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Slow wine - Führer 2011 Wertewandel im Zeichen der Schnecke

01.04.2011
Slow wine - Führer 2011
Wertewandel im Zeichen der Schnecke

Ende letzten Jahres erschien - in italienischer Sprache - die erste Ausgabe des slow wine-Führers von Slow Food Italien. Nach Beendigung der Zusammenarbeit mit dem Gambero Rosso war man gespannt, wie sich das eigenständige Weinführer-Projekt der Slow Foodies präsentiert. Die Vorankündigungen sprachen von einem Weinführer ganz neuer Art, dessen Besonderheit vor allem darin liegen sollte, dass er auf Bewertungen verzichtet. Keine Punkte, keine Sterne, keine Gläser. Ganz auf Klassifikationen verzichtete man nicht. Aber sie sind weniger wertend und orientieren sich an Kriterien, die über die rein geschmacklichen Qualitäten hinausgehen.

Neue Qualitätskriterien: Herkunft und Nachhaltigkeit

Ein wichtiges Slow-wine-Kriterium: Die Arbeit im Weinberg (Quelle: Cascina degli Ulivi)

Genießen, ohne an Umwelt und Soziales zu denken, ist borniert und dumm; an Umwelt und Soziales zu denken und dabei den Genuss vergessen, ist traurig und fad. So äußert sich sinngemäß Slow Food-Gründer Carlo Petrini, wenn er über seine Lebenseinstellung befragt wird. Diese Einstellung spiegelt sich im slow wine-Führer wider. Es gibt vier Einteilungen für die Klassifizierung von Erzeugern und Weinen, von denen die jeweils wertvollste dieses Zusammen von Geschmacksqualität, Ökologie und Herkunftscharakter zum Inhalt hat.

Die Klassifikationen: Schnecke, Flasche und der Preis

Die slow wine squadra besteht aus 200 Mitarbeitern, die in den Anbaugebieten vor Ort präsent sind. Sie haben sich viel Zeit genommen, um 2.100 Kellereien zu besuchen, 21.000 Weine zu verkosten und sich ausführlich über alle Aspekte zu informieren. 1.850 Betriebe mit 8.400 Weinen wurden in slow wine 2011 aufgenommen. Die Kellereien sind nicht nur aufgeführt, sondern detailliert beschrieben. Es sind kurze, aber informative Beschreibungen der Geschichte und Betriebsphilosophie, sowie der Weinbergslagen und eine Auflistung der Weine, die den slow wine-Verkostern besonders gut gefallen haben. Dazu enthält das Buch Infos über die Arbeit in Weinberg und Keller. Wie gedüngt wird (organisch oder chemisch); über Pflanzenschutz; über die Art, dem Unkraut beizukommen; welche Hefen Verwendung finden und ob die Trauben aus eigener Produktion stammen. Hervorgehoben werden diejenigen Erzeuger, die sich durch die „hohe Durchschnittsqualität ihres Sortiments auszeichnen“. Sie erhalten „la bottiglia“ (die Flasche) als Symbol. Da finden sich die üblichen bekannten Namen wie Angelo Gaja und Bruno Giacosa aus dem Piemont, Biondi-Santi aus Montalcino etc. Hier geht es um reine geschmackliche Qualität. Kellereien, deren Angebot sich durch ein überdurchschnittlich gutes Preis-Qualitätsverhältnis auszeichnen, sind durch „la moneta“, das Euro-Symbol gekennzeichnet. Die wertvollste Auszeichnung, die ein Betrieb im slow wine–Führer erhalten kann, ist „la chiocciola“ (die Schnecke). Mit dieser möchten die slow wine-Macher Kellereien hervorheben, „welche die Slow Food-Philosphie leben“, das heißt, Weine von überdurchschnittlicher Qualität mit Herkunftscharakter auf möglichst nachhaltige Art und Weise produzieren.

Die Klassifikation der einzelnen Weine erfolgt nach analogen Kriterien. Es gibt den „Grande Vino“, der sich durch außergewöhnlichen Geschmack auszeichnet; den „Vino Quotidiano“ (Wein für jeden Tag), ein sehr guter Wein unter 10 Euro; und als Krönung den „slow wine“, ein Wein, dem „es gelingt, neben seiner ausgezeichneten organoleptischen Eigenschaften Herkunftscharakter, Geschichte und Nachhaltigkeit ins Glas zu bringen.“

Innerhalb der einzelnen Kriterien gibt es keine Abstufungen. Das führt zu einigen überraschenden, aber auch ausgesprochen sympathischen Resultaten. So findet man in der Kategorie des Grande Vino neben bekannten teuren Gewächsen wie Barolo, Brunello, Sassicaia & Co. einen Wein wie den Cirò Classico Rosso von Librandi, der in Deutschland unter sechs Euro angeboten wird.

