” und „Sassicaia” in der Kategorie Supertoskaner. Da reihen sich Namen an Namen, Weingüter an Weingüter, Weinproduzenten an Weinproduzenten: Solaia, Solengo, Ornellaia, Masseto, Guado al Tasso, Ruffino, Tenuta Nozzole, Castella di Ama
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Gerade diese letzteren Namen waren es, die mich für ein paar Stunden in die Zeit des „gelobten” Landes Toskana entführten. Das kam so: Im Probenkeller von Fritz, bei der Kölner Seilschaft des Weinforums, wird Toskana 1990 „gegen” Bordeaux 1990 getrunken, und ich Glücklicher darf dabei sein.
Es ist kein Geheimnis, dass sich mein gelobtes Weinland vom italienischen Mittelmeer nach Frankreich, an den Atlantik verlagert hat, ins Bordelais. Nun also sollen sich die „gelobten” Lande treffen, an einem einzigen Abend, bei 15 gut ausgesuchten, hervorragenden Weinen, aus dem hervorragenden Weinjahr 1990. Zumindest in Bordeaux ist 1990 sehr gut, ob auch in der Toskana? Man sagt es, doch sicher bin ich da nicht. Daran erkennt man meine tapsigen Schritte im italienischen Weingebiet. Meine stark geprägten Erinnerungen an die Toskana von einst, meine Vorurteile gegenüber „gemachten” Weinen und die wenigen toskaner Erfahrungen begleiten mich. Kann dies gut gehen?
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Nach geschlagener Schlacht: 15 Flaschen sind leer
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Bei den Bordeaux-Weinen ist immerhin ein Montrose 1990 dabei, ein 100 Punkte-Wein, den ich übrigens noch nie getrunken habe (ich habe ihn schon mehrfach an Proben verpasst!) und mein Liebling, Troplong Mondot 1990, ebenfalls mit 98 Parkerpunkten geadelt. Was können die Toskaner dagegen ausrichten: "Vigna L'Apparita" von der Castella die Ama, zum Beispiel, oder „Sammarco” von Castello dei Rampolla oder „Fontalloro” der Fattoria di Felsina. Ja, das Experiment ist gewagt!
Ich gebe zu: als einer, der mehr oder weniger auf Bordeaux „fixiert” ist, mit seinen frühen Weinerinnerungen und Jugenderlebnissen an die Küste der Toskana, haben mich die Cabernet-Weine um Bolgheri und Val di Corina weit mehr interessiert als die Sangiovese-Weine aus der Zone Chianti Classico. Bis zu 80% Cabernet Sauvignon hat zum Beispiel dar „Cabrero Il Borgo” von Ruffino. Oder sind es nur 30%, wie ich anderen Quellen entnehme? Meine Verunsicherung wächst. Ich beginne am Objekt selber zu ergründen: „Ziegelrote Ränder; eine aromatische Nase: fremdländische Gewürze, aber auch Zimt, Nelken. Im Gaumen dicht, sauber eingebundenes Tannin, mittlerer Körper mit deutlichen Spuren von Kirschen, Caramel und Orangen, etwas spitze Säure, flacher, aber ordentlicher Abgang
.”
Nicht viel anders, als ich sonst Bordeaux-Weine zu umschreiben versuche: laienhaft, von der Werbung nicht ganz unbeeinflusst
Und trotzdem sind die Toskaner anders. Wie anders?
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Wer ist der Sieger: Montrose 1990.....
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Ja, ich lasse mich auf das Spiel ein. Die „gelobten” Länder begegnen sich, vermischen sich
Plötzlich ist mir gleichgültig, ob es nun ein Toskaner oder Bordeaux-aner ist. Es sind einfach mehr oder weniger gut alt Wein gewordene Weine, vielleicht in manchem vergleichbar, vielleicht aber auch nicht. Allein die Tatsache, dass die besten zwei Bordeaux auch die besten beiden Weine der Probe waren, sagt noch nicht viel mehr als die Tatsache, dass eben Bordeaux-Weine doch besser altern oder - viel wichtiger: dass alte Bordeaux-Weine im guten Fall eine ganz neue Dimension erhalten und damit eine Erfahrung vermitteln, welche in den sogenannten Tertiärtönen sonst verborgen sind. Dennoch: all die aufgestellten 8 Toskaner sind oder waren genau so gute Weine wie jene aus dem Bordelais, nur sind sie - die 18jährigen - nach den Erfahrungen weniger gut gealtert.
Und - was mach ich jetzt mit dieser Erfahrung? Mir selber bestätigen, dass eben doch der 100 Punkte Montrose 1990 ein grandioser Wein ist, dass ich meinen Liebling, Troplong Mondot, halt noch lieber habe, dass der enttäuschende Evangile 1990 all meine bisherigen Erfahrungen bestätigt.
Schon bin ich wieder in der Routine der amateurhaften Verkoster: nicht so gut, gut, sehr gut, etwas besser....
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oder Troplong Mondot.
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Eigentlich - jetzt ein paar Tage später - hat mich die neue Erfahrung mit den Toskanern etwas anderes gelehrt: die Einsicht, das „gelobte Land” kann überall sein, nämlich dort, wo wir uns zuhause fühlen
Für mich bleibt es Bordeaux, und ich kehre kaum in die Toskana zurück. Aber: die nächste Weinreise unternehme ich Richtung Süden - Piemont, Toskana, vielleicht sogar bis Apulien. Wahrscheinlich bleibe ich aber an der Küste bei San Vincenzo hängen, dort, wo meine toskaner Erinnerungen eben zuhause sind, dort, wo ich einst vom „gelobten” Land geträumt habe.
Und dann nehme ich das längst aus dem Verkehr gezogene kleine Gerät mit, mit dem ich einst das Öl absaugen musste, um überhaupt Wein trinken zu können. Ob ich dann wieder so fest überzeugt sein werde, das „gelobte Land” gefunden zu haben, weiss ich nicht. Vielleicht liegt dieses Land nicht irgendwo auf der Erde, sondern in mir selber.