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Die slow wines sind bei diesem Führer das, was die drei Gläser im Gambero Rosso sind, nämlich die Weine, denen mit Sicherheit die größte Aufmerksamkeit zukommt. Auch hier finden sich aufgrund der über die geschmackliche Qualität hinausgehenden Kriterien Weine, die in den meisten anderen Führern wenig Chance auf die vordersten Plätze haben. Dasselbe gilt für die mit der Schnecke prämierten Betriebe. Wobei hier die persönlichen Vorlieben der slow wine-Macher sicherlich eine große Rolle gespielt haben. Wenn ich mein Spezialgebiet Südtirol betrachte, vermisse ich einige Namen, die meines Erachtens bei den „Schnecken-Betrieben“ nicht fehlen dürften, wie Franz Gojer, das Sankt Magdalena–Urgestein, ohne das die Weinwelt des Magdalena–Hügels nicht die wäre, die sie heute ist; oder Peter Dipoli, den herzerfrischend undiplomatischen Weinfanatiker, der mit seiner Unnachgiebigkeit und Leidenschaft Unschätzbares für die Qualität nicht nur des Südtiroler Weins geleistet hat. Aber dass man aufgrund eigener Vorlieben und Erfahrungen etwas vermisst oder einiges anders gewichtet hätte, ist bei jedem Weinführer der Fall und mindert den Wert von slow wine für mich nicht.

Bei den Angaben über die Art der Bio-Produktion hätte ich mir Aufklärung darüber gewünscht, ob ein Betrieb zertifiziert ist oder nicht. Denn schließlich macht es einen Unterschied, ob jemand behauptet, bei ihm sei alles „im grünen Bereich“ oder ob dies von unabhängiger Stelle kontrolliert wird. Und auch der Respekt gegenüber den Betrieben, die sich zertifizieren lassen, gebietet dies. Schließlich ist das Ganze mit einigem bürokratischen und finanziellen Aufwand verbunden.

Das komplette Slow Wine Team (Quelle: Slow Food Italia)

Fazit:

Insgesamt ist dieser Führer eine echte Bereicherung, denn er bietet neben den Wein- und Betriebsbeschreibungen viele wertvolle Informationen über die einzelnen Anbaugebiete. Jedes Kapitel beginnt mit einer ausführlichen Beschreibung der Region und ihrer wichtigsten Unterzonen sowie der Qualität der Jahrgänge der vorgestellten Weine. Zudem Infos über Besonderheiten, unbekannte Rebsorten und Weinspezialitäten wie zum Beispiel den Barolo Chinato, den Tocai Rosso aus den Colli Berici, den Tintanella aus der Region Molise; Kulturelles und Historisches aus den Regionen wird erwähnt; qualifizierte Autoren machen sich Gedanken über Nachhaltigkeit im Weinbau und was damit verbunden ist; über die Arbeit im Keller, über ökonomische Fragen und, und, und. Das Buch ist fast schon ein Lexikon. Es hat auch einen entsprechenden Umfang – über 1.200 Seiten! Dabei ist es sehr übersichtlich und benutzerfreundlich gestaltet. Geeignet sowohl für Insider als auch für Anfänger. Denn jeder kann sich herauspicken, was ihn gerade interessiert. Es macht jedenfalls nachhaltig Lust, sich auf eine Reise durch das Weinland Italien zu begeben und dabei Produzenten und Weine zu entdecken, von denen man bis dato noch nichts gehört hat. Und es fordert mit dem Verzicht auf Punkte, Sterne, Gläser etc. dazu auf, sich selbst ein Bild zu machen und Wein nicht nur unter dem Aspekt des Wohlgeschmacks zu betrachten. Wenn man nicht dem Fehler verfällt, nur den slow wines und den Schnecken-Kellereien nachzujagen, ist der Führer ausgesprochen wertvoll – auf eine ganz neue Art. Es ist zu hoffen, dass in naher Zukunft eine deutsche Ausgabe erhältlich ist.

Slow wine – Storie di vita, vigne, vini in Italia - Guida 2011
Slow Food Editore, Bra (CN) – Italien
24 Euro


Roland Brunner
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